Archiv für Juli 2012

Finanzielle Schwierigkeiten am allgemeingültigen Beispiel 1. FC Köln

Im Kölner Stadt-Anzeiger las ich am letzten Donnerstag einen kurzen Aufriss zur finanziellen Situation des 1. FC Köln. Bekanntermaßen ist die schlecht. Den Artikel sollte man sich irgendwo ablegen, mit Lesezeichen versehen, was auch immer. Kurz und übersichtlich wird dargestellt, wie es zu den roten Zahlen kam, welche einzelnen Hilfsmaßnahmen zwischenzeitlich ergriffen wurden und was nun verzweifelt versucht wird. Das ist beispielhaft für die gesamte Branche.  Ob es da nun um Verwertungsrechte geht, schnelles Geld durch die Verwerter, einzugehende Risiken und eben der ausbleibende sportliche Erfolg. Die Situation beim 1. FC Köln unterscheidet sich da nicht von all den anderen Vereinen. Wie gesagt, beispielhaft der Verlauf der Entwicklung beim 1. FC Köln, man kann den FC und die Beteiligten durch jeden finanziell angeschlagenen Verein mit entsprechenden Personen und Unternehmen drumrum ersetzen, meinetwegen auch durch den MSV Duisburg der jüngsten Vergangenheit. Der Artikel findet sich mit einem Klick weiter hier beim Kölner Stadt-Anzeiger.

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Saisonvorbereitung – Die Fragen aus der 11Freunde-Redaktion

In diesem Jahr kann ich nur sehr spät in die Saisonvorbereitung einsteigen. Da bin ich als Zuschauer froh, dass ich in ganz großer Not sogar nur mit leichtem Aufwärmprogramm von Anstehen, Karte hinhalten und Anhöhe rauf in die Nordkurve von der ersten Spielminute an ganz da sein werde.  Mal sehen, was bis dahin noch alles drin ist.

Zwischendurch erreichen mich aber auch Anfragen zu Testspielereien, die ich dann, so es irgend geht, annehme. Weiß ich, ob nicht der chinesische Markt auf irgendwelchen obskuren Wegen über die 11FREUNDE-Redaktion sich für den MSV Duisburg und damit den Zebrastreifenblog interessieren wird? Was für ein Milliardenpublikum bietet sich da. Nach dem ersten unlängst nicht so erfolgreichen Versuch Chinas Fußballpublikum für Duisburg zu interessieren, klappt es vielleicht über Umwege.

So habe ich dann auch in diesem Jahr den Fragebogen beantwortet, der aus der 11FREUNDE-Redaktion ins Mail-Fach plingte. Ein wenig Schwierigkeiten hatte ich dieses Mal allerdings mit der wie immer gewünschten unterhaltsamen Weise, auf die ich mich einschwingen sollte.  Das war mir in diesem Jahr etwas zu viel Holzhammer-Vorlage. Das war nicht meine Art von Humor, deshalb habe ich die Kalauer-Angebote zu Rehagel und Hertha der Redaktion selbst überlassen. Die kriegen schließlich auch Geld dafür. Da fiel mir nichts zu ein. Außerdem war mir die letzten Wochen über beim beruflichen Schreiben immer so ernsthaft zumute.

Zudem geht es bei solchen Fragen zum Verein der eigenen Zuneigung ja eigentlich auch um verdammt wichtige Dinge. Da zieht es beim Spagat in den Oberschenkelmuskeln auch schon mal. Ich habe also zwischendurch mal die Vorbereitungsspielerei eingeschoben und mich nebenbei seit dem Drittliga-Start in der letzten Woche gefragt, ob Kreisliga-Vereine in den kommenden Jahren in Gefahr geraten, die neue Saison beginnen zu müssen, ehe die alte vorbei ist? Nach der Spielerei habe ich mich auch gefragt, ob die Kollegen von 11Freunde es in diesem Jahr zum ersten Mal schaffen, mir ein Belegexemplar  zukommen zu lassen –  vom Heft, das sie auch mit meiner Hilfe gefüllt haben.  Bei den Erstliga-Bloggern klappt das ja auch. Oder muss ich da Ansätze einer Klassengesellschaft erkennen in der 11Freunde-Welt? Anderen Zweitliga-Bloggern ging es nämlich genauso. Ich warne nur, eine Emanzipationsbewegung von Zweitligavereins-Anhängern könnte auf jeden Fall eine ungeahnte gesellschaftliche Dynamik entwickeln.

Nun aber zu  Fragen, einigen zu vervollständigenden Halbsätzen und den entsprechenden Kees-Jaratz-Worte dazu. Heute präsentiert der Zebrastreifenblog ohne die freundliche Unterstützung von „111 Fußballorte im Ruhrgebiet, die man gesehen haben muss“ die einmalige Preview “11FREUNDE fragt – Kees Jaratz antwortet“.

11FREUNDE: Die neue Saison wird legendär, weil:

… unter den drei Erstliga-Absteigern dieses Jahr kein Verein ist, der den Durchmarsch zurück in die Liga der Geldverteilung schaffen wird. Alle drei abgestiegenen Erstliga-Vereine haben sich bei genau diesem Vorhaben in den letzten Jahren finanziell verausgabt. Bahn frei für die Ambitionen gestandener Zweitligavereine.

11FREUNDE: An die alte Saison werde ich mich noch  lange erinnern, weil:

… der Erfolg vom Krisenteam Oliver Reck und Uwe Schubert die Erwartungen übertraf. Nicht nur dass ihnen die absolut notwendig gewordene Ersthilfe zum Stimmungsaufbau im Kader gelang. Nach der Konsolidierung war variantenreiche Taktik zu sehen. Und das bei den engen Grenzen, die durch den Kader vorgegeben waren.

11FREUNDE: Alesia? Ich kenne kein Alesia! Die alte Saison habe ich schon vergessen weil:

… der alte Trainer Milan Sasic einfach nicht aus seiner Haut konnte. Was auch schon in Krisenzeiten beim FC Kaiserslautern und in Koblenz bemängelt wurde, machte sich im zwischenmenschlichen Umgang mit den Spielern angesichts des schwachen Saisonstarts wieder bemerkbar. Obwohl er sich zu ändern versucht hatte, lähmte er zunehmend die Spieler. Angst vor schwarzer Pädagogik.

11FREUNDE: Drei Wünsche frei für die nächste Spielzeit? Hier sind sie: 

Was das öffentliche Aussprechen von in Wünschen verkleideten Hoffnungen angeht, bin ich sehr abergläubisch. Deshalb behalte ich diese Wünsche für mich. Zumal mit der Wahl von Andreas Rüttgers zum Präsidenten vom MSV Duisburg am Anfang des Jahres ständig etwas rund um den Verein geschieht, was Wunscherfüllung ist.

11FREUNDE: Huaaah! Mein größter Albtraum:

Terminverwirrung bei all den möglichen Spielanfangszeiten.

11FREUNDE: Mein Lieblingsspieler im aktuellen Team ist

Die Frage lässt sich in diesem Jahr sogar sinnvoller Weise beantworten. Kontinuität im Kader macht die Auswahl nämlich größer. Der Mann meiner Wahl bleibt Branimir Bajic, unaufgeregt und fast immer eindrucksvoll präsent. Morgen könnte es übrigens auch Leihspieler-Rückkehrer Julian Koch sein.

11FREUNDE: Mein Held vergangener Jahre:

Ist immer noch Kees Bregmann, der in Duisburg zeigte, wie spielerisch Fußball und das Leben sein kann. Ein Libero aus Holland, der im eigenen Strafraum die Nerven hat, den Ball mit dem Hintern zu stoppen. Morgen könnte mein Lieblingsspieler übrigens auch Michael Zeyer oder Bernard Dietz sein.

11FREUNDE: Lustigster Fangesang der letzten Saison war: 

Humor braucht Abstand. Dazu wurde die Lage in Duisburg auch in der letzten Saison noch einmal als zu ernst empfunden. Vielleicht ging es mir aber auch nur so, und ich habe die entscheidenden Liedzeilen überhört.

11FREUNDE: Nie wieder! Was müsste passieren, damit Du nicht mehr ins Stadion gehst?

Da wird´s schon wieder ernst – nach der EM mit Pseudo-Live-Zwischenschnitten und „Human touch“ des TV-Bildes. Wenn aus Fußball Wrestling wird. Böte sich ja als Möglichkeit an, wenn Kontrolle weiter so sehr das Glück versprechende Thema von Funktionären bleibt.

11FREUNDE: Auf dieses Auswärtsspiel freue ich mich besonders, weil:

… das wird auch in dieser Saison jenes in Paderborn sein, weil erstens Niederlagen dort für Zebras sehr unwahrscheinlich sind, zweitens immer noch dort die angeheiratete Heimat liegt und drittens ost-westfälisches Sicherheitsdenken mir immer wieder meine Individualität als eine stets gefährdete vor Augen führt.

11FREUNDE: Unser aktuelles Trikot ist…

… nur dann wichtig, wenn es nicht blau-weiß gestreift wäre. Dafür sehe ich aber keine Anzeichen. Zebrastreifen weiß und blau, ein jeder weiß genau, das ist der EM-ES-VAU!.

11FREUNDE: Montags könnte ich:

… mir viel vorstellen zu machen. Ins Stadion gehen steht dann ganz unten auf der Liste, und ich mache es trotzdem. Denn das ist ja die Crux der Zweiten Liga. Du musst auf Montagsspiele hoffen, weil sie Indikator des Erfolgs deiner Mannschaft sind. Das ist eine zutiefst lustfeindliche Botschaft, wahrscheinlich alte pietistische Schule.

11FREUNDE: Wonti, ich komme! Hier ist meine beinharte These für den nächsten Doppelpass: 

Fußball ist der Kölner Karneval des Ruhrgebiets.

11FREUNDE: Im Stadion brauche ich nur Wurst, Bier und…

…weiterhin wenig Schreihälse, die immer glauben schlechte Leistung habe irgendwas mit der Herkunft von Spielern zu tun.

11FREUNDE: Meinem Klub fehlt …

…nicht viel, was für den Realisten zurzeit im Bereich des Möglichen liegt. Vielleicht ist der Linksverteidiger mit Timo Perthel schon da. Und vielleicht gibt es mit Srdan Baljak den erstarkten Stürmer wieder.

11FREUNDE: Diesen Fußball-Twitteraccount habe ich immer im Auge.

Keinen!

11FREUNDE: Wer verpflichtet in der Winterpause Otto Rehhagel?

Den Witz habt ihr ja schon gemacht. Da fällt mir nichts zu ein.

11FREUNDE: Und wer Rolf Schafstall? 

Dito

11FREUNDE: Wer klagt sich nach dem Relegationsspiel durch alle Instanzen?

Dito

11FREUNDE: Wer verlässt die Liga nach oben? 

Die drei Drittliga-Aufsteiger haben dieses Jahr so große Chancen wie nie zuvor, den sofortigen Durchmarsch in die Bundesliga zu schaffen. Gefährden könnte das vielleicht doch der 1. FC Kaiserslautern und St. Pauli. Beim FC Köln wirbt Holger Stanislawski schon jetzt in einer wochenlangen Medienoffensive um Verständnis für den Nicht-Aufstieg und Hertha wird trotz Integration von Fangruppen und Rechtsanwälten in die Saisonverlaufsplanung den Relegationsplatz nicht erreichen.

11FREUNDE:  Und nach unten:

Alle überraschend erfolgreichen Vereine der letzten Saison werden es schwer haben. Ich sorge mich etwas, ob meine Lieblings-Auswärtsfahrt in der übernächsten Saison möglich sein wird. Und der MSV Duisburg wird schon wieder mal nichts mit dem Abstieg zu tun haben. Für alle anderen Entwicklungen bin ich ebenfalls wie immer offen.

Und wenn ihr nun ganz anderer Meinung seid, ich bin gespannt. Nachspielzeit in den Kommentaren

Tief seufzen mit Stefan Maierhofer

Was für ein Ortsname: Düdelingen. Das muss man sich mal auf der Zunge zergehen lassen. Das klingt doch nach einem Vorort von Entenhausen, wo kleine Enten watschelnd Fußball spielen. Aber dort leben tatsächlich Menschen, Luxemburger sind es und Fußballer gibt es dort auch, diese Fußballer des Orts haben es gerade geschafft, RB Salzburg auch dieses Mal in der Qualifikation zur Champions League scheitern zu lassen.

Die Nachricht geht ja schon etwas durch die fußballinteressierte Welt, ruft entsprechenden Spott hervor und bei mir als Anhänger eines nicht so gut betuchten Vereins auch eine gewisse Zufriedenheit. Die europäischen Red-Bull-Konstrukte des Fußballs funktionieren nicht so, wie sie sollen. Das ist gar nicht das Geld, das mich dem entfremdet, sondern die umgedrehten Verhältnisse des Sporsponsorings. Das ist aber vielleicht auch nur Geschmackssache. In Leverkusen und Wolfsburg ist es ja im Grunde genommen genauso, nur mit längerer Tradition.

Wir wissen, bei RB Salzburg spielt nun der Ein-Jahres-Held vom MSV Duisburg Stefan Maierhofer, und auch er konnte sich dieses unbändigen Sogs des Versagens nicht entziehen. Folgende Szene ist wahrscheinlich sinnbildhaft für das ganze Spiel der österreichischen Mannschaft. Aus alter Verbundenheit mit Stefan Maierhofer seufze ich einmal mitleidig tief auf, und danach aber finde ich das Ergebnis völlig in Ordnung.

Warum auch immer, ich kriege den Clip hier heute nicht eingebunden. Nur der Link wird abgespeichert. Müsst ihr also weiterklicken zur TV-Konkurrenz gewordenen Clip-Seite.

Hoffen auf die Gaußsche Normalverteilung

Mittelmaß, das klingt meist nicht schön, wenn das gesagt wird. So richtig zufrieden wirkt dann niemand. Wir alle hoffen ja immer auf das Einzigartige, das sehr Spezielle, das uns rausreißt aus der Normalität und dem alltäglichen Einerlei – aus dem Mittelmäßigen eben. Doch so leid es mir tut, für alle von uns lautet die statistische Wahrheit, letztlich strebt alles hin zur Mitte.

Ist jemand ganz oben, kann es nur runter gehen. In den USA wurde die Prognosekraft sprichwörtlich, die ein Titelbild der Sports Illustrated mit sich brachte. Einmal das Foto auf dem Cover und schon warf der Basketballer daneben, der Leichtathlet sprang kürzer und lief langsamer. Das ist kein Fluch, sondern die leicht einsehbare Folge davon, dass für die Titelgeschichte nur ein Sportler mit herausragender Leistung in Frage kommt. So einer herausragenden Leistung wird aber sehr wahrscheinlich eine schlechtere folgen. Der Statistik-Fachmann nennt das Phänomen „Regression zur Mitte“. Mit besonders schlechten Werten funktioniert das natürlich auch. Auch die sind nur Teil der Normalverteilung. Ausreißer nach unten eben, wenn sich letztlich alles zur Mitte drängt.

Beruhigen wir uns also bis auf weiteres mit der Statistik, wenn wir auf die kommende Saison des Vereins unserer Zuneigung blicken. Nach der Erkrankung von Jürgen Gjasula fällt nun auch noch Timo Perthel für längere Zeit aus. Wichtige Spieler müssen also schon kurz vor der Saison für längere Zeit ersetzt werden. Das Lob des Mittelmaß hilft uns deshalb heute weiter. Denn aller Wahrscheinlichkeit nach wird in den kommenden Monaten alles zur Mitte drängen. Es wird Spieler im Kader geben, die ohne große Schwierigkeiten durch die Saison gehen. Das sind die Ausreißer nach oben. Es wird die Spieler geben, und das werden die meisten sein, die mal hier eine Malässe haben und denen es mal dort zwickt. So mittelmäßige Wehwehchen eben. Und die Ausreißer nach unten, die schwereren Verletzungen, die längeren Ausfällse, das was andere Vereine erst im Laufe der Saison erleben, arbeitet der MSV Duisburg nun mal schon vorher ab. Bis dahin gute Besserung an die Verletzten und Kranken.  Es wird eine gute Saison werden.

Harald Martenstein über Fußballexperten

Im ZEITmagazin dieser Woche kommt Harald Martenstein in seiner Kolumne noch einmal auf die Fußballeuropameisterschaft zurück und auf den zu wenig beachteten Faktor Zufall für den Erfolg einer Mannschaft. Er hat deshalb eine deutliche und wie stets amüsant zu lesende Meinung zu Fußballexperten, die in folgendem Urteil mündet:

Ein Physikexperte kann vorhersagen, bei wie viel Grad das Wasser kocht. Das nenne ich wahres Expertentum. Damit kann man was anfangen. Psychologen und Metereologen liegen immerhin manchmal richtig, das sind Halbexperten. Theologen, Ökonomen und Fußballexperten wissen über die Zukunft überhaupt nichts. Trotzdem können sie sympathische Menschen sein.

Die gesamte Kolumne gibt es mit einem Klick weiter hier

 

Gute Besserung, Jürgen Gjasula!

Auch wenn im Moment mir immer wieder nur Seitenblicke zum Verein unserer Zuneigung möglich sind, ein paar Bilder von der neuen Saison hatte ich schon im Kopf. Schöne Bilder! Vorfreude! Denn eigentlich wusste ich seit langer Zeit einmal wieder so ungefähr, was ich von der Mannschaft erwarten durfte. So viele neue Gesichter sind im Kader nicht dabei. Mit der Rückrunde der letzten Saison im Kopf konnte ich mir vorstellen  –  und war damit bestimmt nicht alleine – , das ein oder andere könnte im Spiel der Mannschaft direkt vom ersten Spieltag an klappen.

Und nun diese Nachricht, Jürgen Gjasula fällt wegen einer Herzmuskelentzündung lange Zeit aus. Schublade auf, alte Frage heraus: Wie wird das alles werden? Für mich war er in der ersten Hälfte des Jahres einer der Garanten für die erfolgreiche Spielweise der Zebras. Sein Ausfall rüttelt mit Sicherheit heftig an den Grundlagen, an denen Oliver Reck und Uwe Schubert gerade für die kommende Saison arbeiten.

Zeit, sich zu sammeln und die Frage zu beantworten: Wo bleibt nun das Positive? Ich denke, wir sollten zu schätzen wissen, dass Jürgen Gjasulas Herzmuskelentzündung keinen schleichenden Verlauf genommen hat. Wir kennen alle die anderen Geschichten des Fußballs der Gegenwart, bei denen unerkannte Herzkrankheiten zu Überlastungen der Sportlerherzen führten. Über die Folgen möchte ich gar nicht weiter nachdenken. Jürgen Gjasula braucht nun nur die Zeit, um wieder gesund zu werden. Gute Besserung!

Gleichzeitig muss eine Lücke gefüllt werden. Oliver Reck spricht von Sören Brandy oder Valeri Domovchiyski, die auch die spielerischen Möglichkeiten haben für eine gestaltende Rolle im Mittelfeld. Auch daraus lässt sich Zuversicht ableiten. Da wird einem neuen Spieler im Kader von Anfang viel zugetraut. Zudem überrascht mich Valeri Domovchiyski in der Rolle, was auf Weiterentwicklung hinweisen würde. Auch kein schlechter Gedanke. Natürlich wird sich alles an der Wirklichkeit messen lassen müssen. Aber fürs erste gibt es ein paar Zeichen, die uns die Nachricht von Jürgen Gjasulas Ausfall – nach einem tiefen Durchatmen zugegebenermaßen – etwas erträglicher machen.

Das Fangedächtnis des MSV Duisburg – Zu meiner Zeit. Teil 4: MSV-Fan sein, gestern und heute

Nach der Veröffentlichung von „111 Fussballorte im Ruhrgebiet, die man gesehen haben muss“ nahm Manfred „Manni“ Wiegandt, ein alter Meidericher, heute in den USA lebend, Kontakt mit mir auf. Wir besuchten dieselbe Schule. Auch wenn er ein paar Klassen über mir war, kamen wir in dem Mail-hin-und-her ins Erinnern. So fragte ich ihn, ob ich diese Erinnerungen zusammenfassen könnte. Tatsächlich waren die Mails dann nur der Anfang eines neuen, sehr umfangreichen Beitrags für das „Fan-Gedächtnis des MSV Duisburg“, den Manfred Wiegandt schrieb. Er ist so lang gewordne, dass ich ihn in mehreren Teilen veröffentliche.

Im heutigen letzten Teil der Erinnerungen von Manfred Wiegandt geht es um sein Erweckungserlebnis im Stadion und deren Folgen bis heute – trotz der inzwischen gewachsenen räumlichen Distanz zu Spielorten des Verein seiner und unserer  Zuneigung. Wir erinnern uns, im Folgenden ist zunächst die Bundesliga-Saison 1970/71 gemeint.

Zu meiner Zeit – Teil 4 –

von Manfred Wiegandt

Am letzten Spieltag der Saison dann beim Kopf-an-Kopf-Rennen um die Meisterschaft zwischen Borussia Mönchengladbach und Bayern München waren die Bayern im brechend vollen Wedau-Stadion zu Gast. Da waren weit mehr als 40.000 Zuschauer drin. Manche hingen in den Bäumen, um etwas sehen zu können. Dies war mein zweites MSV-Spiel, das ich im Stadion sah. Ich hatte ein Schülerticket zum Preis von 1 DM beim Kassierer in der Vereinsgaststätte Worm ergattert. Der MSV gewann 2:0 (zweimal Budde in der zweiten Halbzeit). Obwohl es für den MSV um nichts mehr ging, wurde der Platz damals zweimal von den Fans gestürmt, ohne dass die Bayern-Spieler sich in die Hose machten wie – angeblich – letztens die Herthaner. Borussia Mönchengladbach wurde Meister – verdientermaßen. Dieses Spiel begeisterte mich so, dass ich in der nächsten Saison alle Heimspiele des MSV sah und nur fünf Auswärtsspiele verpasste, darunter das im relativ nahe gelegenen Schalke. Zu den weiten Auswärtsspielen in Bremen, Frankfurt, Stuttgart und Braunschweig schwänzte ich damals sogar mit Wissen meiner Eltern gleich viermal in einem Schuljahr den samstäglichen Unterricht. Ich hatte mir das Würmli-Ticket bei der Bahn (Kinder aus kinderreichen Familien fuhren damals zum halben Preis), die Eintrittskarte und die obligatorische Bratwurst dadurch erspart, dass ich meiner Mutter im Haushalt half, wobei ich mir fürs Abwaschen zehn und fürs Einkaufen zwanzig Pfennig anschreiben konnte. Meine Mutter brauchte in dieser Zeit nie lange um Hilfe zu betteln. Beim ersten Heimspiel des MSV in der Saison 1971/72 gegen den BVB hoffte ich auf ein Unentschieden, weil mein Herz noch etwas an Dortmund hing. Beim Rückspiel in der Kampfbahn Rote Erde war ich dann ganz Meidericher und freute mich über den für lange Zeit einzigen Auswärtssieg der Zebras in Dortmund.

Obwohl ich mit Leib und Seele MSV-Fan war, besaß ich damals aber weder Schal noch Trikot und eigentlich überhaupt keine Fan-Utensilien. Von den bekloppten und betrunkenen Fans hielt ich mich, soweit es ging, fern. In Dortmund mussten wir uns gegenüber den berüchtigten Borussen-Fans auf dem Weg zum Stadion als BVB’ler verstellen, weil wir Angst hatten, verhauen zu werden. Gegen Schalke musste mein kleiner Bruder sogar einmal im eigenen Stadion die Fahne einrollen, weil die Schalker Hooligans über die Zäune in den Duisburger Fanbereich kamen, als deren Niederlage fest stand. Im Wedau-Stadion hatte ich meinen Stammplatz auf halber Höhe auf der Geraden neben dem Marathontor auf der Nordkurvenseite, der Fan-Kurve. Es kamen immer die gleichen Leute; man kannte sich. Meist kam man eine Stunde vor Spielbeginn. Wenn Bayern, Schalke oder Gladbach gastierten, auch mal bis zu zwei Stunden vor Anpfiff. Die Jugendkarten (2 Mark) gab es nicht im Vorverkauf und man musste oft früh genug an der Stadionkasse sein, um sie rechtzeitig zu bekommen. In der Saison 1971/72 gab es bei jedem Heimspiel ein Preisausschreiben in der Stadionzeitung, bei dem Haupttribünenkarten zu gewinnen waren. Ich habe in der Saison gleich dreimal gewonnen und dann auch meinen kleinen Bruder mit auf die Tribüne nehmen können, die bei den meisten Spielen nicht komplett gefüllt war. Ich habe ihn auch mit zu den West-Auswärtsspielen genommen, z. B. nach Oberhausen oder Bochum, wo das Spiel fast wegen Dunkelheit abgebrochen werden musste, was wir erhofften, nachdem Klaus „Caesar“ Wunder vom Platz gestellt worden war. Auf der Zugrückreise von Mönchengladbach (0:3) blieb mein Bruder nicht immer an meiner Seite. Als er zu mir zurück kam, berichtete er, dass die Fans Sitze aus dem Fenster würfen. Danach bekamen MSV-Fans für längere Zeit keine vergünstigten Bahnkarten mehr.

Ich hatte eine Cousine in meinem Alter, die in Hattingen wohnte und sich immer freute, wenn ihre drei Cousins zu Besuch kamen. Dann hatte sie endlich geeignete Partner zum Bolzen. Sie hatte nur einen Fehler; sie war Bayern-Fan. Einmal luden wir sie nach Duisburg ein, als Bayern bei uns gastierte. Es war eines der ersten großen Bundesligaspiele des damals erst 17-jährigen Ronnie Worm. Die Zebras wuchsen mal wieder, wie so oft gegen Bayern, über sich hinaus und gewannen 3:0. Alle Treffer fielen in den letzten zwanzig Minuten. Worm erzielte zwei Tore; beim zweiten nahm er den Ball am Strafraum mit der Hacke, hob ihn über einen gewissen Weltklassespieler namens Beckenbauer hinweg und schoss volley gegen den machtlosen Weltklassetorwart Maier zum 3:0-Endstand ein. Mein Lieblingsspieler beim MSV und mein großes Vorbild war indes Bernard Dietz, zumal ich selbst meist Außenverteidiger spielte. Das größte Spiel war natürlich der 6:3-Sieg unter Flutlicht gegen die Bayern, bei dem Dietz vier Tore – sein Gegenspieler ein gewisser Rummenigge – schoss (kicker-Schlagzeile: „MSV Dietzburg gegen Bayern München 6:3“). Auf Ennatz war stets Verlass. Nur einmal habe ich miterlebt, wie er trotz aller Anstrengungen regelrecht an die Wand gespielt wurde. In der Saison 1977/78 kam der hoch gelobte englische Star Kevin Keegan zum HSV und musste sich im ersten Saisonspiel beim MSV von Ennatz den Schneid abkaufen lassen. Beim Rückspiel im Januar – ich war zu der Zeit beim Bund in Schleswig-Holstein und konnte so das Spiel im Volkspark-Stadion besuchen – war es dann aber genau umgekehrt und Keegan spielte Bernhard Dietz regelrecht schwindelig. Irgendwie beeindruckt war ich auch von Eisenfuß Detlef Pirsig, der immer mit herunter gekrempelten Stutzen spielte, aber beinhart zur Sache ging. Ich habe die herunter gekrempelten Stutzen und sein Reingrätschen dann beim Bolzen kopiert; anders als Detlef war ich aber immer fair. Meist foulte Pirsig nämlich seinen Gegenspieler, den Mittelstürmer, in einem der ersten Duelle des Spiels so hart, dass dieser nachher vor Angst nichts mehr auf die Reihe brachte. Er kassierte fast in jedem Spiel eine gelbe Karte. Da es aber noch keine Sperre nach fünf Gelben gab, konnte er sein Unwesen von Spiel zu Spiel weiter treiben. In einem Spiel – so erinnere ich mich – foulte er gleich zwei durchgebrochene Spieler auf einmal, einen mit den Füßen, den anderen mit den Händen, sozusagen Doppel-Notbremse. Rote Karte für Notbremsen sollten jedoch erst viele, viele Jahre später eingeführt werden. Überhaupt trieb es Detlef nie so weit, dass er Rot bekam. Einmal erwischte es ihn dann aber doch – in Mönchengladbach. Er hatte schon Gelb gesehen und flog dann vom Platz, als er den Ball mit der Hand spielte. Was für eine Ironie! Da holzt jemand jahrelang die gesamte Bundesliga weg und erhält seinen ersten Platzverweis für ein Handspiel! Er bekam auch nur zwei Spiele Sperre, weil er vorher immer so fair gewesen war, sprich: noch nie vom Platz gestellt worden war.

Wenn ich daran denke, kann ich ohne Umschweife sagen, dass Alles um den Fußball für mich zu den schönsten Kindheits- und Jugenderinnerungen gehört. Es gibt so viel, über das man noch heute Schmunzeln kann. Inzwischen lebe ich schon seit langem in den USA, aber wenn ich zu Hause in Duisburg anrufe, ist eines der Themen immer noch der MSV. In meine Zeit am MPG fiel auch das Pokalendspiel in Hannover gegen Frankfurt 1975 (0:1, Tor im Platzregen durch Körbel). Ich war natürlich da; im Zug habe ich Mathe für die Schule gepaukt. Das Finale 1998 gegen Bayern in Berlin habe ich verpasst. Mein Schwager schickte mir ein Video, da es damals noch keine Möglichkeit gab, die deutschen Fußballpiele in den USA zu sehen. Den entscheidenden Nicht-Platzverweis für Tarnat halte ich immer noch für eine der übelsten Schiedsrichter-Fehlentscheidungen. Als die Zebras 2011 erneut das Finale erreichten, kam ich von Neuengland eingeflogen. Die erste Viertelstunde des Spiels war ja auch sportlich noch ganz okay, die Atmosphäre in der Stadt insgesamt phänomenal. Ich teilte die Tickets, die ich bekommen hatte, u. a. mit meinem „kleinen“ Bruder und mit meiner Cousine und meinem Cousin aus Hattingen, obwohl sie Schalke-Fans waren, für meine Cousine als ehemaliger Bayern-Fan ja schon ein kleiner Fortschritt. Radio Duisburg hatte sogar ein Live-Interview mit mir aus dem Fan-Quartier, weil ich von so weit her gekommen war. Danach sprach mich ein Fan an, der mir sagte, er komme von noch weiter her, nämlich aus Australien. Er war in Beeck aufgewachsen und hatte im gleichen Jahr wie ich Abi gemacht, allerdings an einem anderen Gymnasium, ich glaube Mannesmann. Wahrscheinlich haben wir in der Schulmannschaft gegeneinander gespielt. Als ich ihn beim Abschied fragte, wie er heiße, sagte er: Manfred. – Toller Name! So heiße ich auch.

Und den nun auch ins Fan-Gedächtnis!

Teil 1 findet sich hier.

Teil 2 findet sich hier.

Teil 3 findet sich hier.


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