Sinnlos, Sinn und noch das Lego-Männchen

Gestern Abend auf dem Weg nach Hause war ich mir nicht sicher, ob ich nach dieser 2:1-Niederlage des MSV Duisburg gegen den 1. FC Union Berlin überhaupt etwas schreiben sollte. Was gäbe es mehr zu einem Komplettversagen der Mannschaft zu sagen als das, was ohnehin schon unzählige Male gesagt und geschrieben war. Selbst dieses Komplettversagen war ja zudem unwichtig, angesichts der Geldsummen, die da in ganz naher Zukunft nachgewiesen werden sollten.

Ich sah ein großes, weißes Feld als nächsten Blog-Beitrag und alle, wirklich alle, die im Stadion waren, hätten gewusst, was das bedeutet. Für dieses Spiel brauchte es keine Worte! Das war sicher. Wenn der Sinn von etwas ins Wanken gerät, heißt es Schweigen. Dann heißt es aber auch  Dasein, Aushalten und irgendwann mit den Trümmern des Lebens weitermachen. Um im Bild zu bleiben, der Sinn des Projekts Profifußball in Duisburg hing gestern Abend für mich nur noch an einem nicht allzu dicken Sicherungsseil, dessen Reißfestigkeit noch nicht mit der zu tragenden Last geprüft worden war.

Also, Schweigen!

Wenn nicht dieses Schweigen in einem Medium der Schrift auch das Medium selbst überflüssig machte und damit mich als Autor. Wenn einmal der Sinn den Bach runtergeht, gibt es kein Halten mehr. Deshalb: Mit mir nicht! Ich habe eine Idee von dem Schreiben hier. Ich habe auch vom MSV Duisburg eine Idee, die sich, wenn nötig, von der Wirklichkeit löst. Es gibt in mir einen MSV Duisburg, der vom Erzählen lebt, auch wenn dieser MSV Duisburg sich nicht ganz unabhängig von der Wirklichkeit machen kann. Der erzählte MSV Duisburg findet seinen Sinn aber in mehr als dem alltäglichen Geschehen.

Paradoxerweise macht dieses Neufinden von Sinn sogar wieder Worte zum Spiel möglich. Aus Selbstschutz habe ich gestern nach dem Führungstor des 1. FC Union Berlin mich gedanklich aus dem Spiel verabschiedet. Ich hätte mich einerseits sonst zu sehr aufgeregt, andererseits gehört das wieder zum Thema Sinn. Vielleicht haben diesen gedanklichen Abschied die  Spieler auf dem Platz nach dem Selbsttor von Sören Brandy auch vollzogen? Schließlich machten sie nicht den Eindruck, als seien sie jederzeit präsent im Spiel. Es wirkte oft so, als würden sie erst daran erinnert, worum es bei diesem merkwürdigen Hin- und Herrennen mit Ball geht, wenn dieser Ball sich unmittelbar in ihrer Nähe befand. Ansonsten waren sie vielleicht mit irgendwas anderem gedanklich beschäftigt?

Wie gesagt, schließlich ergriff auch mich gestern vor dem Spiel schon sehr viel mächtiger das Gefühl der Sinnlosigkeit als noch vor dem Spiel gegen Aue. Der nahe 1. Dezember als in den letzten Tagen immer wieder beschriebener erster Stichtag für die Nachricht von der Liquiditätssicherung lenkte doch sehr ab. Vielleicht war das Gefühl auch bei den Spielern zu mächtig, gerade etwas zu machen, über dessen Bedeutung außerhalb des Spielfelds entschieden wird. Aber mein Gott, so denke ich dann auch, die Spieler sind doch Sportler. Als Sportler will man gewinnen, jedes Spiel, egal unter welchen Bedingungen. Da geht es doch auch um dieses Glücksgefühl der Gegenwart, den Gegner besiegt zu haben. Da geht es um die Verbindung zu archaischen Erlebnisse der Überlegenheit als Gruppe. Gewinnen bedeutet intensives Glück. Dafür will ich doch alles geben. Außerdem bekommen sie sogar noch Geld dafür.

Doch diese Mannschaft schien nicht dahin zu kommen, alles geben zu können. Sie hatte kein, aber wirklich auch kein einziges Mittel gegen einen nicht allzu guten Gegner zu bestehen. Diese Mannschaft spielte zunächst einigermaßen mit und als es zweimal ernst wurde, führte Union Berlin mit zwei Toren. Zweimal waren die Berliner in der ersten Halbzeit torgefährlich. Zweimal landete der Ball hinter der Linie. Das war die Defensive. Und die Offensive? Wie sollte diese Mannschaft ohne große Hilfe des Gegners ein Tor schießen? Lange Bälle zum Gegner, einsame 60-Meter-Sprints von Maurice Exslager mit Ball am Fuß und drei, vier harmlose Schüsse über und neben das Tor, das war das Spiel nach vorne. Die Mannschaft biss sich nicht ins Spiel. Geordnet sollte es vielleicht sein, kraflos war es. Und aus dem Nichts kann jede Mannschaft wieder gegen den MSV Duisburg ein Tor erzielen. So verlaufen im Moment die Spiele. Die gegnerischen Mannschaften brauchen nur immer mal wieder probeweise den Ball vors Tor zu bringen. Die Spieler des MSV Duisburg werden schon einen Fehler machen, und fällt das Führungstor des Gegners, ist die Niederlage festgeschrieben.

Für mich wird dieses Spiel gegen den 1. FC Union Berlin aber dank des ungeheuer unterhaltsamen Rahmenprogramms in der Halbzeitpause in Erinnerung bleiben. Ente hat im Lego-Männchen einen würdigen Nachfolger gefunden. Vielleicht war es eine Art Übersprungreaktion von mir, und ein wenig hysterisch bin ich mir schon vorgekommen, als ich mich vor Lachen kaum auf den Beinen halten konnte. War das Lego-Männchen blind und brauchte deshalb eine Wettlaufbegleiterin? Auf jeden Fall war es ohne Kniegelenke und scheute trotz dieses großen Handicaps den Wettkampf nicht. Ein Paralympics-Wettkampf der besonderen Art. Vielleicht liegt in diesem Spektakel die Lösung aller Finanzprobleme. Ein Comedy-Kanal bei You-Tube. Google-Adsens-Cents ergänzen das Pfandgeld, und schon ist die Zukunft des MSV Duisburg gesichert. Bis dahin die Frage:  Hat vielleicht jemand ein paar Bewegtbilder vom Lego-Männchen für die Welt?

Komischerweise berührt mich heute Morgen die Nachricht von der wahrscheinlichen Rettung des MSV Duisburg noch nicht sehr. Ganz merkwürdig. Ich muss da mal weiter drüber nachdenken.

Und das haben wir ja auch noch: Pressekonferenz und Stimmen von Ivo Grlic, Sören Brandy und Srdjan Baljak zum Spiel. Ehrliche Wertung von allen, die Ratlosigkeit über die eigene Leistung ist den Spielern deutlich anzumerken.

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2 Responses to “Sinnlos, Sinn und noch das Lego-Männchen”


  1. 1 Christian Moosbrugger 29. November 2012 um 17:43

    Sehr berührend, was du schreibst. Dieses Gefühl der Leere, was man sonst nur kennt, wenn die Frau/der Mann des Herzens einen verlassen hat. Die einen saufen sich dann die Hucke voll und flennen allein oder beim besten Freund, bis die Augen trockengeweint sind, die anderen suchen den „Reentry“ über das Hervorbringen von Wörtern – das geht auch in diversen Kombinationen.
    Aber das Gefühl war für mich gestern im Stadion auch sehr stark, und es war Liebe. Liebe kann ja gerade auch aus dieser entsetzlichen Leere bestehen. Manchmal merkt man das erst wieder, wenn es fast zu spät ist. Und manchmal merkt man es erst hinterher, das sind die tragischen Verläufe.

    • 2 Kees Jaratz 30. November 2012 um 12:24

      Da berühren sich gerade im Vergehen die Gemütslagen an den unterschiedlichen Orten, du hast recht. Aber du hast es die ganze Zeit schon gewusst, oder? 😉


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