Der Spielbericht als Verdrängungsarbeit

Gute Geschichten brauchen ein starkes Thema, auf das sich das Erzählte hin ausrichten lässt. Das ist selbst bei einem kurzen Text über ein Fußballspiel so. Das nahe liegende zentrale Thema bei einem Fußballspiel ist meist das Ergebnis des Spiels. Heute morgen allerdings kommt jedes starke Thema für die Geschichte vom  Spiel des MSV Duisburg beim FC St. Pauli in einen Konflikt mit einem sehr viel stärkeren Thema. Wenn es um den Tod geht, interessiert jedes Unglück ohne lebensbedrohliche Folge nur noch am Rande. Bis Donnerstag brauche der Verein 2,3 Millionen Euro, so meldet die WAZ.

Wenn 2.500 Duisburger Anhänger durch eine fünf Mann starke Sicherheitskontrolle mit bekannter Leibesvisation müssen, bilden sich schon mal längere Schlangen. Ich weiß nicht, ob alle zum Anpfiff dann im Stadion waren.

Bei dieser Nachricht muss ich schon einige Verdrängungsarbeit leisten, um mir die Bilder vom Auswärtsspiel der Zebras in Hamburg wieder in Erinnerung zu rufen. Und auch dann fällt mir nicht als erstes das Spiel selbst ein oder eine Szene aus dem Spiel. Mir fällt so eine merkwürdig leichte Stimmung ein, die ganz oft bei Begegnungen mit anderen Zebra-Fans zu spüren war und mich sehr an die Zeit vor dem Pokalendspiel in Berlin erinnerte. In Gesprächen war die drohende Insolvenz zwar Thema, aber was war daran in Hamburg im Moment zu ändern? Genauso wenig, wie an der Verletztenmisere etwas zu ändern war. Und so schien eine Stimmung zu entstehen, die sich unabhängig machte von der Gegenwart, die wieder enthüllte, dass Fußball mehr ist als das Spiel.

In Hamburg war wieder all das beobachtbar, was jede im Verein handelnde Person überdauert, so es in den Anhängern des MSV Duisburg, egal in welcher Liga spielend, lebendig bleibt. Und das war zu spüren, ob ich nun auf Anhänger der Zebras traf, die in Gruppen unterwegs waren, im Familienverband angereist waren oder sich gar alleine zum Stadion auf den Weg gemacht hatten. Diese Stimmung war entstanden unabhängig vom Alter. Es gab die jugendlichen Fans, die am Samstag eindeutig vorhatten die Nacht zum Tag zu machen. Da waren die Eltern von fast erwachsenen Kindern. Es waren die Rentner da und ihre Frauen.

Die fünf jungen MSV-Fans sammelten und nahmen Pfandflaschen an.

Anschließend fallen mir auch die bekannten Firmenschilder in gelb mit dem blauen Namen Hellmich ein, und ich denke an die rührigen jungen Pfandflaschensammler, die mit allem Einsatz ein Zeichen setzen wollten und niemals in auch mehr als drei Tagen annähernd so viele Flaschen sammeln könnten, um solch eine Summe Geld zusammen zu bringen. Oder ich denke an Chris Schulze, den Stadionsprecher, der mit dabei ist, eine „Retterparty“ am 14.12. in der Alten Feuerwache in Hochfeld zu organisieren. Ab 21 Uhr, Eintritt als Spende von € 5,02.

All das fällt mir ein,  und dann erst ärgere ich mich, weil mir die Geschichte von einem der kuriosesten Unentschieden vom MSV der letzten Jahre nur wegen weiterer drei Tore des FC St. Pauli zur 1:4-Niederlage durch die Lappen gegangen ist.  Was war das für ein unerwartetes Tor durch Benni Kern zum Ausgleich fast mit dem Pausenpfiff. Eine Flanke aus Verlegenheit schlug er in den Strafraum, so hoch und so langsam, dass sie wahrscheinlich von fast allen Zuschauern längst abgehakt war. Wir hatten keinen kopfballgefährlichen Stürmer im Strafraum, wir hatten nicht einmal einen Spieler im Strafraum. Und dann lassen die Verteidiger den Ball für den Torwart durch. Der aber dachte wahrscheinlich, mein Verteidiger wird schon köpfen. Und so titschte der Ball einmal auf und sprang über den Torwart hinweg ins Tor. Großartig! Von diesem Tor mussten sich eine Menge Zuschauer im Stehplatzbereich des Gästeblocks erzählen lassen. Wir standen ganz oben in Vierreihen mit oft sehr eingeschränkter Sicht. Der Umbau des Stadions durch das Unternehmen von Walter Hellmich ist noch nicht vollendet.

Die Hoffnung auf das Unentschieden blieb in der zweiten Halbzeit einige Zeit lebendig. Der FC St. Pauli kombinierte auch nicht sonderlich sicher, viele Pässe gingen ins Nichts. Die Heimfans brauchten die von Michael Frontzeck angekündigte Geduld. Michael Frontzeck konnte darauf setzen, weil seine Stürmer im Strafraum technisch sehr gut waren und so auf engem Raum sich durchsetzen konnten. Diese Durchsetzungskraft fehlte den Spielern der Zebras fast immer. Da gab es keinen der im Eins gegen Eins gefährlich wurde. Aber auch im Zusammenspiel wurde kein Druck entwickelt. Es fehlten die spielerischen Mittel, um gefährlich vor das Tor des FC St. Pauli zu kommen. Dennoch hielt sich die Mannschaft bis zum zweiten Rückstand im Spiel. Das Ergebnis klingt deutlicher als es der Spielverlauf bis dahin erwarten ließ.

Nach der gelb-roten Karte für Zvonko Pamic aber funktionierte die Defensivarbeit nicht mehr zuverlässig. Immer wieder fanden die Spieler vom FC St. Pauli nun die Lücken in der Abwehr, und die Hamburger Spieler genossen es, endlich ihrer Spiellaune nachgeben zu können. Auch deshalb fielen zwei weitere Tore, die Mannschaft hatte nach der gelb-roten Karte wirklich Spaß am Spiel, während die Zebras immer deutlicher ihre Schultern hängen ließen.

Mitzunehmen bleibt als Erkenntnis aber noch das Wissen, mit Roland Müller gibt es einen wirklich guten Torwart im Kader, der auf der Linie unglaublich stark ist. Unfassbar wie er zu Beginn der zweiten Halbzeit einen fulminanten Schuss vom Rand des Elfmeterraums durchs Gewühl hindurch noch hat halten können. Für einen Torwart ist er nicht sehr groß, und deshalb ist zudem zu vermerken, wie sicher und mutig er beim Herauslaufen wirkt. Warten wir ab, ob dieses Wissen über Roland Müller am Freitag noch von Belang für die Zukunft des MSV Duisburg ist.

Und Pressekonferenz mit realistischer, sehr präziser Einschätzung des Spiels von Kosta Runjaic, sowie die Stimmen nach dem Spiel gibt es ja auch noch.

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