Jugendkultur, Protest und die Sicherheit

Dem DFL-Sicherheitskonzept stimmte die Mehrheit der Profivereine des Fußballs gestern zu. Stellungnahmen gibt es längst in großer Zahl. Als ein Beispiel hier die Berichterstattung in der Süddeutschen Zeitung, deren Titel auch meine Haltung umschreibt: „Ein Gefühl von Unwohlsein bleibt“. Begleitet wird der Artikel von einem Kommentar,  in dem sich eine Haltung ausdrückt, die  in anderen Medien auch schärfer formuliert wird. Diese Haltung scheint mir fast schon Konsens bei allen zu sein, die sich regelmäßig mit dem Fußball beschäftigen und denen es nicht genügt,  ein komplexes Geschehen in einem Imperativsatz zusammen zu fassen. Der Tenor dieser Haltung: Alles übertriebener Aktionismus, der viel Porzellan zerschlagen hat. Jetzt muss das Gespräch der gemäßigten und vernünftigen Köpfe wieder in Gang kommen.

Der Romantiker in mir hofft darauf. Der Realist erinnert sich an die eigenen Erfahrungen. Mir ging bei der gegenwärtigen Debatte nämlich eines schon seit längerem durch den Kopf. Wer seine Jugend Ende der 1970er, Anfang der 1980er Jahre erlebte, fühlt sich angesichts des Debattenverlaufs an die eigene Jugend erinnert.  Damals ging es in der öffentlichen Sicherheitsdebatte um die Sorgen angesichts einer sich als links verstehenden Protestbewegung, die in Teilen auch eine Jugendbewegung war. Damals ging es um das große Ganze, die Sicherheit in Deutschland. Und jede Änderung der Sicherheitsgesetze  schuf die Voraussetzung für die nächste Debatte über unzureichende Sicherheit, weil immer wieder neue junge Menschen sich radikalisierten.

Heute geht es nur um das, was in und vor den Stadien passiert. Die Struktur der Debatte ist dieselbe. Ordnung auf der einen Seite, eine Vorstellung vom Wahren und Guten auf der anderen Seite und als Maßstab für die Relevanz dieses Wahren und Guten in der Wirklichkeit gilt die Sicherheit. Die sachliche Frage, wie sicher ein Stadionbesuch sein kann, wird mit Moral befrachtet.

Heute ist die Debatte aber auch etwas komplizierter, weil die Politik nicht direkt auf die Regeln im gesellschaftlichen Feld Profi-Fußball Einfluss nehmen möchte. Es gibt mit DFL und DFB damals in der Debatte nicht vorhandene Zwischeninstanzen. Sei nehmen als eine Art Wandelfiguren an der Debatte teil. Einerseits gelten sie den Fans als Vertreter der Ordnung, andererseits stehen sie als Teil der Unterhaltungsbranche Fußball den Fans näher als der Politik. Das birgt Chancen und macht dem Romantiker in mir Hoffnung, dass zu den von Reinhard Rauball erwähnten Leitplanken allerorten großer Abstand gehalten wird. Der Realist in mir sieht, wie ich von der Polizei schon jetzt per se als Problemfan angesehen werde, nur weil ich aus der Stadt der Gästemannschaft mit dem Zug anreise und wie diese Atmosphäre der Ungewünschtheit vor dem Stadion durch den dortigen Sicherheitsdienst ebenfalls verbreitet wird.

Und noch eins sei angefügt: Die Debatte wurde in den letzten Wochen deshalb auch so groß, weil es um einen sehr leicht verständlichen Konflikt und um klar erkennbare Interessen geht, die vor allem von jüngeren Fußballfans überall in Deutschland geteilt werden können. So ensteht ein Lebensgefühl für eine Generation. Hoffentlich ist es auf der Seite der Sicherheits-Hardliner inzwischen angekommen, die Ultras, über die geredet wird, sind ein Phänomen der Jugendkultur.

Sozialwissenschaftler wie der in Duisburg für die Fan-Arbeit um die Jahrtausendwende nicht unbekannte Gerd Dembowski weisen darauf in Interviews und Texten hin. Und sie betonen die Konsequenzen, die dieser Tatbestand für die Sicherheitsdebatte hat. Sie müssten nur von mehr Beteiligten der Debatte gehört oder gelesen werden. Auf der Seite von MegaScene, einem Stadtmagazin aus Hannover,  gibt es ein ausführliches Interview mit Gerd Dembowski online.

So zeigt die Auseinandersetzung über das DFL-Konzept auch das: Das Stadion wird von jungen Fußballfans als Ort erlebt, wo das eigene Handeln noch nachvollziehbare Wirkung entfaltet und wo dieses Handeln von Sinn in einer Gemeinschaft getragen wird. Und schon geht es auch im Fußballstadion wieder um das große Ganze, um die Gesellschaft.

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