Unberechenbare Gefühle

Als ich am späten Freitagnachmittag auf der A 59 die Hochbrücke in der Nähe des Stadions überfuhr, passte es gar nicht zu meiner leichten Unruhe, an der Abfahrt zum Stadion einfach vorbeizufahren. Den eigentlichen Ort für diese Art leichter Unruhe musste ich rechter Hand unbesucht liegen lassen. Wann immer ich in dieser Stimmung in Duisburg unterwegs bin, reise ich eigentlich zu einem Heimspiel des MSV an.  Stattdessen war ich zu einem Termin in Hamborn unterwegs.

Das Auswärtsspiel des MSV Duisburg gegen den FC Ingolstadt kam mir also ungelegen. Ein Heimspiel nur hätte mich vom Pokalspiel am Mittwoch abgelenkt. So sehr ich mich auch bemühte, die von Milan Sasic als gefährlich beschriebenen „langen Schritte“ zu vermeiden, sobald ich an das Spiel in Ingolstadt dachte, dachte ich gleichzeitig auch, zuerst das Spiel heute, dann das Spiel am Mittwoch. Ich wiederhole mich, man kann sich nicht vornehmen, nicht an etwas zu denken. Gefühle stellen sich zu den Gedanken dann zusätzlich ein, ohne dass wir das fürs erste kontrollieren können. In der Mahnung vor dem Spiel gegen Ingolstadt, sich auf das Heute zu konzentrieren, verkleidet sich nur die Vorfreude auf das Pokalviertelfinale gegen den 1. FC Kaiserslautern am nächsten Mittwoch. Auch wenn ich es noch so gerne wollte, ich konnte nicht so tun, als habe dieses Spiel noch keine Bedeutung. Mit dieser Bedeutung mussten auch Milan Sasic und die Spieler des MSV Duisburg umgehen.

So überlegte ich vor mich hin und meinte mit einem Unentschieden in Ingolstadt trotz des so unterschiedlichen Tabellenstandes beider Mannschaften eigentlich zufrieden sein zu können. Schließlich war in jedem von mir gesehenen Spiel des MSV gegen Ingolstadt die zunächst gute Spielanlage dieser Mannschaft zu erkennen gewesen. Zudem vermutete ich in Ingolstadt so was wie Aufbruchstimmung nach der Winterpause angesichts der doch namhaften Spielerverpflichtungen. Dazu das in den Spielerköpfen vielleicht nicht dauerhaft auszublendende Pokalspiel …

Dennoch hörte ich in der ersten halben Stunde des Spiels hoffnungsfroh stimmende Worte von Marco Röhling bei Radio DU. Dann begann die Veranstaltung in Hamborn, und das Ergebnis des Spiels bekam ich um 22 Uhr in den Nachrichten serviert. Doch anstatt zufrieden zu sein mit dem, was ich erwartet hatte, war ich enttäuscht, dass es keine drei Punkte für den MSV geworden sind. Gefühle sind unberechenbar. Die Enttäuschung verringerte sich auch nur geringfügig, als ich mir den Verlauf des Spiels lesend erschloss. Große Unterschiede in der Bewertung ließ das Spiel nicht zu. Da erzählt Der Lautsprecher Blog aus Ingolstädter Sicht keine andere Geschichte des Unentschiedens als Kicker, Der Westen oder RevierSport . Auch die  Fans im MSVPortal liegen bei der Beschreibung des Spielverlaufs auf dieser bekannten Linie. Sie schwanken allerdings ebenfalls zwischen Entäuschung und Zufriedenheit.

Ich las also, die erste Halbzeit war ganz in Ordnung, in der zweiten Halbzeit gegen stärkere Ingolstädter wurde zu wenig für den Sieg getan. Nach und nach ließ die Mannschaft des MSV zu viele Chancen zu. Dennoch fällt nur ein halb zufälliges Tor der Ingolstädter und der verdiente Ausgleich erfolgt durch Olcay Sahan nach ernstem Aufbäumen gegen die Niederlage.

Gefühle sind einfach unberechenbar. Ich wollte mit dem Unentschieden zufrieden sein. Ich sagte es mir immer wieder vor, doch nutzte das nichts. Mich enttäuschte das Ergebnis. Aber nicht weil ich von der Mannschaft mehr erwartet hätte, sondern weil es für mich zunehmend schwieriger wird, nur das nächste Spiel im Auge zu haben. Die ersten zwei Plätze der Tabelle winken mir immer verführerischer zu, betören mich und lassen mich an aufregende Abenteuer in naher Zukunft denken. Die Hoffnung auf das Unaussprechliche auszubalancieren, verlangt immer aufwändigere Gedankenarbeit.

Wenn es mir schon so geht, wie muss es dann in den Köpfen der Spieler aussehen? Ich muss ja nicht mal Fußball spielen, ich muss ihn mir nur ansehen. Aber vielleicht haben sie es ja sogar einfacher. Sie können handeln, indem sie gut Fußball spielen. Trotzdem gilt, je länger ein Wettbewerb andauert, desto entscheidender wird die psychische Stabilität der Mannschaft. Deshalb stimmt mich auch gerade dieser Ausgleich hoffnungsfroh. Wer wie in Ingolstadt so spät im Spiel noch an sich glaubt, kann viel erreichen in dieser Saison. In dieser Woche aber halte ich es erst einmal für gut, dass es im Pokalwettbewerb am Mittwoch keine Frage ist, woran wir alle, egal ob Spieler, Trainer oder Fans denken. Da fallen langfristige und kurzfristige Ziele zusammen. Da gibt es nichts auszubalancieren, da heißt es nur, ohne Sieg gibt es kein Weiterkommen. Auf diesen Sieg dürfen wir deshalb alle hoffen,  sofort und ohne Abstriche. Das Unaussprechliche nehmen wir dann später wieder ganz vorsichtig in den Blick.

0 Antworten to “Unberechenbare Gefühle”



  1. Kommentar verfassen

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s

This site uses Akismet to reduce spam. Learn how your comment data is processed.




JETZT IM BUCHHANDEL
Die berührende, oft komische und tief emotionale Geschichte über ein Leben in Duisburg mit dem MSV

Kees Jaratz im Buchhandel

Die Seite zum Buch

Statt 14,95 € nur noch 8,90 €
Hier bestellen

Hier geht es zum Fangedächtnis

Kees Jaratz bei Twitter

Sponsored

Bloglisten


%d Bloggern gefällt das: