Zwischen Erleichterung, unbändiger Freude und Trauer

Eigentlich hätte der Sieg des MSV Duisburg gegen Dynamo Dresden gestern, am frühen Abend ganz im Zeichen von großer Erleichterung und unbändiger Freude gestanden. Doch an diesem frühen Abend gab es auch Momente von tiefer Trauer und Besinnlichkeit. Diese so anderen Gefühle machen heute eine Vorrede nötig. Der Fanbeauftragte des MSV Duisburg, Dirk Lechtenberg, war am Sonntag zuvor gestorben. Das Spiel gestern wurde auch zum Anlass genommen, seiner zu gedenken.

Wenn ein Stadion während der Halbzeitpause eines normalen Ligaspiels in einen Ort des Gedenkens verwandelt werden soll, ist das ein schwieriges Unterfangen. Zwischen den überbordenden Gefühlen bei einem Fußballspiel und Besinnlichkeit oder Trauer befindet sich ein tiefer emotionaler Graben. Nach einem Torjubel fällt es nicht leicht, sich einzustimmen auf ein Fühlen, das dem Moment des Gedenkens angemessen ist. Es ist dann ebenfalls nicht leicht, passende Worte zum plötzlichen und frühen Tod des Fanbeauftragen vom MSV Duisburg, Dirk Lechtenberg, zu sprechen. Es ist um so schwerer, wenn beim Sprechen der Verlust dieses Menschen so deutlich hervortritt, da dieser Mensch genau an diesem Ort des Sprechens die Freude über das Tor mit vielen der dort trauernden Menschen geteilt hätte.

Dem MSV Duisburg ist es dank der Freunde und Lebensgefährten von Dirk Lechtenberg und dank seiner Mitarbeiter auf dem Platz gelungen, diese schwierige Situation würdevoll zu gestalten. Die Zuschauer im Stadion hielten für diese Zeit des Gedenkens inne. Das stattfindende Fußballspiel entschwand in eine Nebenwelt, und im Stadion war spürbar, wie aufrichtige Anteilnahme die Menschen ergriffen hatte. Den Gästefans ist ihre stille Teilnahme an diesem Gedenken hoch anzurechnen, und selbst dem notwendigen Aufwärmen der Ersatzspieler war das Zurückgenommene, das Innehalten im alltäglichen Voranschreiten anzumerken. Es ist bezeichnend für unsere Medienwelt, dass am Rand des Spielfelds das Moderatoren-Geplapper für das Fernsehen weiterging und der grelle Scheinwerfer dort auf die scheinbare Unverwundbarkeit dieser Medienmaschinerie verwies. Der Tod von Dirk Lechtenberg ließ im Stadion überall sonst das Leben verstummen. Die Zeit stand still, und dass ein Fußballspiel nach diesem Gedenken wieder aufgenommen werden sollte, schien mir unvorstellbar.

Früh kam die Mannschaft des MSV Duisburg zurück auf den Platz. Die Spieler bewegten sich ein wenig, um warm zu bleiben. Sie blieben aber alleine, weder Schiedsrichter noch Gegner kamen dazu. Durch dieses Dasein der Spieler wagte sich das Leben zurück in das Stadion. Ob Fügung oder bewusste Entscheidung, die früh zurück gekommenen Spieler des MSV Duisburg, alleine auf dem Platz halfen den Zuschauern ihre so entgesetzten Gefühle miteinander in Einklang zu bringen. Es gab einen Zeitraum für den Gefühlswandel. Wir konnten den Spielern stumm zusehen und mit jeder ihrer balllosen Bewegungen nahmen wir die zweite Halbzeit des Fußballspiels ein wenig mehr in den Blick. Besinnlichkeit und Trauer ließen wir so weit zurück, dass die Rückkehr der Dresdner Spieler schon erwartungsvolle Unruhe hervorrief.

Die zweite Halbzeit begann, und ein wenig sorgenvoll fragte ich mich mit den Freunden, ob diese Mannschaft wirklich so gut war, dass sie den Gegner mit ihrer anfänglich leicht zurückgenommenen Spielweise kontrollieren könnte. Doch Dynamo Dresden war der richtige Gegner, um Selbstvertrauen zu entwickeln und genau das im Wettkampf zu üben, was wir in den ersten Spielen so sehr vermisst hatten. Die Mannschaft schlug kaum einen eroberten Ball mit einem langen Pass nach vorne, sondern sie versuchte fast alle Spielsituationen durch kontrolliertes Passspiel aufzulösen. Wenn konsequent so weitergespielt wird, werde ich auch einmal schreiben können, durch schnelles kontrolliertes Passspiel.

Von Spielbeginn an war deutlich, die Mannschaft wird versuchen, sich ihre Chancen durch Kombinationsfußball zu erspielen. Auch wenn steil gespielte Pässe im Nichts landeten, in jedem Angriff wurde erneut ein Kombinationsspiel versucht. Dynamo Dresden war dafür auch deshalb ein geeigneter Gegner, weil sich aus dem abgefangenen Ball nur selten ein gefährlicher Gegenangriff entwickelte. Zwar gab es zwei sehr gute Chancen für die Dresdner in der ersten Halbzeit, doch blieb die Mannschaft sonst eher harmlos. Viele zwingenden Chancen erspielte sich der MSV Duisburg allerdings auch nicht. Doch der Versuch einer konstruktiven Spielweise stimmte mich grundsätzlich optimistisch.

So schien mir das Tor kurz vor dem Halbzeitpfiff als Belohnung für die konsequente Wahl der spielerischen Varianten. Einen Eckstoß nahm Branimir Bajic volley und schoß unhaltbar ein. Wahrscheinlich möchte Branimir Bajic den Ehrgeiz seiner Kollegen aus dem Sturm ein wenig kitzeln. Bislang schien er bei Eckbällen ja vor allem ein besonderes Gespür für den abprallenden Ball als zweite Chance zu haben. Nun beginnt er, schon bei der ersten Chance am richtigen Platz zu sein. Großartig!

Wie angekratzt bei den Spielern des MSV Duisburg das Vertrauen in ihre Spielweise war, wurde am Jubel über das 2:0 sichtbar. Emil Julas Tor ging ein schöner Flankenlauf von Daniel Brosinski voraus, und im Jubelknäuel zeigte sich die so große Erleichterung der Spieler. Nach diesem Tor war der Sieg gesichert. Der Mannschaft blieb weiter Zeit, sich auszuprobieren, denn die Dresdner versuchten noch mitzuspielen.

Milan Sasic braucht sich nicht zu sorgen. Nach diesem Sieg wird nichts übertrieben gut geredet. Zu offensichtlich waren die Fehlpässe durch die unzureichende Abstimmung. Zu offensichtlich war das oft gemächliche Tempo, mit dem die Mannschaft viele ihrer Angriffe in den entscheidenden ersten zwei, drei Spielzügen bestritt. Da spricht aus mir keine Unzufriedenheit sondern Realismus. Vielmehr bin ich sehr zufrieden, dass die Mannschaft trotz dieser so offensichtlichen Schwächen es geschafft hat, das Spiel auf gesamter Länge durch Kombinationsfußball zu gestalten.

Für dieses Wagnis – auch wenn nur in ganz wenigen Momenten des Ballverlustes in der eigenen Hälfte ein Wagnis war, ich nenne das so –  für dieses Wagnis also war die SG Dynamo Dresden der bestens geeignete Gegner. Die Mannschaft war gut genug, um die Spielweise zu behindern, sie war aber nicht dauerhaft gefährlich genug, um die Schwächen des MSV Duisburg zu nutzen. Komischerweise war ich nur bei der ersten Großchance der Dresdner und Filip Trojans Heber an die Latte etwas erschrocken. Als Marcel Heller alleine auf Florian Fromlowitz zulief, schlug mein Herz nicht einen Schlag schneller. Ich war sicher, er schießt vorbei.

Wenn die Riesenfreude und das Feiern von uns Zuschauern und Spielern nach diesem Sieg ein Maßstab ist, mag ich gar nicht an einen wirklich großen Erfolg denken. Was wird dann erst los sein? Aber vielleicht gehört dieser Sieg ja bereits zu einem der großen Erfolge dieser Mannschaft. Sie hat dem Erwartungsdruck mit spielerischen Mitteln stand gehalten. Wir können wirklich zufrieden sein.

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8 Responses to “Zwischen Erleichterung, unbändiger Freude und Trauer”


  1. 1 Jekylla 27. August 2011 um 18:40

    Sehr bewegend geschrieben. Und vielleicht war das auch der Grund für die überschäumende Freude. Nicht nur der Sieg, sondern die Tatsache, dass nach intensiven Momenten der Trauer und des Innehaltens auch wieder Momente der Freude folgen können. Das werden viele auch als Erleichterung empfunden haben. Man fühlt es doppelt. Weil man es kann.

    Glückwunsch zum Sieg.

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    • 2 Kees Jaratz 28. August 2011 um 09:12

      Ja, es waren bewegende Minuten. Für mich auch deshalb eindrucksvoll, weil ich weit entfernt von dem Teil der Fan-Arbeit und -Szene stehe, für die Dirk Lechtenberg wichtig war. In solchen Momenten wird etwas zutiefst Menschliches berührt. Und vielleicht haben Sie recht – daran hatte ich noch gar nicht gedacht – dass in der Erleichterung über den Sieg auch das Glück noch zu leben steckte.

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  2. 3 tina 29. August 2011 um 11:10

    Wunderbar, meine Trackbacks kommen nicht an. 😦

    Liebe Grüße.

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  3. 4 Kees Jaratz 29. August 2011 um 11:13

    Aber erst seit diesem Spieltag. Ich weeiß och nich …

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  1. 1 Ein Zebra in der Achterbahn Trackback zu 29. August 2011 um 11:09
  2. 2 Schon lange legendär – Branimir Bajic | Fakten und Gerüchte aus dem Stadionbus Trackback zu 14. Mai 2018 um 06:59

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