Das Geld, die Würde und menschliche Größe

Gestern überlegte ich beim Schreiben noch kurz, wie ich die Nachricht von der abgewendeten Insolvenz mit dem Heimsieg des MSV Duisburg in Einklang bringen sollte. Beides waren gute Nachrichten, doch mein Text nahm eine Richtung, die das Thema Insolvenz zum Fremdkörper gemacht hätte. Denn eigentlich wollte ich dabei gleichzeitig über Andreas Rüttgers schreiben und seinem Verhältnis zu Walter Helmich, wie es in der Rheinischen Post geschildert wurde – noch vor der Nachricht über die bis zum Saisonende gelingende Finanzierung des Profibetriebs MSV Duisburg.

Es gibt da ein paar Dinge, die mir noch durch den Kopf gehen. Ein wenig habe ich zwar dabei das Gefühl, solche Gedanken sind überholt, wichtig ist der Blick nach vorne, aber ich denke auch an Deutungshoheit und Gerechtigkeit. Also, ich schreibe trotz Zweifel aus dokumentarischen Gründen. Das ist der Historiker in mir, der weiß, Geschichtsschreibung ist immer auch Deutung. Aufgewallt ist dieses Gefühl – wie bei so vielen Anhängern des MSV Duisburg – angesichts der ersten inoffiziellen Nachricht über die Rettung des MSV Duisburg aus dem Hause Reviersport. Dort wurde Walter Hellmich als „Retter“ des MSV Duisburg gefeiert, und Thorsten Richter, der Verfasser des Artikels,  zeigte sich auch für mich ohne journalistische Distanz zur Person Walter Hellmich.

Inzwischen ist durch Roland Kentsch auf der Pressekonferenz nach dem Spiel gegen den SSV Jahn Regensburg betont worden, wie groß der Anteil von Gerald Kassner, des Geschäftsführers von Schauinsland Reisen,  an der Rettung des MSV Duisburg gewesen ist, und dass Walter Hellmich selbst ihn gebeten hatte, darauf hinzuweisen, seinen Beitrag wolle er als einen Teil des Ganzen richtig eingeschätzt wissen. Nicht nur er, Walter Hellmich, sondern viele hätten zur Rettung beigetragen.

Es gibt also viele Sponsoren, die in der Summe die benötigten 5 Millionen Euro aufbringen. Wer da jetzt wieviel gegeben hat, wissen wir nicht bei allen. Was wir aber wissen, sie sind nicht minder Retter des MSV Duisburg denn Walter Hellmich. WAZ/NRZ und Rheinische Post bringen diese Nachricht inzwischen glücklicherweise ebenfalls unter die Leute und rücken somit das Bild vom alleinigen Retter Hellmich gerade. Überregional hatte der Sportinformationsdienst aber schon bequermerweise den ersten Reviersport-Artikel als eigene Meldung übernommen, so dass die überregionalen Print-Medien in ihren kurzen Sportnachrichten ebenfalls Walter Hellmich als Retter ausriefen. Interessieren wird das niemanden in Deutschland, so sehr es sich Walter Hellmich wahrscheinlich wünscht und vielleicht sogar fürs Ego braucht.

Dennoch hat er  Roland Kentsch gebeten, seine Rolle ins rechte Licht zu rücken. Für die Zukunft des MSV Duisburg war diese Pressekonferenz ein Meilenstein, weil durch die Worte von Roland Kentsch das Binnenklima einigermaßen wieder ins Gleichgewicht gebracht wurde. Ich hoffe immer auf das Gute im Menschen, und vielleicht bestätigt Walter Hellmich seine Bitte an Roland Kentsch auch durch eigene zukünftige öffentliche Äußerungen.

In den Wochen zuvor hatte er in Interviews ja noch ganz anders geklungen. Da war er der Einzelkämpfer für seinen Ruf. Da wirkte er auf mich wie eine Art Erich Honecker mit Geld, der überall beweisen wollte, dass sein System trotz maroder Bausubstanz und bröckelnder Fassaden doch erfolgreich war. In diesen Interviews überzog er so sehr, dass es schwer wurde, ihn ernst zu nehmen. Ziel seiner öffentlichen Attacken waren seine Nachfolger, die die ganze Misere verschuldet haben sollten.

Und nun kommt Andreas Rüttgers ins Spiel, dessen Wirken in diesem Zusammenhang manchen verblüfft und die Journalisten der Rheinischen Post, Stefanie Sandmeier und Hermann Kewitz, zu der Wertung verleitete, er reagiere auf Walter Hellmichs Vorwürfe „grotesk“. Andreas Rüttgers hatte lange zu dem Reden von Walter Hellmich geschwiegen. Er sagte erst etwas, als in der ZDF-Sportreportage Walter Hellmich das Handeln aller nach ihm als verachtenswert  kommentierte. Doch Andreas Rüttgers polterte nicht zurück. Er rückte das Arbeiten für den MSV Duisburg in den Vordergrund, und handelte so rational und klug. Denn ihm war von Anbeginn seines Engagements für den MSV Duisburg klar, ohne Walter Hellmich wird dieser Verein nicht überleben. Das mag man bedauern, an der Erkenntnis konnte man nicht vorbei.

Die Reaktion von Andreas Rüttgers ist also nicht grotesk, liebe Stefanie Sandmeier, lieber Herrmann Kewitz. Die Reaktion ist genau das, was permanent von allen gefordert wurde, und was Walter Hellmich weder nötig hat zu leisten, noch dass er dazu die menschliche Größe besitzt. Andreas Rüttgers stellt seine eigenen Belange zugunsten des MSV Duisburg auf eine Weise zurück, die mancher nicht mehr nachvollziehen kann. Auch ohne offizielles Amt fungiert er, wie sein Nick ihm MSVPortal schon andeutet, als Diplomat. Ihm geht es um den Verein. Walter Hellmich geht es um den Verein immer auch als Futtermittel fürs eigene Ego. Der Mann hatte nun das Geld. Dafür gedankt, sympathisch finde ich diese Angelegenheit angesichts seiner öffentlichen Äußerungen in den letzten Wochen nicht.

An der Stelle kommen wir zur Würde. Denn die Frage nach der Würde  steht insgeheim hinter dem Staunen über Andreas Rüttgers Handeln. Auch viele Fans spüren so etwas wie gedemütigt sein, weil das Geld Walter Hellmichs das letzte Puzzleteil für die Rettung des MSV Duisburg wurde. Die Journalisten der RP werden wahrscheinlich in Andreas Rüttgers Worten Schwäche erkennen. Aber all diese Wertungen sind nur eine Frage der Perspektive. Für mich ist diese Pressekonferenz nach dem Regensburg-Spiel ein weiteres Zeichen dafür, dass in dem Verein eine neue Machtbalance hergestellt wird. Andreas Rüttgers wirkt dabei anscheinend intensiv mit. Seine Stärke bezieht er zum Teil aus der Idee MSV Duisburg und sicherlich auch aus dem Wissen, es gibt in seinem Umfeld genügend wichtige Menschen, die seine Arbeit wertschätzen. Ob ihn das Reden von Walter Hellmich manchmal nicht doch anficht, weiß ich nicht, aber ich weiß,   Andreas Rüttgers Handeln zeigt menschliche Größe und ist das Gegenteil von Schwäche. Walter Hellmich reiht sich nämlich ein. Das ist das Ergebnis seines Handelns. Egal, was zu Beginn im Reviersport geschrieben wurde.

Es gibt in Deutschland im Moment auf einem anderen kulturellen Feld ein Geschehen, das in den Voraussetzungen nicht ganz vergleichbar, in der Konfliktstruktur aber ähnliche Konstellationen wie beim MSV Duisburg aufweist. Es geht um Macht, es geht um Geld und es geht um Kultur. Der Suhrkamp-Verlag ist in seiner Existenz bedroht, weil sich die zwei für den Verlag überlebensnotwendigen Parteien beim Ausgleich ihrer Interessen nicht einigen können. Konfliktlösungen wurden per Gericht gesucht.  Da wurde dann mal dem einen recht gegeben, mal dem anderen, und der Verlag wird immer handlungsunfähiger. Beim MSV Duisburg gibt es Interessenausgleich und Konfliktlösung anderer Art, und es scheint zu funktionieren.

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4 Responses to “Das Geld, die Würde und menschliche Größe”


  1. 1 Henning Rühmann 19. Dezember 2012 um 22:02

    Sehr geehrter Herr Jaretz,

    mit großem Interesse lese ich bereits seit langem Ihren Blog.
    Sie schreiben fundiert, tiefgründig und sachlich kompetent.
    Es ist für mich immer ein Vergnügen hier reinzuschauen… und häufig eine Genugtuung, wenn man nicht um die oberflächlichen / reißerischen Schlagzeilen von WAZ und RP herumkommt, und Sie den Autoren dann die Artikel wie genannt um die Ohren hauen.

    Mit diesem Artikel haben Sie sich selbst übertroffen.
    Vielen Dank dafür und machen Sie bitte weiter so, ich, und sicher auch alle MSV Fans, die diesen Verein lieben, danken es Ihnen.

    Blauweissquergestreifte Grüße

    Henning Rühmann

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    • 2 Kees Jaratz 20. Dezember 2012 um 10:06

      Lieber Herr Rühmann, früh morgens den PC hochfahren, im Blog vorbeischauen und dort so freundlichen Beifall wie den Ihren erhalten zu haben, das freut sehr und bringt Schwung in den Tag. Schauen sie immer wieder vorbei und erzählen Sie´s weiter 😉 Mir macht meine kleine Spielwiese hier sehr viel Spaß. Schöne Feiertage, guten Rutsch und ein erfolgreiches blau-weißes nächstes Jahr!

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  1. 1 Von wegen besinnliche blauweiß gestreifte Weihnachtszeit « Fakten und Gerüchte aus dem Stadionbus Trackback zu 23. Dezember 2012 um 13:51
  2. 2 Vom Wirtschaftsjournalismus und dem Sportinformationsdienst « Fakten und Gerüchte aus dem Stadionbus Trackback zu 9. Januar 2013 um 10:39

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