Eine Übung in komplexem Denken

Im Moment fällt es mir schwer, Geschichten zu erzählen. Auch kurze Texte hier sind Geschichten mit Anfang und Ende. Wir machen aus unseren Erfahrungen immerfort Geschichten. Wir meinen Fakten zu erzählen und wollen doch nur deuten. Diese Geschichten halten uns am Leben, sie geben uns Sinn. Manchmal passt wenig zusammen, da bleiben Gedanken vereinzelt, selbst wenn Anfang und Ende der Geschichte wie bei einem Fußballspiel vorgegeben sind.

Ich versuche es trotzdem mal: Der MSV Duisburg hat das letzte Heimspiel gegen den VfL Bochum mit 0:1 verloren, und mir ist nicht ganz klar, welche Schlüsse wir und damit auch die sportlich Verantwortlichen aus  dieser Niederlage ziehen können. Eins ist sicher: Ich bin nicht unzufrieden mit der Entwicklung beim MSV Duisburg. Durch den Verlauf der Hinrunde stellt sich dieses Gefühl aber nicht unmittelbar ein, sondern ich muss es hervorrufen. Zu dieser Zufriedenheit braucht es im Nachgefühl der Niederlage ein wenig den Entschluss. Vor der Saison hatten viele von uns die vorhandenen 30 Punkte und den jetzigen Tabellenstand des MSV Duisburg nicht erwartet.

Wir müssen damit umgehen, dass das Spiel nicht schön anzusehen war.  Die Mannschaft des MSV Duisburg hat im Moment ihren Rhythmus verloren und die Vielfalt ihrer spielerischen Möglichkeiten. Dieses Spiel besteht nicht mehr aus Angriffsversuchen, die sich allmählich aufbauen und im steten Fluss bleiben. Dieses Spiel wirkt stoßweise, egal ob es die wenigen Angriffsversuche über die Flügel sind oder die vielen langen Bälle auf Stefan Maierhofer. Es scheint so, als ob die Mannschaft die Winterpause braucht. Sie muss sich regenerieren. Neue Ideen für das Spiel des MSV Duisburg sind vielleicht nötig.

Die Selbstverständlichkeit und Leichtigkeit des Bemühens ist der Mannschaft abhanden gekommen. So gibt es kaum mehr ein schnelles Kurzpassspiel, weil das Risiko des sofortigen Abspiels vermieden wird. Es ist eine paradoxe Angelegenheit: Anscheinend verhindert die Sorge, dass der Ball nicht ankommt, den notwendigen schnellen Pass. Erst wird der Ball noch ein, zwei Meter zur Sicherheit am Fuß geführt, dann wird abgespielt und in der Zeit sind die ohnehin schon engen Räume für den Pass längst so eng geworden, dass ein Verteidiger mühelos den Ball aufnehmen kann.

Diese Mannschaft besitzt im Moment also nicht mehr die Möglichkeiten aus der Zeit bis vor vier Wochen. Ist dann der so häufig gespielte lange Ball auf Stefan Maierhofer Notlösung oder taktische Vorgabe?  Für mich ist der bei Angriffen inzwischen so häufig erhobene Arm von Stefan Maierhofer ein Symptom der Niederlagen. Ich schreibe es jetzt schon zum dritten Mal. Stefan Maierhofer erhält den Ball ohnehin. Er braucht nichts zu signalisieren. Die Gefahr von Missstimmungen ist einfach zu groß, wenn jemand derart offensichtlich den Ball will und ihn dann nicht bekommt. Da gerät zu schnell etwas aus dem Gleichgewicht.

Dennoch wurden Torchancen mit genau dieser nicht sehr schön anzusehenden Spielweise erspielt. Ins Tor getroffen wurde aber nicht. Welcher Schluss  kann daraus gezogen werden. Ist die Spielweise vom Freitag angesichts des momentanten Leistungsvermögen eine notwendige Taktik? Oder gibt es erfolgreichere taktische Möglichkeiten? Auch Sefa Yilmaz kann sich über den Flügel nicht immer durchsetzen. Wenn er sich am Freitag aber durchsetzte, wurde es sofort im Strafraum gefährlich.  Braucht eine Mannschaft wie der MSV Duisburg den Spielfluss, um die Torchancen auch zu verwerten? Trifft Srdjan Baljak leichter ins Tor, wenn seine Chancen sich aus einer gleichmäßigen Spielbewegung heraus entwickeln und sie nicht aus wuchtigen Einzelangriffen entstehen? Das frühe Attackieren des Gegners brachte stets den Erfolg. Fehlt im Moment dazu die Kraft?

Wenn man erst einmal ins Nachdenken kommt, wird es ganz schnell sehr kompliziert. Im Fußball ist es nämlich wie im richtigen Leben, selbst richtige Entscheidungen führen nicht immer zum Erfolg. Deshalb überlasse ich das mit dem Erkenntnisgewinn jetzt wieder denen, die beim MSV Duisburg in der sportlichen Verantwortung stehen. Sie waren in der Hinrunde mit ihren Entscheidungen erfolgreicher, als es viele erwartet hatten.  Auch ich richte nun meinen Blick auf Mittwoch und suche schon mal die Grundlage für die nächste Geschichte. Der Warnhinweis beim Kartenkauf ist dafür schon mal kein schlechter Anfang. Ich kann also durch die Ordner des Blocks N14 verwiesen werden, wenn ich mich zum MSV bekenne. Mein dreimaliger Jubel mitten im FC-Anhang beim MSV-Auswärtssieg zum Daum-Debut lässt mich solche Warnhinweise aber gelassen lesen. Damals fühlte sich kein Ordner zuständig, und bei diesem Pokalspiel am Mittwoch werde ich außerdem mit Sicherheit nicht der einzige Anhänger des MSV Duisburg im Block N 14 sein.

2 Antworten to “Eine Übung in komplexem Denken”


  1. 1 sp470 20. Dezember 2010 um 15:41

    …ich weiß nur eins: Wir werden den Geißbock bezwingen! Soviel steht fest! NUR DER MSV!

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  2. 2 Kees Jaratz 20. Dezember 2010 um 16:59

    Das hoffe ich doch sehr. Vor wahrscheinlich fast zehntausend Anhängern der Auswärtsmannschaft – ein Gedanke, der mir gefällt.

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