So ignoriert Der Westen journalistische Grundsätze

Es geht hier nicht um starke Meinungen. Deshalb geht es auch nicht um ein Urteil zu dem Text eines Journalisten.  Es geht um das Arbeiten im WAZ-Konzern. Der Text eines WAZ-Journalisten über Florian Fromlowitz sorgte gestern nach seiner Veröffentlichung auf Der Westen unter MSV-Fans für Empörung. Betitelt wurde er mit Fromlowitz ist für den MSV keine Verstärkung“. Darüber steht in kleinerer Type „Contra“. Was dem Titel in anfänglich gönnerhaftem Ton folgt, verärgerte viele, die sich über die Verpflichtung von Florian Fromlowitz freuen. Der Ton macht bekanntermaßen die Musik.

Auch ich habe beim Lesen gestutzt, und das Ganze sofort abgehakt unter dem Motto, da nimmt sich einer aber ziemlich wichtig. So wichtig, dass er meint, MSV-Fans zurechtweisen zu können. Als ob da einer Meinungshoheit herstellen will. Wo kommt der her? Über den MSV Duisburg schreibt dieser Journalist ja normalerweise nicht. Wenigstens, so dachte ich, legt er ein Argument für seine starke Meinung vor. Ganz versunken im Sumpf der Journalisteneitelkeit ist er also noch nicht.

Nun finde ich heute morgen im MSVportal eine Erklärung für diesen Text, die den Journalisten zunächst frei spricht von Schuld am aufgekommenen Ärger und einmal mehr zeigt, wieso das Einhalten von Qualitätsstandards das einzige Mittel für die Lokalpresse ist, ihre Leser zu halten. Dieser Text über Florian Fromlowitz wurde eigentlich als Teil eines Pro und Contra für die Printausgabe des RevierSports geschrieben. Weil die RevierSport wie Der Westen zum WAZ-Konzern gehört, werden da gerne Texte hin- und hergeschoben. Je niedriger die Kosten für Inhalte eines Mediums desto besser. Warum nun der Pro-Text zur Fromlowitz-Verpflichtung nicht mitgeschoben wurde, weiß ich nicht. Ich weiß aber, ohne diesen Pro-Text verändert sich die Bedeutung des Contra-Textes.

Mancheiner wird das für eine Marginalie halten, für mich ist es ein Symptom des Qualitätsstandards, der im WAZ-Konzern bei journalistischen Produkten im Moment angelegt wird. Wir sehen, diese Qualitätsfrage kann der einzelne Journalist keineswegs für sich alleine entscheiden. Die Journalisten werden sicherlich versuchen, ihr Bestes zu tun. Der WAZ-Journalist hat auf Kommentare der Leser ebenfalls in den Kommentaren geantwortet. Und anscheinend ist er sich gar nicht darüber im Klaren, dass mit dem Mediumswechsel sich auch die Bedeutung seines Textes verschiebt. Vielleicht ist er ein junger Journalist, und es gehörte zu den Aufgaben der verantwortlichen Redakteure sich über solche Fragen Gedanken zu machen. Haben diese Redakteure Zeit dazu?

Die Auflagen der Zeitungen des WAZ-Konzerns sinken. Die Qualtität des Produkts ist vor allem anderen die Voraussetzung Verluste an Lesern aufzuhalten. Diese Qualität beweist sich eben auch dann, wenn es um das Wissen geht, wie journalistische Texte in welchen Zusammenhängen wirken. Wenn Texte beliebig hin- und hergeschoben werden, macht mich das skeptisch, ob in dem Konzern sich jemand über den Zusammenhang von Form und Inhalt in Zukunft noch Gedanken machen wird. Der Journalist kennt diesen Unterschied anscheinend nicht, vielleicht hat er aber auch von dem Hin- und Herschieben gar nichts mitbekommen. In seinem Kommentar zu den Leserkommentaren verweist er jedenfalls nur auf sein Recht auf Meinung. Ich denke, da lässt ihn seine Redaktion ins offene Messer laufen. Aber vielleicht findet dieses Verschieben der Texte im WAZ-Konzern auch niemand weiter problematisch. Ich möchte das nicht gerne glauben. Vielleicht hat auch niemand Zeit, sich um solche Fragen zu kümmern, und der Teufelskreis von Sparmaßnahme und Auswirkung auf das journalistische Produkt zeigt Wirkung. Für den Leser sind solche Überlegungen letztlich egal. Wenn das Wegbrechen der journalistischen Standards die Zukunft seiner Zeitung wäre, vergisst er sie zurecht.

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3 Responses to “So ignoriert Der Westen journalistische Grundsätze”


  1. 1 Andreas Fettig 17. Juni 2011 um 18:23

    Hallo Herr Jaratz
    DerWesten und Reviersport haben bereits seit Monaten eine gemeinsame wöchentliche Pro & Contra Kolumne. Dabei geht es nicht um Kostenminimierung, sondern um einen sportlichen Meinungsaustausch – auch mit den Usern.

    Der Text vom Kollegen ist das Contra zu diesem Text vom Revierport Kollegen Thomas Richter:
    http://www.derwesten.de/sport/fussball/msv/Fromlowitz-beisst-sich-bei-den-Zebras-durch-id4769187.html

    Es handelt sich also um einen subjektiven Meinungsbeitrag. Der etwas schärfere Ton ist durchaus Absicht – und soll zur Debatte anregen. Dass man damit durchaus quer zur Meinung der Fans liegt, bleibt nicht aus. Aber Widerspruch – auch harter – ist sehr erwünscht.

    Beste Grüße
    Andreas Fettig
    Chef vom Dienst/ Nachrichten
    DerWesten

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  2. 2 Kees Jaratz 17. Juni 2011 um 23:02

    Das freut mich, lieber Andreas Fettig, dass Sie als Vertreter der Redaktion den Kollegen doch nicht ins offene Messer laufen lassen. Meine Deutung der Platzierung seines Contra-Artikels erweist sich also als falsch. An dieser Stelle gibt es im WAZ-Konzern also doch ein Bewusstsein dafür, dass es den einen nicht ohne den anderen Artikel geben darf.

    Bleibt also die Frage der Online-Präsentation, die ich weiterhin für überdenkenswert halte. Den Pro-Artikel habe ich ja nicht willentlich übersehen oder unter den Tisch fallen lassen. Er war für mich schlichtweg einfach nicht vorhanden. Beide Artikel gehören auf eine Online-Seite. Zumindest braucht es einen deutlichen Hinweis auf den Klick zur jeweils anderen Meinung, wenn man diesen Klick will.

    Beim Ton des Textes bin ich völlig anderer Meinung. Ich empfinde ihn nicht als scharf sondern als gönnerhaft. So ein Ton könnte vielleicht scharf wirken, wenn der betreffende Journalist den Lesern vorher bekannter ist, sie Vertrauen zu seinen journalistischen Fähigkeiten gewonnen haben und sie ihn besser einschätzen können. Mir als am Aufklärungsgedanken interessierten Leser geht es vornehmlich um einen Austausch von Argumenten. Der Ton verhindert bei zu vielen Lesern, dass diese Argumente in Augenschein genommen werden.

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  3. 3 Andreas Fettig 20. Juni 2011 um 17:58

    Hallo Herr Jaratz,
    vielen Dank für die konstruktive Kritk: In der Tat war die Präsentation in diesem Fall nicht unbedingt zielführend und der entsprechende Pro-Artikel hätte zwingend und deutlich zugeordnet werden müssen (wir haben das nachgeholt).

    Was den Ton betrifft: Der Text ist ganz sicher nicht gönnerhaft gemeint. Der Kollege ist selbst Fan eines örtlichen Vereins und kennt von daher die Stimmungslage im Stadion. Provokativ soll so ein Kommentar allerdings in jedem Fall sein – alles andere wär ja langweilig. Wir werden Ihre Kritk jedoch beim nächsten Mal berücksichtigen.

    Mit besten Grüßen
    Andreas Fettig
    Chef vom Dienst/ Nachrichten
    DerWesten

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