Archiv für Januar 2011

Der Unsinn vom Rückschlag

Manchmal überrasche ich mich doch selbst. Da befürchtete ich vor dem Spiel des MSV Duisburg gegen den TSV 1860 München, nach dem Spiel wäre ich mit dem von mir erhofften Unentschieden dennoch unzufrieden. Stimmt aber gar nicht. Mir langt das 1:1 voll und ganz. Das mag daran liegen, dass ich das Spiel am PC gesehen habe und dabei das Unentschieden dank der Famillje in etwa nachspielen konnte. Beide Tore habe ich nämlich verpasst, weil in den jeweiligen Momenten Frau und Sohn dringender Hilfe bedurften. Das Auswärtsspiel als ausgesprochenes Heim-Spiel birgt manche Ablenkung.

Bis etwa zur 25. Minute war das Spiel ausgeglichen. Danach gelang dem MSV Duisburg kaum mehr etwas Konstruktives nach vorne. Immer öfter musste der lange Pass als Versuch eines Angriffs herhalten. Allerdings war mit der Streuweite selbst ein Kampfsprinter wie Stefan Maierhofer überfordert. Ein paar Steilpässe endeten im Nichts, und die Versuche eines Kurzpassspiels wurden knapp nach der Mittellinie vom TSV 1860 München unterbunden.

Deshalb wirkte der TSV 1860 München immer spielbestimmender,  zunächst noch ohne kontinuierlich Torgefahr auszustrahlen. Aber wenn nahezu jeder Pass in die gegnerische Hälfte fast augenblicklich wieder zurückgespielt wird, dann wissen wir, braucht die verteidigende Mannschaft selbst bei einer sehr guten Abwehrleistung auch viel Glück, um kein Tor hinnehmen zu müssen. Die Führung des TSV 1860 München war nur noch eine Frage der Zeit. Deshalb nahm ich vor der Pause beim kurzzeitigen Verlassen meines Platzes das Gegentor in Gedanken schon einmal vorweg. Ich mag keine unangenehmen Überraschungen. Was ist das Schlimmste, was passieren kann?, frage ich mich. Und wenn ich mir das dann vorstelle und ich sehe, das Leben geht selbst dann in absehbarer Zeit einigermaßen normal weiter, wirkt so ein Rückstand vom MSV Duisburg schon sehr viel verträglicher.

In der zweiten Halbzeit nahm der MSV Duisburg zwar auch im Angriff wieder etwas mehr am Spiel teil. Richtig gefährlich wurde es aber nicht. Die größeren Torchancen hatten die Münchner. Nachdem in der 60. Minute Maurice Exslager, Sefa Yilmaz und wenig später noch Manuel Schäffler eingewechselt wurden, geriet das Spiel des MSV Duisburg noch einmal etwas kraftvoller, aber keineswegs torgefährlicher. Ich begann, mich mit einer Niederlage abzufinden und dann rief mich fünf Minuten vor Spielende mein Sohn. Ich war kurz weg, kam wieder und es stand Unentschieden. Großartig! In diesem Spiel einen Punkt zu gewinnen, das glich einem Sieg.

Auch deshalb ist es völliger Unsinn einen Spielbericht mit der Überschrift „Rückschlag für Duisburg im Aufstiegskampf“ zu betiteln. Diese Überschrift lässt die besonderen Begebenheiten dieses Spieltags außer Acht. Als ich diese Schlagzeile am Samstagabend las, dachte ich sofort auch, hat der Schlagzeilentexter hellseherische Fähigkeiten? Weiß er, wie die anderen Mannschaften spielen? Und siehe da, der FC Energie Cottbus verliert einen Tag später sein Auswärtsspiel beim Karlsruher SC, und wenn sich der FC Augsburg und der VfL Bochum heute Abend Unentschieden trennen sollten, hätte dieser Spieltag nur bei sehr großem Glück besser verlaufen können.

Wer die mitgereisten Fans die Mannschaft unterstützen hörte, erkennt, wie sehr sich dieser Verein MSV Duisburg und sein Umfeld innerhalb kurzer Zeit gewandelt haben. Diese so intensive Unterstützung trägt mit zur Identität des Vereins bei und wirkt auf ein noch zögerndes Fußballpublikum Duisburgs zurück. Zurzeit gehen alle am MSV Interessierten in eine Richtung. Dabei wird es immer schwieriger, das realistische Verhältnis zu den Verheißungen der Zukunft zu finden. Natürlich wird das Halbfinale im DFB-Pokal gegen den FC Energie Cottbus kein Selbstläufer. Die Mannschaft des MSV Duisburg hat sich in den letzten zwei Heimspielen gegen Cottbus schwer getan zu gewinnen. Verloren wurden die Spiele allerdings auch nicht. Wir sind uns einig, diese Auslosung ist die beste aller möglichen Spielpaarungen und ich wünsche mir sehr, Claus-Dieter Wollitz, „Pele“ genannt, ins Schwärmen zu bringen. Über das Spiel des MSV Duisburg und das Duisburger Publikum gleichermaßen.

Losglück lässt „Pele“ Wollitz auf Anerkennung hoffen

Für den Trainer vom FC Energie Cottbus Claus-Dieter Wollitz ging bei der Auslosung des DFB-Pokal-Halbfinales ein Traum in Erfüllung. Endlich dürfen er und seine Mannschaft im Pokalwettbewerb bei einer Gastspiel-Reise ihr Können zeigen. Endlich werden sie in Duisburg vor einem Publikum auftreten, das Fußballkunst zu schätzen weiß. Das wahre Brot des Fußballers ist der Applaus, und den vermisst der „Pele“ genannte Claus-Dieter Wollitz in Cottbus im Moment sehr. Für ihn war es eine schwere Aufgabe beim FC Energie Cottbus etwas Neues aufzubauen, doch zur gesundheitsgefährenden Anstrengung wird sie für Wollitz nur deshalb, weil in Cottbus die von ihm inszenierte DFB-Pokal-Kunst mit den nur etwas über 15.000 Zuschauern im Grunde unter Ausschluss der Öffentlichkeit stattfindet.

Wenn man Claus-Dieter Wollitz für einen akribischen Arbeiter und genialen Taktiker hält, wird er einem nicht gram. Die Lausitzer Bevölkerung aber hat ihn nun zu einem radikalen Vertreter der Publikumsbeschimpfung gemacht. Nach dem Sieg des FC Energie Cottbus im Viertelfinale des DFB-Pokals gegen die TSG Hoffenheim war es für ihn offensichtlich geworden, die  Lausitzer Bevölkerung braucht die Erziehung zum Fußballpublikum durch einen Mann wie ihn. Er und seine Mannschaften haben das Recht, für ihre Leistung wahrgenommen zu werden. Sollten die Lausitzer etwa ihr Glück auf andere Weise finden wollen als durch den Fußball, den er dem FC Energie Cottbus beigebracht hat? Das war unvorstellbar. Manchmal müssen Menschen eben zu ihrem Glück gezwungen werden.

Nun ist er froh, ersteinmal in Duisburg das bisschen Anerkennung, das er braucht, zu finden. Er wollte diese Gastspiel-Reise auf jeden Fall. Sofort nachdem in Cottbus durchgesickert war, dass Daniel Brühl das Halbfinale des DFB-Pokals auslost, lag innerhalb von zwei Stunden die DVD mit den besten Spielszenen Daniel Brühls auf dem Schreibtisch von Wollitz. Obwohl Wollitz sich kurze Zeit später beschwerte, es seien zu wenig Ballkontakte Brühls zu sehen gewesen, kannte er  Stärken und Schwächen des großen Multitalents Daniel Brühl, als er zusammen mit der Mannschaft im TV-Raum des Energie-Trainingszentrums zur Pokalauslosung antrat.

Wie er es seiner Mannschaft vor der Auslosung eingetrichtert hatte, zog Brühl die Lose mit seiner starken linken Hand.  Die Mannschaft setzte sich konzentriert zu Werke, und saß ab dem Moment sofort sicherer, als Daniel Brühl den MSV Duisburg als erstes Team des Halbfinales zog. Nur kein Heimspiel in den ersten fünf Minuten, war die Marschroute von Claus-Dieter Wollitz für seine Mannschaft. Dass es dann in diesen fünf Minuten sofort zum Auswärtsspiel reichen könnte, war die insgeheime Hoffnung des Taktik-Fuchses „Pele“ Wollitz.

Der Gastspiel-Reise nach Duisburg sieht Wollitz mit Vorfreude auf die Zuschauerzahl entgegen. Er wird das Bad in der Menge genießen und betrachtet das Spiel auch als erzieherische Maßnahme für die Bevölkerung in Cottbus. „Ich habe schon mit dem Bürgermeister von Cottbus gesprochen und wir lassen eine kurzfristige Rechtsverordnung zur TV-Pflicht beim Halbfinale prüfen“, so Claus-Dieter Wollitz beim Morgeninterview mit dem Zebrastreifenblog. Wenn alle Lausitzer am Fernsehen das Spiel sehen müssten, werden sie sicher merken, was sie immer verpassten, vermutet Wollitz. Er war sich sicher, dass manch TV-Zuschauer vor dem Fernseher weinen werde, wenn er den FC Energie so „geil“ Fußball spielen sehe. Nächste Saison könnten die Cottbusser dann beweisen, ob sie aus der Lektion etwas gelernt hätten. Claus-Dieter Wollitz verriet, sein alter Freund Peter Neururer hätte ihn schon per SMS beglückwünscht. Sie seien aus demselben Holz geschnitzt, erklärte Wollitz, schließlich habe auch Peter zu seiner Zeit in Duisburg mal den Zuschauern in den Hintern treten müssen, damit sie kommen. Der Peter habe ihm versichert, das habe großartig funktioniert. Ein Wort nur vor dem Spieltag, und das Stadion war voll. Doch Wollitz weiß, in Cottbus ist es noch ein langer Weg, bis seine Worte diese Wirkung haben werden.

Fürs Leben lernen mit Milan Sasic – II –

Wahrscheinlich wäre es einfacher für die Mannschaft des MSV Duisburg heute beim TSV Münschen 1860 eine gute Leistung zu zeigen, wenn die Auslosung des DFB-Pokalhalbfinales nicht erst morgen wäre. Schon wieder ist es ein wenig so wie am letzten Wochenende. Der Alltag in der 2. Liga gerät in Gefahr, nur wie das Vorspiel für das eigentlich wichtige Ereignis zu wirken. Sind die Spieler erst einmal auf dem Platz und hat das Spiel begonnen, wird die Gegenwart das Wichtigste für Sie sein. Doch vorher ist es keine geringe Arbeit, die psychische Energie auf die nächste Aufgabe zu richten. Das weiß Milan Sasic, und deshalb müssen ein paar mehr Worte als sonst auf der gestrigen Pressekonferenz bekunden, wie die Mannschaft aus der Begeisterung über den Pokalsieg heraus in die Konzentration auf das Spiel gegen den TSV 1860 München findet. Dieses Spiel sei eine Prüfung, ob die Mannschaft in der Lage sei, mental und körperlich alle Kräfte zu bündeln. Er hält den TSV 1860 München aus einem besonderen Grund für einen starken Gegner.

Die Erklärung für die derzeitige Stärke des TSV 1860 München gibt uns einmal mehr etwas fürs Leben mit. In München sind die vorhandenen Kräfte nämlich seit kurzer Zeit schon gebündelt und Milan Sasic stellte die rhetorische Frage: „Was bündelt?“ Seine Antwort: „Wir können Geschichte sehen, wir können Beispiele aus Gesellschaft sehen. Da, wo ist schwierig gewesen, wo war alles verbrannt, beispielsweise im Wald, nach einem Brand, wo alles verbrannt, da wächst so schöne junge Bäume, Pflanzen und alles wieder von vorne an.“

In München gab es die bedrohliche finanzielle Situation mit einer großen Krise im Verein, die nun halbwegs überwunden ist. Milan Sasic sieht das Neue wachsen. Vielleicht kommen seine Gedanken nicht von Ungefähr. Ganz so verbrannt wie in München war die Erde in Duisburg nicht. Aber an vielen Stellen des Waldes MSV Duisburg hatte im ersten Halbjahr des letzten Jahres das Feuer schon die Bepflanzung ergriffen und auch hier Platz für das Neue geschaffen. Ich hoffe, wir in Duisburg sind da nun schon ein wenig weiter mit der wieder erstarkten Natur.  So weit, dass ein Punkt in München möglich ist. Wahrscheinlich muss ich mich dennoch wieder selbst überlisten, um mit diesem Punkt zufrieden zu sein. Ich bin im Moment doch etwas unersättlich, was die Erfolge des MSV Duisburg angeht. Zumal die gestrigen Niederlagen vom FSV Frankfurt und vom FC Erzgebirge Aue schon mal sehr zufrieden gestimmt haben.

Zu Beginn der Pressekonferenz äußert sich Milan Sasic übrigens sehr deutlich zu der Behauptung der BILD, er sei nach dem Sieg gegen den 1. FC Kaiserslautern „traurig“ in die Kabine geflohen. Eigentlich hatte er darüber kein Wort verlieren wollen, aber als Martin Haltermann scherzhaft bei der Einleitug zur Pressekonferenz auf Milan Sasics Trauer anspielte, überwog bei Milan Sasich der Wunsch, etwas richtig zu stellen. Wir lernen ihn so noch mehr kennen und sehen, Milan Sasic kann in der Öffentlichkeit sehr charmant ärgerlich sein.

Teil 1 der Pressekonferenz findet sich hier. Zu Teil 2 klickt ihr euch dort weiter.

Alle auf den Zaun, alle auf den Zaun … Alle? Alle!

Großartig! Wunderbar! Lasst mich Bilder sehen! Mehr! Noch mehr! Und Clips! Die Stimmen nach dem Spiel hören. Und noch einmal alles von vorne. Noch immer schmecke ich die Begeisterung des gestrigen Abends. Noch einmal packt mich die Stimmung aus dem Stadion. Noch einmal werden einzelne Momente des gestrigen Abends lebendig. Doch beschreibende Worte für das Spiel gehen mir kaum durch den Kopf. Diese Beschreibung verlangt Distanz zum Geschehen, lässt mich Abstand nehmen von der Freude. Das will ich nicht. Diese Gefühle von gestern sollen mich so lange wie möglich durch den Tag begleiten. Alltag ist so viel öfter als Pokalsiege des MSV Duisburg vor Zuschauern, die alle von Anfang an dazu bereit waren, den Abend zu etwas Besonderem zu machen.

Allerhöchstens werde ich zum Spiel einzelne Sätze raushauen. Sätze, wie ich sie gestern dem Freund ins Ohr gebrüllt habe. Selten habe ich eine derart geschlossene Mannschaftsleistung vom MSV Duisburg gesehen, wo alle Spieler auf gleichermaßen hohem Niveau gespielt haben. Da ragte keiner raus, da fiel keiner ab. Alle auf den Zaun, natürlich! Alle verdienten es auf dem Zaun gemeinsam mit den Fans den Sieg zu feiern. Als die Banner-statt-Werbung-Fankurve  „Alle auf den Zaun“ sang, war das nicht nur die überschwappende Freude den höherklassigen Gegner besiegt zu haben, darin drückte sich auch spontan das Empfinden aus, dass der 1. FC Kaiserslautern durch eine von der Mannschaft gemeinsam erbrachten Leistung besiegt werden konnte.

Diese Mannschaft wirkte wie ein einziger Körper, der immer wieder an unterschiedlichen Stellen jeweils besondere Konturen gewann. Diese Konturen zeigten sich, wenn Olcay Sahan zu einem grandiosen Dribbling ansetzte oder er einmal mehr wieder einem Gegner hintersprintete, um ihn noch zu stellen. Das passierte, wenn Stefan Maierhofer sich selbst, die Mitspieler und immer wieder auch das Publikum mit großer Ausdrucksstärke dazu motivierte, auch noch die allerletzte Kraft  für den Sieg aufzubringen. Das passierte, wenn freie Räume durch Ivica Banovic und Goran Sukalo zugestellt wurden, Bruno Soares und Banimir Bajic die langen Bälle klärten oder Benjamin Kern und Olivier Veigneau sich die steilen Pässe auf die Kaiserslautern Flügel erliefen. Dann wiederum zeigte Julian Koch seinen dynamischen Antritt und Filip Trojan seine begnadete Technik. Diese Konturen zeigten sich natürlich, wenn Benjamin Kern mit Ecken und Freistöße für Gefahr im Kaiserslauterner Strafraum sorgte und als Branimir Bajic und Goran Sukalo die Tore für den MSV Duisburg erzielten.  Und es geschah, als in den letzten zwanzig Minuten David Yelldell sicher hielt, nachdem es den Kaiserlauternern bei ihrem vermehrtem Einsatz gelungen war, zweimal frei aufs Tor des MSV zu schießen. Nicht zuletzt zeigte sich die Konturen nach den Einwechslungen, als Sefa Yilmaz den Kontern des MSV Duisburg die notwendige Schnelligkeit gab und als Ivo Grlic souverän im Mittelfeld den Ball gegen jeden heraneilenden Kaiserslauter Spieler behauptete. Im Basketball nennt man so was, die Zeit klug ausspielen.

Wenn man die besondere Qualität dieses Sieges ganz begreifen will, so muss man sich an die ersten zehn Minuten des Spiels erinnern. In dieser Zeit war zu erkennen, dass der 1. FC Kaiserslautern sehr viel besser spielen kann als die sonstigen Gegner des MSV Duisburg aus der 2. Liga. Der MSV Duisburg hat nach kleineren Anpassungsschwierigkeiten bei den jüngeren Spielern problemlos mitgehalten. Olcay Sahan und Julian Koch etwa mussten sich darauf einstellen, dass ihnen vom Gegner mehr Widerstand entgegengebracht wurde, als sie es sonst gewohnt sind. Da blitzte zu Beginn zwei, dreimal der Olcay Sahan der Vergangenheit auf, wenn er beim Versuch des Dribblings am Gegenspieler abprallte und zu Boden ging. Doch zeigte sich schnell, das bleibt Vergangenheit, es war nur das andere Niveau, an das er sich gewöhnen musste. Und auch Julian Koch musste sich an ein anderes Timing für seine dynamischen Läufe mit dem Ball und der sich anschließenden Spielaktion gewöhnen. Auch das geschah schnell und reibungslos.

Knapp 23.000 Zuschauer waren im Stadion. Eine für Duisburger Verhältnisse zufriedenstellende Kulisse. Es war nicht ausverkauft, weil der MSV Duisburg seine Bedeutung für die Stadt erst wieder zurückgewinnen muss. Der Verein ist seit dieser Saison auf einem guten Weg, und nicht nur wegen der guten Leistungen, die die Mannschaft in dieser Saison zeigt. Dieses Mal wird erst an der Basis gearbeitet, und es werden keine unhaltbaren Versprechungen gemacht. Gute Voraussetzugen, um die Zuschauerzahl dauerhaft zu erhöhen. Dann werden Julian Koch und Stefan Maierhofer wie nach diesem Spiel häufiger von der Kulisse schwärmen können.

Dieser Sieg gegen den 1. FC Kaiserslautern war keine Pokalssensation. Die Mannschaft des MSV Duisburg durfte sich Chancen auf den Sieg ausrechnen. Deshalb schrumpft der Sensationsgehalt der Nachricht dieses Sieges doch erheblich zusammen. Der MSV Duisburg und seine Zuschauer brauchen die Überhöhung dieses Sieges nicht, um sich am Weiterkommen zu begeistern. Außerdem behalte ich mir die Sensation als Ausruf der Begeisterung lieber in der Hinterhand. Der Wettbewerb geht weiter, und ich möchte das Wort doch noch für das Geschehen benutzen, für das es dann passt.

Berlin, Berlin … – Ein kurzes Stück Bekenntnisliteratur

Was heute als eine Art Jahrmarktsbelustigung der Gegenwart in TV-Pseudo-Dokumentationen oder Trash-Talk-Shows dem Vergnügen des Massenpublikums dient, war in den 70ern noch in der Literatur zu finden. Auch damals ging es darum Gefühle, öffentlich zu machen, und jedes Fitzelchen Ich wurde auch ohne allzuviel Handlung als beachtenswert empfunden. Ich! Ich! Ich! Seht her, eine interessante Geschichte stört nur! Damals hatte sich die deutsche Literatur durch stetes Bekennen zur eigenen Befindlichkeit der Autoren in die Langeweile geschrieben. Das fiel den meisten Altersgenossen der Schriftstellerinnen und Schriftsteller aber nicht weiter auf.  Sie waren begierig darauf, von ähnlichen Gemütszuständen und Lebensvorstellungen zu hören, weil sie sich wiedererkennen wollten.

Dieser Wesenszug der damaligen angesagten deutschen Literatur lebt in den Nischenwelten dieser Gesellschaft weiter. Ob Haustierfreund, Esoteriker oder Fußball-Fan, wir alle teilen unsere Gefühle mit. Euch ist klar, dass wir mit unserem Hunger nach Erfahrungsaustausch und unserem Mitteilungsdrang ein Erbe der Bekenntnisliteratur angetreten haben? Da hat das Internet viel für uns Interessengruppen aller Spielarten getan und das Bekennen können demokratisiert.

Deshalb ist mir auch nur ein ganz klein wenig mulmig, wenn ich heute ganz tief in mein Innerstes blicken lasse. Nichts anderes als ein Teil von diesem Innersten ist ja ein Traum. Aber ich weiß mich von gleichgesinnten Lesern angeklickt, und außerdem beginnt in wenigen Stunden in Duisburg das Viertelfinale des DFB-Pokals. Ich glaube, besonders aus diesem Grund könnte euch diese doch sehr private Begebenheit in Maßen unterhalten.

Vorletzte Nacht schickte mich nämlich ein Traum nach Berlin. Zu meiner Überraschung befand ich mich dort auf dem Oberdeck von einem Touristenbus. Während der Bus langsam durch eine Straße fuhr, stand ich im Mittelgang, sah mich um und rätselte, warum ich dort stand und wie ich dorthin gekommen war. Ich fragte mich, wieso ich nach dem x-ten Berlin-Aufenthalt noch eine Stadtrundfahrt machte und mich nicht wie üblich bei dem Freund einquartiert hatte. Währenddessen bemerkte ich auf den Bürgersteigen immer wieder Gruppen von MSV-Fans. Fahnen wurden geschwenkt – eine Stimmung wie vor einem Spiel. Mir kam es aber nicht in den Sinn, dass diese Fans tatsächlich wegen eines Fußballspiels in Berlin hätten sein können. Von jetzt auf gleich waren dann sämtliche Blau-Weißen im Stadtbild verschwunden. Der Bus fuhr weiter, und plötzlich bemerkte ich vorne im Bus einen großen Fernseher oder eine Leinwand. Es wurde ein Fußballspiel gezeigt. Zu meinem Entsetzen erkannte ich den MSV, der im ausverkauften Berliner Olympiastadion spielte. Mir war sofort klar, es findet das Endspiel des DFB-Pokals statt. Fassungslos fragte ich mich, wie mir das hatte passieren können, vom Halbfinale (!) nichts mitbekommen zu haben. Wie war der MSV ins Finale gekommen? Mich durchdrang das Gefühl, einen großen Fehler begangen zu haben. Ich wusste allerdings nicht, worin dieser Fehler bestanden hatte. Ich haderte mit meinem Schicksal und konnte mich nur ganz allmählich beruhigen. Obwohl ich  sah, dass der MSV 1:0 führte, war ich unglücklich. Der Bus fuhr weiter, und ich konnte mich gar nicht richtig auf die TV-Übertragung vom Spiel einlassen. Unbeteiligt sah ich eine wunderbare Kombination des MSV Duisburg über mehrere Stationen, die zu meinem großen Erstaunen Michael Zeyer (!) zum zweiten Tor des MSV abschloss. Aber in einem Traum wirkt auch ein Spieler der 90er Jahre in einer Mannschaft der Gegenwart ganz bald normal. Selbst das Tor holte mich nicht aus meinem düsteren Gefühl heraus. Immer noch fand ich keine Antwort auf die Frage, wie es sein konnte, jeglichen Fußball nach dem Viertelfinalspiel gegen den 1. FC Kaiserlautern einfach verpasst zu haben. Dann war das Endspiel tatsächlich mit einem 2:0-Sieg des MSV Duisburg zu Ende. Auf dem Oberdeck holten die meisten der Menschen blau-weiße Schals und kleine Fahnen hervor. Sie zogen ihre Jacken aus und zeigten ihre Zebra-Trikots. In dem Moment gab ich mir einen Ruck und begann mitzufeiern.

Ein ganz klein wenig mulmig war mir, weil meine Gefühle in dem Traum doch sehr selbstbezogen wirken. Der so einmalige Pokalgewinn des MSV Duisburg rückte nicht in den Mittelpunkt des Traums. Mich beeinträchtigte es zu sehr, nicht im Stadion dabei gewesen zu sein. Dabei war es einer dieser Träume, der sich völlig wahr angefühlt hat. Dieser Pokalgewinn des MSV war die Wirklichkeit – auch noch am Tag nach der Nacht. Ich meine einmal gelesen zu haben, dass Hirnforscher anhand der beobachteten Hirnaktivität nicht entscheiden können, ob jemand die Wirklichkeit wahrnimmt oder nur träumt. Wenn das falsch sein sollte, korrigiert mich bitte. Wenn das stimmt, dann hat der MSV nach dieser Nacht schon einmal den DFB-Pokal gewonnen. Ich hoffe morgen auf den Sieg gegen den 1. FC Kaiserslautern, damit das ein zweites Mal passieren kann, und außerdem bitte ich euch, mich nach der Auslosung am Sonntag an den Kartenkauf für das Halbfinale zu erinnern.

Unberechenbare Gefühle

Als ich am späten Freitagnachmittag auf der A 59 die Hochbrücke in der Nähe des Stadions überfuhr, passte es gar nicht zu meiner leichten Unruhe, an der Abfahrt zum Stadion einfach vorbeizufahren. Den eigentlichen Ort für diese Art leichter Unruhe musste ich rechter Hand unbesucht liegen lassen. Wann immer ich in dieser Stimmung in Duisburg unterwegs bin, reise ich eigentlich zu einem Heimspiel des MSV an.  Stattdessen war ich zu einem Termin in Hamborn unterwegs.

Das Auswärtsspiel des MSV Duisburg gegen den FC Ingolstadt kam mir also ungelegen. Ein Heimspiel nur hätte mich vom Pokalspiel am Mittwoch abgelenkt. So sehr ich mich auch bemühte, die von Milan Sasic als gefährlich beschriebenen „langen Schritte“ zu vermeiden, sobald ich an das Spiel in Ingolstadt dachte, dachte ich gleichzeitig auch, zuerst das Spiel heute, dann das Spiel am Mittwoch. Ich wiederhole mich, man kann sich nicht vornehmen, nicht an etwas zu denken. Gefühle stellen sich zu den Gedanken dann zusätzlich ein, ohne dass wir das fürs erste kontrollieren können. In der Mahnung vor dem Spiel gegen Ingolstadt, sich auf das Heute zu konzentrieren, verkleidet sich nur die Vorfreude auf das Pokalviertelfinale gegen den 1. FC Kaiserslautern am nächsten Mittwoch. Auch wenn ich es noch so gerne wollte, ich konnte nicht so tun, als habe dieses Spiel noch keine Bedeutung. Mit dieser Bedeutung mussten auch Milan Sasic und die Spieler des MSV Duisburg umgehen.

So überlegte ich vor mich hin und meinte mit einem Unentschieden in Ingolstadt trotz des so unterschiedlichen Tabellenstandes beider Mannschaften eigentlich zufrieden sein zu können. Schließlich war in jedem von mir gesehenen Spiel des MSV gegen Ingolstadt die zunächst gute Spielanlage dieser Mannschaft zu erkennen gewesen. Zudem vermutete ich in Ingolstadt so was wie Aufbruchstimmung nach der Winterpause angesichts der doch namhaften Spielerverpflichtungen. Dazu das in den Spielerköpfen vielleicht nicht dauerhaft auszublendende Pokalspiel …

Dennoch hörte ich in der ersten halben Stunde des Spiels hoffnungsfroh stimmende Worte von Marco Röhling bei Radio DU. Dann begann die Veranstaltung in Hamborn, und das Ergebnis des Spiels bekam ich um 22 Uhr in den Nachrichten serviert. Doch anstatt zufrieden zu sein mit dem, was ich erwartet hatte, war ich enttäuscht, dass es keine drei Punkte für den MSV geworden sind. Gefühle sind unberechenbar. Die Enttäuschung verringerte sich auch nur geringfügig, als ich mir den Verlauf des Spiels lesend erschloss. Große Unterschiede in der Bewertung ließ das Spiel nicht zu. Da erzählt Der Lautsprecher Blog aus Ingolstädter Sicht keine andere Geschichte des Unentschiedens als Kicker, Der Westen oder RevierSport . Auch die  Fans im MSVPortal liegen bei der Beschreibung des Spielverlaufs auf dieser bekannten Linie. Sie schwanken allerdings ebenfalls zwischen Entäuschung und Zufriedenheit.

Ich las also, die erste Halbzeit war ganz in Ordnung, in der zweiten Halbzeit gegen stärkere Ingolstädter wurde zu wenig für den Sieg getan. Nach und nach ließ die Mannschaft des MSV zu viele Chancen zu. Dennoch fällt nur ein halb zufälliges Tor der Ingolstädter und der verdiente Ausgleich erfolgt durch Olcay Sahan nach ernstem Aufbäumen gegen die Niederlage.

Gefühle sind einfach unberechenbar. Ich wollte mit dem Unentschieden zufrieden sein. Ich sagte es mir immer wieder vor, doch nutzte das nichts. Mich enttäuschte das Ergebnis. Aber nicht weil ich von der Mannschaft mehr erwartet hätte, sondern weil es für mich zunehmend schwieriger wird, nur das nächste Spiel im Auge zu haben. Die ersten zwei Plätze der Tabelle winken mir immer verführerischer zu, betören mich und lassen mich an aufregende Abenteuer in naher Zukunft denken. Die Hoffnung auf das Unaussprechliche auszubalancieren, verlangt immer aufwändigere Gedankenarbeit.

Wenn es mir schon so geht, wie muss es dann in den Köpfen der Spieler aussehen? Ich muss ja nicht mal Fußball spielen, ich muss ihn mir nur ansehen. Aber vielleicht haben sie es ja sogar einfacher. Sie können handeln, indem sie gut Fußball spielen. Trotzdem gilt, je länger ein Wettbewerb andauert, desto entscheidender wird die psychische Stabilität der Mannschaft. Deshalb stimmt mich auch gerade dieser Ausgleich hoffnungsfroh. Wer wie in Ingolstadt so spät im Spiel noch an sich glaubt, kann viel erreichen in dieser Saison. In dieser Woche aber halte ich es erst einmal für gut, dass es im Pokalwettbewerb am Mittwoch keine Frage ist, woran wir alle, egal ob Spieler, Trainer oder Fans denken. Da fallen langfristige und kurzfristige Ziele zusammen. Da gibt es nichts auszubalancieren, da heißt es nur, ohne Sieg gibt es kein Weiterkommen. Auf diesen Sieg dürfen wir deshalb alle hoffen,  sofort und ohne Abstriche. Das Unaussprechliche nehmen wir dann später wieder ganz vorsichtig in den Blick.

Schlachtenbummler werden – Die 50er Jahre

Renate K.-K. (*1934)
Vom MSV habe ich das erst Mal gehört, als ich bei Dislich angefangen habe zu arbeiten. Da war ich Anfang 20. Irgendwann habe ich mitbekommen, dass mein Chef Vorsitzender des MSV war. Da wusste ich aber noch gar nicht, was das bedeutet. Den MSV habe ich mir dann erst so vorgestellt, wie die Mannschaft, die wir zu Hause vom Schlafzimmerfenster aus immer sehen konnten, Wacker Meiderich, Männer, die Fußball spielten mit einem Trikot an. Ich hatte ja keine Ahnung, dass es überhaupt Unterschiede in den Spielklassen gab. Weder mein Vater noch sonst einer in der Familie hat sich ja für Fußball interessiert.
Ich habe dagegen mir schon mal öfter vom Fenster aus Spiele von Wacker angeguckt. Das hat mich interessiert. Dann bin ich auch schon mal runter zum Platz gegangen. Ich kannte ja auch einige, die da gespielt haben, aber so richtig begeistert hat mich das nicht. Beim MSV wurde das dann anders. Die haben natürlich auch viel höher gespielt. Wacker, ich schätze mal das war Kreisklasse damals, höher auf keinen Fall, das war nicht schön anzusehen. Ich bin dann auch meist schnell wieder weggegangen. Beim MSV konntest du ja wirklich sehen, wie Fußball gespielt wurde. Das durftest du den Wackeranern aber nicht sagen. Da waren die beleidigt. Aber einen tollen Torwart hatten die, der hat gut gehalten. So viel ich weiß, ist der nachher zu 06 gegangen, Meiderich 06. Das mit Wacker, das muss direkt nach dem Krieg gewesen sein. Der Platz musste da erst von den Trümmern geräumt werden, und dann ist der erst wieder bespielbar gewesen.
Mit dem MSV dann, da bin ich dann mehr oder weniger rein gewachsen. Zu der Zeit war der Herr Kempkes, einer der Chefs von Dislich, erster Vorsitzende vom MSV. Und der hat dann oft über den MSV geredet oder wir haben schon mal Sachen geschrieben, welche Reporter dann zu dem Spiel kamen und wer nach einem Interview fragte. Montags kamen auch oft die Spieler zum Betrieb. Die kamen ins Büro und wir haben mit denen geredet. Es gab Kollegen bei Dislich, die waren auch sehr engagiert beim MSV. Zwei davon hatten die Kasse, die waren die Kassierer. Und dadurch bin ich da reingerutscht. Bevor ich das erste Mal im Stadion war, habe ich das Drumherum kennen gelernt. Die Spieler haben sich mit uns dann unterhalten und letztlich wollten die ja zu Herrn Kempkes. Die Spieler haben ja damals, so wie ich das mitbekommen habe, überhaupt kein Geld gekriegt. Und dann haben die wahrscheinlich Sachen, die Dislich verkauft hat, gekriegt. Wir hatten damals Tonerdeschmelzzement, der unheimlich schnell gebunden war. Den musste man sofort verarbeiten. Und teilweise hatten die ja schon Häuser. Fliesen, Dachziegel normale Platten, alles hatten wir ja. Nachher als ich dann älter war und wusste, wie das alles so lief, da ist mir das dann alles erst zu Bewusstsein gekommen.
Ich habe dann mal einen der Kassierer gefragt, ob man denn einfach so zum Platz gehen könnte. Nee, haben die gesagt, da kannst du nicht einfach so hingehen, da musst du schon Eintritt bezahlen. Ach so, sage ich, ich wollte mal mit meinem Cousin dahin. Der war damals zehn oder zwölf Jahre. Ja, und dann habe ich die Karten immer gekriegt, und wir sind dahin gegangen und haben dann auch immer Tribüne gesessen.
Wir sind von Berg aus gelaufen. Vohwinkelstraße entlang, von-der-Mark-Straße und dann Westender Straße. Vom Meidericher Bahnhof aus wurde es Richtung Stadion immer voller. Das war so, wie wenn ich zur Beecker Kirmes gegangen bin. Wenn ich da von weitem die Kirmesmusik gehört habe, da wurde ich auch immer so nervös, und so nervös wurde ich dann auch, wenn da die ganzen Leute kamen, die dann auch zum Platz wollten. Da wurde ich auch total rabbelig. Vor dem Spiel war dann immer so eine aufgeladene Stimmung. Die Leute sind erregt und haben Freude das Spiel zu sehen und wünschen natürlich, dass der MSV gewinnt. Diese Atmosphäre spürt man. Und wenn die Spieler aufliefen, war die Stimmung schon da.
Das war schön, das muss ich schon sagen. Wir haben dann da gesessen und unten in den vorderen Reihen saß manchmal Kurt Brumme. Den habe ich richtig angehimmelt. Der hatte ja so eine schöne Stimme, so dunkel. Der war nicht bei jedem Spiel, die anderen Reporter haben mich nicht interessiert. Da habe ich auch noch das Bild im Kopf, der Herr Kempkes, das war ein relativ kleiner Mann, und der Kurt Brumme hat den interviewt. Dieser Größenunterschied. Kurt Brumme war ja so ein großer Mann.
Teilweise sind wir auch zu Auswärtsspielen gefahren. Da kann ich mich erinnern, da bin ich mit Kollegen von Vollmer drüben, von dem Kalksandstein-Werk, los. Der zweite Chef, der Herr Dislich, hatte ja auch das Kalksandstein-Werk. Da bin ich mit den zwei Kollegen auf Schalke gewesen. Ich muss sagen, ich hatte ja nur die MSV-Brille auf, und ich wusste nicht, dass Schalke auch blau-weiß war. Und wir stehen zwischen blau-weißen Leuten und ich denke, das sind alles MSV-Anhänger. Und wie ich so war, ich konnte mich nie zurückhalten. Ich war ja wütend, wenn die Spieler gefoult wurden und der Schiedsrichter nicht gepfiffen hat. Als ich das erste Mal da auf die Barrikaden ging, habe ich mich gewundert. Weil ich mich alleine so aufgeregt hatte. Und als das dann das zweite Mal passierte, dann kamen die Kollegen und sagten leise: „Renate, halte bitte deinen Mund, wir stehen mitten im Schalke-Klub.“ Dann habe ich mich dann doch zurück gehalten. Wenn die zwei kräftigen Männer schon Angst hatten, was zu sagen.

Nur der Vollständigkeit halber: Beim Gegenrecherchieren der Fakten bin ich auf einen Fehler in dem Buch „Im Revier der Zebras“ von Gerd Dembowski, Dirk Piesczek und Jörg Riederer gestoßen. In dem Buch wird auf Seite 330 in der Liste der Präsidenten des MSV Duisburg der oben erwähnte Hans Kempkes als Hans Kempers geführt für die Jahre 1949 bis 1955.

Und ab ins Fan-Gedächtnis.

Für das Leben lernen mit Milan Sasic

Milan Sasic spricht in einer oft bildhaften Sprache, in deren Grammatik die Muttersprache Kroatisch natürlich weiterhin Spuren hinterlässt. Ich höre ihm gerne zu, zumal sein trockener Humor immer für einen Lacher gut ist. Auf der Pressekonferenz vor dem Freitagsspiel gegen den FC Ingolstadt kam auch der Einfluss des DFB-Pokalspiels in der nächsten Woche zur Sprache. Die Haltung Milan Sasics ist nicht weiter überraschend. Natürlich denkt er erst einmal nur an das Punktespiel und versucht die Mannschaft darauf zu fokussieren. Eins nach dem anderen wäre das Rezept eines jeden Fußballtrainers, doch für die alte Lebensweisheit findet Milan Sasic ungleich farbigere Worte. Ich weiß immer besser, warum der Mann sehr gut ins Ruhrgebiet passt:  „Alle die, was übersprungen nächste Aufgabe, da machen die lange Schritt. Und die was versuchen mit lange Schritte zu marschieren, die fallen auf die Fresse  richtig, und dat tut weh.“  Die gesamte Pressekonferenz lässt sich hier anschauen.

Der Zebra-Twist in der djäzz-Allstar-Version

Welches Ende die Geschichte um die drohende Schließung des djäzz in Duisburg nimmt, ist noch offen. Ob es tatsächlich die erhoffte Unterstützung von Seiten der Stadt Duisburg bei der Suche nach einem neuen Standort für das Lokal gibt, vermag ich nicht zu beurteilen. Dazu bin ich ich mit der lokalen Politik und deren Interessen nicht vertraut genug. Dass die endgültige Schließung ein Verlust für die Duisburger Kulturszene wäre, dazu hat, wie ebenfalls schon gestern erwähnt, Trainer Baade die passenden Worte geschrieben. Der folgende Clip zeigt zudem, dass auch der MSV Duisburg im städtischen Kulturleben an einem Ort weniger präsent wäre.

Der Dank für den Link-Hinweis geht ins MSVPortal an „The Torch“.

Eine Fan-Choreo und die Kultur in Duisburg

Am Sonntag, vor dem Spiel des MSV Duisburg gegen den VfL Osnabrück,  erinnerte eine aufwändige Fan-Choreo wieder an das kreative Potential, das in der Duisburger Fan-Szene  vorhanden ist.  Wer sich ein Bild vom Geschehen auf der KöPi-Tribüne machen möchte, findet bei der Fotografin Gabriele Petrick  ein Foto neben anderen Fotos vom Spiel.  Es folgt hier außerdem ein Bewegtbild, von der Seite aufgenommen und deshalb nicht ganz klar in den Konturen des Motivs:

Schon einmal stieß  eine Fan-Choreo bei mir Gedanken an über die Menschen in Duisburg und das, was sie sind und können. Es fühlt sich an, als sei das Ewigkeiten her. Dabei war es vor nicht einmal einem Jahr, in der letzten Saison nach dem Spiel gegen Rot-Weiß Oberhausen, als die originelle Kritik an Walter Hellmich vom Verein aus der Öffentlichkeit herausgehalten wurde, und die Berichterstattung über die Fan-Choreo in den lokalen Medien nur schleppend in Gang kam. Heute stellt der Verein seinen Dank an die Fans auf die eigene Seite, und es scheint im Moment unvorstellbar, dass das Gefühl von Gemeinsamkeit zwischen Fans, Spielern und Verantwortlichen je einmal wieder verschwinden könnte. Selbstverständlich trägt der Erfolg der Mannschaft zu dieser Stimmung in Duisburg erheblich bei, und es bleibt abzuwarten, ob dieses Wir-Gefühl sich auf Dauer festigt.

So ein Engagement von Fans kann über das Stadion hinaus wirken in das öffentliche Bild von der Stadt Duisburg hinein. Es geht dabei um Identität, um das Selbstbild von Menschen und um die Vorstellungen, die sich die Menschen von dem Ort machen, an dem sie leben. Denn es geht bei diesem Engagement von Fans auch um Kultur. Nichts anderes als bodenständige Kultur, als Kultur von unten ist die Gestaltung und Fertigung solch einer großen Choreo. Nun gibt es mit einer Schriftbandaktion bei diesem Spiel noch einen anderen Bogen hin zu einer etwas etablierteren Kultur.  Trainer Baade hat den Banner „We  love djäzz. Kulturstätten erhalten“ auf einem Foto entdeckt, und der Banner war für ihn ein Anlass, sich interessante Gedanken zu machen – über das Publikum des MSV Duisburg, über das Kulturangebot in Duisburg und über die drohende Schließung des djäzz, dem rührigen Veranstaltungsort für unterschiedliche Live-Musik-Angebote.

Die Worte des Trainers sind die eines Fürsprechers der freien Kulturszene. Überall in der Welt gibt es das gespannte Verhältnis einer freien Kulturszene  zu den Kommunen und Institutionen. Im Ruhrgebiet erhält dieses gespannte Verhältnis eine besondere Note, weil das alte Bild der Kulturlosigkeit der Region neu belebt werden kann. Das Selbstbild der einzelnen Stadt steht in einem solchen Moment grundsätzlich auf dem Prüfstand. Auch für Trainer Baade fügt sich die Schließung des Lokals in das Bild einer Stadt, in der Kultur zu wenig Beachtung findet. Von außen betrachtet stelle ich aber eine Entwicklung hin zu mehr Kultur fest. Wenn ich in Duisburg Menschen meines Milieus begegne, gibt es in deren Leben so viel mehr Kultur im weitesten Sinn als Anfang der 80er Jahre in der Generation unserer Eltern – auch innerhalb Duisburgs, was meiner Meinung nach aber gar nicht unbedingt notwendig ist. Dasselbe gilt für unsere Kinder. Soziale Fragen lasse ich dabei für heute außer Acht. Von außen betrachtet spräche ich auch lieber nur von der Region Ruhrgebiet. Damit wird aber auch die Frage einer Ruhrgebiets-Identät berührt.

Paradoxerweise ist ein kritischer Text wie der von Trainer Baade einerseits Zeugnis des Wandels – Kultur wird in der Stadt für bedeutsam gehalten -, andererseits ist er natürlich gleichzeitig Zeugnis für die Zerbrechlichkeit dieses Kulturverständnisses. Hochkultur wird im Ruhrgebiet seit Jahren gefördert, um den Strukturwandel zu begünstigen, und das gerade zu Ende gegangene Jahr der Kulturhauptstadt war auch eine Imagekampagne für den Wirtschaftsstandort Ruhrgebiet. Hochqualifizierte Arbeitskräfte wünschen eben ihrem Status entsprechende Freizeitangebote. Diesen Zweck von Kultur halte ich nicht für verwerflich. Dieser Zweckgedanke Hochkultur alleine verändert nur nicht das öffentliche Bild der Region. Dieses Bild verändert sich erst, wenn die Bewohner dieser Region ihr eigenes Wirken als gemeinschaftliche Kultur begreifen und nicht als vereinzeltes Arbeiten an irgendeinem Projekt. Eine Kultur von unten, wie sie am Sonntag auf den Zuschauerrängen beim MSV Duisburg zu sehen war, ist die Basis jeglicher Hochkultur und solche Kultur von unten habe ich in den letzten Jahren immer wieder wahrgenommen. Das vergeht nicht mehr. Das ist inzwischen auch das Ruhrgebiet.


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