Alles war möglich – Wirklich wurde Überschwang und Erleichterung

In den letzten Minuten des Spiels vom MSV Duisburg gegen den VfL Bochum habe ich über zwei Einwürfe für die Zebras so gejubelt, als hätte die Mannschaft gerade das entscheidende Tor zum Klassenerhalt im allerletzten Spiel geschafft. Genauso sicher wie ich mir vor dem Spiel war, die Mannschaft wird nicht absteigen. Genauso sicher war ich mir in den letzten Minuten, würde der Ausgleich fallen, würde der Klassenerhalt nicht zu schaffen sein. Dieser 2:1-Sieg war nicht wichtig, er war unbedingt notwendig. Er gelang.

Was für eine Erleichterung im Stadion beim Abpfiff. Was haben wir gezittert. Wie unendlich lang wurden diese letzten zehn Minuten. Sie wurden deshalb so lang, weil es fünf Minuten Nachspielzeit gab und die Angriffe der Bochumer zwar abgefangen wurden, die Mannschaft es aber nicht mehr schaffte, den Ball sicher in den eigenen Reihen zu halten. Die Spieler kämpften und kämpften, kamen in Ballbesitz und die Erleichterung schwand sofort wieder, weil ein Fehler passierte. Ein Freistoß aus dem Mittelfeld auf den rechten Flügel geht zu weit, ins Aus. Vasileios Pliatsikas kann nach einem Sololauf über den linken Flügel nicht rechtzeitig flanken, wählt die richtige Option und zieht mit dem Ball zur Eckfahne. Sechs Beine von Gegenspielern stehen zum Abprallen ins Aus bereit. Doch ehe „Billy“ schießen kann, springt ihm der Ball schon selbst ins Aus. In dieser Weise verliefen die letzten Minuten, und deshalb jubelte ich, wenn ein Verteidiger den Ball ins Aus spielte und der Ball auf dem Weg dorthin noch einen Bochumer Spieler berührte.

In diesem Spiel war alles möglich. Es hätte den endgültigen Absturz bedeuten können, weil in ersten Halbzeit die Mannschaft so wirkte, als drohte sie psychisch zusammenzubrechen. Diese Mannschaft ist anfällig. Der Zusammenbruch drohte kurioser Weise nicht nach dem Rückstand. Den steckte die Mannschaft nach kurzer Enttäuschung weg, wenn auch noch nicht deutlich wurde, wie ihr ohne Hilfe des Bochumers Nikoloz Gelashvili ein Tor hätte gelingen können. Der Ausgleich kam, alle Zeichen standen wieder auf Anfang und dann kam diese Spielsitutation um die 33. oder 34. Minute herum. Ein Angriff der Bochumer offenbart Abstimmungsprobleme in der Duisburger Abwehr. Ich weiß nicht mehr, wer danach mit wem etwas deutlicher redete. Felix Wiedwald hatte den Ball, irgendjemanden möchte er anspielen, doch Abwehr und Mittelfeld rücken zwar nach vorne, aber niemand bietet sich für das Anspiel an. Alle gucken angestrengt auf den Boden. Für einen Moment habe ich geglaubt, der Schiedsrichter hätte gepfiffen und ich hätte es überhört, weil diese Mannschaft so aussah, als wolle sie nicht weiterspielen. Natürlich ging es dann weiter, aber für einen Moment war aufgeblitzt, warum es Niederlagen gegen Dresden und Rostock gegeben hat. Es gibt unter Druck jederzeit die Gefahr, dass diese Mannschaft sich überfordert fühlt und aufgibt. Sie strengt sich an und anscheinend wächst das Gefühl der Vergeblichkeit. Es sind Momente der psychischen Instabilität, die sie ohne Gegentor überwinden muss.  Der Halbzeitpfiff half dabei. Aber es sind auch die jungen Spieler wie Maurice Exslager, Felix Wiedwald oder André Hoffmann, die bei allen spielerischen Fehlern, den Willen im Spiel zu bleiben über die gesamte Zeit hin ausstrahlen. Das ist so wichtig für diese Mannschaft.

In der zweiten Halbzeit war dieses Zwischentief vergessen. Spielerisch kam da immer noch nicht viel. Aber der Wille unbedingt zu gewinnen war wieder da. Jürgen Gjasula zeigte vor allem in dieser zweiten Halbzeit neben spielerischer Klasse auch den Einsatz bei Ballverlusten, den ich zu Beginn der Saison von ihm erwartet hatte. Wer ihn für Fehlpässe kritisiert, sollte sich vor Augen führen, dass nicht alle seine Mitspieler die Freiräume auf dem Spielfeld sehen, die er sieht. Es sind immer zwei Spieler für das Gelingen eines Passes verantwortlich.

Zwei Spielsituationen habe ich beispielhaft vor Augen. Bei schnellen Gegenangriffen trieb Jürgen Gjasula den Ball aus dem Mittelfeld heraus in halbrechter Position. Er zieht zwei Gegenspieler auf sich, behauptet den Ball und ein dritter Gegenspieler kommt hinzu. Drei, vier Meter vor ihm läuft die ganze Zeit in nahezu derselben Laufbahn Daniel Brosinski mit. Er macht Jürgen Gjasula als eine Art vierter Bochumer den Weg zu. Nun kann man zu seiner Verteidigung sagen, er erwartet den Steilpass. Der war aber für Gjasula wegen der möglichen Abseitsposition von Brosinski viel zu risikohaft. Zumal er selbst sehr schnell war. Effektiver wäre Brosinkis Schritt raus Richtung Flügel gewesen, Anspielstation sein für den Doppelpass. Solche Momente gibt es im Spiel des MSV Duisburg häufiger.

Die Duisburger Abwehr stand in der zweiten Halbzeit sicherer, vermutlich auch weil Mimoun Azaouagh mit schwerer Verletzung ausgewechselt wurde. Vasileios Pliatsikas hatte einen schweren Stand gegen ihn. Ein ums andere Mal wurde er in der ersten Halbzeit von ihm ausgespielt. Auch Dzemal Berberovic macht mich im Moment gerade dann nervös, wenn er den Ball erobert hat. Gefährlich wurde es für den MSV Duisburg dann, wenn er in der eigenen Hälfte den Ball irgendwie nach vorne bringen musste. Dann ist er im Moment jederzeit für einen Raum öffnenden Pass zum Gegner gut.

Warum Maurice Exslager einen Stammplatz in dieser Mannschaft hat, wurde in diesem Spiel mehr als deutlich. Er gibt nie auf, trotz persönlicher Fehler. Er wird trotz dieser Fehler immer mutiger im Spiel eins gegen eins, und es gelingt ihm immer häufiger Anspiele zu behaupten.  Hoffen wir, dass sein Tor ihn weiter beflügelt. Er ist im Moment der Garant für Torgefährlichkeit überhaupt, es sei denn Valeri Domovchiyski kann die Leistung nach seiner Einwechslung stabilisieren. Was war das für ein technisches Kabinettstückchen, mit dem er fast das 3:1 erzielt hätte. Wieviele Bochumer hat er da ausgespielt? Vier? Fünf? Oder übertreibe ich? Schade. Dieses Tor hätte uns alle sehr entspannt. Andererseits suchen wir Gegenwartsmenschen nicht immer die intensiven Gefühle? Suchen wir alle nicht die Momente der Flucht aus dem alltäglichen Dahingehen der Zeit? Spart euch Bungee Jumping und Extremsport. Kommt zum MSV Duisburg, da bekommt ihr sie, eure gesuchten intensiven Gefühle zwischen Angst und überschwänglicher Freude.

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