Archiv für September 2011

Uli Hoeneß – ein Strohmann für Bastian Schweinsteigers Basketballambitionen?

Das nenne ich eine gelingende Stärkung des schon sehr erfolgreichen Marktsegments Basketball der Marke FC Bayern München. Vor dem Anpfiff der neuen Bundesligasaison im Basketball wird noch einmal jedem klar gemacht, von welchem sportlichen Potenzial wir beim FC Bayern München in Sachen Basketball reden. Bastian Schweinsteiger hat mal kurz zu einem PR-Termin bei den Basketballern vorbeigeschaut. Mit Steffen Hamann zusammen hat er ein paar Bälle auf den Korb geworfen und ausprobiert, ob er mit dem Fuß nicht doch noch treffsicherer beim Korbversuch ist.

Bastian Schweinsteiger spielt Basketball nicht zum ersten Mal. Er macht das sehr gut. Sieht man seinen Bewegungsablauf beim Werfen, steht die Frage im Raum, wie der Fußball seinem umfassenden sportlichen Talent überhaupt gerecht werden kann. Dem FC Bayern München sind durch ihn jedenfalls vielfältige Synergie-Effekte beim weiteren Ausbau zu der weltweiten Sportmarke möglich. Einige Beobachter der Sportszene vermuten sogar, Uli Hoeneß war mit seinem Entschluss den Basketball des FC Bayern München zu fördern nur der Strohmann für Bastian Schweinsteigers Ambitionen neben dem Fußball.  Wenn der Präsident des FC Bayern München demnächst verkündet, sein Verein werde bald eine Skisport-Abteilung gründen, dürft ihr euch nicht wundern.

Sport1 hat den „Nachrichten-Clip“ ins Netz gestellt und jemand aus der Redaktion versichert im Kommentar auf der youtube-Seite, der Korberfolg per Fuß sei kein Fake. Allerdings habe Bastian Schweinsteiger drei Versuche gebraucht. An der Quote ließe sich also noch arbeiten. Was aber wäre ein Leben ohne weitere Ziele?

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Die Mannschaft sieht nur auf den Misserfolg

Zwei Ausfälle hatte der MSV Duisburg beim Auswärtsspiel gegen den VfL Bochum zu beklagen. Zumindest Emil Julas schmerzende Achillessehne hatte direkten Einfluss auf das Spiel. Statt seiner versuchte sich Flamur Kastrati  darin, lange und hohe Anspiele zu erlaufen. Zwar hatte die Mannschaft schon mitbekommen, Kopfballduelle gewinnt der Norweger eher nicht, die langen Bälle blieben dennoch in der ersten Halbzeit das bevorzugte Mittel, den Ball in die gegnerische Hälfte zu bekommen. Da wusste die Mannschaft noch nicht so recht, auf welche andere Weise sie nach dem Ausfall von Emil Jula Angriffe versuchen sollte.  Erfolgsversprechen sehen allerdings ganz anders aus.

Dagegen lässt sich sicher darüber streiten, wie mein Ausfall durch eine fiebrige Erkältung sich auf das Ergebnis ausgewirkt hat. Vor Ort konnte ich nicht dabei sein, so blieb mir der Blick aufs TV-Bild. Trotz aller stilistischen Bedenken hätte ich jetzt gerne mit dem Kalauer mitfiebernd weitergemacht. Leider gab es da nicht all zu viel mitzufiebern beim Spiel des MSV Duisburg. Etwas regte sich in mir zum Ende des Spiels hin. Da hätte ich den Spielern gerne zugerufen, merkt ihr denn nicht, wie groß die Angst diese Bochumer ist zu verlieren? Vielleicht fiele mein Urteil auch etwas anders aus, wenn ich die ersten zehn bis fünfzehn Minuten des Spiels nicht noch gesundheitsschlafend im Bett gelegen hätte. In dieser Zeit scheint die Mannschaft des MSV Duisburg ja versucht zu haben, das Spiel zu bestimmen.

Nachdem der VfL Bochum aber das Tor zur Führung erzielt hatte, blieb nichts mehr davon übrig. Das Spiel ist nicht in der letzten Minute verloren worden. Das Spiel wurde in dieser ersten Halbzeit verloren, als ein einziges Gegentor jegliches Selbstbewusstsein des MSV Duisburg pulverisierte. Ich verstehe nicht, wieso der Mannschaft ein Gegentor jegliche Kraft nimmt. Warum hat diese Mannschaft keine Routinen, an denen sie sich erst einmal festhalten kann? Das sind Fragen des Interesses. Ich finde das erstaunlich, lese ich doch von guten Trainingsleistungen, die nicht nur Milan Sasic anführte, sondern auch Nutzer des MSVportals gesehen haben.

Ich habe große Sorgen. Ich sehe keinen Fortschritt bei der Entwicklung einer Spielkultur. Ich sehe keine Fortschritte bei der Entwicklung mentaler Stärke. Ich sehe nichts, woran sich diese Mannschaft halten kann, wenn es schlecht läuft. Und es läuft immer schlecht. Wie soll diese Mannschaft außer durch Zufälle Tore erzielen? Der Ausgleich wurde nicht durch kontinuierlich wachsenden Druck auf die Bochumer erspielt. Der Ausgleich fiel durch einen  Freistoß. Er kam aus dem Nichts.  Und nebenbei: Wer schoß den Freistoß? Es war Benjamin Kern. In dieser schon länger anhaltenden Phase der völligen Verunsicherung braucht es Spieler, die sich ihrer selbst sicher sind. Benjamin Kern ist so ein Spieler.  Er strahlt auf dem Platz das aus, was diese Mannschaft in Gänze vermissen lässt. Kevin Wolze strahlt das aus. Goran Sukalo ebenfalls. Aber diese Ausstrahlung springt nicht über auf die gesamte Mannschaft. Die Angst der Bochumer wuchs nach dem Ausgleich und trotzdem hatte ich nicht das Gefühl, die Mannschaft des MSV Duisburg gewinnt psychische Energie durch diese so deutlich spürbare Angst des Gegners. Sicher, die Mannschaft erarbeitete sich Chancen. Doch der Blick dieser Mannschaft liegt auf der verpassten Chance. Der Blick liegt nicht auf der Wiederholung von Chancen. Diese Mannschaft ist anfällig für die Enttäuschung. Diese Mannschaft trauert erst immer einen kurzen Moment darüber, dass aus einer Gelegenheit zu einem Tor sich doch kein Tor ergibt. Erst nach diesem kurzen Moment der Resignation wird wieder angegriffen. Dem Gegner wird so für einen Moment Zeit gelassen, sich wieder zu orientieren. Der Schreck des Gegners wird nicht ausgenutzt. Außerdem ist die eigene Anstrengung sich erneut zu motivieren weitaus größer, als wenn die Mannschaft kontinuierlich weiterspielte. Diese Mannschaft denkt zu viel über den Misserfolg nach.

Mit solcher Spielweise wird diese Mannschaft des MSV Duisburg nicht genügend Punkte schaffen, um dem Abstieg zu entkommen. Das ist kein Pessimismus. Das ist Realismus. Im Moment sehe ich bei der Spielweise der Mannschaft keinen Ansatz, um auf bessere Zeiten zu vertrauen. Natürlich kann diese Mannschaft dennoch Spiele gewinnen, und sie kann genügend Spiele gewinnen, um sich am Ende im gesicherten Mittelfeld zu platzieren. Wir können das allerdings nicht sicher glauben, sondern nur erhoffen, weil – und nun alle zusammen im Chor – im Fußball alles möglich ist.

Ich bezweifel übrigens, dass ein neuer Trainer irgendetwas ändern würde. Viel wichtiger wäre das Engagement eines Sportdirektors, der Milan Sasic auf Augenhöhe begegnet und mit dem er sich vertrauensvoll austauschen könnte.  Vielleicht überrascht euch diese Haltung bei meiner Skepsis gegenüber Milan Sasics Handeln in den letzten Wochen. Aber wir haben unter Milan Sasic schon Mannschaften gut spielen sehen. Es geht um das Abgleichen von Ideal und Wirklichkeit des Spielvermögens dieser Mannschaft. Es geht um das Überprüfen, welche Spieler welchen taktischen Anforderungen genügen können. Es geht um das Überprüfen, wo welche Spieler mit ihren Fähigkeiten am besten zu Geltung kommen. All das müsste ein neuer Trainer ohnehin machen. Warum soll es also Milan Sasic nicht mit einem neuen Sportdirektor gemeinsam machen?

Und vor dem Spiel noch etwas ganz anderes: Michel Godard – Monteverdi

Neulich erhielt ich den Anruf von einem Mann, der das schwierige Geschäft der PR in eigener Sache betrieb. Jonas Niederstadt gehört das CD-Label Carpe Diem, und er fragte an, ob ich den Namen Michel Godard kenne. Ich kannte ihn nicht. Dieser Michel Godard ist ein französischer Jazz-Musiker, der die treibende Kraft bei einem sehr speziellen Musikprojekt gewesen ist.  Ein Jazz-Trio begegnete einem Trio für Alte Musik in der Abbaye de Noirlac. Nun schreibe ich zwar immer wieder über Kultur auch musikalischer Art, begegne diesem Teil der Kultur aber auf eine mehr impressionistische Weise als einer kritischen. Ganz zu schweigen davon, dass ich mich mit Alter Musik gar nicht auskenne. So eine in Kulturwelten beliebte „Begegnung“ birgt zudem immer auch die Gefahr des zu viel Neuen. Am CD-Player bin ich aber viel fluchtfreudiger als in einem Konzertsaal. Deshalb war ich skeptisch, ob ich etwas über das Projekt würde schreiben können.

Darauf hinweisen wollte ich gerne. Ich will das jetzt gar nicht überhöhen, aber wenn jemand sich für einen so randständigen und etwas abseitigen Teil unserer Kultur einsetzt, ist das in meinen Augen schon ein Wert für sich. Ein wenig Geld soll der Mensch für sein Leben ja auch verdienen. Zu der Musik selbst hätte ich dann nichts gesagt. Dann schlug Jonas Niederstaedt vor, auf der Seite des Labels die Hörproben der CD anzuhören, um zu entscheiden, ob ich mit der Musik etwas anfangen könnte.  Gesagt, getan, und nun seht ihr mich begeistert. Ich höre eine in Teilen meditative Musik, in der sich die klassischen Töne mit modernen Klängen mischen. Obwohl ich in dieser Musik nicht wirklich zu Hause bin, wirkt sie ganz selten nur fremd. In dieser Fremdheit aber bietet meist ein dahin treibender Rhythmus Orientierung. Durch die Musik ist die innere Energie der Musiker spürbar, sie macht leicht und beglückt. Ich beschreibe diese Musik als einzelnes Erleben. Ich kann sie nicht einordnen. Ich kann über Qualitäten der Musiker nichts schreiben. Ich bin nur froh, dass Jonas Niederstädt bei seiner PR-Aktion in eigener Sache auch meine Telefonnummer gewählt hat.

Kurz noch aus den Infos zur CD zitiert: „Neben Michel Godard (Serpent) spielen die Basslegende Steve Swallow (E-Bass), die berühmte Mezzosopranistin Guillemette Laurens, der Saxophonist und Sänger Gavino Murgia, die Violinistin Fanny Paccoud und der Lautenist Bruno Helstroffer. … Die sechs Musiker spielen Kompositionen von Claudio Monteverdi, Steve Swallow und Michel Godard.“

Nochmals hier der Link zu den Hörproben. Außerdem seht Ihr hier einen kurzen Clip von den Aufnahmen für die CD.

Monteverdi – a trace of grace. A project of Michel Godard. Carpe Diem CD-16286; um € 17.90.

Noch einmal nach dem Spiel: Berliner Reden über ein Unentschieden gegen den MSV

Schnell der Hinweis auf den Podcast beim Union-Blog textilvergehen, in dem es zu Beginn noch einmal um das Spiel des MSV Duisburg gegen den 1. FC Union Berlin geht. Ab Minute 4:15. Berliner Ratlosigkeit über die eigene Stimmung nach einem  verpassten Sieg.

Wissen ist Macht

Auch wenn es mancher jetzt nicht glauben mag, heute schreibe ich als teilnehmender Beobachter in vorwissenschaftlichem, mir selbst gegebenem Auftrag. Ich schreibe nicht als emotionaler Fan. Ich bewerte nicht, sondern nehme Daten auf. Beim Lesen dieses Artikels zu Milan Sasic in Der Westen stellte ich mir nämlich sofort die Frage, ob er vielleicht auch ein Beleg für den sich ausentwickelnden Kunstsektor Fußball ist, wie er mir neulich in Zusammenhang mit dem Xavi-Interview in der Süddeutschen Zeitung in den Sinn kam. Vielleicht ist dieser Artikel ein unbeabsichtigtes Zeugnis für diese Entwicklung.

Milan Sasic hatte anscheinend Sportberichterstatter Duisburgs geladen, um Erklärungen für mangelnden Erfolg zu geben. Ich lese als Erklärung aber nichts anderes als den allgemeinen Verweis auf Fehler der Spieler, der eine Geste der Machtdemonstration mit unausgesprochenem Herrschaftswissen folgt: „Der Trainer zeigt auch Eckbälle. Sasic schmunzelt: ‚Es gibt immer noch Leute, die nicht verstehen, warum bei uns zwei Leute an der Eckfahne stehen.'“ Dazu muss man wissen, es gibt viele Zuschauer, die diese Eckballvariante heftig kritisieren.

Milan Sasic gibt nun keine Erklärung für diese Eckballvariante. Im Artikel gibt es nur diese Beschreibung eines wissenden Schmunzelns. Wem ist nun die ausbleibende Erklärung anzulasten? Den Journalisten? Milan Sasic? Als teilnehmender Beobachter interessiert mich das gar nicht. Als teilnehmender Beobachter stelle ich fest, im Geschehen zwischen Milan Sasic und den Duisburger Sportjournalisten offenbaren sich Zeichen von Herrschaftswissen. Für den Fußball, der sich als Kunst verstehen möchte, ist das normal. Auch im Kulturbetrieb gibt es immer wieder Menschen, die Duftmarken setzen, um den Wert des eigenen Kulturerlebens zu steigern. Sie wollen sich unterscheiden. Die Mechanismen für diese Unterscheidung sind immer dieselben. Hier stehen wir, die sehen und erkennen, dort sind die, deren Reden ein Zeugnis ihrer Unkenntnis ist.

Als Fan lässt der Artikel mich übrigens verwirrt zurück. Ich weiß nicht so recht, an welcher Stelle es mit der Wissensvermittlung an die Leser hapert. An wen wollte sich Milan Sasic wenden? Wollte er die Zuschauer erreichen? Das hat er eindeutig nicht geschafft. Haben das die Journalisten vermasselt? Wollte er den Journalisten privatissime eine Fortbildung in Sachen Fußballlehre geben? Warum haben sie dann daraus diesen Artikel gemacht? Warum haben sie ihr neu erworbenes Wissen nur unzureichend weitergegeben?

Die Quintessenz dieses Artikels lautet, die Spieler des MSV Duisburg können‘ s einfach nicht. Warum das aber so ist, das scheinen die Anwesenden für so selbstverständlich zu halten, dass sie es nicht weitererzählen. Das muss von selbst verstanden werden. Das lässt sich auch als Signal an Zuschauer interpretieren, stille zu sein. Wenn ich wollte, könnte ich den Artikel als Versuch verstehen, öffentliche Stimmen durch Zuschreibung von Unkenntnis zu entkräftigen. Wenn ich wollte, könnte ich glauben, hier sollen Zeichen gesetzt werden, dass entgegen einer weit verbreiteten Meinung doch nicht jeder beim Fußball mitreden darf. Wenn ich wollte. Ich will aber gar nicht.

Die Absicht von Milan Sasic war vielleicht eine andere. Vielleicht wollte er tatsächlich etwas erklären, vielleicht wollte er einer vermuteten wirksamen Kritik von Seiten interessierter Fans mit Argumenten entgegen wirken. Vielleicht sind Dirk Retzlaff und Thomas Tartemann auch einfach nur dem Charme Milan Sasics erlegen. Könnte mir im Übrigen auch passieren.

Solidarität unter Leidensgenossen im Fußball-Westen

Gestern Abend spuckte Google unter dem News-Suchbegriff „MSV Duisburg“ eine Meldung mit folgender Überschrift aus: „Fußball 2. Liga: Keine Wettkampf-Aggressivität“. Ach, dachte ich, als ich Der Westen als Quelle las, haben die Herren Retzlaff oder Tartemann nochmal was zur Wochenendberichterstattung nachgelegt? Ein Klick, und welche Überraschung. Die Bochumer Kollegen im Haus beschäftigten sich mit Andreas Bergmanns Eindruck vom Spiel. Andreas Bergmann ist übrigens nicht der neue Trainer vom MSV Duisburg sondern vom VfL Bochum. Wie wir seit gestern Abend auch wissen, kann sich der MSV Duisburg zudem große Hoffnung für das Spiel am kommenden Sonntag machen. Denn in Bochum gibt es noch Solidarität und Hilfsbereitschaft. Friedhelm Funkel wurde keineswegs wegen der Erfolgslosigkeit der Bochumer Mannschaft entlassen. Als die ersten Berichte über die trainerlos gewordene Mannschaft von Alemannia Aachen Bochum erreichten, war den Verantwortlichen des VfL sofort klar, sie müssten handeln. Es sind immer die, denen es selbst nicht gut geht, die am meisten geben.

Tausche Elfmetergeschenk gegen Abseitstor

Zum Glück lese ich heute Morgen deutliche Worte, die Emil Jula und Florian Fromlowitz  nach dem Spiel des MSV Duisburg gegen den 1. FC Union Berlin gesprochen haben. Schon im Stadion fürchtete ich am Samstag, der Verlauf der letzten zehn Minuten könnte den klaren Blick auf die indiskutable Leistung der Mannschaft vernebeln. Auf der Seite des MSV Duisburg geschieht das auch in Teilen. Da klingt es nach unglücklichem Spielverlauf, wenn im Vordergrund steht, wie schön es wäre, wenn solche Spiele einmal gewonnen werden  könnten. Und ein Sieg wird da auch „geklaut“.  Doch wenn ich die Moral bemühe, dann denke ich, ein geschenkter Elfmeter und ein nicht gegebenes Abseitstor heben sich punkto Gerechtigkeit einigermaßen auf.

Es ist auch überhaupt nicht wichtig, ob der MSV Duisburg am Samstag um den Sieg gebracht wurde oder nicht. Es ist wichtig, wie große Teile dieser Mannschaft auf dem Spielfeld auftreten. Es ist wichtig zu wissen, dass man auch als verunsicherter Spieler einem Gegner aus der zweiten Liga Sorgen bereiten kann. Denn wenn es eines gibt, was Zweitligaspieler können sollten, ist es zu verteidigen. Ohne den Ball im Besitz zu haben, muss ich mir nämlich um den Ball als einer Hauptfehlerquelle eines Fußballspiels keine Gedanken machen. Ich muss nur daran denken, da ist mein Gegner, der hat gerade den Ball und es damit schwieriger als ich. Diesen Ball will ich jetzt wiederhaben. Ich muss mir nicht darum Gedanken machen, dass ich gleich wieder den Ball wegspringen lasse, wenn ich angepasst werde. Ich muss mir nicht Gedanken darum machen, wie ich diesen verdammten Gegenspieler umspielen soll, obwohl ich es nicht kann. Ich muss einfach nur rennen, am besten natürlich in mannschaftlicher Geschlossenheit. Manchmal reicht es sogar, wenn ich alleine bedrohlich auf einen Gegenspieler zulaufe. Kein Ball an meinen Füßen stört mich dabei. Ich mache einfach nur dem Gegenspieler Angst, indem ich möglichst überzeugend den Ball zurückerobern will.

Im Abstand von zwei, drei Metern überzeuge ich den Gegenspieler nicht. Da kriegt kein Spieler von Union Berlin Angst. Da kann jeder Spieler sich in Ruhe überlegen, ob er den Ball zur Sicherheit noch einmal hinten rumspielt. Ob er den Ball halblang passt oder gar hoch in den Strafraum spielt. Der 1. FC Union Berlin brauchte zudem gar nicht hoch in den Strafraum spielen. Die Mannschaft zeigte ein beeindruckend schnelles Passspiel. Jede Balleroberung der Berliner Mannschaft bedeutete die Möglichkeit mit drei vier Spielzügen vor dem Strafraum des MSV Duisburg aufzutauchen.

Das Standardspiel vom MSV Duisburg sah ungefähr so aus: Pässe werden ohne viel Kraft als halbhohe oder hohe Bälle geschlagen. Diese Pässe sind so lange unterwegs, dass alle Gegenspieler sich positionieren können. Alternativ dazu versucht ein einzelner Spieler den Ball nach vorne zu treiben, aber erst nachdem er kurz überlegt hat und dadurch seine Ausgangschance verschlechterte. Dennoch gelangen Spielaktionen. Sie blieben vereinzelt und wirkten deshalb als Zufallsprodukt. Gerade der neu verpflichtete Stürmer Janos Lazok arbeitete viel, wirkt ballsicher, hat Überblick und setzte sich immer wieder durch. Wenn er dieses Niveau halten kann, ist die Verpflichtung ein Glücksfall gewesen.

Das frühe Gegentor durch die Berliner habe die Mannschaft verunsichert, heißt es. In meinen Augen war das frühe Gegentor das Ergebnis der grundsätzlichen Spielweise der Mannschaft. Das schnelle Passspiel der Berliner, nicht nur bei diesem Tor sondern während der gesamten ersten Halbzeit, ermöglichte ein MSV Duisburg, der dem Gegner grundsätzlich den Raum für dieses Spiel ließ. Und dabei geht es aus meiner Sicht, vor allen Dingen um die Laufbereitschaft.

Diese Mannschaft strahlt einfach nicht den Willen aus, den Ball in Besitz haben zu wollen. Wenn Jürgen Gjasula beim Rückstand irgendwann um die 77. Minute herum einen Fehlpass am Strafraumrand spielt, bin ich nicht ärgerlich über den Fehlpass, sondern über die Reaktion auf diesen Fehlpass von Jürgen Gjasula. Er spielt den Pass, sieht, wie der Abwehrspieler den Ball abfängt und fällt in sich zusammen. Jürgen Gjasula schaut auf den Boden, bewegt sich in Zeitlupe weiter Richtung Torauslinie und nimmt nichts mehr vom Spiel wahr. Obwohl sich der Ball noch immer in der Nähe des gegnerischen Tores befindet. Owohl mit ihm zwei weitere Mannschaftskollegen dazu bereit sein könnten, den Ball sofort zurück zu erobern. Jürgen Gjasulas Verhalten repräsentiert die Einstellung eines großen Teils der Mannschaft. Obwohl er 75 Minuten lang Zeit genug hatte zu merken, wie schnell Union Berlin die Konter spielt, wenn es ihnen erlaubt wird, scheint er nur den eigenen Fehler wahrzunehmen und nichts dafür zu tun, diesen Fehler wieder auszubügeln.

Ich überlege gerade, ob entscheidend für diesen Eindruck der mangelhaften Aggressivität im Spiel des MSV Duisburg vor allem das Verhalten der Spieler im offensiven Mittelfeld und im Sturm ist. Vielleicht gibt es nicht zu wenige Spieler in der Mannschaft des MSV Duisburg mit dieser Ausstrahlung, den Ball haben zu wollen. Es gibt einfach zu wenige Spieler an entscheidenden Stellen im Mannschaftsgefüge. Es wirkt so, als spiele diese Mannschaft nahezu immer im leichten Trab, selbst dann wenn Schnelligkeit gefordert ist. Ständig wird irgendwohin getrabt, wohin gesprintet werden müsste. Das ist weniger gefährlich, wenn es um den schnellen Einwurf geht. Da wird einfach eine Chance verpasst. Das ist aber gefährlich, wenn der Gegner seinen Angriff aufbaut und die ballführenden Spieler energisch angegriffen werden müssten. Das ist aber sogar gefährlich, wenn die Mannschaft des MSV Duisburg in Ballbesitz ist. Dann wird der Ball etwa auf den rechten Flügel gespielt und kommt offensichtlich nicht an. Die Mannschaft bewegt sich dennoch weiter etwas in Richtung Gegentor, während im Normalfall Daniel Brosinski dem Ball in einem Tempo nachgeht, als laufe er nach einer intensiven Trainingseinheit etwas aus. Schnelligkeit ist aber die eigentliche Qualität dieses Spielers. Er braucht den Ball ab der Mittellinie und er braucht Raum vor sich. In allen anderen Momenten wirkte er gegen Union Berlin überfordert und eben verunsichert. Dann nutzte er nicht mal mehr seine Schnelligkeit, um die Verteidiger unter Druck zu setzen, wenn diese den Ball abgefangen hatten. Sie wussten, sie hatten alle Zeit der Welt, um noch jede größere technische Schwierigkeit auszugleichen. Einem Berliner hätte der Ball fünf Meter vom Fuß springen können, und er hätte immer noch das Gefühl gehabt, das Spiel zu kontrollieren. So lässt sich dann der MSV Duisburg leicht auskontern, wenn die Mannschaft dem Gegner eine derart große Sicherheit im Spiel gewinnen lässt.  Wie es anders geht, war vor allem in den letzten zehn Minuten zu erkennen. Noch einmal: Verunsicherung durch das frühe Gegentor reicht mir als Erklärung für die sonstige Spielweise der Mannschaft in diesem Spiel nicht aus.


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