Auch ohne Tore fühlt sich das nach Sieg an

Im Moment fällt mir kein torloses Unentschieden ein, dass ich derart bejubelt habe wie dieses am Freitagabend gegen den 1. FC Köln. Nachdem der MSV Duisburg ab der 21. Minute nur mit zehn Mann spielte, fühlte sich das Ergebnis nach einem Sieg an. Das ging den meisten in der begeisterten Gästekurve so, aber auch den Spielern, wenn man sich weiter unten anhört, was Julian Koch gesagt hat. Die letzten Minuten hatten es aber auch in sich. Zweimal ging der Ball an die Latte des Duisburger Tores, nach einem Freistoß und nach einer Ecke, und einmal hatten wir gefühlte Ewigkeiten Zeit bei einem wilden Getümmel im Strafraum den jeweils nächsten drohenden Schussversuch der Kölner im Netz einschlagen zu sehen. Doch immer wieder warf sich ein weiterer Duisburger Spieler vor den Ball, bis schließlich der Gewaltschuss nicht mehr zu verhindern war. Aus vielleicht sieben Metern Entfernung knallte der Ball rechts neben das Tor in die Bande. Aufatmen.

Dabei war die Kölner Mannschaft über das Spiel hin gesehen harmlos, verunsichert und ohne Mittel, den Zebras gefährlich zu werden.  Aus Zebra-Sicht  wäre es nach dem Überstehen dieser wenigen wirklich gefährlichen Minuten sogar fast zur perfekten Dramaturgie des Spiels gekommen. Einen ersten Ansatz zum Konter konnten die Kölner gerade noch verhindern, nachdem auf Höhe der Mittellinie der eingewechselte Zvonko Pamic den Ball  einem erneut zögerlichen Kölner Spieler den Ball abgenommen hatte. Doch nach der nächsten Balleroberung  wurde Srdjan Baljak steil geschickt. Aus unserer Perspektive von der Westtribüne auf Höhe des Kölner Strafraums war aber schon nach der Ballannahme zu sehen, dass er nicht in idealer Linie aufs Tor würde schießen können. So hielt sich meine Hoffnung in Grenzen. Vielleicht war ich aber auch nur  zu sehr mitgenommen von den Chancen der Kölner Mannschaft und der Nachricht von vier Minuten Nachspielzeit.

Bis zur 80. Minute hielten sich meine Sorgen aber in Grenzen. Wir sahen eine Kölner Mannschaft, die sehr an den MSV der Heimspiele erinnerte. Es fehlte den Kölnern an Dynamik und Ballsicherheit, um eine die meiste Zeit perfekt verteidigende Mannschaft der Zebras zu überwinden. Alleine Sascha Bigalke zeigte in vergeblichen Einzelaktionen Zug zum Tor. Einzelaktionen bestimmten auch die Entlastungsangriffe beim MSV Duisburg. Vor dem Halbzeitpfiff setzte sich Daniel Brosinski auf der rechten Seite wunderbar durch, doch kam in der Mitte kein Spieler rechtzeitig in den Rückraum, wohin der entscheidende Pass hätte gespielt werden müssen. Sören Brandy versuchte sich unermüdlich, aber vergeblich in langen Sprints mit dem Ball. Auch ihm fehlte die Anspielstation. Das Provozieren eines Foulspiel gelang ihm gar nicht. Ich möchte darauf wetten, dass er beim Schiedsrichter recht bald schon in der Schublade „lässt sich fallen“ lag und unklare Situationen nicht mehr für ihn gepfiffen wurden. Mich beruhigte zudem, dass Antonio da Silva  im Mittelfeld gegen die Überzahl pressender Kölner den Ball behauptete und dann den Pass in den freien Raum spielen konnte. So mussten die Kölner vorsichtiger werden bei ihrem frühen Angreifen, konnten nicht mehr so offensiv auf den Ball gehen.

Julian Koch wurde nun das zweite Mal eingewechselt, und erneut war im Ansatz zu sehen, welche Dynamik er dem Spiel des MSV Duisburg verleihen kann. Schon jetzt, wo er natürlich noch etwas langsamer wirkt als in seiner ersten Saison bei uns, schon jetzt besitzt sein Antritt jene Grundschnelligkeit, dass er mit dem Ball am Fuß sicher in die Lücken der Abwehrreihen stoßen kann, um anschließend den entstandenen Freiraum zu nutzen. Er hat dann das Auge für den Pass. Für den ganz langen Sprint braucht er noch etwas Zeit. Noch sorgt mich zudem jeder seiner langen Schritte bei den Balleroberungen in der Defensive. Das ist sein Spiel schon früher gewesen. Aber es ist auch genau dieses Spiel, das zu seiner schweren Verletzung geführt hat. Dann denke ich und hoffe, er wird sehr genau lernen, wann dieser lange Schritt einfach zu risikoreich ist. Felix Wiedwald braucht übrigens nicht nur wegen der vor allem durch ihn verschuldeten roten Karte für Branimir Bajic zusätzliche Trainingseinheiten im weiten Abschlag beziehungsweise Passen.

In diesem Spiel das torlose Unentschieden gehalten zu haben, wird die Mannschaft weiter zusammenschweißen. Dieses Spiel gibt uns Zuschauern aber auch eine Lektion, weil die spielerische Qualität vom 1. FC Köln, wie erwartet, nicht besser war als die des MSV Duisburg. Das Kölner Publikum war unzufrieden mit der Leistung seiner Mannschaft und pfiff sie schon zu Beginn der Halbzeitpause aus, ganz zu schweigen von der Verabschiedung nach dem Spiel. Mich freute diese Unmutsbekundung, weil ich hoffte, sie könnte die Kölner Mannschaft noch mehr verunsichern. Diese Mannschaft bemühte sich. Sie bemühte sich so, wie es der MSV Duisburg in seinen Heimspielen auch immer tat. In solchen Spielen hat es die verteidigende Mannschaft einfach leichter, die Zuschauer  zu begeistern. Sie braucht nichts mehr zu tun, als sich der angreifenden Mannschaft mit Leidenschaft entgegen zu stellen. Die angreifende Mannschaft braucht spielerische Lösungen, um diese Defensive zu überwinden. Die Leidenschaft der angreifenden Mannschaft kann meist nur unsichtbar bleiben. Spieler etwa, die steil laufen und nicht angespielt werden, wirken nicht stimmungshebend. Obwohl sie sich bei ihrem Lauf anstregen, also Leidenschaft zeigen.

Deshalb war ich auch nicht glücklich über diese in der Öffentlichkeit kolportierte Brandrede von Ivica Grlic vor dem Spiel gegen den 1. FC Köln. Es ginge jetzt nur um drei Buchstaben, oder was hat er nochmals gesagt? So etwas geht in Heimspielen nach hinten los, weil es einen ungerechten Vorwurf befördert, eine Stimmung befeuert, die die Mannschaft nur weiter verunsichert. Noch einmal, im Spiel nach vorne sind Mannschaften wie der MSV Duisburg und, wie wir gesehen haben, der 1. FC Köln nicht präzise genug, um leidenschaftliche Eindrücke zu hinterlassen. Um in der Offensive ein Bild von Leidenschaft zu wecken, braucht es Schnelligkeit und Dynamik. Bei engen Räumen auf dem Spielfeld sind dazu große Präzision im Zusammenspiel und sehr gute technische Fähigkeiten nötig. Beides ist beim MSV Duisburg nicht stabil vorhanden. Was nicht bedeutet, dass ein Spiel sich nicht dahin entwickeln kann. Aber die Stimmung trägt dazu mit bei. Deshalb wäre das Duisburger Publikum gut beraten, es nicht dem Kölner Publikum gleich zu tun und die immer mögliche Enttäuschung gegen die Mannschaft zu richten. Man braucht sie nicht zu  bejubeln, wenn sie schlecht spielen. Der Vorwurf mangelndens Einsatzes ist bislang aber durchweg ungerecht. Das Spiel gegen den FC Erzgebirge Aue wird, so meine ich, deshalb nicht nur zur Prüfung für die Mannschaft. Auch wir Zuschauer können uns wieder beweisen.

Und nun noch die Stimmen zum Spiel von Felix Wiedwald, André Hoffmann und Julian Koch.

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6 Antworten to “Auch ohne Tore fühlt sich das nach Sieg an”


  1. 1 Sabine Ka 11. November 2012 um 13:28

    Kees, zu deinen „psychologischen Analysen“ in den letzten beiden großen Absätzen, bin ich ganz deiner Meinung. Stelle man sich eine Familie (hier: Fans etc. – und natürlich auch die schreibende Presse) vor, deren Sprössling (hier: Zebra-Mannschaft) ein wenig, sagen wir, „zurückgeblieben“, nicht der Norm entsprechend leistungsfähig wäre. Würde sich diese Familie mit „Versager“-Rufen und Dauerbeschimpfungen vor diesem Sprössling aufbauen und ihn damit erst recht verschrecken, demotivieren und immer immer kleiner machen? Ich glaube nicht! Ganz im Gegenteil, ich denke, es würde kein Versuch der liebevollen Förderung, des Lobes, der aufbauenden Worte ausgelassen. Wieso also, so frage ich mich sooo oft, gehen Fußballfans derart maßos ungehalten mit ihrer Mannschaft, die sie ja angeblich soooo lieben, um?! Wo ist die Loyalität?! Wo der „Beschützerinstinkt“?! Nach dem Spiel gegen Frankfurt trieb mir eben solches Fangebaren Gänsehaut in den Nacken. Natürlich kann man enttäuscht, fassungslos, traurig sein! Aber muss man das dem ohnehin zu nicht mehr Leistung fähigen Gegenüber derart ins Gesicht brüllen?!?! … Hach ja, Fußball ist auch nur Psychologie…. Sagte ich schon, oder?! 😉

    Zum Vergleich Brandy / Koch: MIch NERVT es UNSÄGLICH, dass unser fußballspielender „fast-Lehrer“ nach meinem Gefühl STÄNDIG den sterbenden Schwan gebend auf Standard spielt!(Unser Hooligan hat zuweilen übrigens ähnliche Anwandlungen) Wäre ich Schiri, ich würde wohl auch nur noch stur lächeln und winken anstatt pfeifen.
    Koch tut genau das NICHT, er spielt durch, OBWOHL er oft genug die Gelegnheit hätte, theatralisch zu Boden zu sinken – von seiner Vorgeschichte mal ganz abgesehen. Ist es hier möglicherweise Leidenschaft, die den Unterschied ausmacht? Ich traue Sören Brandy durchaus zu, auch mal NICHT zu fallen! Aber warum lässt er es nicht?! Vielleicht sollte die besorgte Fan-Familie im nächsten Spiel ein anfeuerndes „Sören, spiel einfach weiter!!“ von den Rängen schallen lassen! …

    Ansonsten geht auch von hier aus mein ausdrücklicher Dank an Hertha BSC. Danke, für das rührend schöne Gefühl, dass unsere Sprössling nicht mehr Letzter ist!

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  2. 2 Christian Moosbrugger 11. November 2012 um 16:59

    Das mit diesen ständigen Schwalben ist tatsächlich ein Problem. Ich würde als Schiri aber auch irgendwann nichts mehr von so einem pfeifen. Gerade Jungens wie Brandy und Exe hätten das an sich gar nicht nötig.
    Denke gerade an das Championsleague-Spiel Chelsea gegen Barcelona, wo Drogba soviele Schwalben und soviel Theater produzierte, dass der Mann mit der Pfeife irgendwann entschieden davon Abstand nahm, die Aktionen, bei denen er zu Boden ging oder reklamierte, überhaupt noch zu unterbrechen, und dann kriegte Chelsea, wenn ich mich richtig erinnere, deshalb einen wohl spielentscheidenden Elfer nicht.
    Ich meine, das war Viertelfinale, und am Ende der Saison hat Barca dann sogar den Titel geholt. Schade, Drogba war ja ein Weltklassespieler, aber damals habe ich mich richtig drüber gefreut, wie der Schiri ihm mal zeigte, was ne Harke ist. Natürlich eine Katastrophe für den Rest der Mannschaft.

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    • 3 Sabine Ka 11. November 2012 um 19:10

      Zum Thema „Schwalben“ könnte man wahrscheinlich einen eigenen Blog aufmachen …
      In der Tat ist es so, wie du es sagst, Christian: Der Missbrauch von theatralischen Stürzen führt letztlich dazu, dass mögliche berechtigte Standards – mit Recht – nicht mehr gegeben werden. Es hat sicherlich einen guten Grund, weshalb in der Englischen PremierLeague solche Strategen ausgepfiffen werden, und zwar von den Zuschauern.

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  3. 4 Kees Jaratz 12. November 2012 um 08:58

    Was die Schwalben angeht, bin ich ja am Freitag fußballkulturell soweit integriert gewesen im Heimatland, dass ich mich mehr darüber geärgert habe, wie dilletantisch Brandy das versucht hat, als über den Versuch selbst. Nach dem Motto, heute mit allen Mitteln. Da läuft er über den halben Platz und sinkt nieder, ohne wirklich den Körperkontakt vorher gesucht zu haben. Den bräuchte man nun schon für den Pfiff. Grundsätzlich bin ich aber eurer Meinung. Man bekommt ein Image, und dann muss es schon richtig krachen für den Pfiff.

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  1. 1 Der MSV hat einen ernst zu nehmenden Distanzschützen | Fakten und Gerüchte aus dem Stadionbus Trackback zu 23. Februar 2013 um 16:12
  2. 2 Eine rote Karte wird zum Nachteil für Zebras in Überzahl | Fakten und Gerüchte aus dem Stadionbus Trackback zu 2. April 2017 um 09:13

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