Alle auf den Zaun, alle auf den Zaun … Alle? Alle!

Großartig! Wunderbar! Lasst mich Bilder sehen! Mehr! Noch mehr! Und Clips! Die Stimmen nach dem Spiel hören. Und noch einmal alles von vorne. Noch immer schmecke ich die Begeisterung des gestrigen Abends. Noch einmal packt mich die Stimmung aus dem Stadion. Noch einmal werden einzelne Momente des gestrigen Abends lebendig. Doch beschreibende Worte für das Spiel gehen mir kaum durch den Kopf. Diese Beschreibung verlangt Distanz zum Geschehen, lässt mich Abstand nehmen von der Freude. Das will ich nicht. Diese Gefühle von gestern sollen mich so lange wie möglich durch den Tag begleiten. Alltag ist so viel öfter als Pokalsiege des MSV Duisburg vor Zuschauern, die alle von Anfang an dazu bereit waren, den Abend zu etwas Besonderem zu machen.

Allerhöchstens werde ich zum Spiel einzelne Sätze raushauen. Sätze, wie ich sie gestern dem Freund ins Ohr gebrüllt habe. Selten habe ich eine derart geschlossene Mannschaftsleistung vom MSV Duisburg gesehen, wo alle Spieler auf gleichermaßen hohem Niveau gespielt haben. Da ragte keiner raus, da fiel keiner ab. Alle auf den Zaun, natürlich! Alle verdienten es auf dem Zaun gemeinsam mit den Fans den Sieg zu feiern. Als die Banner-statt-Werbung-Fankurve  „Alle auf den Zaun“ sang, war das nicht nur die überschwappende Freude den höherklassigen Gegner besiegt zu haben, darin drückte sich auch spontan das Empfinden aus, dass der 1. FC Kaiserslautern durch eine von der Mannschaft gemeinsam erbrachten Leistung besiegt werden konnte.

Diese Mannschaft wirkte wie ein einziger Körper, der immer wieder an unterschiedlichen Stellen jeweils besondere Konturen gewann. Diese Konturen zeigten sich, wenn Olcay Sahan zu einem grandiosen Dribbling ansetzte oder er einmal mehr wieder einem Gegner hintersprintete, um ihn noch zu stellen. Das passierte, wenn Stefan Maierhofer sich selbst, die Mitspieler und immer wieder auch das Publikum mit großer Ausdrucksstärke dazu motivierte, auch noch die allerletzte Kraft  für den Sieg aufzubringen. Das passierte, wenn freie Räume durch Ivica Banovic und Goran Sukalo zugestellt wurden, Bruno Soares und Banimir Bajic die langen Bälle klärten oder Benjamin Kern und Olivier Veigneau sich die steilen Pässe auf die Kaiserslautern Flügel erliefen. Dann wiederum zeigte Julian Koch seinen dynamischen Antritt und Filip Trojan seine begnadete Technik. Diese Konturen zeigten sich natürlich, wenn Benjamin Kern mit Ecken und Freistöße für Gefahr im Kaiserslauterner Strafraum sorgte und als Branimir Bajic und Goran Sukalo die Tore für den MSV Duisburg erzielten.  Und es geschah, als in den letzten zwanzig Minuten David Yelldell sicher hielt, nachdem es den Kaiserlauternern bei ihrem vermehrtem Einsatz gelungen war, zweimal frei aufs Tor des MSV zu schießen. Nicht zuletzt zeigte sich die Konturen nach den Einwechslungen, als Sefa Yilmaz den Kontern des MSV Duisburg die notwendige Schnelligkeit gab und als Ivo Grlic souverän im Mittelfeld den Ball gegen jeden heraneilenden Kaiserslauter Spieler behauptete. Im Basketball nennt man so was, die Zeit klug ausspielen.

Wenn man die besondere Qualität dieses Sieges ganz begreifen will, so muss man sich an die ersten zehn Minuten des Spiels erinnern. In dieser Zeit war zu erkennen, dass der 1. FC Kaiserslautern sehr viel besser spielen kann als die sonstigen Gegner des MSV Duisburg aus der 2. Liga. Der MSV Duisburg hat nach kleineren Anpassungsschwierigkeiten bei den jüngeren Spielern problemlos mitgehalten. Olcay Sahan und Julian Koch etwa mussten sich darauf einstellen, dass ihnen vom Gegner mehr Widerstand entgegengebracht wurde, als sie es sonst gewohnt sind. Da blitzte zu Beginn zwei, dreimal der Olcay Sahan der Vergangenheit auf, wenn er beim Versuch des Dribblings am Gegenspieler abprallte und zu Boden ging. Doch zeigte sich schnell, das bleibt Vergangenheit, es war nur das andere Niveau, an das er sich gewöhnen musste. Und auch Julian Koch musste sich an ein anderes Timing für seine dynamischen Läufe mit dem Ball und der sich anschließenden Spielaktion gewöhnen. Auch das geschah schnell und reibungslos.

Knapp 23.000 Zuschauer waren im Stadion. Eine für Duisburger Verhältnisse zufriedenstellende Kulisse. Es war nicht ausverkauft, weil der MSV Duisburg seine Bedeutung für die Stadt erst wieder zurückgewinnen muss. Der Verein ist seit dieser Saison auf einem guten Weg, und nicht nur wegen der guten Leistungen, die die Mannschaft in dieser Saison zeigt. Dieses Mal wird erst an der Basis gearbeitet, und es werden keine unhaltbaren Versprechungen gemacht. Gute Voraussetzugen, um die Zuschauerzahl dauerhaft zu erhöhen. Dann werden Julian Koch und Stefan Maierhofer wie nach diesem Spiel häufiger von der Kulisse schwärmen können.

Dieser Sieg gegen den 1. FC Kaiserslautern war keine Pokalssensation. Die Mannschaft des MSV Duisburg durfte sich Chancen auf den Sieg ausrechnen. Deshalb schrumpft der Sensationsgehalt der Nachricht dieses Sieges doch erheblich zusammen. Der MSV Duisburg und seine Zuschauer brauchen die Überhöhung dieses Sieges nicht, um sich am Weiterkommen zu begeistern. Außerdem behalte ich mir die Sensation als Ausruf der Begeisterung lieber in der Hinterhand. Der Wettbewerb geht weiter, und ich möchte das Wort doch noch für das Geschehen benutzen, für das es dann passt.

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1 Antwort to “Alle auf den Zaun, alle auf den Zaun … Alle? Alle!”



  1. 1 Die gefühlte Liga weckt den Neid | Fakten und Gerüchte aus dem Stadionbus Trackback zu 26. Januar 2022 um 16:31

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