Erst nach Fürbitte und Gesang wurde gegen Österreich eindrucksvoll gesiegt

Wie gut die deutsche Fußballnationalmannschaft am Freitag gegen Österreich gespielt hat, wurde durch die TV-Übertragung anscheinend leider nicht ganz deutlich. Die Bildregie des ZDF ließ da wohl Zweifel aufkommen, ob schwacher Gegner oder Spielweise der deutschen Mannschaft für den überzeugenden 6:2-Sieg gegen Österreich verantwortlich gewesen ist. Gut, dass ich einen Freund habe, dem das Anklicken von ebay immer noch ein liebes  Freizeitvergnügen ist. Da kommen dann überraschende Nachrichten ins Haus: Sei am Freitag um 19 Uhr in Duisburg, wir fahren nach Gelsenkirchen, hieß es im Laufe der Woche.

Deshalb kann ich versichern, diesen hohen Sieg hat sich eine großartige Offensive mit einem sehr starken Mittelfeld erspielt. Ob die Abwehrreihe diese hohe Qualität tatsächlich nicht hält, kann ich guten Gewissens nicht beurteilen. Natürlich waren bei den Gegentoren österreichische Spieler so frei, wie sie es nicht sein sollten. Aber ich frage mich angesichts solcher druckvollen offensiven Spielweise immer, ob freie Spieler des Gegners nicht die zwangsläufige Konsequenz einer grundsätzlichen gedanklichen Orientierung nach vorne sind.  Fehlerfrei zu bleiben gelingt nun einmal kaum, und je näher am Tor ein Fehler passiert, desto wahrscheinlicher wird das Gegentor. Banal, aber wahr.

Wie gut die deutsche Mannschaft gewesen ist, lässt sich auch an der Anzahl der Fouls ablesen. Ich suche das jetzt nicht nach, aber der Schiedsrichter hat in der ersten Halbzeit so gut wie kein Foulspiel pfeifen müssen. Zum einen war der Ball meist längst abgespielt, ehe ein österreichischer Gegenspieler überhaupt die Möglichkeit gehabt hätte, um zu foulen. Zum anderen kam die gemeinsame defensive Arbeit der deutschen Mannschaft wahrscheinlich schon sehr nah dem Bewegungsideal als Einheit, so dass der freie Raum der Österreicher nur vermeintlich frei war. Im Grunde genommen war dieser freie Raum Hoheitsgebiet der deutschen Mannschaft. Diese gemeinsame defensive Bewegung musste es aber auch geben, weil die österreichische Mannschaft versucht hat, mitzuspielen. Diese Mannschaft wollte ein ähnliches Spiel wie die deutsche Mannschaft spielen und kam nicht dazu.

Bei meinem Länderspieldebut als Stadionbesucher und ganz „in ernst“ war ich also von der deutschen Nationalmannschaft beeindruckt. Gegen Dänemark war ich zwar in Duisburg dabei, aber das Testspiel entpuppte sich damals mangels elf tatsächlicher Nationalspieler ja als eine So-tun-als-ob-Veranstaltung. Nur die durchchoreografierte Zeit vor dem Anpfiff hielt das Niveau sonstiger Begegnungen der Nationalmannschaft. Doch fehlte der Unterhaltung vor dem Spiel damals die Bedeutsamkeit. Wenn ich nun nach dem DFB-Pokalfinale in diesem Jahr eine zweite Großveranstaltung des nationalen Fußballs auf mich wirken lasse, so lässt sich nicht übersehen, wie sehr der Fußball die Suche dieser Gesellschaft nach kollektiven Gesten und überhöhtem Sinn aufnimmt.

Die feierliche Inszenierung der Veranstaltung ist längst unstrittig. Herumgetastet und ausprobiert wird nur noch, wann und zu welchem Anlass wünschenswerte Grundlagen unseres Zusammenlebens öffentlich bekundet werden sollen. Zumindest bei den Fußballspielen von nationaler Bedeutung sind wir aber schon weit damit gekommen, Rituale alter Sinnzusammenhänge neu zu beleben. Wenn Philipp Lahm als Mannschaftskapitän vor dem Spiel sein Bekenntnis zum Fairplay vorliest, hört sich das sehr nach den Fürbitten der katholischen Messe an. Noch fehlt die Bekräftigung der Fürbitte durch die Fußballzuschauer als Gemeinde. Doch die feierlichen Worte des Bekennens und der etwas leiernde Ton beim Vorlesen ließen mir das gemeinsam gemurmelte  „Erhöre uns“ als nicht mehr allzu fern erscheinen. Dass sich heute aber dieser Appell nicht an ein höheres Wesen richtet, sondern an jeden Zuschauer selbst ist nicht allen klar. Da muss das Fußballpublikum noch etwas erzogen werden. Selbst im eher harmlosen Länderspielpublikum fanden sich Zuschauer, die zu Beginn der österreichischen Nationalhymne erst einmal pfeifen wollten. Zu wenige taten mit, also wurde mit dem Pfeifen wieder aufgehört. Anschließend präsentierte der Sprecher des Abends mit sonorer Stimme die Nationalhymne als Messgesang: „Wir singen jetzt gemeinsam die deutsche Nationalhymne“, sagte er und ließ den Hinweis auf den Videowürfel als Ersatz für den Gesangbuchverweis folgen. Ich bin jedenfalls gespannt, wie die Teilhabe des Fußballpublikums am Geschehen vor dem Spiel weiter ritualisiert wird.

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