Halle, MSV und Rechtextreme – Argumente für Öffentlichkeit

Einen Sinn für PR und öffentlich wirksamen Effekt haben sie ja gehabt, die anscheinend ganz in weiß gekleideten, martialisch aussehenden Männer mit sehr eigenen Vorstellungen davon, was Fangesang bedeutet im Gästeblock des MSV Duisburg beim Pokalspiel in Halle. Während eines Auswärtsspiels im weiter entfernten Osten ist die Chance groß, mit wenig stimmlichen Aufwand  mit antisemitischem und rassistischem Schmähgesang wahrgenommen zu werden. So weit also geschehen am letzten Samstag, und nach langer Zeit stehen der Verein und viele seiner Fans vor der Frage, findet rechtsextremistisches Gedankengut zunehmend Anklang in der Duisburger Fankurve und wie darauf reagieren?

Diese Frage stellt sich unabhängig von den Möglichkeiten der Strafverfolgung, einer jener Männer verstieß ohne Zweifel gegen ein Gesetz. Das wird vom Staatsschutz verfolgt, so weit, so gut. Allem nicht verbotenen zu begegnen wird da schon schwieriger. Die dringlichste Forderung heißt da für mich, Öffentlichkeit herstellen. Das betone ich, weil sich mancher Anhänger des MSV Duisburg in den letzten Tagen um das Image seines Vereins sorgte. Sie wollten dieses Thema nicht so groß beredet haben, hielten es für eine Lappalie. Der Ruf der Zebras nehme deshalb schaden, weil so eine Lappalie zur rechtsextremistischen Gefahr dramatisiert werde.

Dabei ist es gerade umgekehrt. Es wirkt vorbildhaft, dass möglichst viele Anhänger des MSV Duisburg sich öffentlich dazu äußern. Es wirkt vorbildhaft, dass sich Fans gegen Fremdenfeindlichkeit, Rassismus und Antisemitismus positionieren. Es geht nicht darum jemanden aus dieser Gruppe weiß gekleideter Männer zu überzeugen. Es geht darum, zu zeigen, in Duisburg werden Anzeichen für rechtextremistisches Gedankengut in der Kurve ernst genommen. Im MSVportal wird über Reaktionen diskutiert, der MSV Duisburg reagiert auf seiner Seite. Mir fehlt jetzt nur noch ein Statement  vor dem Spiel gegen Dynamo Dresden. All das ist inzwischen unabhängig davon nötig, wie groß der Vorfall in Halle tatsächlich gewesen ist, und zwar deshalb weil jede Gesellschaft mit ihrer besonderen Geschichte eigene Empfindlichkeiten und Tabus entwickelt. Wenn diese berührt werden, hilft es nicht, so zu tun, als sei nichts gewesen.

Ronny Blaschke hat für sein Buch „Angriff von Rechtsausßen“ den Bielefelder Gewaltforscher Wilhelm Heitmeyer interviewt, der sich während seiner gesamten Karriere mit Rechtsextremismus  – unter anderem im Fußball – beschäftigt hat. Eine seiner Antworten gibt mir und uns ein Argument für diese gesuchte Öffentlichkeit, für das Bereden des Geschehenen, aber auch ganz dringlich für Präventionsarbeit durch den Verein mit seinem Fanbeauftragten:

Wir haben in den Kurven zwar homogene Gruppen, aber wir haben auch eine Hierarchie. Diese Hierarchie wird formal nicht festgelegt, sondern sie entsteht schleichend. Wer entwickelt sich zum Meinungsführer? Wer zum Sympathieträger? Wer hat die schönste Freundin? Über solche Mechanismen laufen Hierarchisierungen ab. In diesem Raum können rechtsextreme Einstellungsmuster leicht reproduziert werden, gegenteilige Meinungen werden unterdrückt. … das Stadion ist das einzige Setting, wo die Abwertung schwacher Gruppen massiv und lautstark nach außen in die Öffentlichkeit getragen werden kann, etwa durch Fangesänge und Symbole.

Es entsteht ein Grundkonsens, der Abwertung im Stadion akzeptiert?

Richtig, jede Art von Normalisierung ist gefährlich, denn alles, was als normal gilt und worübr sich niemand mehr aufregt, kann man nicht problematisieren. Wenn ein Normalitätsstandard das Bewusstsein der Fans erreicht hat, dann befinden sie sich schnell in dem Glauben, sie seien mit diesen Einstellungsmustern Teil einer Mehrheit und nicht einer Minderheit.

Für Rechtsextremisten gibt es an dieser Stelle die entsprechenden Anknüpfungspunkte. Und es wird immer wieder irgendwo versucht, die Hoheit über die Kurve zu erlangen. Es geht dann für jüngere Fans schnell nicht mehr um rationales Handeln, es geht um Gruppenzugehörigkeit, dabei sein wollen, Anerkennung und irgendwann auch nochmal um den Fußball. Deshalb ist beides richtig, öffentlich zu sagen, was da in Halle geschehen ist, will ich beim MSV Duisburg nicht sehen. Gleichzeitig sind auch der Verein und die Sicherheitskräfte gefragt. Notwendig ist aber auch auf Seiten des Vereins das Reden mit jungen Fans, die nach Orientierung suchen. Da braucht es den Einsatz vom Verein! Da braucht es wahrscheinlich mehr als einen Fanbeauftragten.

Und noch eins: Weil im Detail der diskutierten Reaktionen die Meinungen auseinander gehen bei allem Konsens über die zu ächtende extremistische Haltung. Die Kleidungsfrage steht da häufig umstritten im Zentrum, und dabei erweist sich das Private durchaus schnell als politisch. Wir Individuen unterliegen Gruppenzuschreibungen beim Auftreten in der Öffentlichkeit, und wer die bei Rechtsextremen beliebte Modemarke Thor Steinar trägt, muss viel erklären, ehe man ihm glaubt, dass allein der modische Geschmack der Entscheidung zugrundeliegt. Und Ausschlusskriterien nach Kleidung gibt es doch längst. Nicht alles, was sich anziehen lässt, ist im Stadion gerne gesehen. In der Fan-Kurve ist manches sogar schon jetzt verboten. Ich kann noch so sehr beteuern, dass allein der Schnitt des Schalke-Trikots die Schönheit meines Körpers besonders betont. Glauben werden mir nur die wenigsten.

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