Begeistert über Alltagsarbeit

Wie sich  nach einem Fußballspiel  Siege anfühlen, verrät uns nicht nur viel über Qualität und Ambitionen einer Mannschaft sondern auch einiges über die Hoffnungen der Zuschauer. Das Gefühl nach dem 3:1-Sieg des MSV Duisburg gegen den FC Erzgebirge Aue kenne ich schon Jahre nicht mehr nach einem Sieg des MSV Duisburg. Dieser Sieg erinnerte mich an die sorgfältige und zufriedenstellende Erledigung von Alltagsarbeit.

Die Last solcher Alltagsarbeit fällt normalerweise nicht weiter auf. Sie wiederholt sich, wie etwa das tägliche Essen kochen, und nur selten begeistert sich jemand am Ergebnis. Dennoch kostet Alltagsarbeit viel Kraft, und es ist immer eine offene Frage, wie gut sie erledigt wird und wie sehr man sich auch für diese Alltagsarbeit anstrengt. Ich schätze gut erledigte Alltagsarbeit sehr. Wer täglich frisch zubereitetes, leckeres Essen auf den Tisch bringt, wird an besonderen Tagen keine Probleme bei der Zubereitung eines Festessens haben. Umgekehrt ist es aber nicht immer so. Wer ein Festessen zubereiten kann, ist längst noch nicht für den Alltag gerüstet. Der MSV Duisburg hat sich gestern im Alltag bewährt. Wer den FC Erzgebirge Aue besiegt, weil die Mannschaft besiegt werden muss, besitzt die Qualität und Ambition, um das Unaussprechliche bis zum letzten Spieltag im Blick zu behalten.

Das Spiel machte es offensichtlich, warum der FC Erzgebirge Aue trotz der so wenigen erzielten Tore in der Tabelle oben steht. Diese Mannschaft besitzt eine Defensivreihe, die ich von der Statur her eher im australischen Rugby oder im Basketball vermutet hätte. Spieler von solcher Größe und Athletik strahlen zunächst einmal Unverwundbarkeit aus. Um so beeindruckender ist es, wenn Goran Sukalo sich zweimal gegen solche Spieler beim Kopfball durchsetzen kann, um Tore zu erzielen. Vor dieser Defensivreihe gibt es ein spielfreudiges und kombinationssicheres Mittelfeld, dem abschlussstarke Stürmer fehlen.  Es wirkte aber das Spiel über so, als sei es den Auer Spielern jederzeit möglich, durch schnelle Kombinationen überraschend in Strafraumnähe zu gelangen.

Dieses Mittelfeld sollte meist durch einen langen Pass erreicht werden. Ivica Banovic wurde im mittleren Teil des Spielfelds zu einem Garanten des Erfolgs für den MSV Duisburg, weil er immer wieder die kontrolllierte Annahme dieser längeren Pässe der Auer störte. Immer wieder war er zur Stelle, um den Ball zu erobern oder um zumindest das Tempo aus dem Angriffsspiel des FC Erzgebirge Aue zu nehmen. Der MSV Duisburg wirkte auch deshalb die meiste Zeit des Spiels überlegen, ohne das Kombinationsspiel der Auer endgültig unterbinden zu können.

Ich hätte auch keine Sorge um den Sieg des MSV Duisburg gehabt, wenn nicht die Entscheidungen des Schiedsrichters Tobias Stieler nach und nach eine immer deutlicher werdende Ungleichbehandlung der Mannschaften erkennen ließen. Sicher, Schiedsrichter treffen manchmal Fehlentscheidungen, die spielentscheidend sind, selten nur aber summieren sich viele kleine Fehlentscheidungen so, dass ein Spiel zu kippen droht. Das war dieses Mal der Fall. Fouls gegen den MSV Duisburg wurden gepfiffen, dieselbe Spielweise auf der anderen Seite nicht. Der Ball an der Schulter von Olcay Sahan wird als Handspiel gegen den MSV Duisburg gepfiffen, dieselbe Ballannahme eines Auer Spielers nicht. Für kurze Zeit kochte die Stimmung hoch, die Spieler des MSV Duisburg drohten aus ihrem Rhythmus zu geraten. Die gelben Karten gegen Goran Sukalo, Stefan Maierhofer und Olcay Sahan waren direkte Folge dieser Stimmung. Wobei mir das Fehlen von Sukalo mehr Gedanken macht als das von Stefan Maierhofer, dem gestern nicht viel gelang.

Was Mannschaft und Zuschauer in diesem Moment auszeichnete, macht mich sehr zuversichtlich für die Zukunft. In dieser Mannschaft stimmt die Mischung von Spielertypen. Wenn ein Heißsporn wie Stefan Maierhofer sich seine gelbe Karte mit Ansage abholt, bleibt nicht nur genügend Ruhe im Rest der Mannschaft für das Spiel, sondern diese Ruhe strahlt in die gesamte Mannschaft zurück und zeigt Wirkung. In so einer Spielphase sind Typen wie Filip Trojan und Benjamin Kern nötig, die wieder Konzentration einfordern und daran erinnern, nicht der Schiedsrichter ist Gegner sondern die Spieler aus Aue, nicht das Foul ist das Mittel zum Erfolg sondern kämpferische Härte. Das zweite Tor von Goran Sukalo habe ich deshalb auch als gerechten Ausgeich für die Ungleichbehandlung durch den Schiedsrichter empfunden. Und auch die Zuschauer spürten, dass der Ärger gegen den Schiedsrichter besser durch das Anfeuern der eigenen Mannschaft bewältigt werden konnte als durch Unmut und Pfeifen gegen den Schiedsrichter. Dass auch die Zuschauer auf den Geraden die Mannschaft nicht nur kurz anfeuerten, sondern sie für längere Zeit durch kritische Phasen tragen wollten, kenne ich aus Duisburg kaum. Da entsteht eine so breite Identifikation mit der Mannschaft, die es jahrelang nicht gegeben hat.

Das Anschlusstor durch Tobias Kempe hat es dann noch einmal für kurze Zeit spannend gemacht. Doch vielleicht ist so ein Satz eher der Vergangenheit geschuldet als der Gegenwart. Vielleicht war die Mannschaft nach dem Gegentor sehr viel stabiler, als wir es erkennen konnten. Vielleicht werde ich demnächst so einen Satz nur noch als reine Aussage schreiben, etwa so: In der 88. Minute fiel noch ein Gegentor durch Tobias Kempe, doch Manuel Schäffler stellte zwei Minuten später das Endergebnis sicher. So ein Satz könnte deshalb bald schon Wirklichkeit sein, weil zur Erledigung von Alltagsarbeit auch die Erwartung gehört, dass das Leben seinen normalen Gang geht. Wer weiß, dass in seiner Familie täglich gekocht wird, erwartet jeden Mittag das Essen auf dem Tisch. Die Mannschaft des  MSV Duisburg hat mich an das Mittagessen des Fußballs, den Sieg, allmählich gewöhnt. Darüber bin ich dann doch auch im Alltag sehr begeistert.

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