Fußball gab es im DFB-Pokalfinale auch noch

War da noch was, weswegen wir als Zuschauer in Berlin beim DFB-Pokalfinale gewesen sind? Das Fußballspiel selbst erhält in der Berichterstattung nach dem Samstag nicht nur in Duisburg keine große Aufmerksamkeit. Es lässt sich eben keine originelle Geschichte über dieses Spiel erzählen. Nichts Unvorhersehbares im Spielgeschehen hat den FC Schalke 04 dabei behindert, die vorhandene spielerische Qualität zu entfalten. Diese Mannschaft kam ins Rollen, und diese Mannschaft wollte beweisen, all die schlechten Leistungen der letzten Wochen:  Das waren eigentlich gar nicht wir. Diese Mannschaft wollte sich von ihrem schlechten Wir befreien. Das ist ihr für diesen Tag gelungen.

Ich finde es normal, dass eine Mannschaft wie der FC Schalke 04 einen Zweitligisten wie den MSV Duisburg hoch schlagen kann. Daraus lässt sich kein besonderes Selbstbewusstsein ableiten. Auf der anderen Seite des MSV Duisburg muss das aber auch zu keiner besonders lang anhaltenden Enttäuschung führen. Bleibt mal alle auf dem Boden, in Gelsenkirchen und in Duisburg. Wer sich in Duisburg über die Leistung einzelner Spieler ärgert, hat die Voraussetzungen dieses Spiels völlig aus den Augen verloren. Schweigt stille, und denkt an alle Spieler beim MSV Duisburg, die verletzt gefehlt haben.  Und denkt zudem an den so immens großen Wertunterschied in Euros der beiden Spielerkader als Maßstab für den vom Markt angenommenen  Qualitätsunterschied, den der MSV Duisburg hätte schleifen müssen.

Doch dieser grundsätzliche Qualitätsunterschied zwischen beiden Mannschaften ließ sich am Samstag nicht aufheben. Er zeigte sich fast durchweg beim Tempo der Ballverarbeitung. Die Mannschaft des MSV Duisburg agierte am Samstag entweder langsamer oder beim Versuch schnell zu sein, unpräziser als der FC Schalke 04. Die Spieler des MSV Duisburg beherrschten den Ball erst nach zwei- oder dreimaliger Berührung, während auf Seiten der Schalker fast immer beim ersten Kontakt dieser Ball genau das machte, was der Spieler beabsichtigte. Auch deshalb kamen die Spieler des MSV Duisburg gar nicht erst in den Kampf hinein, der für die Verwirklichung der Pokalträume notwendig gewesen wäre. Der Ball war bis auf die Zeit zwischen dem zweiten und dritten Tor der Schalker meist  schon woanders, sobald der verteidigende Spieler des MSV Duisburg irgendwo ankam. Bei Angriffen der Duisburger hatten die Schalker in der Defensive deshalb fast durchweg ausreichend Zeit, den Verbund der Abwehr zu organisieren.

Ich habe den Verdacht, es wäre besser gewesen, der FC Schalke 04 hätte vor dem DFB-Pokalfinale eine eindrucksvolle Siegesserie gezeigt. Dann hätte die Mannschaft des MSV Duisburg tatsächlich jene Chance gehabt, die wir doch alle mehr oder weniger insgeheim vor dem Finale gesehen sahen. Frei nach dem Motto, wir haben keine Chance und wollen sie nutzen, wäre die Mannschaft des MSV Duisburg wahrscheinlich sehr viel unbelasteter gewesen, als sie in Berlin aufgetreten ist. All das Reden vor dem Finale über den Druck des FC Schalke 04 gewinnen zu müssen, löste anscheinend eine nachteilige psychische Bewegung in Duisburg aus. Gefühle gehen manche komplizierte Wege, und deshalb schien nicht die Mannschaft des FC Schalke 04 nervös auf den Platz gehen sondern die des MSV Duisburg.

Vielleicht beeindruckte ein wenig auch die Kulisse, aber ich glaube, vor allem schien diese Mannschaft eine Chance auf den Sieg zu sehen und ängstigte sich, diese Chance zu verspielen. Die meisten Spieler der Zebras wirkten nicht so, als befänden sie sich nur im Augenblick des Spiels. In diesen Augenblicken schwang der Ausgang des Spiels  mit. Sie hatten Angst diese für sie wahrscheinlich nicht allzu oft vorkommende Chance ihrer Karriere auf einen großen Erfolg zu verspielen. Für mich zeigen das die Minuten nach dem zweiten Tor der Schalker. Dieses Tor war nicht das endgültige Aus für die Mannschaft des MSV Duisburg. Im Gegenteil. Von dem Moment an spielte der MSV Duisburg befreit auf. Von dem Moment an war die Last des großen Erfolges von den Schultern der Spieler gefallen. Jetzt erst ging es noch darum, den einzelnen Angriff gut vorzutragen und nicht darum, den so nahe scheinenden Pokal-Triumph möglich zu machen.  Erst jetzt ging es darum, den gegnerischen Angriff erst einmal zu stoppen und nicht darum, das Tor zu vermeiden, das den Traum zerstören wird.

In diesen Minuten des Spiels hatte sich die Mannschaft gefangen, spielte guten Fußball, und es mangelte, wie wir es alle wussten und es schon oft erlebt hatten, am Abschluss. Erst das dritte Tor kurz vor der Halbzeitpause entschied das Spiel endgültig. In der zweiten Halbzeit ging es dann nur noch darum, nicht unterzugehen. Wir haben am Samstagnacht auf der Sonntagstraße in Friedrichshain beim Bier den Tag ausklingen lassen. An den Kneipentischen auf der Straße wurde es etwas kühl. Doch das hielten wir aus. Denn das junge partyhungrige Friedrichshain machte uns zu Pokalsiegern der Herzen. „Kopf hoch“, hörten wir immer wieder. Und: „Ich hätte es euch so gegönnt“.  Ein Pärchen, in Zebra-Trikots, mittleres Alter, kam ebenfalls an uns vorbei. Ein kurzer Gruß, getragene Stimmung. Doch dann verlangsamte er den Schritt etwas und meinte: „Stellt euch bloß vor, wir hätten heute ’ne Klatsche bekommen.“ Wir grinsten. Samstagabende in Berlin können wunderbar sein.

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