Selbst der MSV Duisburg konnte Sven Regener vom Fußball nicht begeistern

Der Musiker und Autor Sven Regener interessiert sich nicht für Fußball. Wer mich bei dem Namen fragend ansieht, der sei an Element of Crime und Herr Lehmann erinnert. Nebenbei und ehe es dann endgültig zum dieses Mal nicht geliebten Fußball geht: Ich frage mich gerade, ist Sven Regener eigentlich ein Autor mit Werken, die generationsübergreifend gelesen werden? Die Verkaufszahlen lassen es zwar vermuten, doch seine Trilogie um Herrn Lehmann lebt ja sehr vom detaillierten Blick auf die End-70er, Anfang 80er-Jahre und ihre Jugendkultur. Da fährt Sven Regener atmosphärisch einiges auf, ohne eine besonders tiefe oder anspruchsvolle Geschichte zu erzählen. Die Menschen meiner Generationen lassen sich da gerne mitnehmen. Aber stimmt meine Vermutung, dass für die Leser anderer Generationen die Bücher wegen des fehlenden langen Spannungsbogens etwas langatmig wirken? Ich habe noch keinen Leser außerhalb meiner Alterskohorte kennengelernt. Ist das schon ein Indiz, das meine Vermutung unterstützt? Liebe Leute, das sind keine rhetorischen Fragen. Das sind Aufgaben für euch.

Zurück zum Fußball. Nur zweimal in seinem Leben war Sven Regener bei Fußballspielen. Das erste Mal war das 1989, und warum steht das hier? Weil eins dieser beiden Fußballspiele mit Beteiligung vom MSV Duisburg stattfand:  Sven Regener erinnerte sich: „Ich war mal bei den Reinickendorfer Füchsen gegen den MSV Duisburg, einem Relegationsspiel um den Aufstieg in die 2. Liga, 1989. Wir haben damals im Stadion die Fotosession zu unserem Album „Jimmy“ gemacht. Und dann war ich noch einmal beim Spiel St. Pauli gegen Bielefeld. Und da muss ich ehrlich sagen, das brauche ich nicht, schön ist was anderes. Das hat mir damals für mein Leben gereicht.

Der vollständige Titel des Albums des 1989 erschienenen vierten Albums von Element of Crime lautet „The Ballad of Jimmy  & Johnny. Es war  das vierte Album der Band und ist von besonderer Bedeutung für die Bandgeschichte, weil auf ihm das erste deutschsprachige Lied der Band veröffentlicht wird. Und erst mit den deutschsprachigen Songs erspielte sich Element of Crime ein zunächst zwar nicht sehr großes, aber treues Publikum.

Von innen kenne ich das Cover nicht. Auch im Netz findet sich nur immer wieder das Cover-Foto selbst. Für die Großaufnahme von den Köpfen der Band-Mitglieder wäre selbst bei weniger Tiefenunschärfe kein Fußballstadion als Foto-Set nötig gewesen. Gibt es etwa im Innenteil spaßige Bilder von Stehplatztribünen mit Instrumenten tragenden Musikern unter dem Fußballvolk? Dürfen der MSV Duisburg und seine Fans sich gar in der deutschen Popgeschichte verewigt wissen? Gewissermaßen als kulturhaltigen Lohn für den damaligen Wiedereintritt in den „Bezahlten Fußball“? Sagt eigentlich irgendjemand noch „Bezahlter Fußball“, ohne dass er entweder verständnislos angesehen wird oder ihm die Älteren nicht mehr zuhören, weil sie in sentimentale Erinnerungen an Kinder- und Jugendtage eintauchen? Den „Bezahlten Fußball“ gibt es inzwischen so weit die Ligen runter, dass die Unterscheidung hinfällig geworden ist.

Meine Plauderlaune geht heute immer wieder mit mir durch. Mir geht es doch um die Frage, ob ich auf eine Regenersche Traditionslinie der Bandvermarktung gestoßen bin? Wurde aus dem Stadion mit Leichtathletik beim ZatopekProjekt der 80er das Stadion mit Fußball bei Element of Crime? Auch musikalisch findet sich bei Element of Crime ja etwas wieder, was schon bei Zatopek zu hören war. Der spätere Jazz ist allerdings weniger swing denn cool.

Ich weise auf so etwas auch hin, um Kulturwissenschaftlern in hundert Jahren die Arbeit etwas zu erleichtern. Sollte Sven Regener in den deutschen Kulturkanon Aufnahme finden, wird es Philologen und Musikwissenschaftler geben, die solche Fragen interessieren. Und alle, die was wissen, sind dann tot. Bedauernswert. Wir Menschen als ununterbrochene Deuter der Wirklichkeit werden auch in Zukunft nicht vom Deuten lassen können und wäre es nicht schön, wenn wir dem Stadion zu seinem Recht auf Bedeutung im musikalischen Frühwerk von Sven Regener verhelfen? Schließlich geriete auf diese Weise auch der Einfluss des MSV Duisburg auf den weiteren Weg von Element of Crime in den Blick.

4 Responses to “Selbst der MSV Duisburg konnte Sven Regener vom Fußball nicht begeistern”


  1. 1 tina 18. August 2011 um 09:06

    Also, ich liebe Sven Regener, Element of Crime und Herrn Lehmann. Und ich bin, na ja, sagen wir mal „ein bisschen“ jünger als Du. 🙂

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  2. 2 Kees Jaratz 18. August 2011 um 10:35

    Dass wir darüber, seitdem wir uns kennen, noch nicht gesprochen haben. Wir stellen fest: Der Schlachtruf: Nur der MSV! führt zu Konzentration aber auch zu leichter Einseitigkeit. 😉

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  3. 3 Michael Wildberg 18. August 2011 um 13:48

    Auch ich habe Regener gelesen, Jahrgang 1981. Hoffe, damit sind alle Annahmen ob eines einseitigen Lesergenerationengebrauchs der Werke Herrn Regeners ad acta gelegt. Dass er trotz eines Besuchs beim MSV aber nicht Fan geworden ist, wird natürlich dazu führen, dass ich nie und nimmer ein weiteres Buch des Herrn in die Hand nehmen werde. Bah. Elender Schnösel…

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  4. 4 Trainer Baade 18. August 2011 um 18:43

    Ich hab noch nie was von Sven Regener – nicht meine Generation – gelesen, fürchte aber, dass wenn seine Texte so daherkommen wie seine Songs, dass es dann wohl zutrifft, dass ihnen jeglicher Spannungsbogen fehlt.

    Allerdings ist es nicht so, dass mich ein Stimmungsbild aus jener Zeit nicht interessierte.

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