Wir sind Schmetterlinge, die mit ihren Flügeln schlagen

Auch Nachbetrachtungen zu einem Ligaspiel brauchen einen starken Gedanken, um den herum sich die Beobachtungen zum Spiel anordnen lassen. Den habe ich gestern für das Spiel des MSV Duisburg gegen Hertha BSC Berlin nicht gefunden, und ich bin mir nicht sicher, ob das heute der Fall sein wird. Es gibt zu viel, was mich vom Spiel selbst ablenkt. Unweigerlich bringe ich jedes Geschehen im Spiel mit dem DFB-Pokalfinale in Verbindung. Kaum steht ein Spieler des MSV Duisburg nach einem Foul nicht sofort wieder auf, schon hake ich innerlich den nächsten Ausfall eines Spielers ab. Wenn ich mich etwa an den Einsatz von Olivier Veigneau am Montagabend erinnere und an die Intensität seiner Spielweise, so lautet die beste Nachricht des Abends, es gibt keine weiteren Verletzten.

Es ist mir am Montag nicht mehr gelungen, im Moment des Abends zu bleiben. Ständig irritierten mich abschweifende Gedanken. Ich überlegte, ob auch Olivier Veigneau gehen würde. Wir wussten vor dem Spiel noch nichts von seiner Entscheidung, den Vertrag nicht zu verlängern. Sah ich Olivier Veigneau, sah ich die ungewisse Zukunft des Vereins. Ich dachte an Professionaliät, die ich immer wieder von Fußballern gefordert hatte, und dachte ebenfalls, nun lässt sich diese Professionalität beim MSV Duisburg erkennen. Olcay Sahan geht und versucht bis zum Abschied sein Bestes zu geben. Leihspieler wie Stefan Maierhofer kommen für ein Jahr und treten so auf, dass sie zum Publikumsliebling werden. Die Verantwortlichen des Vereins informieren stilvoll über die Zukunft der Spieler des Vereins, und gleichzeitig wird deutlich, die Mannschaft dieser Saison ist dabei, Vergangenheit zu werden. Da mischte sich Abschiedsmelancholie in die Überlegungen zum DFB-Pokalfinale in Berlin. Da mischte sich in die Überlegungen zum DFB-Pokalfinale eine leichte Unruhe durch die Gedanken an die nächste Saison. Da tauchte in der Unruhe die Verpflichtung von Emil Jula als beflügelnder Gedanke auf, und ach ja, das Spiel auf dem Platz unten lief ja auch noch.

Es war eigentlich ein Spiel, das mit einem Unentschieden hätte enden müssen. Die Berliner wollten eigentlich nicht  mehr als dieses Unentschieden, um danach aufgestiegen zu sein. Als sie aber in der ersten Halbzeit recht unvermittelt die Chance auf ein Tor erhielten, schlugen sie das Angebot nicht aus. So eine Chance kann sich in jedem Spiel ergeben, wenn Verteidiger des Gegners für einen Moment nicht an ihrem Platz sind. So Tore ergeben sich aus Spielsituationen, die wie ein Versuchsballon des Angriffs wirken. Warum nicht mal eine Flanke von rechts auf den hinteren Pfosten schlagen? Vielleicht bleiben die zwei Mann frei?  Und da sie dann frei blieben, wurde das Angebot zu einem Tor angenommen, und die Hertha war des Aufstiegs schon recht früh im Spiel ganz sicher.

Der MSV Duisburg war mit dem Unentschieden zwar nicht zufrieden, und die Mannschaft bemühte sich von Anfang an sehr, den Ball druckvoll in die gegnerische Hälfte zu bringen. Doch meist schon vor dem Strafraum unterband die Hertha jegliche Gefahr verheißende Spielaktion des MSV Duisburg. Spätestens im Strafraum aber war die Defensivleistung der Hertha dann fehlerlos. Nur in den ersten zehn Minuten der zweiten Halbzeit konnte der MSV Duisburg mit sicherem Kombinationsspiel und aggressivem Pressing genügend Druck entwickeln, um die Defensive der Hertha zu verunsichern. Zwei Chancen nach Flanken wurden nicht genutzt. Die gesamte zweite Halbzeit investierte der MSV Duisburg viel. Die Mannschaft wollte den Ausgleich und wurde nicht belohnt, weil sie zwar bis zum Strafraum ansehlich spielte, danach aber keine Torgefahr entwickelte.

Die Mannschaft denkt wahrscheinlich weniger an das DFB-Pokalfinale als wir Fans. Man merkte, diese Mannschaft will auch in Liga-Spielen weiter gewinnen. Ich hingegen versuche aus den restlichen Spiele der Saison vor allem noch die kleinsten guten spielerischen Momente zu sammeln, um angesichts der vielen Ausfälle von Stammspielern nicht nur an ein Wunder von Berlin glauben zu müssen. Was mich am Montagabend erneut zufrieden stimmte, war der sich entwickelnde Kombinationsfußball des MSV Duisburg,  der gegen eine sehr gut deckende Berliner Mannschaft immer wieder ins Rollen kam. Da steht eine Mannschaft auf dem Platz, die mitspielen will und nicht nur auf die eine Chance durch den Standard setzen muss.

Allmählich frage ich mich auch, sollten wir nicht alle beginnen, diese Mannschaft stark zu reden? Da gehen dann weniger Allmachtsphantasien mit mir durch, als dass ich weiß, gerade in Zeiten von Verunsicherung wirkt das Lob als sinnvollstes pädagogische Prinzip der Veränderung. Dann denke ich, die Spieler wissen ohnehin, welche Fehler sie machen und wo ihre Schwächen im Moment immer wieder deutlich werden. Daniel Reiche wird wissen, dass sein Passspiel erneut durch Totalversagen bedroht war. Wie schon im Spiel gegen Aachen schenkte er den Ball zweimal ohne Not her. Ein Sportpsychologe wäre da vielleicht eine Option, aber vielleicht auch die Meinung, dass er eigentlich ballsicher genug ist für den ersten Pass aus der Abwehr heraus. Wenn er zudem Lob für sein eigentlich auch gutes Defensivverhalten erhielte, könnte er an die Leistung vom Beginn der Saison anknüpfen. So Sachen gehen mir durch den Kopf. Oder auch, dass wir uns auf David Yelldells Leistungen auf der Linie verlassen können. Es ist nicht nur zu spät in der Saison für die Einzelkritik, ich stehe auch auf schwankendem Boden und weiß nicht mehr, mit welchem Ziel ich hier schreibe. Wahrscheinlich hat das alles doch mit meinem Wunsch zu tun, an den Aussichten für den MSV Duisburg beim Pokalfinale in Berlin irgendetwas drehen zu können. Ich will beeinflussen – mit welchem Schmetterlingsflügelschlag auch immer.

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2 Responses to “Wir sind Schmetterlinge, die mit ihren Flügeln schlagen”


  1. 1 André 28. April 2011 um 01:21

    Stark reden! Falls wir überhaupt eine Chance haben, sollten wir anfangen, daran zu glauben und aufkeimendes Selbstvertrauen in der Mannschaft stärken.

    Alles Andere wird sich noch früh genug zeigen.

    Liken


  1. 1 Ein weiterer Schlag mit dem Schmetterlingsflügel « Fakten und Gerüchte aus dem Stadionbus Trackback zu 6. Mai 2011 um 09:09

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