Geteilte Meinungen über ein Spiel am frühen Abend

Es gibt noch kein abschließendes Urteil darüber, ob Fußball dieses oft beschworene einfache Spiel ist, von dem meist die Stürmer-O-Töne zeugen, oder ob er als ungeheuer komplexer Sport gelten kann, der selbst von Fachleuten nur unzureichend durchdrungen wird. Diese Meinung verbreiten eher die Trainer und Sachbuchautoren. Nimmt man die Meinungsvielfalt zum Maßstab, kann das Spiel des MSV Duisburg gegen Alemannia Aachen am frühen Freitagabend kann ganz klar als Argument für die Komplexitäts-Theorie gelten.

Ich selbst habe am Freitag ein überaus unterhaltsames und spannendes Spiel zweier guter Mannschaften gesehen, bei dem Spieler beider Mannschaften sich eine überschaubare Zahl von Fehlern erlaubten.  Zu meiner Überraschung las ich sowohl bei Der Westen als auch in der Rheinischen Post Spielberichte, in denen die Fehler anders gewichtet waren. Der Ton der Berichte ließ die Leistung des MSV Duisburg schlechter erscheinen, als ich sie gesehen hatte. In den Spielberichten von Kicker und Reviersport sah das anders aus. Da fand ich mein Urteil bestätigt.  Auch Meinungen im MSVPortal zur Leistung einzelner Spieler gehen weit auseinander.

Im Fokus steht da vor allem Daniel Reiche. Natürlich fiel der Ausgleich zum 1:1 kurz vor dem Halbzeitpfiff nach dem Abspielfehler von Daniel Reiche und auch beim zweiten Tor der Aachener stand er unglücklich zum Gegenspieler und rutschte zudem weg. Doch auf das gesamte Spiel bezogen habe ich ihn als gleichwertigen Ersatz für Bruno Soares gesehen – sogar mit einem kleinen Vorteil für ihn beim Spielaufbau. Da müssen eigentlich Fakten her für ein Urteil und wer Zeit hat, analysiere die „Spiel-Matrix“ bei Bundesliga.de. Nur erinnere man sich dann daran, dass auch diese Daten nur die Interpretation von – wenn auch geschulten – Beobachtern des Spiels sind. Ob etwa ein misslungenes Tackling nur dem Spieler zuzurechnen ist oder in Teilen auch der misslungenen Aktion eines Mitspielers kurz zuvor, das steht nicht in diesen Daten. Deshalb überlasse ich für heute der sportlichen Leitung meines Vertrauens die abschließenden Urteile über die Leistungen der Spieler.

Denn meine Zufriedenheit nach dem Freitagsspiel gegen Aachen beruht nicht nur auf der Leistung der Mannschaft sondern auch auf Entscheidungen der sportlichen Leitung zur Spielweise dieser Mannschaft. Das schnelle Passspiel mit einem kontrollierten Spielaufbau schon aus der Defensive heraus war als taktische Anweisung für die Spieler deutlich zu erkennen. Die bevorzugten Anspielstationen waren die Flügel, doch wurden die Angriffe auch variiert, indem Flügel und Mittelfeldspieler zum Anspiel immer wieder auch mehr nach innen rückten. Die Spieler schienen zu wissen, der Fehler bei diesem Passspiel war eher erlaubt als der lange Pass als Notausstieg. Der unbedingte Versuch, Sicherheit und Vertrauen der Spieler in diese nach dem Ausfall von Stefan Maierhofer notwendige Spielweise zu bringen war für mich ein klares Bekenntnis zur vorhandenen Qualität der Mannschaft. So etwas ist ein Signal an die Spieler auch und gerade im Hinblick auf das Pokalfinale. Diese Spielweise lässt hoffen.

Beim Wechsel von Filip Trojan für Sefa Yilmaz war ich allerdings nicht auf der Seite der sportlichen Leitung meines Vertrauens. Das war ein uninspirierter Standardwechsel. Eigentlich war ich schon im Begriff angenehm überrascht zu sein, als ich Olcay Sahan im Moment des Wechsels zur Seitenlinie gehen sah. Diesen Wechsel hätte ich mutig gefunden, vor allem richtig, weil leistungsgemäß. Vielleicht ist aber auch bei diesem Wechsel alles viel komplexer, und das Verbleiben von Sahan war in einem von mir nicht durchschauten Gesamtsystem notwendiger als das von Sefa Yilmaz. Ausreichend erklären könnte Milan Sasic mit Sicherheit den Wechsel.

Der guten Nachrichten sind noch nicht genug. Srdjan Baljak gewinnt rechtzeitig zum Saisonhöhepunkt seine Klasse zurück. Er erläuft sich die Bälle wieder wie in der Hinrunde, selbst aus härtesten Pässen nimmt er bei der Annahme elegant die Geschwindigkeit, so dass sie ihm nicht mehr verspringen und im Zweikampf gewinnt er seine Durchsetzungsfähigkeit zurück. Die Notlösung Jürgen Säumel auf der linken Seite in der Defensive entpuppte sich vor allem im Spiel nach vorne als folgerichtige Option. Man merkt aber, sein Spielverständnis ist auf einen Platz im Mittelfeld ausgerichtet und ihm mangelt es an Automatismen auf der hintersten Linie der Mannschaft. Aber das hat mit der Sicherheit von Branimir Bajic an seiner Seite im Laufe des Spiels immer besser funktioniert. Auch Maurice Exslager hatte sich offensichtlich vom inneren Druck befreien können. In den Spielen bislang wirkte er schnell etwas übertourig und hastig. Davon war in diesem Spiel nichts mehr zu merken, um so schöner, dass er den Ausgleich erzielen konnte. Das Spiel rundete sich mit dem Siegtreffer durch Goran Sukalo. Er hatte zu Beginn den Elfmeter verschossen und bildete die letzte Anspielstation nach einer Dreierkombination von jeweils steil gespielten Pässen. Gerade diese Kombination mit dem erfolgreichen Abschluss weist in die Zukunft. Sie ist das Ergebnis von vorhandener Sicherheit im Kurzpassspiel und der Möglichkeit zum Tempo bis zum Abpfiff.

Um stärker besetzte Gegner zu schlagen, ist für eine Fußballmannschaft das Gefühl, von einer guten Stimmung getragen zu werden, keineswegs hinderlich. Solche Spiele schaffen diese Stimmung in der Mannschaft und im Umfeld. Dazu tragen dann auch die Momente nach dem Spiel bei. Julian Koch und Stefan Maierhofer waren im Stadion. Sie kamen nach dem Spiel mit ihren Krücken auf das Spielfeld gehumpelt, um sich gemeinsam mit den Kollegen zu freuen. Es war zunächst Julian Koch, den der „Stimmungsblock“ hochleben ließ, so dass er sich mit seinen Krücken auf den Weg Richtung KöPi-Tribüne machte. Kurze Zeit später eilte Stefan Maierhofer hinterher. Am Zaun angekommen boten beide tanzend und hüpfend den Fans nicht nur ein erinnerungswürdiges Bild für die MSV-Historie, sondern lieferten ihnen damit auch die Vorlage für ein witziges Gemeinschaftswerk. Titel des Ganzen: „Wer nicht hüpft, der ist kein Zebra“.

Wer´s verpasst hat, bitte schön …

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