Angesehen: Kategorie C – Ein Dokumentarfilm

Vor zwei Jahren hatte Kategorie C, ein Dokumentarfilm von  Franziska Tenner, seine Premiere. Seit einem Jahr ist der Film als Kauf-DVD im Handel erhältlich. Nun habe ich ihn mir angesehen. Nicht alle Zuschauer eines Fußballspiels werden wissen, dass sie als Stadionbesucher von der Polizei in drei Gruppen eingeteilt werden. Die „Kategorie C“ umfasst dabei die gewaltsuchenden Fans von Fußballvereinen. So verweist der Titel auf das Thema des Dokumentarfilms, und auf Franziska Tenners Seite im Netz wird mit den als Werbung gemeinten Informationen zum Film behauptet, der Film zeige am Beispiel zweier verfeindeter Fangruppen „was es bedeutet, Fußball-Fan der „Kategorie C“ zu sein – als Ultra und als Hooligan“. Es wäre schon viel gewesen, Bilder dieser Fan-Leben in Leipzig beobachtend zu sammeln. Doch Franziska Tenners Werbetext suggeriert sogar, sie habe Erklärungen gefunden. Denn, so die Eingangsfrage im Film: „Woher nehmen sich Männer das Recht, das Gewaltverbot zu übertreten?“ Es werden also große Erwartungen geweckt, die die Filmemacherin nicht annähernd einlöst.

So ein Film über Fans der Kategorie C hat nämlich ein grundsätzliches Problem, wenn diese Fans nicht damit einverstanden sind, dass eine Kamera bei ihrem Alltag dabei ist. Dann fehlen nämlich Bilder, und so muss Franziska Tenner beim Blick auf die Leipziger Fans Vorlieb nehmen mit Standardsequenzen von Zuschauerrängen während des Spiels und bekannten Gewaltbildern aus einem Stadion. Dazu spielt sie wenig erhellende Interviews ein mit verschiedenen Fans. Einige von ihnen haben sich aus der Szene zurückgezogen, andere gehören mehr dem Randbereich an. Zwei Polizisten schildern ihre Sicht der Dinge. Dazwischen schneidet sie immer wieder von Fans selbst aufgenommene Wackelbilder aus lange vergangenen Prügelzeiten, die dem Ruheständler der Kategorie C gemütvolles Erinnern bescheren.

Franziska Tenner hätte ihr Scheitern beim Zugang zur gewaltbereiten Fan-Szene thematisieren müssen, um in ihrem Dokumentarfilm etwas zu erzählen, was wir nicht wissen und was über die Selbstaussagen von Fans hinausgeht. Stattdessen bohrt sie bei Interviews nach bedeutungsschwangeren O-Tönen und verliert dabei die Distanz zu den Menschen, die sie befragt. So wird neben den fehlenden Bildern ihre schwammige Haltung zu einem Problem des Films. Sie verhält sich weder als neutrale Beobachterin, noch bezieht sie irgendeine Position.

So bietet sie dem Ruheständler der Kategorie C küchenpsychologische Deutungen für dessen vergangenes, gewaltvolles Handeln an, wenn sie fragt, ob in unserer Gesellschaft einfach kein Platz mehr für wahre Männlichkeit sei. Dem jugendlichen Gewalttäter begegnet sie mit der Fürsorge einer verständnisvollen Sozialarbeiterin. Vielleicht wollte sie damit Vertrauen bei ihren Interviewpartnern schaffen, aber spätestens bei der Sichtung ihres Materials hätte sie sich über ihre eigene Haltung klar werden müssen. Wer sich seinem Thema auf diese Weise nähert, wirkt so, als sei auch er selbst dazu bereit, einfache Erklärungen für komplexe Sachverhalte hinzunehmen.

Deshalb erzählt der Film aus unterschiedlichen Gründen nicht mehr als das, was jeder weiß. Es gibt Fußballfans, die Gewalt für eine coole Sache halten und wenn man älter wird, erzählt man gerne, früher war alles besser – selbst die Schlägereien. Da wird dann fabuliert, damals in den guten alten Hooligan-Zeiten hörte jeder auf zu schlagen, wenn einer erst mal auf dem Boden lag. Was dann in den eingespielten, selbst erstellten Filmchen dieser Schläger auch besonders gut zu sehen war, wie eindrucksvoll sie da aufhörten. So sehr hörten diese ehrenwerten Straßenkämpfer auf zuzuschlagen, dass sie ihren Kumpels bei deren wiederholtem Treten gegen die am Boden liegenden anderen ehrenwerten Straßenkämpfer nicht im Weg waren. Aber damals waren Schlägereien schon gesitteter,  klar.

Solche Widersprüche in Aussage und Bild werden aber nicht weiter verfolgt. Die Selbststilisierung der Fans der Kategorie C bleibt unangetastet, vor der Kamera geschieht nichts, was bewegt und zu Erkenntnis verhilft. Dass sich auch Fans der Kategorie C gut fühlen wollen, hätte ich auch vorher schon vermutet, und Schlägereien im Wackelbild lassen sich bei youtube auch ohne Kauf-DVD immer wieder finden.

Kategorie C. Deutsche Hooligans. Ein Dokumentarfilm von Franziska Tenner. DVD. Erstveröffentlichung 2009. Ab 17,00 Euro.

2 Responses to “Angesehen: Kategorie C – Ein Dokumentarfilm”


  1. 1 Bastian (Chemieblogger) 30. November 2010 um 23:37

    Ganz große Rezension! Es ist nicht schwer zu erraten, dass der Film in der „Szene“ belächelt und verrissen wird. Tenner ist in ihrem Anspruch gescheitert – und verstand nichts von der Materie, insbesondere den (doch recht speziellen) Leipziger Verhältnissen. So reduziert sie den Konflikt auf ‚Hooliganismus‘. Die strukturelle Überlagerung mit antagonistischen politischen Akteuren blendet sie (im übrigen bewusst) aus. In ihrem Anspruch, alles zu erklären, musste sie also zwangsläufig scheitern. Denn so erklärt Tenner nichts. Stattdessen macht sie sich selbst zum Objekt der Berichterstattung, wenn sie ihr gegenüber hypersuggestiv entlocken will, dass es doch irgendwie in der ‚Natur‘ des ‚Mannes‘ liege, sich zu prügeln. Das ist Biologismus pur – und zeugt von fataler Unkenntnis der soziologischen Dimension des Fußballfanseins.

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    • 2 Kees Jaratz 1. Dezember 2010 um 08:45

      Danke für die Blumen. Da sind wir uns sehr einig: Sie verstand nichts von der Materie. Mit ihrem im Film deutlich werdenden Wissen über Gewalt zum einen und Fußballfans zum anderen wäre der einzig mögliche Ansatz für sie der quasi-ethnologische Blick gewesen. Für ein Panoptikum von Fußballfans. Da hätte sie ohne jegliches Hintergrundwissen losmarschieren können, um einfach mal die Kamera draufzuhalten. Wenn sie aber Erklärungen sucht, dann wäre entweder ein wenig Zusatzrecherche über das Filmen vor Ort hinaus sinnvoll gewesen oder aber das Nachhaken bei Aussagen ihrer Interviewpartner.

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