Archiv für April 2011

Kölner Sportjournalisten verfolgen welche Interessen?

Wer hier immer mal wieder mitliest, weiß, dass ich in Köln wohne und auch dort durchaus zu Heimatgefühlen neige. Die gehen nicht ganz so weit, dass mich Siege und Niederlagen des 1. FC Köln berühren, doch das Geschehen beim FC nehme ich als eine Art teilnehmender Beobachter durchaus wahr. Zumal das Auskosten von Siegen meines MSV gegenüber den FC-Fans unter meinen Freunden versüßt wird, wenn ich mich beim FC ein wenig auskenne.

In den letzten Wochen erhielt ich durch mein Interesse für den FC immer mehr Anlass für eine weitere Warnung vor dem Glauben, allen Sportjournalisten ginge es bei ihrer Berichterstattung um so etwas wie die vorgefundene Wirklichkeit. Einmal mehr hatte ich den Eindruck, die Sportjournalisten, in diesem Fall die des Kölner Stadt-Anzeiger, empfinden große Lust daran, die Wirklichkeit ihres Sujets mitzugestalten. Aus meinem recht nüchternen Abstand zum FC habe ich in den letzten Wochen nämlich mit immer größerer Verwunderung die Berichterstattung im Kölner Stadt-Anzeiger über den Verein gelesen. Immer heftiger wurde da eine Vertragsverlängerung mit dem FC-Trainer Frank Schaefer eingefordert, obwohl sämtliche Beteiligten, sich darauf geeinigt hatten, nach der hoffentlich erfolgreichen Verhinderung des Abstiegs über genau diesen Tatbestand erst zu reden. Niemand hatte diese Vertragsverlängerung zum Thema gemacht. Sie wurde zum Thema, als im Kölner Stadt-Anzeiger dessen Sportjournalist Karl-Heinz Wagner darüber schrieb. Karl-Heinz Wagner deutete ein sehr sachliches Interview mit dem Geschäftsführer des 1. FC Köln Claus Horstmann als mangelnde Unterstützung des erfolgreichen Trainers. Ich konnte diese mangelnde Unterstützung in dem Interview nicht erkennen, und dachte mir nichts weiter dabei. Schließlich habe ich Karl-Heinz Wagner schon häufiger über den 1. FC Köln eher polemisch schreiben gesehen als abwägend und nachdenklich.

Danach aber wurde die Geschichte weiter befeuert. Da wurde eine Finke-Äußerung zum Verhältnis von Trainer-Dasein und Religiösität im Leben von Frank Schaefer aufgegriffen und kritisiert. Kurz darauf druckte der Kölner Stadt-Anzeiger ein Interview mit Frank Schaefer ab, das auf diese Weise angetitelt wurde:

Frank Schaefer ist tief enttäuscht

FC-Trainer Frank Schaefer hat sein Bedauern darüber geäußert, dass eine öffentliche Diskussion über seinen christlichen Glauben entstanden ist. Er bezeichnete das von FC-Sportdirektor Volker Finke zitierte Thema als „menschlich schon nicht einfach“.

Wer nur diese Überschrift liest, wird einen großen Konflikt zwischen Frank Schaefer und Volker Finke vermuten. Allerdings weist  das Interview selbst mit keinem Wort Schaefers darauf hin.  „Tief enttäuscht“ ist er über Spieler seiner Mannschaft und darüber hinaus, empfindet er die öffentliche Diskussion über seinen Glauben als „menschlich schon nicht einfach“. Die Sportredaktion gibt durch Titel und Untertitel eine Deutung vor, und wer die Zeitung nur überfliegt, wird mit dieser Deutung seine Meinung bilden. Das ist ohne Frage unlauterer Journalismus.

Volker Finke mag ja sein eigenes Spiel gespielt haben, leider trägt die Sportredaktion des Kölner Stadt-Anzeigers nicht an einem Tag ihrer Berichterstattung dazu bei, dieses Spiel klarer zu umreißen. Vielmehr weckt sie beim unvoreingenommenen Leser Misstrauen gegenüber den Grundlagen der journalistischen Sportberichterstattung beim Kölner Stadt-Anzeiger.

Denn wenn ich mir nur die berichteten Fakten über den 1. FC Köln ansehe, erkenne ich die von Karl-Heinz Wagner zugespitzte Deutung des Geschehens nicht. Ich muss also zu dem Schluss kommen, entweder weiß er etwas, was er nicht schreibt, oder er verfolgt ein eigenes Interesse, zu dem er sich nicht bekennt.  Dieses banalste Interesse der Sportredaktion wäre natürlich die eine auflagensteigernde, erzählenswerte Geschichte. Unbestritten bleibt, ohne weitere Fakten gibt es keine widerspruchsfreie Geschichte des Geschehens beim 1. FC Köln. Es ist unlauterer Journalimus die Geschichte des Geschehens als widerspruchsfrei darzustellen. Das ist Meinungsmache. Das erwarte ich in einer Boulevardzeitung und nicht in einer sich seriös gebenden Lokalzeitung wie dem Kölner Stadt-Anzeiger.

Wer es mit der Leidenschaft eines Kölner Anhängers und dennoch vorhandener sachlicher Analyse noch detaillierter aufbereitet haben möchte, der lese „Geschichte wird gemacht: Die Causa Finke“ beim Spielbeobachter.

Wir sind Schmetterlinge, die mit ihren Flügeln schlagen

Auch Nachbetrachtungen zu einem Ligaspiel brauchen einen starken Gedanken, um den herum sich die Beobachtungen zum Spiel anordnen lassen. Den habe ich gestern für das Spiel des MSV Duisburg gegen Hertha BSC Berlin nicht gefunden, und ich bin mir nicht sicher, ob das heute der Fall sein wird. Es gibt zu viel, was mich vom Spiel selbst ablenkt. Unweigerlich bringe ich jedes Geschehen im Spiel mit dem DFB-Pokalfinale in Verbindung. Kaum steht ein Spieler des MSV Duisburg nach einem Foul nicht sofort wieder auf, schon hake ich innerlich den nächsten Ausfall eines Spielers ab. Wenn ich mich etwa an den Einsatz von Olivier Veigneau am Montagabend erinnere und an die Intensität seiner Spielweise, so lautet die beste Nachricht des Abends, es gibt keine weiteren Verletzten.

Es ist mir am Montag nicht mehr gelungen, im Moment des Abends zu bleiben. Ständig irritierten mich abschweifende Gedanken. Ich überlegte, ob auch Olivier Veigneau gehen würde. Wir wussten vor dem Spiel noch nichts von seiner Entscheidung, den Vertrag nicht zu verlängern. Sah ich Olivier Veigneau, sah ich die ungewisse Zukunft des Vereins. Ich dachte an Professionaliät, die ich immer wieder von Fußballern gefordert hatte, und dachte ebenfalls, nun lässt sich diese Professionalität beim MSV Duisburg erkennen. Olcay Sahan geht und versucht bis zum Abschied sein Bestes zu geben. Leihspieler wie Stefan Maierhofer kommen für ein Jahr und treten so auf, dass sie zum Publikumsliebling werden. Die Verantwortlichen des Vereins informieren stilvoll über die Zukunft der Spieler des Vereins, und gleichzeitig wird deutlich, die Mannschaft dieser Saison ist dabei, Vergangenheit zu werden. Da mischte sich Abschiedsmelancholie in die Überlegungen zum DFB-Pokalfinale in Berlin. Da mischte sich in die Überlegungen zum DFB-Pokalfinale eine leichte Unruhe durch die Gedanken an die nächste Saison. Da tauchte in der Unruhe die Verpflichtung von Emil Jula als beflügelnder Gedanke auf, und ach ja, das Spiel auf dem Platz unten lief ja auch noch.

Es war eigentlich ein Spiel, das mit einem Unentschieden hätte enden müssen. Die Berliner wollten eigentlich nicht  mehr als dieses Unentschieden, um danach aufgestiegen zu sein. Als sie aber in der ersten Halbzeit recht unvermittelt die Chance auf ein Tor erhielten, schlugen sie das Angebot nicht aus. So eine Chance kann sich in jedem Spiel ergeben, wenn Verteidiger des Gegners für einen Moment nicht an ihrem Platz sind. So Tore ergeben sich aus Spielsituationen, die wie ein Versuchsballon des Angriffs wirken. Warum nicht mal eine Flanke von rechts auf den hinteren Pfosten schlagen? Vielleicht bleiben die zwei Mann frei?  Und da sie dann frei blieben, wurde das Angebot zu einem Tor angenommen, und die Hertha war des Aufstiegs schon recht früh im Spiel ganz sicher.

Der MSV Duisburg war mit dem Unentschieden zwar nicht zufrieden, und die Mannschaft bemühte sich von Anfang an sehr, den Ball druckvoll in die gegnerische Hälfte zu bringen. Doch meist schon vor dem Strafraum unterband die Hertha jegliche Gefahr verheißende Spielaktion des MSV Duisburg. Spätestens im Strafraum aber war die Defensivleistung der Hertha dann fehlerlos. Nur in den ersten zehn Minuten der zweiten Halbzeit konnte der MSV Duisburg mit sicherem Kombinationsspiel und aggressivem Pressing genügend Druck entwickeln, um die Defensive der Hertha zu verunsichern. Zwei Chancen nach Flanken wurden nicht genutzt. Die gesamte zweite Halbzeit investierte der MSV Duisburg viel. Die Mannschaft wollte den Ausgleich und wurde nicht belohnt, weil sie zwar bis zum Strafraum ansehlich spielte, danach aber keine Torgefahr entwickelte.

Die Mannschaft denkt wahrscheinlich weniger an das DFB-Pokalfinale als wir Fans. Man merkte, diese Mannschaft will auch in Liga-Spielen weiter gewinnen. Ich hingegen versuche aus den restlichen Spiele der Saison vor allem noch die kleinsten guten spielerischen Momente zu sammeln, um angesichts der vielen Ausfälle von Stammspielern nicht nur an ein Wunder von Berlin glauben zu müssen. Was mich am Montagabend erneut zufrieden stimmte, war der sich entwickelnde Kombinationsfußball des MSV Duisburg,  der gegen eine sehr gut deckende Berliner Mannschaft immer wieder ins Rollen kam. Da steht eine Mannschaft auf dem Platz, die mitspielen will und nicht nur auf die eine Chance durch den Standard setzen muss.

Allmählich frage ich mich auch, sollten wir nicht alle beginnen, diese Mannschaft stark zu reden? Da gehen dann weniger Allmachtsphantasien mit mir durch, als dass ich weiß, gerade in Zeiten von Verunsicherung wirkt das Lob als sinnvollstes pädagogische Prinzip der Veränderung. Dann denke ich, die Spieler wissen ohnehin, welche Fehler sie machen und wo ihre Schwächen im Moment immer wieder deutlich werden. Daniel Reiche wird wissen, dass sein Passspiel erneut durch Totalversagen bedroht war. Wie schon im Spiel gegen Aachen schenkte er den Ball zweimal ohne Not her. Ein Sportpsychologe wäre da vielleicht eine Option, aber vielleicht auch die Meinung, dass er eigentlich ballsicher genug ist für den ersten Pass aus der Abwehr heraus. Wenn er zudem Lob für sein eigentlich auch gutes Defensivverhalten erhielte, könnte er an die Leistung vom Beginn der Saison anknüpfen. So Sachen gehen mir durch den Kopf. Oder auch, dass wir uns auf David Yelldells Leistungen auf der Linie verlassen können. Es ist nicht nur zu spät in der Saison für die Einzelkritik, ich stehe auch auf schwankendem Boden und weiß nicht mehr, mit welchem Ziel ich hier schreibe. Wahrscheinlich hat das alles doch mit meinem Wunsch zu tun, an den Aussichten für den MSV Duisburg beim Pokalfinale in Berlin irgendetwas drehen zu können. Ich will beeinflussen – mit welchem Schmetterlingsflügelschlag auch immer.

Der „Sniper“ José Mourinho

Vor dem Pokalfinale in Spanien zwischen Real Madrid und dem FC Barcelona fragte Javier Cáceres für die Süddeutsche Zeitung den ehemaligen irischen Nationalspieler Michael Robinson nach seiner Einschätzung zur Situation bei Real Madrid. Robinson arbeitet nach seiner Karriere in Spanien als Fußballexperte im Fernsehen. Zurzeit hat ihn der Pay-TV-Sender Canal+ als Kommentator engagiert.

Michael Robinson spricht in dem Interview originell und klug über Fußball, Real Madrid und José Mourinho. Als ein Beispiel sei hier seine Charakterisierung von José Mourinho zitiert:

José ist ein Sniper, ein Scharfschütze. Er kriegt einen Umschlag mit einem Auftrag, erledigt seinen Job und geht. Ohne Spuren, ohne ein Erbe zu hinterlassen. Wann immer er gehen sollte, wird Real Madrid wieder bei Null beginnen müssen. Auch am Samstag ging es ihm um sich – nicht um den Klub. Es war, als sagte er: „So lange ich hier Wache schiebe, passiert uns ein 0:5 nicht noch einmal.“ Mich umschleichen zwei Zweifel: Erstens, ob er der richtige Mann für Real Madrid ist. Weil er eher ein Trainer für Klubs ist, die Minderwertigkeitskomplexe haben, die sich sagen: „Wir wollen etwas gewinnen, wir rufen Super-M!“ Aber Real Madrid hat so viel vorzuweisen.

Der gestrige Pokalsieg von Real Madrid bestätigt die Einschätzung von Michael Robinson. Lese ich dieses Interview, möchte ich sofort ein Buch von ihm über Fußball lesen. Geschrieben hat er es noch nicht.

Die Phönix-Reportage im Netz: Integration durch Fußball

Mittwoch vor einer Woche hieß es beim öffentlich-rechtlichen Sparten-Fernsehsender Phoenix Themen-Abend „Integration“. Unter anderem wurde in einer 30-minütigen Reportage gezeigt, was Fußball in dem Zusammenhang bedeutet – Fußball in Duisburg. Die Absicht – und damit die Aussage der Reportage – war von vornherein klar, es ging um die vorbildhaften Möglichkeiten und Gedanken, die in unserer Gesellschaft das Zusammenleben fördern können.

In 30 Minuten lässt sich nicht all zu sehr in die Tiefe der Wirklichkeit gehen. Es geht dann um ein Sammeln von positiven Erfahrungen und Meinungen, Schwierigkeiten bleiben außen vor. Das gilt besonders dann, wenn sich der Bogen der Reportage von der Alltagsarbeit in einem kleinen Fußballverein des Breitensports, dem SV Rhenania Hamborn, spannt hin zum professionellen Sport beim MSV Duisburg. Auf der einen Seite geht es um das Weiterleben einer grundlegenden Struktur dieser Gesellschaft in Vierteln mit hohem Migrantenanteil, auf der anderen Seite geht es neben den individuellen Erfahrungen der Berufssportler vor allem um die Möglichkeit zu symbolhafter Identifikation. Das Herausfiltern der entscheidenden Gründe für die Wirkung dieser Integrations-Arbeit muss man selbst vornehmen.

Im Interview erzählt das Vorstandsmitglied des MSV Duisburg, Dr. Stephan Bock, über die Bedeutung des MSV für die Stadt und wo er die integrierende Wirkung des Profisports wahrnimmt. Der Vorsitzende des SV Rhenania Hamborn, Cafer Kaya, erzählt über seinen Verein und dessen Arbeit im Breitensport. Diesem Breitensport im Duisburger Norden geben eine 11-jährige Spielerin der Rhenania-Mädchenfußballmannschaft und deren Trainerin die Gesichter. Der Co-Trainer des MSV Duisburg Fuat Kilic wird über die Bedeutung des Fußballs in seinem Leben befragt, und schließlich sitzen Olcay Sahan, Burakcan Kunt und Sefa Yilmaz zum Gruppeninterview am Tisch.

Ich halte solche Reportagen für wichtig, weil sie die Vielschichtigkeit von kulturellen Identitäten im Alltag zeigen. Wenn in der Öffentlichkeit über Integration diskutiert wird, bleibt das meist abstrakt und es ensteht häufig der Eindruck, Integration sei kein Prozess sondern ein Zustand. Entweder ist jemand integriert, oder er ist es nicht. Das Leben funktioniert anders.  Die Integrationsdebatte ist in großen Teilen eine versteckte Identitätsdebatte. Deshalb ist es tatsächlich wichtig, solche Orte in unserer Gesellschaft öffentlich zu machen, wo kulturelle Identitäten der einzelnen Menschen neu entstehen und sich diese Menschen aber als verantwortlich für die Gesellschaft hier ansehen.

Besonders anschaulich wird dieses Entstehen von Identität als Prozess und als Ergreifen von Möglichkeiten noch einmal am Ende der Reportage, als sich Olcay Sahan und Sefa Yilmaz zum Thema Nationalmannschaft äußern. Für welche Nationalmannschaft entschieden sie sich mit ihren deutsch-türkischen Biografien. Zum einen fällt es Olcay Sahan offensichtlich leichter als Sefa Yilmaz etwas spielerischer mit dem Thema umzugehen. Er löst die sich zwangsläufig ergebenden Widersprüche durch Humor auf. Zum anderen ist es auch eine Frage der Chancen, und das ruft doch sehr die ökonomische Grundlage jedes Ausbilden einer kulturellen Identität in Erinnerung. Sie spielten für die deutsche Nationalmannschaft, sagt Olcay Sahan und bezieht den zurückhaltenden Sefa Yilmaz flapsig mit ein. Wenn sie die Chance erhalten.

Das Video der Reportage stellt Phoenix  hier ins Netz.

Traurige Tage

Gab es früher in den Ladenlokalen eigentlich diese handgeschriebenen Pappschilder wirklich: „Wegen Trauerfall vorübergehend geschlossen“? Oder ist das nur eine Erfindung für den Spielfilm? So ein Schild spart lange Erklärungen. So ein Schild ist ein erzählerischer Trick, um dem Helden die nächste Schwierigkeit seines Heldenlebens zu präsentieren. Ganz selten schickt es den den Zuschauer auch in bange Erwartungen. Immer wieder gibt es zurzeit Momente, in denen ich ein abfotografiertes Pappschild als nächsten Beitrag auf diese Seiten setzen möchte. Die Nachrichten über den MSV Duisburg fügen sich in meine Grundstimmung dieser Tage.

Schon wieder ist ein Wochenende vergangen, das Hoffnung nimmt und das eine Niederlage als befürchteten Ausgang des DFB-Pokalfinales ein wenig wahrscheinlicher macht. Nach Srdjan Baljkas Verletzung beim Spiel gegen den FC Energie Cottbus fällt ja nicht nur ein weiterer wichtiger Spieler dieser Mannschaft aus. Es braucht auch innerhalb der Mannschaft zusätzliche Energie nach jedem Rückschlag neue Zuversicht zu entwickeln. Im Fall Baljak gilt das besonders, weil er gerade dabei war, an sehr gute Leistungen der Vergangenheit anzuknüpfen.

Die Niederlage war erwartbar gewesen. Zu groß war das Bedürfnis in Cottbus, einen Ausgleich zu schaffen für all das, was dort tatsächlich Niederlage war, als Niederlage empfunden wurde oder als unangemessene Behandlung beim Aufenthalt in Duisburg. Der MSV Duisburg und Bruno Hübner haben Claus-Dieter Wollitz, Pele genannt, an wunden Punkten getroffen. Anders ist seine Reaktion auf der Pressekonferenz nach dem Spiel, wie sie hier bei Der Westen geschildert wird, mir nicht erklärbar. Da geht es meiner Meinung nach mehr um ein Selbstbild und dessen Gefährdungen als um strategisches Handeln eines Trainers und das tatsächliche Fußballgeschäft.

Die Niederlage spielt nur eine kleine Rolle. In Cottbus mag sie Genugtuung verbreiten. In Duisburg wird sie mit Achselzucken zur Kenntnis genommen. In Duisburg geht es um Größeres. Es geht um das Weiterleben der Hoffnung auf den Erfolg im DFB-Pokalfinale. Diese Hoffnung wird zurückkommen. Denn Leben in jeder Form bleibt immer Dasein. Wir können nicht anders als zu hoffen, egal ob auf die Ewigkeit dieses Lebens oder auf den Sieg im DFB-Pokalfinale.

SV Rhenania Hamborn und der MSV Duisburg im Phoenix-Programm

Beim öffentlich-rechtlichen Sparten-Fernsehsender Phoenix beschäftigt man sich in dieser Woche während des Abendprogramms mit dem Thema „Integration“. Wie der Fußball zur Integration beitragen kann, wird morgen, am Mittwoch, ab 21.45 Uhr, in einer halbstündigen Reportage gezeigt und anschließend wie jedes Thema im öffentlich-rechtlichen Fernsehen noch einmal gründlich besprochen.  In der Reportage geht es um ein Integrationsprojekt beim SV Rhenania Hamborn und vorbildhafte Profis des MSV Duisburg. Dort spannt sich der erzählerische Bogen also von der Basisarbeit hin zum professionellen Sport. Ob das anschließende Driegespräch zwischen Moderator Christoph Minhoff, der Bundesvorsitzenden Bündnis 90/Die Grünen  Claudia Roth und dem Vorsitzenden der DFL-Geschäftsführung Christian Seifert noch weitere Erkenntnisse bringt, wage ich zu bezweifeln. Ich denke, „wir“ sind auf jeden Fall dafür, tragen große Verantwortung und kennen noch viele andere Initiativen in Deutschland, die wir und nicht zuletzt die Bundesligavereine  unterstützen.

Falls euch der Pressetext von Phoenix interessiert:

Völkerverständigung beim Fußball – In der Reportage „Sport verbindet – Der Nationalsport Fußball und das neue Wir-Gefühl“ (21.45 Uhr) besucht Christoph Minhoff den SV Rhenania Hamborn im Norden Duisburgs. Hier gehen die Verantwortlichen ganz neue Wege. Im Integrationsprojekt „Fußball für Mädchen mit Migrationshintergrund“ spielt die Herkunft keine Rolle. Aber es gibt Regeln. Auf dem Vereinsgelände wird deutsch gesprochen, Diskussionen oder gar politische PR etwa für Glaubensgemeinschaften oder Parteien sind untersagt. Dies soll durch die Konzentration auf den Sport und gemeinsame Unternehmungen erreicht werden. Zudem zeigt die Reportage, wie die Profifußballer des MSV Duisburg als Vorbilder fungieren.

Auf der Webseite von Phoenix wird die Reportage als Werk von Martin Priess unter der Mitarbeit von Gerlinde Pretli geführt. Die Reportage wird am Donnerstag um 18.00 Uhr wiederholt.

Geteilte Meinungen über ein Spiel am frühen Abend

Es gibt noch kein abschließendes Urteil darüber, ob Fußball dieses oft beschworene einfache Spiel ist, von dem meist die Stürmer-O-Töne zeugen, oder ob er als ungeheuer komplexer Sport gelten kann, der selbst von Fachleuten nur unzureichend durchdrungen wird. Diese Meinung verbreiten eher die Trainer und Sachbuchautoren. Nimmt man die Meinungsvielfalt zum Maßstab, kann das Spiel des MSV Duisburg gegen Alemannia Aachen am frühen Freitagabend kann ganz klar als Argument für die Komplexitäts-Theorie gelten.

Ich selbst habe am Freitag ein überaus unterhaltsames und spannendes Spiel zweier guter Mannschaften gesehen, bei dem Spieler beider Mannschaften sich eine überschaubare Zahl von Fehlern erlaubten.  Zu meiner Überraschung las ich sowohl bei Der Westen als auch in der Rheinischen Post Spielberichte, in denen die Fehler anders gewichtet waren. Der Ton der Berichte ließ die Leistung des MSV Duisburg schlechter erscheinen, als ich sie gesehen hatte. In den Spielberichten von Kicker und Reviersport sah das anders aus. Da fand ich mein Urteil bestätigt.  Auch Meinungen im MSVPortal zur Leistung einzelner Spieler gehen weit auseinander.

Im Fokus steht da vor allem Daniel Reiche. Natürlich fiel der Ausgleich zum 1:1 kurz vor dem Halbzeitpfiff nach dem Abspielfehler von Daniel Reiche und auch beim zweiten Tor der Aachener stand er unglücklich zum Gegenspieler und rutschte zudem weg. Doch auf das gesamte Spiel bezogen habe ich ihn als gleichwertigen Ersatz für Bruno Soares gesehen – sogar mit einem kleinen Vorteil für ihn beim Spielaufbau. Da müssen eigentlich Fakten her für ein Urteil und wer Zeit hat, analysiere die „Spiel-Matrix“ bei Bundesliga.de. Nur erinnere man sich dann daran, dass auch diese Daten nur die Interpretation von – wenn auch geschulten – Beobachtern des Spiels sind. Ob etwa ein misslungenes Tackling nur dem Spieler zuzurechnen ist oder in Teilen auch der misslungenen Aktion eines Mitspielers kurz zuvor, das steht nicht in diesen Daten. Deshalb überlasse ich für heute der sportlichen Leitung meines Vertrauens die abschließenden Urteile über die Leistungen der Spieler.

Denn meine Zufriedenheit nach dem Freitagsspiel gegen Aachen beruht nicht nur auf der Leistung der Mannschaft sondern auch auf Entscheidungen der sportlichen Leitung zur Spielweise dieser Mannschaft. Das schnelle Passspiel mit einem kontrollierten Spielaufbau schon aus der Defensive heraus war als taktische Anweisung für die Spieler deutlich zu erkennen. Die bevorzugten Anspielstationen waren die Flügel, doch wurden die Angriffe auch variiert, indem Flügel und Mittelfeldspieler zum Anspiel immer wieder auch mehr nach innen rückten. Die Spieler schienen zu wissen, der Fehler bei diesem Passspiel war eher erlaubt als der lange Pass als Notausstieg. Der unbedingte Versuch, Sicherheit und Vertrauen der Spieler in diese nach dem Ausfall von Stefan Maierhofer notwendige Spielweise zu bringen war für mich ein klares Bekenntnis zur vorhandenen Qualität der Mannschaft. So etwas ist ein Signal an die Spieler auch und gerade im Hinblick auf das Pokalfinale. Diese Spielweise lässt hoffen.

Beim Wechsel von Filip Trojan für Sefa Yilmaz war ich allerdings nicht auf der Seite der sportlichen Leitung meines Vertrauens. Das war ein uninspirierter Standardwechsel. Eigentlich war ich schon im Begriff angenehm überrascht zu sein, als ich Olcay Sahan im Moment des Wechsels zur Seitenlinie gehen sah. Diesen Wechsel hätte ich mutig gefunden, vor allem richtig, weil leistungsgemäß. Vielleicht ist aber auch bei diesem Wechsel alles viel komplexer, und das Verbleiben von Sahan war in einem von mir nicht durchschauten Gesamtsystem notwendiger als das von Sefa Yilmaz. Ausreichend erklären könnte Milan Sasic mit Sicherheit den Wechsel.

Der guten Nachrichten sind noch nicht genug. Srdjan Baljak gewinnt rechtzeitig zum Saisonhöhepunkt seine Klasse zurück. Er erläuft sich die Bälle wieder wie in der Hinrunde, selbst aus härtesten Pässen nimmt er bei der Annahme elegant die Geschwindigkeit, so dass sie ihm nicht mehr verspringen und im Zweikampf gewinnt er seine Durchsetzungsfähigkeit zurück. Die Notlösung Jürgen Säumel auf der linken Seite in der Defensive entpuppte sich vor allem im Spiel nach vorne als folgerichtige Option. Man merkt aber, sein Spielverständnis ist auf einen Platz im Mittelfeld ausgerichtet und ihm mangelt es an Automatismen auf der hintersten Linie der Mannschaft. Aber das hat mit der Sicherheit von Branimir Bajic an seiner Seite im Laufe des Spiels immer besser funktioniert. Auch Maurice Exslager hatte sich offensichtlich vom inneren Druck befreien können. In den Spielen bislang wirkte er schnell etwas übertourig und hastig. Davon war in diesem Spiel nichts mehr zu merken, um so schöner, dass er den Ausgleich erzielen konnte. Das Spiel rundete sich mit dem Siegtreffer durch Goran Sukalo. Er hatte zu Beginn den Elfmeter verschossen und bildete die letzte Anspielstation nach einer Dreierkombination von jeweils steil gespielten Pässen. Gerade diese Kombination mit dem erfolgreichen Abschluss weist in die Zukunft. Sie ist das Ergebnis von vorhandener Sicherheit im Kurzpassspiel und der Möglichkeit zum Tempo bis zum Abpfiff.

Um stärker besetzte Gegner zu schlagen, ist für eine Fußballmannschaft das Gefühl, von einer guten Stimmung getragen zu werden, keineswegs hinderlich. Solche Spiele schaffen diese Stimmung in der Mannschaft und im Umfeld. Dazu tragen dann auch die Momente nach dem Spiel bei. Julian Koch und Stefan Maierhofer waren im Stadion. Sie kamen nach dem Spiel mit ihren Krücken auf das Spielfeld gehumpelt, um sich gemeinsam mit den Kollegen zu freuen. Es war zunächst Julian Koch, den der „Stimmungsblock“ hochleben ließ, so dass er sich mit seinen Krücken auf den Weg Richtung KöPi-Tribüne machte. Kurze Zeit später eilte Stefan Maierhofer hinterher. Am Zaun angekommen boten beide tanzend und hüpfend den Fans nicht nur ein erinnerungswürdiges Bild für die MSV-Historie, sondern lieferten ihnen damit auch die Vorlage für ein witziges Gemeinschaftswerk. Titel des Ganzen: „Wer nicht hüpft, der ist kein Zebra“.

Wer´s verpasst hat, bitte schön …

1. FC Köln reagiert auf erste MSV-Guerilla-Aktion

14 Tage etwa konnte Ivo Grlic dank der Unterstützung von Rheinpower in Köln Präsenz für den MSV Duisburg zeigen. Nun reagiert der 1. FC Köln mit der Unterstützung von REWE Bittburger, wie hier gestern am Bahnhof Köln-Mülheim. Natürlich kommt der FC  auf heimischen Terrain sofort mit halber Mannschaftsstärke daher. Da wird nicht gekleckert sondern geklotzt, in der Hoffnung solche Guerilla-Aktionen wie die mit Ivo Grlic in Zukunft ganz verhindern zu können. Begleitet wird das Überkleben der Grlic-Plakate durch eine PR-Offensive, mit der ganz offensichtlich Zweifel am Erfolg des Werbeplakats aus Duisburg gestreut werden sollen. Doch obacht, wie sagt der Werbefachmann in solchen Fällen, um ein abschließendes Urteil darüber zu fällen, was Ivos Abbild in Köln erreicht hat, ist es noch zu früh.

Der Leitsatz bis zum Pokalfinale und die emotionalen Geschichten

Ich verstehe Sportjournalisten. Es geht eben nicht nur um den Sport. Es geht auch um die emotionalen Geschichten neben dem Sport. Auch Sportjournalisten möchten ihren Lesern die großen Gefühle schenken. Sie wollen das ja auch, diese Leser. In Duisburg gibt es, wie wir wissen, die Möglichkeit zu der anrührenden Geschichte einer verschworenen Gemeinschaft, die durch Verluste unerwartet stark wird. Dort die verletzten Helden der letzten Wochen, hier die weiter um Punkte kämpfenden gesunden Spieler, die ihre Anstrengung angesichts der Opfer der Verletzten noch vergrößern und jeden Sieg diesen Mitspielern widmen. In der populären Fußballjournalismussprache der Gegenwart wird mit so einer Geschichte die Antwort auf die Frage gegeben, welcher Spieler aus welchem Grund besonders motiviert ist in einem Fußballspiel.

Milan Sasic hat diese Geschichte um das zentrale Motiv der Motivation in der Pressekonferenz vor dem Spiel gegen Alemannia Aachen vom Tisch gewischt. Gleichzeitig hat er den bis zum DFB-Pokalfinale gültigen Leitsatz für die Mannschaft formuliert. Seine Sätze schildern realistisch die sportlichen Gegebenheiten, und dennoch ließen sich mit ihnen eine emotionale Geschichte erzählen. Vielleicht hat er eine intuitive Abneigung gegen Klischees in den bunten Geschichten des Fußballs: „Es geht um uns, geht um unsere Leistunge, geht  … mit alle Respekt an die, was fehlen, und alle Wichtigkeit von die Spieler … Wir können die Daten … Sie habe auch die Daten … aber wir müssen versuchen die vergessen zu lassen in diese Spiel. So ist das. Das ist unsere Aufgabe. Das ist einfach unsere Aufgabe.“ Der O-Ton findet sich hier bei Minute 5.40

Verliebt in Hermann Gerland

Seht es mir nach, auch wenn ich nur ganz kurz an den Schreibtisch komme, ein Mensch, der von einem anderen Menschen so erfüllt ist wie ich heute, der muss das der Welt laut sagen – selbst wenn die Welt dann erstmal nur mitbekommt, da ist einer schwer verliebt.

Selig lächelnd könnte ich stundenlang von Hermann Gerland schwärmen.  Und wie das mit Verliebten so ist, behaupten sie, jedes Wort aus dem Mund der oder des Angebeteten besitzt einen nie zuvor gehörten Zauber. Hermann Gerland erzählt interessant, intelligent, uneitel und zutiefst mitfühlend. Er strahlt eine tiefe innere Ruhe aus und die Ruhrpott-Färbung seiner Sprache erinnert immer daran, wo er herkommt. Weil er so erzählt, berührt er immer auch das Leben und Werte außerhalb dieses zum Unterhaltungsbetrieb gewordenen Sports.

Manchmal sind die Extras auf einer DVD das, was den eigentlichen Wert einer DVD ausmacht. „Hauptsache Fussball“ heißt der Film von Andreas Bach auf der DVD. Für mich ist der großartige Wert dieser DVD das ungeschnittene Interview mit Hermann Gerland als eines der Extras darauf. Der Film „Hauptsache Fussball“ als Hauptprogramm der DVD ist nicht schlecht. Doch wer sich nicht für Fußball interessiert, dem wird er bald langweilig. Ein erstes Zeichen, das in der nächsten Woche der Erläuterung bedarf. Fußballinteressierte hören allerdings viele O-Töne. Ich finde, dem Film fehlt die Konzentration auf das im Untertitel behauptete Grundthema: „Junge Profis auf dem Weg ins Spiel“. Wie gesagt, nächste Woche schreibe ich darüber ausführlicher. Mir reicht es heute weiter von Hermann Gerland zu schwärmen und einen Trailer des Films hier reinzustellen.


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