Tausche Elfmetergeschenk gegen Abseitstor

Zum Glück lese ich heute Morgen deutliche Worte, die Emil Jula und Florian Fromlowitz  nach dem Spiel des MSV Duisburg gegen den 1. FC Union Berlin gesprochen haben. Schon im Stadion fürchtete ich am Samstag, der Verlauf der letzten zehn Minuten könnte den klaren Blick auf die indiskutable Leistung der Mannschaft vernebeln. Auf der Seite des MSV Duisburg geschieht das auch in Teilen. Da klingt es nach unglücklichem Spielverlauf, wenn im Vordergrund steht, wie schön es wäre, wenn solche Spiele einmal gewonnen werden  könnten. Und ein Sieg wird da auch „geklaut“.  Doch wenn ich die Moral bemühe, dann denke ich, ein geschenkter Elfmeter und ein nicht gegebenes Abseitstor heben sich punkto Gerechtigkeit einigermaßen auf.

Es ist auch überhaupt nicht wichtig, ob der MSV Duisburg am Samstag um den Sieg gebracht wurde oder nicht. Es ist wichtig, wie große Teile dieser Mannschaft auf dem Spielfeld auftreten. Es ist wichtig zu wissen, dass man auch als verunsicherter Spieler einem Gegner aus der zweiten Liga Sorgen bereiten kann. Denn wenn es eines gibt, was Zweitligaspieler können sollten, ist es zu verteidigen. Ohne den Ball im Besitz zu haben, muss ich mir nämlich um den Ball als einer Hauptfehlerquelle eines Fußballspiels keine Gedanken machen. Ich muss nur daran denken, da ist mein Gegner, der hat gerade den Ball und es damit schwieriger als ich. Diesen Ball will ich jetzt wiederhaben. Ich muss mir nicht darum Gedanken machen, dass ich gleich wieder den Ball wegspringen lasse, wenn ich angepasst werde. Ich muss mir nicht Gedanken darum machen, wie ich diesen verdammten Gegenspieler umspielen soll, obwohl ich es nicht kann. Ich muss einfach nur rennen, am besten natürlich in mannschaftlicher Geschlossenheit. Manchmal reicht es sogar, wenn ich alleine bedrohlich auf einen Gegenspieler zulaufe. Kein Ball an meinen Füßen stört mich dabei. Ich mache einfach nur dem Gegenspieler Angst, indem ich möglichst überzeugend den Ball zurückerobern will.

Im Abstand von zwei, drei Metern überzeuge ich den Gegenspieler nicht. Da kriegt kein Spieler von Union Berlin Angst. Da kann jeder Spieler sich in Ruhe überlegen, ob er den Ball zur Sicherheit noch einmal hinten rumspielt. Ob er den Ball halblang passt oder gar hoch in den Strafraum spielt. Der 1. FC Union Berlin brauchte zudem gar nicht hoch in den Strafraum spielen. Die Mannschaft zeigte ein beeindruckend schnelles Passspiel. Jede Balleroberung der Berliner Mannschaft bedeutete die Möglichkeit mit drei vier Spielzügen vor dem Strafraum des MSV Duisburg aufzutauchen.

Das Standardspiel vom MSV Duisburg sah ungefähr so aus: Pässe werden ohne viel Kraft als halbhohe oder hohe Bälle geschlagen. Diese Pässe sind so lange unterwegs, dass alle Gegenspieler sich positionieren können. Alternativ dazu versucht ein einzelner Spieler den Ball nach vorne zu treiben, aber erst nachdem er kurz überlegt hat und dadurch seine Ausgangschance verschlechterte. Dennoch gelangen Spielaktionen. Sie blieben vereinzelt und wirkten deshalb als Zufallsprodukt. Gerade der neu verpflichtete Stürmer Janos Lazok arbeitete viel, wirkt ballsicher, hat Überblick und setzte sich immer wieder durch. Wenn er dieses Niveau halten kann, ist die Verpflichtung ein Glücksfall gewesen.

Das frühe Gegentor durch die Berliner habe die Mannschaft verunsichert, heißt es. In meinen Augen war das frühe Gegentor das Ergebnis der grundsätzlichen Spielweise der Mannschaft. Das schnelle Passspiel der Berliner, nicht nur bei diesem Tor sondern während der gesamten ersten Halbzeit, ermöglichte ein MSV Duisburg, der dem Gegner grundsätzlich den Raum für dieses Spiel ließ. Und dabei geht es aus meiner Sicht, vor allen Dingen um die Laufbereitschaft.

Diese Mannschaft strahlt einfach nicht den Willen aus, den Ball in Besitz haben zu wollen. Wenn Jürgen Gjasula beim Rückstand irgendwann um die 77. Minute herum einen Fehlpass am Strafraumrand spielt, bin ich nicht ärgerlich über den Fehlpass, sondern über die Reaktion auf diesen Fehlpass von Jürgen Gjasula. Er spielt den Pass, sieht, wie der Abwehrspieler den Ball abfängt und fällt in sich zusammen. Jürgen Gjasula schaut auf den Boden, bewegt sich in Zeitlupe weiter Richtung Torauslinie und nimmt nichts mehr vom Spiel wahr. Obwohl sich der Ball noch immer in der Nähe des gegnerischen Tores befindet. Owohl mit ihm zwei weitere Mannschaftskollegen dazu bereit sein könnten, den Ball sofort zurück zu erobern. Jürgen Gjasulas Verhalten repräsentiert die Einstellung eines großen Teils der Mannschaft. Obwohl er 75 Minuten lang Zeit genug hatte zu merken, wie schnell Union Berlin die Konter spielt, wenn es ihnen erlaubt wird, scheint er nur den eigenen Fehler wahrzunehmen und nichts dafür zu tun, diesen Fehler wieder auszubügeln.

Ich überlege gerade, ob entscheidend für diesen Eindruck der mangelhaften Aggressivität im Spiel des MSV Duisburg vor allem das Verhalten der Spieler im offensiven Mittelfeld und im Sturm ist. Vielleicht gibt es nicht zu wenige Spieler in der Mannschaft des MSV Duisburg mit dieser Ausstrahlung, den Ball haben zu wollen. Es gibt einfach zu wenige Spieler an entscheidenden Stellen im Mannschaftsgefüge. Es wirkt so, als spiele diese Mannschaft nahezu immer im leichten Trab, selbst dann wenn Schnelligkeit gefordert ist. Ständig wird irgendwohin getrabt, wohin gesprintet werden müsste. Das ist weniger gefährlich, wenn es um den schnellen Einwurf geht. Da wird einfach eine Chance verpasst. Das ist aber gefährlich, wenn der Gegner seinen Angriff aufbaut und die ballführenden Spieler energisch angegriffen werden müssten. Das ist aber sogar gefährlich, wenn die Mannschaft des MSV Duisburg in Ballbesitz ist. Dann wird der Ball etwa auf den rechten Flügel gespielt und kommt offensichtlich nicht an. Die Mannschaft bewegt sich dennoch weiter etwas in Richtung Gegentor, während im Normalfall Daniel Brosinski dem Ball in einem Tempo nachgeht, als laufe er nach einer intensiven Trainingseinheit etwas aus. Schnelligkeit ist aber die eigentliche Qualität dieses Spielers. Er braucht den Ball ab der Mittellinie und er braucht Raum vor sich. In allen anderen Momenten wirkte er gegen Union Berlin überfordert und eben verunsichert. Dann nutzte er nicht mal mehr seine Schnelligkeit, um die Verteidiger unter Druck zu setzen, wenn diese den Ball abgefangen hatten. Sie wussten, sie hatten alle Zeit der Welt, um noch jede größere technische Schwierigkeit auszugleichen. Einem Berliner hätte der Ball fünf Meter vom Fuß springen können, und er hätte immer noch das Gefühl gehabt, das Spiel zu kontrollieren. So lässt sich dann der MSV Duisburg leicht auskontern, wenn die Mannschaft dem Gegner eine derart große Sicherheit im Spiel gewinnen lässt.  Wie es anders geht, war vor allem in den letzten zehn Minuten zu erkennen. Noch einmal: Verunsicherung durch das frühe Gegentor reicht mir als Erklärung für die sonstige Spielweise der Mannschaft in diesem Spiel nicht aus.

3 Antworten to “Tausche Elfmetergeschenk gegen Abseitstor”


  1. 1 Arthur Friedenreich 21. September 2011 um 08:37

    guter Text. Amtlich geschrieben und absolut bereichernd zu kicker und co. falls erlaubt, hier der kleine Hinweis auf einen ebenso innovativen wie neuen Fußball-Blog. Ein bisschen Stammtisch, ein wenig Taktiktafel, vielviel Mythenbildung.
    http://arthurfriedenreich.wordpress.com/

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  1. 1 Zebras eisern verschönern | Der Hönower Trackback zu 20. September 2011 um 08:25
  2. 2 Willkommen in der Wirklichkeit | Ein Zebra in der Achterbahn Trackback zu 20. September 2011 um 09:22

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