Archiv für Dezember 2010

Wer ist der Schreck vom Niederrhein? Nur der MSV!

Berlin? Berlin? Fahren wir nach Berlin? Welch guten Fußball spielt der MSV Duisburg, wenn es der Mannschaft gelingt, tatsächlich nur an das eine Spiel zu denken. Drei, vier Wochen war die Leichtigkeit des Spiels verloren gegangen. Drei, vier Wochen waren die Blicke vielleicht zu sehr auf die Zukunft gerichtet? Drei, vier Wochen hatte die Aussicht auf ein Saisonende mit einem überraschenden Erfolg vielleicht die Mannschaft gehemmt? Gestern Abend war die Leichtigkeit wieder da. Gestern Abend sahen wir, warum der MSV Duisburg in der Zweitliga-Tabelle mit 30 Punkten auf dem fünften Platz steht. Die Mannschaft war sich ihres schnellen Kombinationsspiels wieder sicher. Die Spielanlage war wieder variabel. Und schon hob Stefan Maierhofer nicht mehr viel zu oft den Arm für das gewünschte Anspiel.

Natürlich muss man auch sagen, dass der 1. FC Köln bei weitem nicht so gut gespielt hat wie am letzten Freitag der VfL Bochum. Diese Mannschaft des 1. FC Köln wirkt in allen Teilen verunsichert. Gestern besaß sie eine Verteidigung, in der immer wieder unglaubliche Fehler passierten. Ich kann den Ärger der Kölner Zuschauer verstehen. Wenn es denn wenigstens Fehler in der Bedrängnis wären. Aber die Ecke, die zum Tor von Stefan Maierhofer in der 3. Minute führte, war ein Geschenk des 1. FC Köln. Das soll jetzt aber nicht heißen, der Sieg des MSV Duisburg sei alleine durch die schlechte Leistung der Kölner ermöglicht worden. Nein, das gute Spiel des  MSV Duisburg hat selbstverständlich auch den 1. FC Köln so schlecht aussehen lassen.

Der Warnhinweis für auswärtige Zuschaer im Block N14 war im Übrigen   keineswegs übertrieben. In dem Block lebt die Hooligan-Tradition der 90er munter weiter. Was uns bewog, in der Halbzeitpause per Schalausweis die Grenzkontrolle zum Nachbarblock zu überwinden und dort im Schutz der Zebraherde erst wirklich auf das zweite Tor des MSV Duisburg zum Sieg zu hoffen. In der ersten Halbzeit war ich  jedenfalls angesichts der weiteren Chancen des MSV Duisburg in große Gewissenskonflikte gekommen. Ob der Sicherheitsdienst so schnell bei uns gewesen wäre, um uns bei einem weiteren Treffer gegen den FC zu schützen, schien mir eine offene Frage zu sein. Schon der frühe Führungstreffer durch Stefan Maierhofer in der 3. Minute war für die Reihe vor uns nicht nur ein Ärgernis sondern eine Provokation, die wir mit verursachten. Dabei konnten wir uns gar nicht mal übermäßig freuen, weil wir eben erst unseren Platz eingenommen hatten. Die Anreise aus dem rechtsrheinischen Köln war gestern ein Glücksspiel, weil sich „Personen in den Gleisanlagen“ der Hohenzollernbrücke aufgehalten hatten und der S-Bahn-Verkehr Richtung Deutz über vierzig Minuten eingestellt war.

Der Anpfiff mit zehnminütiger Verspätung kam uns also zugute. Die Aggression im Stadion war allerdings nicht nur in unserem Erste-Halbzeit-Block spürbar. Es schien so, als wollten Anhänger des FC nahezu überall ihre sehr schlechte Laune mal so richtig rauslassen. Für viele dieser Menschen war es geradezu ein segensreiches Geschenk, dass so viele Duisburger Zuschauer ins Stadion gekommen waren. Da hatten sie wenigstens ein weiteres Feindbild. Unter den Kölner Zuschauern war aber so viel Hass in der Luft, dass er nicht mal an Duisburger Zuschauern und durch Spielerbeschimpfung abgearbeitet werden konnte. Ununterbrochen wurden auch Feinde in den eigenen Reihen entdeckt, und weil es kostenaufwändig ist, Plexiglaswände um jeden Einzelplatz der Kölner zu ziehen, kam es immer mal wieder zu irgendwelchen Rangeleien. Die Arbeit beim Ordnungsdienst des Kölner Stadions scheint mir im Moment keine einfache zu sein.

Natürlich kenne ich in Duisburg Zuschauer ähnlichen Zuschnitts, doch habe ich den Eindruck, es gibt im Kölner Stadion mehr Menschen, die große Lust am sichtbaren Ausleben ihrer Aggression verspüren. Da ist nichts mehr vom gemütlichen Kölner-Sein vorhanden. Da lässt sich eine dunkle Seite der Stadt erkennen, über die sonst wenig Worte verloren wird.

Zurück zum Spiel. Dass es ab der 75. Minute noch einmal spannend wurde, lag einmal mehr an der Chancenverwertung des MSV Duisburg. Welch große Chancen erspielte sich diese Mannschaft. Doch Srdjan Baljak fehlt im Moment jegliche Sicherheit beim Abschluss, und Olcay Sahans Torgefährlichkeit ist nun auch keine beständige. Beim Pfostentreffer gelingt ihm der Schuss noch gut, wenige Minute später war so ein Schuss mal wieder mehr eine Rückgabe zum Torwart. Aber ich habe gelernt damit zu leben, schließlich spielte er gestern wieder ansonsten sehr gut. Julian Kochs Tor zum 2:0 hat für mich alle Zutaten einer für ihn typischen Spielaktionen. Dieser dynamische Antritt, das Vorantreiben des Balls und das sofortige Nachgehen, wenn dieser Ball für den ersten Moment verloren scheint. Großartig! Einmal mehr.

Ab der 75. Minute war der Mannschaft anzumerken, wie anstrengend das Spiel bis dahin gewesen ist. So viele Konter schnell zu laufen kostet Kraft, und deshalb ist es doch auf mittlere Frist sehr sinnvoll, noch ein Tor mehr aus so vielen Chancen zu machen. In dieser Spielphase drohte die Ordung in der Defensive immer wieder verloren zu gehen, zumal der ein und andere Fehler von Bruno Soares für Unruhe sorgte. Er soll den Ball nicht wegschlagen, sicher, aber manchmal kommen dann so Aussetzer und dann gibt er ihn einfach wieder weg. Das hat mich schon sehr nervös gemacht. Wahrscheinlich habe ich deshalb auch für etwa eine Minute gedacht, der von Lukas Podolski im Strafraum geschossene Freistoß sei ins Tor gegangen. Ich sah ein Netz sich ausbeulen, guckte auf den Boden und mir ging durch den Kopf, ob noch genug Kraft vorhanden sei, sich gegen den Ausgleich zu stemmen. Dann sah ich wieder nach oben und wunderte mich nur kurz, wieso David Yelldell den Ball schon wieder abschlug. So schnell war der Anstoß ausgeführt worden? Und der wurde in die eigene Hälfte zurückgespielt? Erst nach dem Abstoß fiel mein Blick auf die Anzeigetafel und die weiterhin bestehende 2:0-Führung. Anscheinend braucht nicht nur die Mannschaft die Winterpause, auch ich muss meine Kräfte erneuern, um mir im neuen Jahr mit der Konzentration des Saisonanfangs die Spiele anzusehen.

Als das Anschlusstor dann wirklich fiel, war ich deshalb gar nicht mehr beunruhigt. Ich bangte nicht um den Sieg. Ein irrationaler Moment. Mit Wahrscheinlichkeit hatte das alles nichts zu tun, sondern nur mit der Hoffnung, dass alles gut ausgeht und dem Gefühl, die Kölner Mannschaft war zu planlos. Allenfalls hätte sich ein zufälliger Ausgleich noch ergeben können. Großer Jubel beim Schlusspfiff, und genügend Plexiglasscheiben zwischen mir und den hasserfüllten Idioten, um ausgiebig in der Zebraherde die Mannschaft und uns selbst zu feiern. Heute nun schwinge ich immer noch ein wenig in der Stimmung bei allen letzten Weihnachtsvorbereitungen und bedauere den 1. FC Kaiserslautern. Ein unglückliches Viertelffinal-Los für die Mannschaft. Denn mit großer Wahrscheinlichkeit wird beim Nachholspiel im Januar nun nämlich TuS Koblenz weiterkommen. Im anderen Fall gäbe es ja für den MSV Duisburg in der nächsten Runde des DFB-Pokals ein Heimspiel, und wir kennen alle das eine der neueren Pokalgesetze. Auf dem Rasen des Duisburger Stadions herrscht striktes Pokalspielverbot, das andere heißt ja, zwei Zweitligavereine kommen in dieser Saison ins Finale.

Alles muss raus, und einer nur muss rein!

Heute Morgen bin ich Marktschreier, der vom Lkw runter Themen und Worte unter die Leute bringt. Es hat sich einiges angesammelt, und alles soll vor dem Pokalspiel des MSV Duisburg in Köln noch raus. Schnell, kurz und weg damit. Für den einen Klick gibt es nicht nur Worte über Walter Hellmich, nein, heute packe ich auch noch Afrobeat dazu. Und Dirk Lottner! Und aus der anderen Ecke des Lagers noch was zu Zuschauerzahlen beim MSV Duisburg und die Pokalsieg-Hoffnung kriegt ihr auch noch mit dabei.

„Retter geht als Buhmann„, hieß es in der Süddeutschen Zeitung, als der Rücktritt von Walter Hellmich verkündet war. Im April schon hatte er diesen Schritt auf der Jahreshauptversammlung des MSV Duisburg angekündigt, und dass es bis zum Vollzug so lange gedauert hat, ist ein weiteres Kapitel in der Verwandlungsgeschichte der öffentlichen Meinung. Eigentlich sind genügend Worte zu Walter Hellmich geschrieben worden und nach seiner Verabschiedung beim Spiel gegen den VfL Bochum sind nun vor allem kritische Fans froh, endlich nur noch nach vorne sehen zu dürfen. Davon ab, im Verein selbst wird sicher auch Erleichterung darüber bestehen, sich nun ganz der Zukunft widmen zu können. Mir geht es aber noch um einen Gedanken, den ich neulich schon anlässlich des Bochumers Interesse am MSV andeutete. Nicht oft erleben wir öffentlich in dieser Deutlichkeit, wie dieselben Eigenschaften, die einem Menschen zum Erfolg verhelfen, verhindern, dass er diesen Erfolg stabilisiert. Mir geht es also nicht um die Bewertung, ob er bei seiner Arbeit für den MSV Duisburg mehr an den eigenen wirtschaftlichen Erfolg als an den des Vereins gedacht hat. Bei Der Westen können wir lesen, dass die Bezeichnung „Patriarch“ Walter Hellmich  sauer aufgestoßen sei. Er wird mit den Worten zitiert: „Patriarch? Einer muss halt den Kopf hinhalten, das habe ich getan. Was wir aufgebaut haben, das haben wir gemeinschaftlich getan.“ Selbst in diesen wenigen Worten klingt der altbekannte Widerspruch seiner gesamten Amtszeit an.

Etwas gemeinschaftlich erschaffen, für das einer gerade steht und seinen Schutz bietet. Wenn das nicht patriarchalische Züge hat, was dann? Dass so ein Verhältnis auf die Arbeit der vielen zurückwirkt, braucht wohl nicht besonders betont zu werden. Das Patriarchalische ist aber gar nicht das Problem, sondern zu wenig Einsicht in die eigenen Stärken und Schwächen. Die Persönlichkeit Walter Hellmichs wurde erst dann strittig, als der Erfolg sich nicht bestätigte. Erst dann boten diese patriarchalischen Züge Reibungsfläche in der Öffentlichkeit.

Seit der Entlassung von Zvonimir Soldo beim 1. FC Köln steht Dirk Lottner als Co-Trainer von Frank Schaefer wieder mehr im Blick der Öffentlichkeit. Dieses Interview im Kölner Stadt-Anzeiger mit Dirk Lottner liegt nun schon über zwei Wochen zurück. Mir haben Dirk Lottners Worte sehr gefallen. Er wirkt so, als wisse er noch genau, wo seine Wurzeln sind. Ihm gelingt anscheinend dieser Spagat zwischen der Glitzer-Fußballwelt und dem Aschenplatz seiner Kindheit und Jugend. Seine Worte erinnern zum einen daran, dass Berufsfußballer wie jeder Arbeitnehmer ein besonderes Arbeitsklima als Grundlage für die eigene Leistung zu schätzen weiß. Zum anderen gibt es auch für Berufsfußballer Lieblingsarbeitsplätze.

Würden Sie rückblickend sagen, dass Sie ein paar Erstligajahre haben liegen lassen?

LOTTNER: Das kann schon sein. Ich habe aber dann auch in Leverkusen bemerkt, dass die Identifikation mit dem Verein für mich sehr wichtig war. Neunzig Prozent waren da nicht genug. Ich musste ja schon ziemlich viel dafür tun, um zumindest relativ fit zu sein. Und wenn du dann nicht hundert Prozent dahinterstehst, wird es doppelt schwierig.

Relativ fit?

LOTTNER: Ich will es ja jetzt nicht zu negativ ausdrücken.

Sie meinen, Sie waren körperlich eher schlecht veranlagt?

LOTTNER: Ich musste immer viel dafür tun, um meine körperliche Fitness, von der dann trotzdem immer noch viele sagten, dass sie nicht ausreichte, zu erhalten. Und wenn ich dann Vereine hatte, in denen ich nicht spielte, war es noch schwieriger als bei einem Verein, für den man sich mehr begeistert.

Zur Einstimmung auf den Pokalabend hier kurz der Hinweis auf Femi Kuti and the Positive Force. Diese Musik ist pure Energie. Vorletzten Donnerstag habe ich Femi Kuti und seine Band bei einem Konzert in Köln etwas über zwei Stunden live erlebt, und dieser Mann lebt auf der Bühne für Afrika. Seine Musik und er selbst ist durchdrungen von dem Wunsch, das Leben auf dem Kontinent seines Herkunftslands Nigeria besser zu machen. Diese immense Kraft seines Wunsches ist in den treibenden Rhythmen, den peitschenden Sätzen und seinem eindringlichen Gesang jederzeit zu hören. Der Mann kam auf die Bühne und zwei Minuten später wogte der Saal. Einen wirklich vernünftigen Clip habe ich nicht gefunden, deshalb als Vorgeschmack das hier.

Wenn der MSV Duisburg mit solcher Energie heute Abend in Müngersdorf auf dem Platz steht, wird er seine Außenseiterchance nutzen. Auch wenn es vom Verstand her natürlich richtig ist, ich habe überhaupt nicht das Gefühl, dass die Mannschaft dort heute als Außenseiter auftreten wird. Andererseits lassen die erwarteten zehntausend Anhänger des MSV Duisburg dennoch das Wort Außenseiter aufscheinen. So viele Zuschauer kommen natürlich auch deshalb, weil sie eine berechtigte Chance sehen, große Gefühle zu erleben. Der Außenseiter schlägt die Erstliga-Mannschaft. Hilft das weiter bei den Überlegungen zu den Zuschauerzahlen beim MSV Duisburg. Es gibt ein sehr treues Stammpublikum, das ist wohl deutlich. Der Plan für die großen Gefühle: kein Tor gegen David Yelldell und ein Baljak-Schuss muss auf der anderen Seite rein als nachträgliches Abschiedsgeschenk für Faryd  Mondragón.

Das Foto für das lachende Stadion: Podolskis Härtetest

Vielleicht teilt ja einer von euch da draußen meinen Humor. Dieses Foto von Lukas Podolski und Frank Schaefer im Express mitsamt der erklärenden Bildunterschrift finde ich doch sehr komisch. Da werde ich bestimmt noch morgen Abend im Stadion drüber lachen.

Eine Übung in komplexem Denken

Im Moment fällt es mir schwer, Geschichten zu erzählen. Auch kurze Texte hier sind Geschichten mit Anfang und Ende. Wir machen aus unseren Erfahrungen immerfort Geschichten. Wir meinen Fakten zu erzählen und wollen doch nur deuten. Diese Geschichten halten uns am Leben, sie geben uns Sinn. Manchmal passt wenig zusammen, da bleiben Gedanken vereinzelt, selbst wenn Anfang und Ende der Geschichte wie bei einem Fußballspiel vorgegeben sind.

Ich versuche es trotzdem mal: Der MSV Duisburg hat das letzte Heimspiel gegen den VfL Bochum mit 0:1 verloren, und mir ist nicht ganz klar, welche Schlüsse wir und damit auch die sportlich Verantwortlichen aus  dieser Niederlage ziehen können. Eins ist sicher: Ich bin nicht unzufrieden mit der Entwicklung beim MSV Duisburg. Durch den Verlauf der Hinrunde stellt sich dieses Gefühl aber nicht unmittelbar ein, sondern ich muss es hervorrufen. Zu dieser Zufriedenheit braucht es im Nachgefühl der Niederlage ein wenig den Entschluss. Vor der Saison hatten viele von uns die vorhandenen 30 Punkte und den jetzigen Tabellenstand des MSV Duisburg nicht erwartet.

Wir müssen damit umgehen, dass das Spiel nicht schön anzusehen war.  Die Mannschaft des MSV Duisburg hat im Moment ihren Rhythmus verloren und die Vielfalt ihrer spielerischen Möglichkeiten. Dieses Spiel besteht nicht mehr aus Angriffsversuchen, die sich allmählich aufbauen und im steten Fluss bleiben. Dieses Spiel wirkt stoßweise, egal ob es die wenigen Angriffsversuche über die Flügel sind oder die vielen langen Bälle auf Stefan Maierhofer. Es scheint so, als ob die Mannschaft die Winterpause braucht. Sie muss sich regenerieren. Neue Ideen für das Spiel des MSV Duisburg sind vielleicht nötig.

Die Selbstverständlichkeit und Leichtigkeit des Bemühens ist der Mannschaft abhanden gekommen. So gibt es kaum mehr ein schnelles Kurzpassspiel, weil das Risiko des sofortigen Abspiels vermieden wird. Es ist eine paradoxe Angelegenheit: Anscheinend verhindert die Sorge, dass der Ball nicht ankommt, den notwendigen schnellen Pass. Erst wird der Ball noch ein, zwei Meter zur Sicherheit am Fuß geführt, dann wird abgespielt und in der Zeit sind die ohnehin schon engen Räume für den Pass längst so eng geworden, dass ein Verteidiger mühelos den Ball aufnehmen kann.

Diese Mannschaft besitzt im Moment also nicht mehr die Möglichkeiten aus der Zeit bis vor vier Wochen. Ist dann der so häufig gespielte lange Ball auf Stefan Maierhofer Notlösung oder taktische Vorgabe?  Für mich ist der bei Angriffen inzwischen so häufig erhobene Arm von Stefan Maierhofer ein Symptom der Niederlagen. Ich schreibe es jetzt schon zum dritten Mal. Stefan Maierhofer erhält den Ball ohnehin. Er braucht nichts zu signalisieren. Die Gefahr von Missstimmungen ist einfach zu groß, wenn jemand derart offensichtlich den Ball will und ihn dann nicht bekommt. Da gerät zu schnell etwas aus dem Gleichgewicht.

Dennoch wurden Torchancen mit genau dieser nicht sehr schön anzusehenden Spielweise erspielt. Ins Tor getroffen wurde aber nicht. Welcher Schluss  kann daraus gezogen werden. Ist die Spielweise vom Freitag angesichts des momentanten Leistungsvermögen eine notwendige Taktik? Oder gibt es erfolgreichere taktische Möglichkeiten? Auch Sefa Yilmaz kann sich über den Flügel nicht immer durchsetzen. Wenn er sich am Freitag aber durchsetzte, wurde es sofort im Strafraum gefährlich.  Braucht eine Mannschaft wie der MSV Duisburg den Spielfluss, um die Torchancen auch zu verwerten? Trifft Srdjan Baljak leichter ins Tor, wenn seine Chancen sich aus einer gleichmäßigen Spielbewegung heraus entwickeln und sie nicht aus wuchtigen Einzelangriffen entstehen? Das frühe Attackieren des Gegners brachte stets den Erfolg. Fehlt im Moment dazu die Kraft?

Wenn man erst einmal ins Nachdenken kommt, wird es ganz schnell sehr kompliziert. Im Fußball ist es nämlich wie im richtigen Leben, selbst richtige Entscheidungen führen nicht immer zum Erfolg. Deshalb überlasse ich das mit dem Erkenntnisgewinn jetzt wieder denen, die beim MSV Duisburg in der sportlichen Verantwortung stehen. Sie waren in der Hinrunde mit ihren Entscheidungen erfolgreicher, als es viele erwartet hatten.  Auch ich richte nun meinen Blick auf Mittwoch und suche schon mal die Grundlage für die nächste Geschichte. Der Warnhinweis beim Kartenkauf ist dafür schon mal kein schlechter Anfang. Ich kann also durch die Ordner des Blocks N14 verwiesen werden, wenn ich mich zum MSV bekenne. Mein dreimaliger Jubel mitten im FC-Anhang beim MSV-Auswärtssieg zum Daum-Debut lässt mich solche Warnhinweise aber gelassen lesen. Damals fühlte sich kein Ordner zuständig, und bei diesem Pokalspiel am Mittwoch werde ich außerdem mit Sicherheit nicht der einzige Anhänger des MSV Duisburg im Block N 14 sein.

Kees Jaratz antwortet auf Fragen aus der VfL-Welt

Anfang der Woche fragte Luis Reichert, der im Blog 1848 Einwürfe über den VfL Bochum schreibt, ob wir so was wie einen gemeinsamen Interview-Vorbericht über das Spiel vom MSV Duisburg gegen den VfL Bochum machen sollten. Schnell merkte ich, für das dazu notwendige Gespräch hatte ich meinen Kopf zu voll. Ich hätte wahrscheinlich den Eindruck eines Standard-Talkgasts abgegeben, der sich nicht wirklich für seinen Gesprächspartner interessiert und immer nur die eigenen Statements raushaut. Die Folge: So einem Typen stellt man am besten Fragen und so was nennt sich Interview. Einen Vorbericht zum Spiel aus VfL-Sicht hat Luis schon gestern geschrieben – auch im Blog 18:48 gibt es übrigens kurz und knackig VfL-gefärbte Fakten.

Für die Klickfaulen folgen meine Worte in der Rolle als Fremdenführer und MSV-Welt-Deuter schon auf dieser Seite. Lasst euch aber nicht abhalten, gegebenenfalls dann doch zu seinem Kommentarfeld zu surfen, wo diese Worte nach anderer Meinung und Wissen ergänzt werden können.

Luis Reichert: Wenn der MSV und der VfL am Freitag aufeinander treffen, dann kann man mit etwas gutem Willen von einem Revier-Derby sprechen. Ist dies auch für Dich ein besonderes Spiel?

Kees Jaratz: Zunächst muss ich mich zu einer Befindlichkeit bekennen, die sicherlich viele Fußballfans für eine Art Mangel halten. Ich kenne keine Derby-Gefühle. Für mich geht es immer mit der gleichen Intensität um die drei Punkte, egal woher der Gegner kommt. Letzte Saison habe ich mich sogar mit einem Text geoutet, als mir an einem Spieltag die Medienhysterie zum Thema Derby zu viel wurde. Trotzdem sehe ich natürlich mit den Augen des Beobachters, dass manche Begegnungen eine besondere Tradition haben. Wenn der MSV Duisburg und der VfL Bochum gegeneinander spielen, kann ich das aber nicht erkennen. Komischerweise. Denn eigentlich sind das ja die beiden Vereine, die von der Struktur her im Ruhrgebiet am ähnlichsten sind. Aber anscheinend führt das nicht zu der Rivalität, wie wir sie aus der Etage drüber kennen. Ich glaube, da ist der Ruhri einfach zu sehr an sein lokales Erleben gebunden. Da liegen in Duisburg etwa Rot-Weiß Oberhausen und Fortuna Düsseldorf viel näher, um bei jemandem so etwas wie ein Derby-Gefühl zu entfachen. Bochum und Duisburg bieten einander einfach zu wenig Reibungsfläche – trotz geteilter Ruhrpottidentität. Wenn ich was aus Bochum mitbekomme, scheint es mir dort im umgekehrten Verhältnis zum MSV genauso zu sein.

L.R.: Hast Du besondere Erinnerungen an ein Spiel des MSV gegen den VfL?

K.J.: Doch, solch eine Erinnerung gibt es, aber die hat nichts mit dem Fußball selbst zu tun sondern mit einer unangenehmen Begegnung nach einem Spiel mit VfL-Fans. In den 70ern war das Risiko bei Auswärtsspielen für jeden mitreisenden Fan in Fan-Klamotten größer als heute. So waren wir als Jugendliche immer vorsichtig, in welcher Gegend man seinen Fanschal offen trug und wo nicht. Im blau-weißen Bochum schien das kein Problem zu sein, doch wurde gerade dort das einzige Mal einem von uns gemeinsam fahrenden Fans der MSV-Schal geklaut. Von Muttern selbst gestrickt war der. Ohne die heute vorhandenen, hineingewebten Vereinsnamen natürlich. Doch der Freund war nach dem Spiel zu schnell beim Auto seines älteren Bruders, und das Kennzeichen verriet die Herkunft. Dann kam der Griff aus einem Pulk heraus an den Hals und schon war der Schal weg. Ich weiß nicht mal mehr, wie das Spiel ausgegangen ist.

L.R.: Der VfL hat ein überaus enttäuschendes Jahr hinter sich. Hinzu kamen Querelen im Umfeld. Wie beurteilst Du als MSV-Fan die Situation in Bochum?

K.J.: Eigentlich habe ich die Interna beim VfL zu wenig verfolgt, um mir ein Urteil zu erlauben. An der Oberfläche sieht es für mich jedenfalls so aus, als hätten der VfL Bochum und der MSV Duisburg vor ähnlichen Problemen gestanden. Die Entfremdung zwischen Vereinsführung und Fans hatte immer weiter zugenommen, weil die Patriarchen in der Vereinsführung zu selbstgewiss waren. Da fehlte Demut gegenüber allem, was diesen Fußball auch als Kultur ausmacht. So etwas wird nur durch sportlichen Erfolg verdeckt. Wenn der dann nicht vorhanden ist, wird grelles Licht auf diese Haltung geworfen. Natürlich gibt es darüber hinaus große Unterschiede, Walter Hellmich war ja nicht eine solch lange Zeit in verantwortlicher Position wie Werner Altegoer. Walter Hellmichs persönliche Interessen bei allem seinem Einsatz waren auch deutlich erkennbar.

L.R.: In einer großen überregionalen Zeitung hieß es kürzlich sinngemäß, dass der MSV-Präsident Hellmich als Messias gekommen sei und nun als Buhmann gehe. Was ist da bei Euch passiert?

K.J.: Diese Entwicklung hat vielfältige Gründe, Kern des Ganzen ist meiner Meinung nach der Versuch Walter Hellmichs, sein Erfolgsmodell als Unternehmer eins zu eins in den Fußball zu transportieren. Die Grundlage dieses Erfolgsmodells scheint mir zu sein: persönliche Verlässlichkeit, der Aufbau von Beziehungen und die grundsätzliche Einbindung des Chefs in wichtige Entscheidungen. Das führte im Moment der Krise des MSV Duisburg kurz nach 2000 tatsächlich zum Erfolg. In Krisen braucht es solche Eigenschaften, Gespräche führen, Menschen begeistern, zupacken und machen. Da wird dann ein Stadion gebaut, über das zwanzig Jahre nur geredet wurde. Sobald das Tagesgeschäft aber in ruhigem Fahrwassern war, wurden andere Dinge notwendig. Da hätte vor allem sportliche Kompetenz in den Verein geholt werden müssen. Das unterblieb. Es entstand sogar der Eindruck, Walter Hellmich selbst mischt bei Verpflichtungen kräftig mit. Hinzu kam, dass Walter Hellmich die eigenen Interessen in dieser Zeit natürlich nicht vergaß und auf diese Weise wirtschaftliche Entscheidungen im Verein immer aus zwei Perspektiven beurteilt werden können. Oft erhält der Verdacht Nahrung, eine Entscheidung hätte ohne die Berücksichtigung der Interessen von Walter Hellmich günstiger für den MSV Duisburg sein können. Schlecht beraten war er auch darin, der lauter werdenden Kritik nicht argumentativ zu begegnen, sondern sie als anmaßend darzustellen. Das wirkte arrogant, und spätestens dann ist man nach einiger Zeit der Buhmann.

L.R.: Der MSV spielt jetzt schon das dritte Jahr im Unterhaus. Wie sehr leidest Du, insbesondere als Dauerkarteninhaber, unter grenzwertigen Anstoßzeiten und überschaubarer Spielkultur?

K.J.: Die Anstoßzeiten samstags und sonntags sind tatsächlich das, was mich am meisten in der 2. Liga ärgert. Die Anstoßzeiten passen nicht zu meinem sonstigen Tagesablauf. Alles was ich vorher machen muss, geschieht in Hetze. Montagsspiele kommen immer zu spät. Sie wirken auf mich wie so ein Nachklapp zum Eigentlichen. Wenn überhaupt, kann ich mich mit dem frühen Freitagstermin anfreunden. An der Spielkultur habe ich in dieser Saison gar nicht so viel auszusetzen, nachdem es gerade beim MSV in den letzten beiden Jahren eher mäßig war. Aber ich meine sogar eine Entwicklung auch bei den anderen Vereinen zu sehen. Das Fußballspiel in fast allen Vereinen der zweiten Liga hat sich in den letzten zwei Jahren erheblich verbessert.

L.R.: Der MSV hat vor allem zu Hause überzeugt. Trotzdem halten sich die Zuschauerzahlen in Grenzen. Woran liegt das?

K.J.: Eine schwierige Frage, die auch unter den MSV-Fans heiß diskutiert wird. Zum einen hat der Verein selbst lange Zeit nicht gerade viel dafür getan, Zuschauer an sich zu binden. Zum anderen kommen Zuschauer in Duisburg schon seit den 70er Jahren weniger wegen des Vereins als wegen des Erfolgs. Gegenüber dem VfL zum Beispiel gibt es über die Jahre hinweg ein geringeres Stammpublikum. Ich denke, da spielen dann auch innerstädtische Fragen eine Rolle, Dinge, die nicht direkt mit dem Fußball zu tun haben.

L.R.: Die schönste Szene der letzten Wochen war für mich der Jubel der MSV-Spieler in Berlin mit Milan Sasic, dessen Mutter zuvor verstorben war. Sasic heftet gleichzeitig das Image an, ein „harter Hund“ zu sein. Wie ist Deine Meinung zum Trainer?

K.J.: In der letzten Saison drohte dieses Image vom „harten Hund“ sich selbstständig zu machen. Anscheinend gab es Konflikte auf allen Vereinsebenen vom Platzwart bis hin zum Spieler. Dann gab es nach einem Vorfall zwischen Milan Sasic und dem Fahrer des Mannschaftsbusses eine Pressekonferenz, in der Milan Sasic versuchte, sich zu erklären und Fehler einräumte. Ich denke, das ist tatsächlich auch eine Wende für Sasic gewesen. Er wurde sich der Wirkung seiner Art bewusster und für die Menschen, die mit ihm zusammen arbeiten, war das ein Zeichen, dass sie bei aller Hierarchie ernst genommen werden.
Sasic ist ein Mann offener Worte und hat sehr klare Vorstellungen davon, was er für den Erfolg einer Mannschaft für notwendig hält. Gleichzeitig wirkt er sehr loyal gegenüber den Menschen, die ihm den Rahmen für seine Arbeit vorgeben. Der Aufbau einer Mannschaft gelingt ihm anscheinend gut, seine Persönlichkeit macht es ihm aber wahrscheinlich schwierig, in einem vorhandenen Gefüge alle Interessen ausgleichend zu moderieren. So hat er nun, mit der Vorgabe Neuaufbau, die Mannschaft  zu einer Einheit geformt. Im Moment zeigt sich ja ein kleines Tief der Mannschaft, und es muss sich noch erweisen, welchen Einfluss er nun auf die Spielanlage der Mannschaft nehmen kann.

L.R.: Welcher MSV-Spieler kann auf dem Platz den Unterschied machen bzw. hat das Potenzial für höhere Aufgaben?

K.J.: Da gibt es keinen Zweifel: Julian Koch, von Borussia Dortmund ausgeliehen, ist mit seinen 20 Jahren der Spieler mit dem größten Potenzial. Sowohl als rechter Außenverteidiger als auch im defensiven Mittelfeld einsetzbar, ist er technisch versiert, besitzt ein starkes Stellungsspiel und verleiht dem Spiel des MSV mit seinen Vorstößen immer sehr große Dynamik. Den Unterschied machen können aber auch andere Spieler, je nach Spiellage. Die großen Spieler Stefan Maierhofer etwa oder Goran Sukalo, immer für ein Kopfballtor aus dem Nichts gut.

L.R.: Wie geht das Spiel am Freitag aus?

K.J.: Ich hoffe auf einen Sieg mit zwei Toren Vorsprung, wenn das Spiel des MSV nicht mehr wie in Paderborn fast ausschließlich mit langen Bällen über Stefan Maierhofer versucht wird.

L.R.: Und wer steigt am Ende der Saison auf?

K.J.: Ich denke, Hertha BSC wird dann doch den Aufstieg genauso schaffen, wie Schalke nicht absteigt. Augsburg hat die Krise ja schon hinter sich, die
werden mit dabei sein. Und wenn ich an den MSV denke, bin ich sehr zufrieden, was die Perspektive angeht, aber dieses weitere entscheidende
Wort bleibt wie zu Saisonbeginn unaussprechlich. Da bin ich bislang ganz gut mit ausgekommen. Hoffen aufs Unaussprechliche werde ich dennoch. Den VfL sehe ich als den MSV der letzten Saison: immer mal wieder an den Aufstiegsplätzen schnuppern, aber die Bürde des misslungenen Saisonauftakts wird sich als zu groß erweisen, um den Sprung auf die Aufstiegsplätze noch zu schaffen.

Zerrüttete Beziehung

Manchmal kommen Menschen zusammen und sehen im jeweils anderen, das Versprechen auf gemeinsames zukünftiges Glück. Vielleicht erhoffen sie sich für dieses gemeinsame Glück vom anderen Ergänzung. Leider ist die eine Seite dabei manchmal hoffnungsfroher als die andere, die sich noch gut auch an die schönen Momente mit dem Menschen vorher erinnert. So eine Schieflage zu Beginn braucht sehr viele neue schöne Momente, damit die begonnene Gemeinsamkeit nicht bald wieder auseinander geht. Fehlen diese Momente, führen enttäuschte Gefühle irgendwann zu einem völligen Zerwürfnis:
„IchSo: Er So:“ heißt die Rubrik für Interviews beim Blog Die Erste.tv. Frank Fahrenhorst wird dort über seine Laufbahn befragt, und als der Wechsel zum MSV Duisburg zur Sprache kommt, lesen wir, er hält diesen Wechsel für eine „falsche Entscheidung“.  Ich erinnere mich noch gut, das schwierige Verhältnis zwischen Frank Fahrenhorst und dem MSV Duisburg war früh schon absehbar gewesen.

Verpassen und erreichen

Selbstverständlich ist das richtig: Nach dem torlosen Unentschieden im Auswärtsspiel des MSV Duisburg gegen den SC Paderborn steht an der Spitze der Zweitliga-Tabelle nunmehr eine andere Mannschaft als der MSV. Aber bedeutet das gleichzeitig, dass die Mannschaft die Tabellenspitze verpasst hat? Im eigentlichen Wortsinn stimmt auch das, dennoch klingt diese nicht nur bei Der Westen benutzte Folge des Spiels als Überschrift zum Spielbericht für mich falsch. Das hat damit zu tun, dass ich bei dem Wort „verpassen“ immer sofort auch an „erreichen wollen“ denken muss. Ich bin aber sicher, es ging für den MSV Duisburg in Paderborn nicht darum, mit einem Sieg an die Tabellenspitze zu gelangen. Es ging nur um die Begegnung  selbst: So gut wie möglich spielen und versuchen, zu gewinnen.

Beides hat nicht geklappt. Es wurde nicht nur nicht gewonnen. Es wurde zudem schlecht gespielt. Da sind wir uns alle einig. Ich halte einzelne schlechte Leistungen im Verlauf der Saison aber auch für normal in der Zweiten Liga. Das bedeutet angesichts des erfolgreichen Verlaufs der Saison bisher nicht mehr, als herauszufinden, was die guten Spiele von den schlechten unterscheidet. So verteilt Milan Sasic auch „keine Komplimente.“ Er redet nichts schön und kritisiert, wie hier in der Bürgerzeitung vollständig zitiert, die Grundlage des Spiels seiner Mannschaft. Ich verstehe ihn so, die Mannschaft habe zu früh an das Siegen gedacht und sei deshalb zu spät in das Spiel gekommen. Zu wenig Kampf hat Milan Sasic gesehen, auch wenn sich das in der Statistik für seine Mannschaft nicht widerspiegelt. So bliebe als zweiter Schritt der Nachbetrachtung die Feinanalyse der Spielanlage. Die nimmt Milan Sasic dann hoffentlich intern vor.

Ich sehe etwas, was sich schon in den letzten beiden Spielen immer deutlicher abgezeichnet hat. Das Angriffsspiels der Mannschaft ist wenig variabel geworden. Es gibt zwar noch Versuche über die Flügel mit schnellen Vorstößen zu spielen oder per Kurzpassspiel Raum zu gewinnen, doch bevorzugt wird der lange, hohe Ball auf Stefan Maierhofer. Ich hoffe nicht, dass ein kontinuierlicher Rhythmus, das abwechselnde langsam und schnell, das Attackieren über die Mitte und über Außen für längere Zeit verloren gegangen ist. Auch wenn es zunächst kurzfristig einfacher scheint, den Ball in die gegnerische Hälfte zu spielen, wo ein großer Spieler auf die Ballsicherung hoffen lässt, Erfolg wird dadurch zufälliger.

Ein paar Sätze aus einem Interview vom Samstag mit Michael Skibbe wirken auf mich wie ein passender Kommentar für dieses Spiel des MSV Duisburg: „Mir ist am allerwichtigsten, dass meine Mannschaften sich trauen, von hinten heraus Fußball zu spielen. Daraus ergibt sich alles andere. Und je besser ein Gegner ist, desto mehr muss man es sich trauen. Wenn man als Eintracht meint, gegen richtig gute Klubs – zum Beispiel Wolfsburg, Hamburg oder Schalke – nur den Ball hinten rauszuhauen und vorne hilft dann schon einer, dann ist das auf Dauer kein gutes Mittel. Kann mal funktionieren, in der Regel tut es das nicht. Die Regel ist, dass man da nur mithalten kann, wenn man nicht nur läuferisch und kämpferisch dagegenhält, sondern auch fußballerisch überzeugt.“

Milan Sasics Aufgabe ist es im Moment anscheinend, seine Mannschaft immer wieder an ihre fußballerischen Möglichkeiten zu erinnern. Selbst ein Sieg hätte daran nichts geändert. Wäre Sefa Yilmaz Schuss an die Latte in der zweiten Halbzeit ins Tor gegangen, hätte dennoch über die Spielanlage geredet werden müssen und nicht nur darüber, dass die Mannschaft in der ersten Halbzeit nicht richtig ins Spiel gekommen ist. Ich habe nicht den Eindruck, dass gestiegene, eigene Erwartungen dieser Mannschaft im Wege stehen. Ich glaube eher, die Qualitätsunterschiede der meisten Mannschaften in der Zweite Liga sind so gering, dass diese Unterschiede nur dann zur Geltung kommen, wenn es dem MSV Duisburg gelingt, sich spielerisch zu entfalten. Sich in der Verteidigung gut gegen den Ball bewegen kann inzwischen fast jede Mannschaft. Deshalb ist es so wichtig an der Variabilität des Spiels festzuhalten. Das bedeutet aber auch, die Mannschaft und wir Anhäger dieser Mannschaft müssen Fehler in der Offensive hinnehmen. Und so schließt sich der Kreis hin zu Milan Sasics erster Anmerkung zum Spiel. Solchen im Angriffsspiel des MSV Duisburg auftauchenden Fehlern kann nur mit großer Laufbereitschaft begegnet werden. Gegen den VfL Bochum gibt es die nächste Möglichkeit, zum variablen Angriffsspiel zurückzukehren. Es ist risikoreicher als der lange, hohe Ball auf Stefan Maierhofer aber für einen Sieg wahrscheinlich notwendig.

Meinolf Sprink und Frank Schaefer halten Verantwortung für völlig überbewertet

Ausschreitungen beim Derby zwischen dem 1. FC Köln und Bayer 04 Leverkusen werden keine Folgen haben. Der Trainer des 1. FC Köln Frank Schaefer äußert Verständnis für Wutausbrüche und Ärger nach dem nicht gegebenen regulären Tor von Lukas Podolski. Er sagte, wenn da einer dann einen Gegenstand von Bayer 04 Leverkusen beschädige, werde er denjenigen nicht verurteilen. Da war er sich ganz einig mit dem Leiter Kommunikation und Marketing von Bayer 04 Leverkusen Meinolf Sprink: Bayer 04 Leverkusen werde die Täter nicht weiter behelligen und schon gar nicht Schadensersatzansprüche angesichts der Zerstörungen stellen.

So ähnlich hatte ich heute morgen einen Artikel im Kölner Stadt-Anzeiger verstanden, konnte es aber im Nachhinein nicht mehr recht glauben. Vorhin erst fand ich Zeit, den Nachbericht zum Spiel von Bayer 04 Leverkusen gegen den 1. FC Köln noch einmal in Ruhe zu lesen. Ich hatte alles missverstanden. Es ging in dem Artikel gar nicht um Fans. Es ging um Lukas Podolski. Der hat nach dem Spiel am Sonntag aus Ärger über sein nicht gegebenes reguläres Tor die Plexiglasscheibe einer Tür eingetreten. Allerdings stimmt die launige Einigkeit in beiden Vereinen, dass alles nicht so schlimm sei. Frank Schaefer sagte tatsächlich:  „Wenn er [Lukas Podolski] nach dem Spiel hört, dass das Tor kein Abseits war und er daraufhin einen Gegenstand von Bayer 04 Leverkusen beschädigt, dann werde ich als FC-Trainer darüber bestimmt nicht mit ihm sprechen“. Und auch der Leiter Kommunikation und Marketing bei Bayer 04 Leverkusen Meinolf Sprink wird ihm „keine Rechnung schicken“.

Komisch, warum eigentlich nicht? Manchmal lese ich etwas, was mich so ärgert, dass ich kaum wohl klingende Worte finde, sondern in einem fort nur noch schimpfen könnte. Was glauben Meinolf Sprink und Frank Schaefer eigentlich, wie ihre Worte in der Öffentlichkeit auf Jugendliche wirken? Dass Lukas Podolski da eine Scheibe eintritt, geschenkt,  aber wieso soll das als normal durchgehen? Was sind das für hohle Worte, wenn es um den Nutzen des Fußballs für unsere Gesellschaft geht und diese Worte von Offiziellen des Fußballs gesprochen werden? In solchen Momenten des Alltags könnte es sich zeigen, ob im Fußball  Verantwortung für diese Gesellschaft wirklich gelebt werden soll. Im Alltag müsste sich das beweisen und nicht bei der nächsten Rede auf einer offiziellen Feier.

Der Vorfall muss gar nicht hochgespielt werden, aber er muss doch so behandelt werden, wie es in so vielen anderen Zusammenhängen von den Bewohnern dieses Landes immer wieder gefordert wird. Bitte schön, tragt Verantwortung für euer Handeln. Und das bedeutet sehr wohl, Herr Sprink, eine Rechnung auszustellen über die Reparatur einer Tür und das bedeutet sehr wohl, Herr Schaefer, ihrem Spieler zu sagen, ich verstehe deinen Ärger, doch das geht nicht, was du da machst.

Was nun den Fußballinteressierten und vor allem den für diese Art Aggressionsbewältigung doch sehr empfänglichen jungen, männlichen Jugendlichen als normal hingestellt wird, ist ein Angriff auf jedwedes zivilisiertes Zusammenleben. Vielleicht versteht ihr meinen Ärger besser, wenn ihr wisst, dass ich seit über zwanzig Jahren im Berufsalltag meiner Frau mitbekomme, welch schwieriges Geschäft es ist, Jugendlichen zu verdeutlichen, dass sie Verantwortung für all ihr Verhalten tragen und es nicht auf den nächstbesten abladen können. Vielleicht versteht ihr meinen Ärger besser, wenn ihr zudem wisst, dass auch ich seit ein paar Jahren in Schreibprojekten immer wieder jenen Kindern und Jugendlichen begegne, deren Eltern sich genauso wie Meinolf Sprink und Frank Schaefer verhalten. Mal verhätscheln Sie ihre Kinder, wenn die gerade dem Mitschüler das Nasenbein gebrochen haben; dann hat der andere bestimmt irgendwas gemacht, warum er zurecht die Faust ins Gesicht bekam. Mal strafen sie ihre Kinder wegen nichtigster Anlässe und wollen nichts mit ihnen zu tun haben. Sie verhalten sich unberechenbar und inkonsequent, und ihre Kinder beginnen viel zu früh, sich nur auf sich selbst zu verlassen. Denn von den eigenen Gefühle wissen sie wenigstens, dass sie echt sind; und jedes dieser eigenen Gefühle wollen sie alleine deshalb ausleben. Mit den Folgen dieses Auslebens haben dann Lehrer, Sozialarbeiter, Polizisten und Richter zu tun. Und vielleicht versteht ihr meinen Ärger besser, wenn ihr wisst, dass mir diese Zeigefinger- und Abgrenzungsrhetorik abseits dieser prekären sozialen Lagen ungemein auf die Nerven geht. Es ist so einfach, was schiefläuft dort, in den sozialen Brennpunkten unserer Gesellschaft zu erkennen und jene Verantwortung nur dort einzufordern, wo es einem selbst nicht weh tut.

All das haben Frank Schaefer und Meinolf Sprink sicher nicht bedacht. Sie haben sich verhalten, wie man sich eben so verhält, wenn man keinen zusätzlichen Ärger will und nachbarschaftliche Beziehungen nicht übermäßig strapazieren möchte. Wie gesagt, Verantwortung verbal einfordern lässt sich leicht. Verantwortung tatsächlich zu tragen, das ist anstrengend, weil oft konfliktvoll. Beide sollten sich daran erinnern, dass Verständnis zu haben nicht gleichzeitig bedeutet, jede Regelübertretung zu tolerieren.

Aber vielleicht unterschätze ich Frank Schaefer und Meinolf Sprink auch. Vielleicht denken beide sehr intensiv über unsere Gesellschaft nach und möchten die BayArena zu einem Zentrum des Aggressionsabbaus machen. Dann lautet die Botschaft ihrer Worte: Besucht die Heimspiele von Bayer Leverkusen, wenn ihr euch über irgendetwas geärgert habt. Reißt Sitzplätze aus der Verankerung, tretet Türen ein und schmeißt Bierbecher in die grün gewordene Imbissbude. Danach geht es euch besser, und die entstehenden Kosten teilen sich Bayer-Stiftung, Bayer AG und Bayer Leverkusen. Deutschland dankt für dieses einzigartige Anti-Gewalt-Projekt!

Der Kampf ums Unaussprechliche wird spannend

Da sahen wir sie also am Freitagabend in Duisburg, die erste Heimniederlage in dieser Saison. Mit der Bewertung dieser 1:3-Heimniederlage des MSV Duisburg gegen den FSV Frankfurt könnte gut ein aussagekräftiger Persönlichkeitstest durchgeführt werden. Ein qualitatives Interview mit Zuschauern des Spiels gemacht und schon weiß man, ob dieser Zuschauer dem Leben eher eine optimistische oder pessimistische Grundhaltung entgegenbringt. Diese Niederlage schreit nämlich durch ihr Zustandekommen danach, gedeutet zu werden. Was heißt es, dass dem MSV Duisburg trotz großen Einsatzes und vieler Chancen auf ein Tor, kein Unentschieden gelang? Dieses Unentschieden wäre gerecht gewesen. Ich selbst sehe mich da eher auf der optimistischen Seite, kann aber auch sofort die Haken benennen, an denen sich pessimistisch veranlagte Menschen verfangen können.

Fangen wir mit der Einstellung dieser Mannschaft an, die mich begeistert. Die Tabelle der 2. Liga führen sieben Mannschaften nahezu punktgleich an. Wir sehen in dieser Saison gleich fünf Mannschaften, die mit jener schnellen Spielweise der Aufsteiger der letzten Saison erfolgreich sind. Die Bedeutung der Psyche und der sich daraus ergebenden Einstellung wird deshalb für den Erfolg in der Rückrunde mit jedem Spieltag wichtiger. Der MSV Duisburg hat am Freitag auch nach dem dritten Tor der Frankfurter in der 85. Minute sein Spiel nicht aufgegeben. Dieses Tor fiel in einem Moment, als der Ausgleich immer wieder möglich schien. Es fiel nach einem missratenen Abwurf von David Yelldell, der das Spiel schnell eröffnen wollte. Es wäre nicht überraschend gewesen, wenn die Enttäuschung über dieses Tor den Schwung des MSV Duisburg unterbunden hätte. Dem war nicht so. Auf den Zuschauerrängen hat es in Teilen die Enttäuschung gegeben. Auf dem Spielfeld wurde vom MSV Duisburg weiter angegriffen. Auf dem Spielfeld blieb die Energie der Mannschaft erhalten. Sie blieb nicht nur erhalten, sie wurde in konstruktive Angriffszüge umgesetzt. Die Mannschaft fiel nicht auseinander, da gab es keine verzweifelten Einzelaktionen. Das ist so ein deutliches Zeichen für die Substanz dieser Mannschaft, dass mir gar nichts anderes übrig bleibt, als optimistisch zu sein und immer wieder auch auf das  Unaussprechliche zu schielen.

Wenn ich etwa an die elf, zwölf Minuten nach der 1:0-Führung denke, entstand der Eindruck, der MSV Duisburg beginnt sich in einen Rausch hineinzuspielen. Da rollte ein Angriff nach dem anderen auf das Tor des FSV Frankfurt zu, und die Frankfurter hatten dem nichts entgegen zu setzen. Jede Angriffsbemühung des Gegners wurde durch einen Duisburger Spieler schon kurz hinter der Mittellinie abgefangen. Da wurde mit hohem Laufeinsatz versucht, das zweite Tor sofort nachzulegen. Zwei große Chancen ergaben sich auch daraus. Bleibt eine solch Überlegenheit ohne Torerfolg,  wirkt der Rückschlag durch das überraschende Gegentor ernüchternd. Wir wissen, dass es so kam. Björn Schlicke fällt der Ball im Strafraum vor den Fuß und ich erinnere mich noch gut an den Auswärtssieg der letzten Saison gegen den 1. FC Union Berlin, als er aus ähnlicher Situationen noch für den MSV Duisburg sein Tor machte. Das kann er.

Dieses Tor aus dem Nichts gab den Frankfurtern die Sicherheit ihres Spiels aus den ersten Minuten zurück. Von diesen ersten Minuten an war zu sehen, wie gefährlich das Kurzpassspiel der Frankfurter sein konnte. Die erste große Chance des Spiels hatte Sascha Mölders. Ihm gelang nach einer artistischen Flugeinlage ein Pfostenschuss. Der FSV Frankfurt zeigte sich mit Ausnahme der Drangperiode des MSV Duisburg beeindruckend kombinationssicher. So eine konstante Sicherheit im Kurzpassspiel besitzt die Mannschaft des MSV Duisburg im Moment nicht. Der Pessimist wird das als Hinweis auf zukünftige Misserfolge sehen. Der Optimist wird sagen, normalerweise brauchen sie diese Sicherheit nicht, um torgefährlich zu sein. Die Mannschaft kommt durch andere Spielvarianten dennoch zu ihren Torchancen.

Die Ernüchterung des MSV Duisburg hielt nicht lange an, doch die Passsicherheit der Frankfurter ließ ihre Angriffe immer gefährlich werden. Gleichzeitig musste der MSV Duisburg jeweils weit aufrücken, um die geschickt verteidigenden Frankfurter unter Druck zu setzen. Es war erkennbar, da spielten zwei Mannschaften auf demselben Niveau mit Zug zum Tor. Für die Frankfurter ergaben sich zwar nicht so viele Torchancen wie für die Duisburger, doch diese wenigen Chancen nutzten sie. Die 2:1-Führung erzielte Sascha Mölders nach einem schnellen Angriff über die rechte Seite mit anschließender scharfer Hereingabe.

Diese Flanke war ebenso sehenswert wie die von Julian Koch auf Stefan Maierhofer vor dem 1:0-Führungstor des MSV Duisburg. Solche scharf geschnittenen Flanken vor das Tor in den freien Raum bringen jede Innenverteidigung in höchste Bedrängnis, wenn in einer Mannschaft solche Strafraumstürmer wie Stefan Maierhofer spielen oder eben der gegenüber seinen Duisburger Zeiten enorm verbesserte Sascha Mölders.

Angesichts der Passsicherheit der Frankfurter war es klar, der Versuch des MSV Duisburg in der zweiten Halbzeit den Ausgleich zu erzielen barg ein hohes Risiko. Zudem wurde es schwierig, weil sich der FSV Frankfurt in dieser zweiten Halbzeit etwas zurückzog. Doch selbst diese eng stehende Abwehrwand konnte vom MSV Duisburg immer wieder überspielt werden. Es gab Chancen zum Ausgleich, und die Chancenverwertung ist auch der einzige Stachel in meinem optimistischen Fleische. Das haben wir ja nicht das erste Mal gesehen, dass der MSV Duisburg sehr gute Chancen auf ein Tor auslässt. Die Mannschaft muss sich mehr erarbeiten als nötig. Das macht sie mit großem Einsatz, und manchmal gibt es dann Tage, an denen selbst dieser Einsatz nicht ausreicht. Dann steht an diesem Tag nicht nur ein überragender Torwart wie Patric Klandt im Tor, sondern es fehlt zudem zu oft die Präzision beim Abschluss. Weil es so viele Chancen gab, hält sich auch die Aufregung in Grenzen um das Foul an Olcay Sahan im Strafraum. Der nicht gegebene Elfmeter wirkt ein wenig wie eine weitere knapp vergebene Chance. Ich hatte zudem den Eindruck, das Spiel des MSV Duisburg entging gerade eben der Gefahr, den hohen Ball auf Stefan Maierhofer zu häufig zu spielen. Es fällt natürlich schwer, das Angriffsspiel gegen einen tief stehenden Gegner zu variieren, wenn das Anspiel auf Stefan Maierhofers wegen seiner Größe immer eine vorläufige Möglichkeit darstellt.  Milan Sasic wird seine Mannschaft an die anderen Lösungen immer wieder erinnern müssen.

Das Spiel erinnerte daran, diese Mannschaft des MSV Duisburg befindet sich in der Entwicklung und Entwicklung ist kein linearer Prozess. Entwicklung ist eine gerichtete Wellenbewegung. Im Neuen findet sich immer wieder auch Erinnerung an das Alte. Olcay Sahan etwa, der letzte Woche noch platziert schießen konnte, findet dieses Mal bei seinen Hereingaben von der Strafraumgrenze aus nicht mehr als die alte Unentschiedenheit zwischen Flanke und Schuss, die keinem Torwart ein Problem bereitet. Oder Bruno Soares schien sich immer unsicherer beim Passspiel zu werden, so dass er zu oft den Befreiungsschlag vorzog. Oder Stefan Maierhofers Größe als Fixpunkt in den Köpfen seiner Mitspieler, was dazu verführte ihn nurmehr als Kopfballspieler anzusehen. All das sind mögliche Haken für die Pessimisten. Wäre das zweite Tor für den MSV Duisburg gefallen, bliebe all das unerwähnt.

Für mich als Optimisten gibt es einen großen Unterschied zu den letzten Jahren, wenn solche weniger erfolgsversprechenden Momente im Spiel erkennbar sind. Die Spieler des des MSV Duisburg tragen ein Bild in sich, wie sie jeder als Teil der Mannschaft besser spielen können. Jeder Spieler besitzt das Wissen, er kann es auch anders. Das macht es Milan Sasic leichter, das Ziel Entwicklung des spielerischen Vermögens in der Mannschaft lebendig zu halten.

Eine Anmerkung noch an die Adresse der Reviersport-Redaktion: auch beim Formulieren von Überschriften sollte es die journalistische Grundregel sein, möglichst solche Worte zu nutzen, die die Wirklichkeit genau beschreiben. Das gebietet das journalistische Ethos, weil Leser sich auch mit der Lektüre von Überschriften ihre Meinung bilden. „Aussicht auf Platz eins lähmt die Zebras“ steht über dem Spielbericht der RevierSport. Diese Aussage beschreibt weder das Spielgeschehen noch stellt sie ein Kondensat des darunter stehenden Artikels dar. Diese Überschrift ist nicht mehr als ein Klischee, das in diesem Falle leider nicht zutrifft. Es kann ja sein, dass in der RevierSport unter Zeitdruck gearbeitet wird. Wenn man es aber nicht genau weiß, was da geschehen ist und keine Zeit hat, den Artikel zu lesen, dann sollte man lieber neutral formulieren. Nur dann wird auch ein Flüchtig-Leser der RevierSport sich ein treffendes Bild vom Geschehen machen können.

Bis zum morgigen Dienstag empfehle ich nun die moderne Variante der Trost- und Erbauungslyrik, den Pop-Song. Zur Aufarbeitung von vielleicht noch vorhandener Enttäuschung bietet sich Pohlmann an. Danach darf´s dann gerade in der Umkleidekabine der Mannschaft auch wieder etwas pushender werden.

Wie lebt es sich als Hecht im Karpfenteich?

Zu was Fußball doch alles nützlich ist. Seitdem ich hier über den MSV Duisburg schreibe, erhalte ich regelmäßig Anstöße mein Wissen zu mehren. Natürlich mache ich das in der Absicht, dieses Wissen zu teilen, um eure Zukunftsaussichten auf dem Arbeitsmarkt zu verbessern. Denn Bildung muss heutzutage immer nützlich sein. Ich kann mir gut vorstellen, dass das folgende Häppchen angewandte Fischkunde manch fachliches Problem bei Einstellungsverfahren vergessen macht.

Der angewandten Fischkunde brachte mich gestern ein Satz in der Rheinischen Post näher. Dort hieß es: „Spätestens nach dem überzeugenden 2:0 von Berlin rücken die Zebras in die (erfreuliche) Position, nicht nur ein ´Hecht im Karpfenteich´ zu sein.“ So sind wir Menschen, wir lieben das Bildhafte und machen deshalb aus Fußballspielern in gestreiften Trikots Zebras und die wiederum zu Hechten, die davon träumen Karpfen zu werden. Zumindest glaubt der Journalist, dass es irgendwo im Teich ein besseres Leben als ein Hecht-Leben gibt.

Doch was ist so schlimm daran, im Karpfenteich ein Hecht zu sein? Denken wir doch mal an den ganz dicken Karpfen Hertha BSC Berlin. Ruhig zieht er seine Bahnen im Gewässer und seine minimalen Flossenbewegungen verraten nichts von seinen großen Überlebensängsten, weil ihm die innere Ruhe fehlt, selbst weichste Wasserpflanzen anzuknabbern.  Will der MSV Duisburg so ein Karpfen werden? Oder ist es nicht viel besser Hecht zu sein, der diesen dicken Karpfen zwar nie ganz fressen wird, ihm aber durch seine Anwesenheit das Leben schwer macht. Mir scheint, der Hecht führt im Karpfenteich kein schlechtes Leben. Die Beute muss zwar gejagt werden, aber das Machtverhältnis zwischen Hecht und Karpfen ist völlig ungeklärt. Nur deshalb ist überhaupt der Wertewandel möglich, den der „Hecht“ des Karpfenteichs in der Wahrnehmung durch uns Menschen durchmacht.

Einmal sorgt dieser Hecht für Bewegung unter trägen Karpfen und übernimmt mit Tatkraft eine führende Rolle, das andere Mal, vor allem im 19. Jahrhundert, kommen die Karpfen besser weg und das Augenmerk der bildhaften Sprecher liegt auf  dem räuberischen Verhalten der Hechte. Die angewandte Fischkunde kennt kein gut oder böse, sie kennt nur die nützliche Ergänzung. Bei der Fischzucht wird der Hecht von den Teichwirten seit Jahrhunderten für „teichwirtschaftliche“ Aufgaben genutzt. Wie auf der Angelfachseite www.angeltechniken.de zu lesen ist, beseitigt er durch Wegfangen minderwertiger Fischarten die Fresskonkurrenz der Karpfen.

Warum sollte der Hecht MSV Duisburg also Karpfen werden wollen? Um dann doch dem dicken Karpfen Hertha BSC den Vortritt beim Fressplatz Deutsche Bahn zu lassen? Da bleibt er doch besser der einzige Hecht unter all den Karpfen. So ein Hecht kann schließlich auch ganz schön groß werden. Heute Abend treffen die Zebrahechte auf den größer gewordenen Karpfen FSV Frankfurt. Milan Sasic sieht eine schwierigere Aufgabe für den MSV Duisburg als beim Karpfen aus Berlin. Tief und abgeklärt stehende Frankfurter Karpfen müssen erst einmal in Unruhe gebracht werden, damit Wege zum Frankfurter Tor frei werden. Ich hoffe, damit findet der Hecht MSV Duisburg wieder gute Lebensbedingungen vor.


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