Archiv für Februar 2012

Gestern so, heute so und morgen auch noch andersso

Wahrheit. Da haben die Menschen so ihre Probleme mit. Es gibt genügend Denker, die haben die Suche nach Wahrheit wegen widriger Umstände für eingestellt erklärt. Wahrheit? Jibbet nich. Du hast deine, ich hab meine. Irgendwas da draußen können wir eh nicht unabhängig von uns selbst erkennen. Also wird jede Behauptung über die Wirklichkeit dort erst mal richtig sein. Quatsch, die Behauptung ist die Wirklichkeit. Was wir dann als Gemeinsamkeit aushandeln, ist irgendwas Praktikables, aber Wahrheit, das kriegen wir nicht hin.

Andererseits, wir haben ja so was wie einen gemeinsamen Alltag, und da geht es uns doch immer wieder recht hartnäckig um die Frage, stimmt das oder stimmt das nicht? Wahr oder falsch? Da wollen wir es genau wissen. Und weil wir nicht überall gleichzeitig sein können, um alles selbst zu erleben, müssen wir immer wieder jemandem vertrauen, der behauptet, er wisse da etwas, was stimme und plötzlich geht es um Vertrauen.

Denn vor allem vom Vertrauen hängt es in dieser Woche ab, was wir über das Geschehen beim MSV Duisburg zu wissen glauben. Wenn ich aber an die letzten zwei Tage denke, muss ich sagen, mein Vertrauen ist aufgebraucht. Vergesst alles, was über den MSV gesagt und geschrieben wird. Wichtig ist ganz allein auf´m Platz. Anscheinend ist im Moment jede Aussage über den MSV Duisburg weder das Papier wert, auf dem sie steht, noch den Strom, der für die Datenübermittlung im Netz nötig ist.

Kurz stutzte ich schon bei der journalistischen Verkündung des Ultimatums an Oliver Reck. Berichtet wurde über den verlangten Sieg gegen die SpVgg Greuther Fürth nämlich, ohne dass einer der Verantwortlichen für dieses Ultimatum beim Namen genannt wurde, dafür klang es aber um so reißerischer. Gestern sprach MSV-Präsident Andreas Rüttgers mit einigen Fans an der Westender Straße und von dort hören wir nun, es habe kein Ultimatum gegeben. Sind das nun nur Wortklaubereien? Nachzulesen sind Augenzeugenberichte im MSVPortal oder in der Facebook-Gruppe Zebraktiv. Im selben Gespräch erzählte auch Vasileios Pliatsikas seine Geschichte vom Vortag auf ganz andere Weise, als es WAZ-Konzern und BILD berichteten. Im Auto schlafend sollte er die Mannschaftssitzung verpasst haben. Im Journalisten-Deutsch hieß das verpennt. Der MSV Duisburg dementierte schon am gleichen Tag, allerdings ohne die Angelegenheit näher zu erläutern. Aussage stand gegen Aussage. Wahrheit gegen Lüge? Gegen Halbwahrheit? Im Gespräch an der Westender Straße nun gab es die nähere Erläuterung, und die Wahrheit der Zeitungen zerbröselte weiter. Von Schlaf war nun keine Rede mehr. Und teilgenommen an der Mannschaftssitzung hatte er laut MSV am Vortag ja ohnehin.

Und heute lese ich ein Interview bei Der Westen mit Vasileios Pliatsikas, als hätte es den Artikel einen Tag zuvor in Der Westen nicht gegeben. Heute klingt alles harmloser. Die einzige Konsequenz kann doch nur sein, nichts mehr zu glauben, was in den lokalen Zeitungen über den MSV Duisburg berichtet wird. Die Ausnahme macht in dieser Woche die Rheinische Post. Gleichzeitig fehlte mir vom MSV Duisburg eine Reaktion auf die so entscheidende Behauptung vom Ultimatum. Und schon kratzt auch das an meinem Vertrauen. Wie gesagt, am besten verlass ich mich nur noch auf mich selbst und glaube nicht mehr als das, was ich auf dem Spielfeld sehe. Da weiß ich eins sofort, wenigstens das Endergebnis teilt uns eine Wahrheit mit.

Der gesungene Kalauer für den Tag

Ultimatum? – „Wunder gibt es immer wieder. Wenn sie dir begegnen, musst du sie auch sehen.“ Kalauernd lässt sich auch Eintauchen in den 1970er-Zeitgeist mit Film-Bildern, die  Katja Ebstein dem europäischen TV-Publikum beim damals noch Grand Prix Eurovision de la Chanson genannten Eurovision Song Contest vorstellen sollten.

Und natürlich erkannte die Gegenwart in dem Schlager den Klassiker.  Dieter Thomas Kuhn lieferte  ein Cover.

Und hier zeigt sich Katja Ebstein ganz als Show-Profi im Duett mit Guildo Horn.

Beugt ihr den Rumpf tiefer, wenn man euch beschimpft?

Ihr kennt die gymnastische Übung der Rumpfbeuge: Bei gestreckten Beinen soll der Rumpf so tief wie möglich gebeugt werden. Ihr wisst auch, das können einige Menschen gut, andere Menschen können das weniger gut. Mancheiner kommt mit der gesamten Handfläche auf den Boden, ein anderer schafft es mit den Fingerspitzen, und noch ein anderer kann sich gerade mal bis zur mittleren Höhe seines Schienbeins beugen. Letzteres ist besonders ärgerlich, wenn, sagen wir mal bei so TV-Spielshows wie seinerzeit Spiel ohne Grenzen, einer der so lustigen Wettbewerbe durch die Grundfähigkeit der Rumpfbeuge entschieden wird.

Dann sähe man diesen Rumpfbeuger bei seinen kläglichen Versuchen und bekäme vielleicht sogar den Eindruck, dass er sich nicht genug bemüht. Jeder Millimeter tiefer könnte über Sieg oder  Niederlage entscheiden. Hat der überhaupt richtig trainiert? Wer war dafür zuständig, den aufzustellen. Den muss doch nur jemand mal so richtig rannehmen, dann geht das auch. Denkt das jemand? Schon mal Rumpfbeugen gemacht? Schon mal versucht tiefer zu kommen, als es der ziehende Schmerz in der Beinmuskulatur einem anrät? Es gibt Menschen, die schaffen es mit den Ellbogen auf den Boden zu kommen. Daran sollten sich die Versager ein Beispiel nehmen!

Fußball ist schon ein komischer Sport. Mannschaften steigen auf jeden Fall immer ab. Egal wie gut sie spielen. Ich sage nicht, der MSV Duisburg spielt gut. Ich sage nur, es gibt Tatsachen, die sind unabänderbar. Ich sage nur, ein Mensch mit verkürzter Oberschenkelmuskalutar wird Mühe haben, den Boden zu erreichen, so sehr er sich auch anstrengt. Da nutzt es nichts, zu ihm hinzugehen und ihm den eigenen Ärger über dessen Versagen als Motivationshilfe zu zeigen. Ärgern darf man sich trotzdem. Das gehört zum Spiel. So lange ich sehe, der Mann versucht es, bleibe ich auf seiner Seite, obwohl ich mich beim Wettbewerb ärger und das auch kund tue.

Nicht nur die Mannschaft vom MSV Duisburg ist hilflos, auch wir Zuschauer sind es. Das ist nicht zu übersehen. Tina hat gestern die Frage aufgeworfen, „Was tun?“ und damit auf Fan-Aktivitäten im Netz Bezug genommen. Irgendwas soll geschehen, damit die Mannschaft besser spielt. Aber was? Ärger ist bei allem der Motor.

Das Netz wirkt oft als Verstärker von Stimmungen. Da befeuern sich Menschen, weil sie im Social-Media-Austausch die  Intensität einer Gruppe erleben, und noch ist es nie absehbar, was diese Stimmung mit der Offline-Welt zu tun hat. Da gibt es unterschiedliche Formen der Beziehung. Soziologen haben das bestimmt auch schon mit einer Nomenklatur im Griff. Es ist also erstmal nur eine Vermutung, ob die Stimmung gekippt ist. Wenn das als Tatsache im Print-Medium steht, hängt sich bei Der Westen Dirk Retzlaff damit weit aus dem Fenster. So sicher ist das nicht, andererseits trägt so ein Artikel wiederum zur Stimmung bei.

Ich jedenfalls habe bei keinem Spieler das Gefühl, er strenge sich zu wenig an. Er wolle in Duisburg nun nur noch seine Zeit absitzen, um im Abstiegsfall eben irgendwo anders unterzukommen. Diese Mannschaft des MSV Duisburg stößt seit Beginn der Spielzeit immer wieder an ihre Grenzen. Das Problem sind unsere Erwartungen an diese Saison. Leistungsfördernd ist ein vom Zaun gebrochener Konflikt mit den Spielern jedenfalls nicht. Natürlich fühlt es sich besser an, bei Ärger mal so richtig loszuschimpfen. Und natürlich macht es das Leben einfacher, wenn es Schuldige für den eigenen Ärger gibt. Beim MSV Duisburg kommen in dieser Saison viele Dinge zusammen, die es mir schwer machen, besonders Schuldige hervorzuheben. Wie gesagt, Ärger bei vermeintlich Schuldigen abzulassen, das macht schlechte Stimmungen besser.  Macht man das, muss man aber auch sich selbst gegenüber ehrlich sein. Das bessere Gefühl hilft weder dem Verein noch der Mannschaft, es hilft niemand anderem als einem selbst. Was ja auch manchmal ganz wichtig ist.

Hoffen wir auf spannende Wochen

Nach vielem Herumkramen habe ich in den hintersten Winkeln meiner Morgenlaune doch noch eine vergessene Probepackung Zuversicht gefunden. Deshalb kann ich nun doch wieder von der Hoffnung auf spannende Wochen schreiben. Diese Spannung kann nur entstehen, wenn die Mannschaft vom MSV Duisburg bis zum Mai manchmal sehr viel besser spielt als gestern gegen Dynamo Dresden. Im Moment muss das heißen: wider Erwarten. Denn meine Probepackung Zuversicht habe ich deshalb gefunden, weil der von mir mit dem Tabellenrechner vom Kicker gestern erstellte Tabellenendstand heute Morgen zu meiner Überraschung doch noch wirkt.

Von Spannung kann ich also nur deshalb wieder reden, weil ich mir selbst die Zukunft ausmalte. Kurz nach dem zweiten Gegentor habe ich die Seite vom Kicker aufgerufen. Schon nach dem Führungstreffer der Dresdner hatte ich das Spiel abgeschrieben. Diese Mannschaft kann keinen Rückstand aufholen. Dazu sind die Spieler erstens zu unsicher und zweitens sieht es nicht so aus, als hätten sie einen Plan dazu. Wenn dann wie im Spiel gegen Dresden nicht mal mehr die einfachsten Dinge gelingen, verlieren die Spieler jeglichen Bezug zum Spiel. Es sah so aus, als ständen viele Spieler vom MSV meist zufällig dort, wo sie gerade standen, und wenn der Ball ebenso zufällig in ihre Nähe kam, strengten sie sich für einen Moment an, gegen den Ball zu treten. Dann ging er in der Nähe ins Aus, landete beim Gegner oder wurde ziellos, aber kräftig  nach vorne getreten. Die Energie der Anstrengung verpuffte. Das lähmende Gefühl hoffnungslosen Tuns breitete sich aus.

So etwas ist entsetzlich anzusehen. So etwas wirkt, als ob die Spieler sich nicht anstrengen wollten. Was ich bezweifel. Es ist die pure Hilflosigkeit, die den Spielern den Sinn ihrer Anstrengung nimmt und aus den meisten Spielmomenten halbherzige Einzelleistungen macht. Es sind eben nicht die Niederlagen selbst, die einen Entsetzen, sondern das Zustandekommen dieser Niederlagen. Wie soll die Mannschaft überhaupt jemals wieder ein Tor erzielen? Das fragt sich jeder mit Recht, wenn es weder Spielaufbau noch Stürmer gibt, die sich durchsetzen können.

Diese Frage habe ich also gestern Abend noch mit dem Tabellenrechner vom Kicker beantwortet. Ich habe vielleicht vier Zufallstore im Rest der Saison angenommen, weil ich mich mit der Mannschaft meiner Zuneigung ganz am Boden befand. Gerade hatte auch noch der FC Ingolstadt den Siegtreffer gegen Rostock erzielt. Aber so ein Tabellenrechner ist letztlich eine schöne Sache. Selbst wenn man es mit dem eigenen Verein überhaupt nicht gut meint, für die Vereine der Tabellennachbarschaft lässt sich immer ein noch schlechteres Abschneiden annehmen. Wir steigen nicht ab. Soll doch die Mannschaft vom MSV Duisburg spielen, wie sie will. Ich kann die anderen Mannschaften noch schlechter spielen lassen.

Schon vergessen? Wir brauchten einen Streichel-Olli!

Anscheinend reicht das Gedächtnis, wenn es um Fußball geht, ungefähr bis zur letzten von drei Niederlagen. Ganz schnell möchte ich deshalb vor dem Auswärtsspiel des MSV in Dresden herbem Gedächtnisverlust entgegenwirken und meinen kleinen Teil zur Stimmungsmache beitragen. Nach drei Niederlagen heißt es plötzlich überall Oliver Reck sei zu nachsichtig mit den Spielern. Die Bild-Zeitung spricht vom „Streichel-Olli“. Das ist hanebüchener Unsinn.

Diese Mannschaft vom MSV Duisburg war unter Milan Sasic am Ende ein Trümmerhaufen. Oliver Reck hat die Spieler erst wieder zu einer Mannschaft gemacht. Das scheint völlig aus dem Gedächtnis getilgt. Drei Niederlagen sind dafür verantwortlich. Das Spiel gegen den FSV Frankfurt ging verloren, obwohl der MSV Duisburg Chancen für drei Spiele hatte. Das Spiel gegen Rostock scheint ein Totalausfall gewesen zu sein. Gegen den FC St. Pauli gab es eine durchwachsene Leistung, bei der die Niederlage vor allem durch den kaum vorhandenen Sturm zustande kam. Es mag bessere Trainer als Oliver Reck geben. In dieser Situation Stimmung gegen ihn zu machen ist fahrlässig.

Nur schlechte Nachrichten sind gute Nachrichten. Es gab nichts über den MSV Duisburg zu berichten. Jetzt stehen drei Niederlagen zu Buche. Da lässt sich die Schraube etwas anziehen, zumal die Stimmung unter vielen Zuschauern dafür einen guten Nährboden gibt. Aufzuhalten ist das nur, wenn der MSV Duisburg in Dresden zumindest ein Unentschieden holt. Ich hoffe das sehr. Alles andere fände ich schade und täte Oliver Reck Unrecht.

Wer gibt dem Freitag einen Namen und dem MSV die Punkte?

Veilchendienstag, Rosenmontag, Tulpensonntag, Nelkensamstag. Und der Freitag? Dieser bedauerliche Tag zwischen Weiberfastnacht und dem blumigen Rest hat keinen besonderen Namen. Was soll so ein Freitag denn nun nur machen? Erst wusste er nicht so recht, ob er fürs Karnevalfeiern geeignet ist, dann strengt er sich seit einiger Zeit an, um zu den tollen Tagen dazu zu gehören und gibt seine Zeit, damit die Menschen in Kneipen feiern können. Den besonderen Namen als Lohn bekommt er aber nicht.

Da geht es dem Freitag nicht anders als dem MSV Duisburg in der Zweiten Liga am selben Tag. Die Mannschaft des MSV wusste im Spiel gegen den FC St. Pauli erst einmal auch nicht so recht, was sie machen sollte. Eine Halbzeit lang wurde da hin und her überlegt, während das Spiel schon lief und die Spieler ja irgendwie auch dabei sein mussten. So bemühten sich die Spieler mit der Geschwindigkeit der Mannschaft aus Hamburg Schritt zu halten, auch wenn sie den Eindruck machten, als hätten sie gehörigen Respekt vor dieser Geschwindigkeit des gegnerischen Umschaltens zwischen Verteidigung und Angriff.

Dabei hätten sie mit ein wenig Ruhe erkennen können, gerade die eigene Langsamkeit in den Versuchen den Ball nach vorne zu bringen, erleichterte diese Geschwindigkeit. Sie hätten vielleicht auch noch gesehen, viel mehr als diese Geschwindigkeit war da nicht. Am Ende war der FC St. Pauli für sich selbst zu schnell in seinen Angriffsbemühungen. Vor dem Tor des MSV Duisburg liefen sie nämlich alle ganz schnell am Ball vorbei. Da brauchte es  schon mehr Ruhe im Spiel des FC St. Pauli, um das eine entscheidende Tor zu erzielen.  Der FC St. Pauli nutzte die absolute Bewegungslosigkeit eines ruhenden Balles zur gezielten Flanke in den Strafraum. In dieser ersten Halbzeit konnten wir also nicht einen Moment auf Gegenwehr und Ausgleich hoffen. Einmal mehr sah das Bemühen der Mannschaft hilflos aus.

Das Publikum zeigte sich in Teilen aber ebenso hilflos wie die Mannschaft in dieser ersten Halbzeit. Halbherzig machte sich da die Verzweifelung über das erfolglose Spiel im „Wir wollen euch kämpfen sehen“ Luft.  Das wurde mehrmals angestimmt, ohne große Resonanz, aber für Momente halblbaut genug. Dieses „Wir wollen euch kämpfen sehen“ war der Emil-Jula-Sprint des Fangesangs, die  Daniel-Brosinski-Flanke und die Bajic-oder-Soares-Spieleröffnung, allesamt bemühten sie sich, und die Erfolglosigkeit dieser Bemühungen war voraussehbar.

Mangelnden Einsatz kann man den Spielern vom MSV Duisburg wirklich nicht vorwerfen. Sie kämpfen, sie versuchen sich einzusetzen. Das Problem der ersten Halbzeit war nur, dass sie nicht so recht wussten, wie sehr sie ihren spielerischen Möglichkeiten vertrauen konnten. Das Problem der zweiten Halbzeit dagegen war erneut der harmlose Sturm. In dieser zweiten Halbzeit kam das Spiel der Mannschaft endlich ins Laufen. Endlich zeigte auch der MSV schnellere Spielzüge, endlich bewegte sich die Mannschaft nicht nur auf geraden Bahnen in der gegnerischen Hälfte. Es wurde gekreuzt, auch auf kurzen Strecken steil gegangen und der aufgenommene lange Ball wurde per Doppelpass verwertet. Der Abschluss war einmal mehr nicht vorhanden. In so einem Spiel fällt ein Ausgleich dann mehr zufällig. Ich bleibe dabei, es gibt keine Wahrscheinlichkeit der Voraussage, wie diese Mannschaft spielt. Alles ist möglich.

Entscheidende Positionen im Spiel besetzen Spieler, die sich ihrer Fähigkeiten zu unsicher sind. Sie brauchen den Lauf des Spiels. Baut der sich auf, wird alles gut. Gibt es den nicht, lastet die Gefahr der Niederlage immer schwerer auf deren Schultern. Es ist mehr als ein billiger Scherz, sich Gedanken über die Frisur von Daniel Brosinski zu machen. Das hat sehr viel mit der Psyche eines Menschen zu tun. Wir kennen die Geschichten von der anderen Frisur, mit der Menschen Wendepunkte ihres Lebens äußerlich unterstreichen. Ohne Haare war Daniel Brosinski ein selbstsicherer Fußballspieler. Das ist nur ein Hinweis, was alles zu den instabilen Leistungen dieser Mannschaft beiträgt.

Die Gefahr erkennen, ohne zu erstarren. Darum wird es für diese Mannschaft in den nächsten Spielen gehen. Deshalb lohnt die Unbeschwertheit der Gegenwart, wie sie die Karnevalsgröße Jupp Schmitz mit kölscher Jelassenheit und ebensolchem Zungenschlag empfahl. Schließlich steht der MSV Duisburg zwei Punkte vor einem Abstiegsplatz: „Wer weiß, was morgen  noch alles uns blüht? Wer weiß, wie lange das Lämpschen (!) noch glüht? Komm lass die Sorgen, was immer auch geschieht. Denn wer weiß, was morgen noch alles uns blüht?“ Man weiß es eben nicht. Der Abstieg muss nicht dabei sein.

Zeitgemäße erste Stimme nach dem Spiel

Morgen mehr …

Ein dreimal blau-weiß gestreiftes Zebras alaaf!

Ihr kennt mich hier als großen Freund des Karnevals im Veedel. Die Innenstadtkarnevalsexzesse in Köln tue ich mir ja nicht an.  Heute ist es nun wieder so weit, und ich freue mich drauf.  Daran merke ich auch mein Leben zwischen der Kultur des Ruhrgebiets und der Kölns. Früher, in Duisburg, hat mich Karneval nicht sonderlich interessiert. Da lebe ich also zwischen den Kulturen, nehme mir dies und das und habe damit keine Schwierigkeiten. Kenne ich irgendwoher, wird da aber immer als problematischer beschrieben. In der letzten Zeit war ich auch im gesamten Ruhrgebiet viel unterwegs, und überall hingen diese Plakate, die im jeweiligen Ort die große Altweiber-Party dort und dort ankündigten. Hat sich da auch etwas gewandelt? Oder werden heute die Anlässe zum Feiern eben genommen, wo man sie gerade herbekommt. Wahrscheinlich ein wenig von beidem. So viele Fragen.

Da bin ich froh, dass mir in diesem Jahr eine erspart bleibt: Veedelszoch oder Heimspiel. Endlich passt der Spielplan mal wieder einigermaßen zu meinem persönlichen Karnevalskalender. Außerdem darf ich mich freuen, dass Flamur Kastrati wieder spielfähig ist. Vielleicht kann er sich ja im Spiel gegen den FC St. Pauli, klein wie er ist, in den Strafraum schleichen und so herumstehen, dass ein Schuss Richtung Eckfahne an ihm abprallt, sodass der Ball ins Tor rollt. Vielleicht sind die Stürmer der Mannschaft aber auch von vornherein viel besser, als wir es gerade erwarten. Ich bin da grundsätzlich immer zuversichtlich. Auf irgendeine Weise wird es gut ausgehen.

Manchmal ist solch grundsätzliche Zuversicht allerdings nicht angebracht. Dem Spieler des 1. FC Köln Mišo Brečko etwa hätte ein wenig Realismus gut getan, als er mit seiner Fußballer-Standardgroßlimousine das Gleisbett der KVB Richtung Heumarkt befahren wollte. Sein Auto hatte weder die richtige Spurweite für die Gleise, noch war er mit 1,6  Promille so fahrtüchtig, dass er dieses Auto genau auf den Schienen hätte steuern können.  In Köln sind Fußballprofis eben durch den Karneval anderen Verpflichtungen und damit verbundenen Risiken ausgesetzt. Wenn der Spielplan es erlaubt, besteht bei der FC-Sitzung wahrscheinlich Anwesenheitspflicht. Es sollte mal ein Arbeitsgericht klären, ob der Verein deshalb nicht eine besondere Fürsorgepflicht für seine von überall her kommenden Fußball spielenden Angestellten nach einer solchen FC-Sitzung hat. Die sehen, wie es in Köln zugeht, und das wollen die dann womöglich auch so haben. Die denken dann zurecht, Maßhalten ist im Karneval nicht vorgesehen. Ist der Sinn des Ganzen nicht die Regelüberschreitung?

Die Regelüberschreitung verhindern will  die Polizei. Ich bin gespannt, ob Journalisten für ihre Berichte zu den Polizeiaktionen während des Karnevals wieder den besonderen Medienservice der Kölner Polizei in Anspruch nehmen. Während der landesweiten Geschwindigkeitskontrollen neulich waren jedenfalls drei Laienschauspieler als Polizisten im Einsatz. Der Kölner Stadt-Anzeiger hat das dokumentiert.

Es heißt die drei Laienschauspieler seien im Hauptberuf Polizisten, deshalb der Rat an alle Feiernden. Auch Darsteller von Polizisten haben sämtliche Polizeibefugnisse, wenn sie sich als Polizisten ausweisen können.

Und was den Karnevalsauftakt angeht, noch etwas zur Einstimmung: Wir im Stadion kennen ja auch diese Momente der Selbstvergessenheit, in denen jegliche Hemmung gegenüber den eigenen Sangesfähigkeiten dahin geht und das Mitsingen gefühlsduseliger Lieder Energie bringt und Glück verheißt. Im Karneval ist nicht anders, wie im Folgenden das Publikum am Ende einer Stunksitzung dieser Session beweist. Doch auch hier gilt: Selbst die schlechtesten Stimmen können ein schönes Lied wie „Wegen dem Brauchtum“ von Köbes Underground nicht kaputt machen. In dem Sinne schönen Karneval und heute noch ein dreimal blau-weiß gestreiftes Zebra alaaf. Morgen im Stadion beim unerwarteten deutlichen Heimsieg gegen den FC St. Pauli auch gerne wieder helau!

Leben heißt Rhythmus

Neulich überlegte ich noch, wie das Schreiben hier mit der Zeit immer mehr in den Sog der Tagesaktualität geriet und wie das seit der Winterpause für mich nachgelassen hatte. Beim MSV Duisburg schien Normalität eingekehrt zu sein. Über die Verantwortlichen im Verein brauchte man sich erst einmal keine Gedanken mehr zu machen. Und alles deutete darauf hin, dass die Saison ohne große Aufregung zu Ende gespielt werden kann.

Nach den ersten zwei Spielen in diesem Jahr holt mich die Tagesaktualität nun wieder ein. Normalität ist langweilig. Im Sport muss es auch Ziele über den Spieltag hinaus geben, und die heißen beim MSV Duisburg doch wieder, den Abstiegsplätzen entkommen. Damit die Saison auch für uns Zuschauer noch einmal spannender wird, verlor die Mannschaft des MSV auch gegen den zweiten Verein, der sich momentan auf eben einem solchen Abstiegsplatz befindet und das auch direkt mal mit 4:2. Das war keine unglückliche Niederlage gegen den FC Hansa Rostock. Vier Tore hinzunehmen von einer Mannschaft, die zuvor in 20 Spielen gerade mal vierzehn zusammen bekommen hatte, das signalisiert: wir brauchen Druck. Alltag ist nicht das intensive Leben, das wir uns wünschen. Wir wollen, dass es um etwas geht. Am besten um alles. Das hat die Mannschaft vom MSV Duisburg nun, und damit auch wir Zuschauer.

Die Leistung vom MSV Duisburg muss sehr schlecht gewesen sein. Gesehen habe ich nichts, gehört habe ich nichts. Umstritten ist die Meinung aber nirgendwo. Da kommt die Verpflichtung von Sören Brandby zur rechten Zeit. Sie lässt auf Ivo Grlics gute Arbeit rückschließen, vor allem aber erhält  diese Verpflichtung nun eine zusätzliche Bedeutung nach dem Motto: Irgendetwas muss der Spieler im MSV Duisburg erkennen, was wir noch nicht sehen. Schließlich wechselt der Spieler vom SC Paderborn aus einem Verein des Erfolgs in dieser Saison zu einem Verein, der auf den unteren Tabellenplätzen für die nötige Abwechslung im Leben sucht. Allerdings weiß ich nicht, welchen Wert er zurzeit für den Kader des SC Paderborn besitzt. Da muss ich mal in der angeheirateten Heimat nachfragen. Das Interesse am Fußball dort ist in der letzten Zeit ja stetig gestiegen.

Von allen Wahrscheinlichkeiten befreites Spielen

Das Gute mal als erstes: mir war es zu kalt, um mich wirklich aufzuregen über nicht mehr gezählte, vergebene Großchancen, ein Mittelfeld mit den bekannten wenigen spielerischen Möglichkeiten und eine Abwehr, die sich immer wieder überraschend für Zuschauer und Mitspieler sowie einladend für den Gegner verhielt. In so einem mit 2:1 verlorenen Spiel wie dem gegen den FSV Frankfurt werden die Grenzen dieser jetzigen Mannschaft des MSV Duisburg besonders  bewusst.

Gerät diese Mannschaft in Rückstand, besitzt sie keine variablen Möglichkeiten ein Tor zu erzielen. Dennoch kam sie gestern zu Chancen mit den meist halblang aus dem Mittelfeld gespielten Pässen. Doch wenn diese Chancen nicht genutzt werden, lässt die Abwehr dem Gegner immer Möglichkeiten, selbst ein Tor zu erzielen. Deshalb gibt es im Spiel des MSV Duisburg keine Wahrscheinlichkeiten. Meist ist alles möglich. Das ist der Leistungsstand dieser Mannschaft. Sie strengen sich an, und es geschehen eben die Fehler, die schon immer geschehen sind. Manchmal endet das gegen die gleichwertigen und schlechteren Mannschaften mit einem Sieg. Wenn es blöd läuft, folgt die Niederlage.

Am offensichtlichsten war das am gestrigen Abend im Angriff.  Valeri Domovchiyski schafft es einfach nicht, beim Schuss aufs Tor den Ball auch mal in die Nähe der Pfosten zu bringen; Emil Jula tut es ihm inzwischen gleich; und Daniel Brosinski kann bei zweiten Bällen an der Strafraumgrenze Schusstechnik und Kraft nicht in Einklang bringen, Schussentfernung entspricht bei ihm der Höhe, in der der Ball über das Tor fliegt. In so einem Spiel kann dann der Torwart der Gegner zum Held werden, auch wenn er zunächst nichts anderes machen muss, als auf der Stelle stehen zu bleiben. Zugegeben, in der zweiten Halbzeit verhinderte er mit einem großartigen Reflex die Großchance zum 2:2. Vorher aber gaben die Stürmer des MSV Duisburg alles, um ihn gut aussehen zu lassen.

Deshalb ist die Einwechselung von Srdjan Baljak in der 70. Minute eine so gute Nachricht. Natürlich ist er kein Heilsbringer, aber seine ersten Spielaktionen schon ließen ein anderes Niveau des Zusammenspiels aufblitzen. Was er tat, war nicht vorhersehbar. Er kann in einer Spielsituation auch eine zweite Möglichkeit des Ausstiegs erkennen, selbst wenn er zunächst zu etwas anderem entschlossen schien.  Vor allem in der zweiten Halbzeit war das Spiel des MSV Duisburg berechenbar, und der Erfolg hing vom Durchsetzungsvermögen des einzelnen angespielten Spielers ab. Srdjan Baljak versuchte den kurzen Pass und band damit mehr Mitspieler in den Angriff ein. Was war sein Auftritt aber auch eine Prüfung meines Mitgefühls. Durch seine hagere Gestalt wirkt er ja ohnehin schon etwas zerbrechlich, dazu dieser glatte Rasen, der die Spieler gerade zum Ende des Spiels in Reihen ausrutschen ließ und noch das Wissen um sein genesenes Knie! Am liebsten hätte ich ihn im Football-Dress gesehen, wenn ein Verteidiger auf ihn zueilte, und genauso gern hätte ich ihm mit all meiner Erfahrung des Blockstellens beim Basketball Begleitschutz geleistet. Meine Schulter zeigte immer schon in Richtung Brust des anrennenden Verteidigers. Darf man im Basketball eigentlich nicht, ist aber eines älteren Spielers letzte Waffe,  wenn die Wogen hochkochen und nicklige Fouls des Gegners bestraft werden müssen. Spätestens wenn Baki sein erstes Tor erzielt, werde ich mir um so was keine Gedanken mehr machen. Dann wird hoffentlich auch wieder etwas häufiger der Kurzpass im Mannschaftsspiel zu sehen sein. Bis dahin aber heißt es, manchmal geht es gut aus und manchmal eben anders.


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