Archiv für Januar 2013

Nun also wieder Fußball oder besser: Peter Pacult

Morgen nimmt die Zweite Liga ihren Spielbetrieb wieder auf. Noch bleibt der heutige Tag, um den Kader mit einem neuen Stürmer zu vergrößern. Kosta Runjaic gibt die Hoffnung zwar noch nicht auf, doch die Chance auf eine Neuverpflichtung scheint mir wohl eher gering. Aber warten wir ab. Für mich ist es dennoch ein gutes Zeichen, dass trotz des Risikos einer dünnen Personaldecke nicht einfach jemand aus Aktionismus nach Duisburg geholt wird. Ich bin sicher, bleiben alle gesund, ist die Mannschaft stark genug, die Distanz zu den Abstiegsrängen weiter zu wahren. Fürchten müssen wir tatsächlich Verletzungen, egal von welchem Spieler.

Ein Unentschieden morgen in Dresden wäre für den Auftakt nicht schlecht.  Andererseits mache ich mir einige Sorgen, die Dresdner Mannschaft könnte aus Angst vor Peter Pacult zu übermenschlichen Kräften finden. Zumindest wenn man in der WAZ so liest, wie er nach seiner Verpflichtung mit der aus Funk und Fernsehen bekannten vollen Unterstützung der „Vereinsspitze“ den Spielern erstmal gezeigt hat, was richtiges Training bedeutet. Vielleicht geht die neue Stimmung in Dresden aber ja nach hinten los. Wir wissen doch, zu viel Druck ist manchmal sehr hinderlich.

Die weiteren Spiele sollen die Dresdner ruhig Erfolg haben. Dann bleibt der Liga ein Trainer mit besonderem Unterhaltungswert erhalten. Er gehört in der Typenkomödie Fußball zur nur selten besetzten Sparte der „Grollenden Grantler“. Übrigens braucht er nicht zu fürchten, dass seine Fähigkeiten einmal nicht mehr gefragt sind. Der „Grollende Grantler“ dient immer wieder dem Nostalgiebedürfnis des Publikums. Ohne ihn geht es nicht im Unterhaltungsbetrieb, einfach um die Erinnerung wach zu halten, wo der Fußball mal herkam.

Bühne frei für Peter Pacult. In den Nebenrollen Journalisten aus verschiedenen Medien. In Dresden können die Organe der lokalen Berichterstattung, allen voran  der Mitteldeutsche Rundfunk, diese Clips gerne zu Weiterbildungszwecken nutzen.

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Zum Ende der Winterpause: Leid lässt sich nicht immer weglachen

Ich möchte heute einen alten Text von mir hier online stellen. Er ist zeitlos. In ihm geht es nicht um Fußball. Er ist so viel länger als Texte in diesem Medium Blog normalerweise sind. Aber er ist mir wichtig. Immer noch. In diesem  Text habe ich mir über den Umgang dieser Gesellschaft mit dem Leid Gedanken gemacht. Anlass waren die eigenen Erfahrungen in der Zeit, in der ich an Krebs erkrankt war. Die erste Fassung dieses Textes erschien in der Wochenendausgabe der Süddeutschen Zeitung vom 19./20. August 2000. Die Resonanz war groß, und ich erhielt die Einladung zu einem Vortrag an der Medizinischen Fakultät der Kölner Universität. Für diesen Vortrag im selben Jahr habe ich den Text erweitert. Vier Jahre später kam es zur letzten und endgültigen Überarbeitung, deren Fassung gleich hier zu lesen ist und die in sehr gekürzter Form in der Stuttgarter Zeitung am 15. Januar 2005 erschien. Hier steht nun auch jedes Wort, das in den Zeitungen damals keinen Platz fand. Und weil ich weiß, dass viele Menschen diesen Text als hilfreich empfanden, werde ich ihn nun hier im Blog an einer so anderen Stelle jährlich wieder veröffentlichen.

Leid lässt sich nicht immer weglachen

Eine lebensbedrohliche Erkrankung ist eine leidvolle Erfahrung. Auf diese allgemein gehaltene Wahrheit können sich die meisten Menschen ohne Probleme einigen. Doch die persönliche Geschichte hinter der formelhaften Übereinkunft ruft häufig Widerstände hervor. Erst dann nämlich beginnt die Auseinandersetzung in der Öffentlichkeit um die angemessene Erzählung von einem Geschehen, das bei gesunden Menschen Ängste weckt –  Ängste, die bezwungen werden müssen.

Vor allem nach dem Ende meiner Krebstherapie, im Niemandsland zwischen Krankheit und Gesundheit, merkte ich, wie die Frage nach meinem Befinden häufig noch einen anderen Grund hatte als den der Anteilnahme. Denn ich begegnete Menschen, die bereits sicher wussten, was sie eigentlich erst von mir erfahren wollten. Meine Antworten passten nicht zu ihren Erwartungen, und ich spürte die Ungeduld mit mir. Der Grund für diese Ungeduld war mein andauerndes Leid. Anscheinend war dieses Leid zu einer Zumutung geworden.

Heute, lange nach dieser Zeit, steht die Krankheit Krebs nicht mehr im Zentrum meines Lebens. Ich bin wieder gesund. Erkrankt war ich an Morbus Hodgkin, einem Lymphdrüsenkrebs mit sehr hoher Heilungsrate. Inzwischen liegt sie bei 90 Prozent, lese ich. Damals sprach man von 70 bis 80 Prozent. Die aufnehmende Ärztin der Uniklinik gab sich optimistisch. Es gäbe Mediziner, die zögen die Erkrankung an Morbus Hodgkin einem Herzinfarkt vor. Ich hatte dennoch Angst, sterben zu müssen. Zehn Monate insgesamt dauer­ten erst Chemo- dann Strahlentherapie. Alles ge­schah ambulant. Als ich die Krebsdia­gnose erhielt war ich 34 Jahre alt. Ich war verheiratet, arbeitete mit Er­folg und unser Sohn war gerade sechs Monate auf der Welt.

Solche Fakten brauchte ich als Kranker zur Orientierung, wenn man mir vom Schicksal anderer Krebskranker erzählte. Zu verschieden sind die Krebsarten, zu unterschiedlich sind Behandlungsmethoden, die Chancen auf Heilung und damit die Perspektiven der Erkrankten. Alle aber teilen das Bedürfnis, das durch die Krankheit hervorgerufene Leid zu bewältigen. Es auszuhalten. Es zu lindern. Ihm etwas entgegenzuset­zen. Es zu überwinden. Hier geht es um mehr als um sprachliche Nuancen ein und desselben Vorgangs. Was sich in diesen unterschiedlichen Begriffen an­deutet, sind verschiedene Zustände eines komplexen Prozesses. Die Aufmerksam­keit der Öffentlichkeit aber richtet sich auf das Überwinden. Dabei wirken Kulturmuster mit, die dem Leid selbst kaum eine Daseinsbe­rechti­gung lassen.

Das Positive Denken

“Positives Denken” heißt das Schlagwort, das die vorherrschende Haltung gegenüber dem Leid charakterisiert. Es ist der weltliche Trost einer Gegen­wart ohne Hoffnung auf das Paradies im Jen­seits. Der Mensch muss nun auf Erden von seinem Leid erlöst werden, und erleichtert sehen die Gesunden wie es funktioniert. Kranke finden ihr Heil. Man muss nur “positiv denken”, dann bekommt alles wieder seinen Sinn, und Leid wird zum Motiv einer Erfolgsgeschichte. Nur, das Leid als Zustand hat in dieser Welt der neuen Glaubensformen keinen Platz mehr. In dieser Welt mit ihren Bibeln, den Ratgebern, gibt es nur solche Menschen, die bereits auf dem Weg zu dem anderen, dem vollkommenen Leben sind. Verloren aber sind alle, die zweifeln.

In den alten Glaubensgemeinschaften unserer Kirchen wird man wenigstens dafür so schnell nicht verdammt. Dort kennt man auch Menschen wie Hiob, die im Leid untröstlich sind und ihren Gott anklagen. Dort hält man es aus, dass Menschen verzweifeln. Die modernen Glaubensgemeinschaften sind ungnädiger. Denn “denke positiv” heißt auch: du kannst dich dazu entscheiden. Man soll seine Gefühle zu einer rationalen Sache machen. Und wer entscheiden kann, muss auch die Folgen seiner Entscheidung tragen. Unversehens ist einer selbst schuld, wenn er leidet. So machen die Prediger des “positiven Denkens” den Nicht-Leidenden frei von allem Leid, das er an dem Kranken wahrnimmt. Der Gesunde rettet sein Seelenheil und den Glauben an die eigene Unsterblichkeit. Allerdings nur fürs erste. Denn “jede Gesundheit ist gemeinhin tödlich, wenn sie lange anhält, etwa 70, 80 Jahre.” In diesem Fall hat das Jean Paul vor etwa 200 Jahren gesagt, und daran hat sich bis heute nichts geändert.

Sicher beschreibt das “positive Denken” auch etwas Wahres. Zuversicht und Freude sind Lebensqualität im Jetzt und die wirkt auf das Immunsystem des Menschen. Ob allerdings diese Einstellung die Chance zur Heilung beeinflusst, weiß man schon nicht mehr so genau. So hat 2002 eine Forschergruppe aus Schottland und Kanada die Ergebnisse von 26 Studien zum Umgangsstil mit Krebserkrankungen verglichen. Ob jemand depressiv war, die Krankheit verdrängte oder sich aktiv mit ihr auseinandersetzte, ein eindeutiger Zusammenhang mit der Überlebenswahrscheinlichkeit konnte nicht festgestellt werden. Vor allem aber gibt es keine Studie, die einen Rückschluss darauf zulässt, ob eine Einstellungsänderung für den Heilungsverlauf Folgen hat. Ganz davon abgesehen, dass während einer lebensbedrohlichen Krise Menschen ohnehin nur begrenzt in ihrem Verhalten beeinflussbar sind.

So hängt alles am Glauben. Und der hat zum einen etwas mit der Persönlichkeit zu tun, zum zweiten aber ist er nicht ganz frei vom Zeitgeist. Auch ich hatte bald nach der Diagnose diffuse Vorstellungen darüber, wie positive Energien zur Heilung beitragen könnten. Und ich war dankbar für Literatur, in der ich meine Vermutungen bestätigt sah. Als ich das Buch des amerikanischen Onkologen Carl Simonton “Wieder gesund werden” in die Hand bekam, empfand ich seine Sätze als Befreiung. Nun war ich nicht mehr nur darauf angewiesen, dass mit mir eine Therapie vollzogen wurde. Ich fühlte mich der Erkrankung nicht mehr so ausgeliefert und gewann meine Selbstbestimmung zurück.

Simonton ist der Überzeugung, die Einstellung des Erkrankten trägt zu dessen Heilung bei. Deshalb zeigt er, wie man die Therapien der Schulmedizin ergänzen kann, um die psychische Kraft zu stärken. Ich las von positiven und negativen Energien, von Visualisierungen und Entspannungsübungen und den möglichen psychischen Ursachen der Erkrankung. Simonton gibt der Erkrankung einen Sinn. Doch an diesem theoretischen Überbau habe ich mich mehr und mehr gerieben. Simonton geht so weit, das Rezidiv einer Patientin damit zu erklären, dass sie in ihrem Leben zu viele negative Energien zugelassen hat. Man sieht, sein Glaube an die Selbstheilungskräfte der Erkrankten besitzt eine Kehrseite.

Aus der Perspektive der Toten hört sich das so an, als hätten sie versagt. Aber haben etwa alle Krebstoten ihre Chance verpasst? Haben alle diese Toten mit den unterschiedlichsten Persönlichkeiten ihre Selbstheilungskräfte nicht genügend aktiviert, weil sie negative Energien nicht aus ihrem Leben verbannt haben? So einfach kann es bei dem komplexen Entstehungszusammenhang von Krebs wohl nicht sein. Diese Art Erklärungen wirken aber in der Öffentlichkeit und rufen dort schlagwortartige Rezepte zur Krankheitsbewältigung hervor. Jede Wahrheit des “positiven Denkens” wird in diesen Rezepten zur Lüge.

Für die Kranken hat das “positive Denken” als Ausdruck ihrer Hoffnung auf Heilung immer seine Berechtigung. Gleich einer magischen Beschwörungsformel kann es genutzt werden, um sich selbst und der Welt zu beweisen, man lässt sich nicht unterkriegen. Auch ich war voller Zuversicht. Dennoch wurde ich manchmal unsicher. Ich bekam Angst. Hatte ich deshalb nicht positiv genug gedacht? Wie positiv muss man denken, dass man es nicht traurig findet, seinen Sohn womöglich nicht aufwachsen zu sehen? Ein Missverständnis liegt eben nahe, wenn die Haltung zu den eigenen Erfahrungen kein Wert an sich ist, sondern etwas bezweckt. Leicht reduziert sich dann das “positive Denken” auf ein Sein, in dem Angst, Unsicherheit und Trauer zu etwas werden, was die Heilung verhindert.

Der vom Leid des Kranken beunruhigte Gesunde nennt solche Gefühle schnell fehlerhafte, falsche Einstellungen, die der Kranke selbst zu verantworten hat. Der Kranke könnte anders, wenn er nur wollte. Und dann wäre alles besser. Druck entsteht, und unversehens verschieben sich die Gewichte. Schon ist Leid nur noch auf eine ab­strakte Weise ein Teil des menschlichen Le­bens. Jedes konkrete Erleben von Leid aber erinnert an ein Scheitern. Der immer noch tief in uns wurzelnde Glaube an das Heil durch ständigen Fortschritt wird im Alltag wieder einmal enttäuscht. So eine Enttäuschung will jeder schnell vergessen, was für den Gesunden heute ganz einfach ist. Wenn er will, sieht er im öffentlichen Raum, es gibt genügend kranke Menschen, die scheinbar nur mit Mut und Zuversicht ihre Krankheit bewältigen. Sie können sich richtig entscheiden. Man liest von ihnen oder man sieht Porträts im Fernsehen. Die Kranken versichern, sie gingen die Dinge ganz positiv an, und nur so könnte man das Leben, so ein Leben, wie sie es haben, überhaupt leben. Doch solche Erfahrungsberichte sind bearbeitetes Leid. Die Dinge sind gewichtet. Es geht nicht unbedingt um die ganze Wahrheit einer Lebenslage. Häufig geht es vor allem darum, Mut zu machen.

Außerdem darf man die Auswirkungen von Zuschauerquoten und Verkaufszahlen nicht übersehen. Denn Deutungsmuster einer Krankheit gelangen desto eher in die Öffentlichkeit, desto spannender sie zu erzählen sind. Sie folgen etwa dem dramaturgischen Muster vom erfolgreichen Kampf gegen eine scheinbare Übermacht, in diesem Fall der Krankheit. Da wird um etwas gerungen und man muss eine entsprechende Einstellung haben, um den Kampf zu bewältigen. Ein anderes beliebtes Muster ist das der Verwandlung. Die Krankheit macht einen anderen Menschen aus dem Helden, natürlich einen besseren Menschen. Solche Geschichten fesseln mehr als jene, in denen Kranke vorwiegend depressiv sind oder annehmende Haltungen einnehmen. Auf diese Weise verfestigen sich aber auch die Heilserwartungen bei bestimmten Umgangsformen mit Leid.

Der einzelne Erfahrungsbericht bestimmt die Perspektive, mit der die Grenzerfahrung Krebserkrankung, das Vielschichtige und Gleichzeitige dabei in das Nacheinander des Erzählens gebracht wird. Das eine Erleben wird in den Vordergrund gerückt, ein anderes wird vernachlässigt. In solchen Erfolgsgeschichten wird das Leid zu einem Motiv, das dem glücklichen Ende untergeordnet sein kann. Nicht viel erinnert dann mehr an das Jetzt des Leids, an den Augenblick, in dem das Leid erfahren wird und noch nicht Sprache ist. Dieses Leid hat aber eine andere Qualität als das Leid, von dem ich schon erzählen kann.

Wenn den Gesunden das Leid der Gegenwart zu nahe kommt, kann auch der Blick in die Zukunft beruhigend sein. Ob Gentechnik in der Biomedizin, ob Nanotechnik als Voraussetzung für kleinstes Instrumentarium, das in den Gefäßen reparierend eingesetzt werden kann. Die großen, Angst erregenden Todesursachen Krebs und Herzkreislauferkrankungen werden besser besiegt werden können, heißt es, und das nicht nur in der auflagenstarken Boulevardpresse. Einzelne Menschen werden dann weniger leiden; die Menschheit sicher nicht. Und da rede ich nicht von den ökonomischen Einschränkungen dieses Heils, das im öffentlichen Bewusstsein aber allen zukommen soll. All dieses Starren auf den  Fortschritt geschieht in der insgeheimen Hoffnung, dem Tod doch irgendwie entkommen zu können.

Wenn man aber nur auf diese Zukunft  schaut, wird das Leid der Gegenwart zu etwas, was an die eigene Unvollkommenheit erinnert. Es erinnert daran, dass es mit dem ewigen Leben auf der Erde noch immer nicht ganz so weit ist. Ohne Anerkennung des Leids in dieser Ge­genwart bleibt aber keine Möglichkeit zu Trost. Der Mensch als Leidender ist dann im Alltag unserer Gesellschaft nicht mehr aufgehoben.

Für mich geschieht die Anerkennung meines Leids nicht, indem jemand auf ab­strakte Weise bejaht, die Erkrankung an Krebs ist ein schreckliches Schicksal, um sich dann ausschließlich den Techni­ken zur Überwindung dieses Schicksals zuzuwenden. Diese Anerkennung des Leids geschieht nur in der direkten Be­gegnung mit mir, dem Kranken. Ich verlange nicht, dass man diese Begegnung suchen muss. Mir geht es darum zu beschreiben, was mir geholfen hat und wie Begegnungen mit Gesunden gelingen konnten. Zu solcher Begegnung mit einem Leidenden bedarf es Kraft. Man muss Verzweiflung, Unge­rechtig­keit, Angst und Trauer aushalten. Man muss es aushalten, dass einem für eine Zeit vielleicht der Sinn des Lebens ver­loren geht. Man muss es aushalten, nichts machen zu können, außer da zu sein. Ohne Worte, die vorschnell etwas zudecken. Und genau das reicht. Und genau das ist überaus schwer.

Wenn meine Frau mit mir zusammen Angst und Trauer ertrug und sie nicht wegre­dete, verschwand meine Verzweiflung in einer grenzenlosen Leere. Sie verwandelte sich nicht in ein glückliches Gefühl, aber ich fand meine Ruhe wieder. So eine  Begegnung erfordert gegenseitigen Re­spekt vor den jeweiligen Grenzen der Kraft. Es bedarf des Respekts vor dem jeweiligen Versuch die Krise zu bewältigen. Es bedarf des Respekts vor der Art und Weise, wie jemand mit der Möglichkeit seines eigenen Todes umgeht. Die Voraussetzung einer gelingenden Begegnung  ist nicht die vorher schon vorhandene Nähe, sondern eine innere Haltung der Akzeptanz vom Gegenüber. Es gab solche Begegnungen nicht nur mit meiner Frau.

Die Ärzte

Wenn an dieser Stelle von den Begegnungen die Rede ist, die mein Leid gelindert haben, sei mir ein Exkurs gestattet. Die Behandlungsräume der Ärzte sind jene Orte, wo das Leid der Patienten an seiner Wurzel gepackt wird. Die Krankheit soll besiegt werden. Doch die Begegnung mit der besonderen Struktur der Universitätsklinik und ihrer Organisation von Behandlung bot wenig Raum, um mein unspezifisch empfundenes Leid  aufzufangen. Der arbeitsteilige Behandlungsverlauf, die räumliche Ausstattung der Klinik und die Zahl der Patienten im Verhältnis zu den Ärzten führten zu einer Art sekundärem Krankheitsverlust, wenn man analog zu dem bekannten Krankheitsgewinn einen Begriff benutzen möchte. Es kostete Kraft, die Fassung zu bewahren.

Doch mit konkreten Sorgen wurde ich immer ernst genommen. Sie blieben nie bedeutungslos. Ich lernte, in der Klinik erhalte ich für die psychische Bewältigung der Krankheit eine Unterstützung, deren Quelle die schulmedizinische Deutung meiner Erkrankung ist. War ich wegen der Symptome meines Körpers besorgt, konnte ich jederzeit nachfragen, welche Bedeutung sie hatten. Ich rief spätnachmittags meinen Arzt an und geduldig beruhigte er mich. Den Ärzten war es also nicht egal, wie ich mich fühlte. In ihrer Wirklichkeit brauchten sie meistens nur einen konkreten Anlass, um zu reagieren. Dann wurde deutlich, ich war für sie nicht der Morbus Hodgin, sondern ein Mensch, der an Morbus Hodgin erkrankt war.

Allerdings war die Chance der Ärzte auch groß, bei meiner Behandlung erfolgreich zu sein. Wenn sie keine Möglichkeiten der Therapie mehr sehen, wird es in ihrer Wirklichkeit schwieriger, das Leid des Patienten zu mildern. Dann kann es dazu kommen, dass sie keine Zeit mehr für ihren Patienten haben, wenn es etwa um die Mitteilung schlechter Befunde geht. Gleichzeitig aber unterhalten sie sich vor der Zimmertür des Patienten ausführlich über ihre nächsten Urlaubsziele. Von solchen enttäuschenden Erfahrungen wurde mir erzählt. Und natürlich vergrößern sie das Leid.

Angesichts solcher Erlebnisse muss man die Selbstverständlichkeit wahrscheinlich immer wieder sagen, Vertrauen ist die Grundlage der Beziehung von Arzt und Patient. Zwar besitzen Ärzte, besonders an einer Universitätsklinik, einen Vertrauensvorschuss, der sich auf ihre fachliche Kompetenz bezieht; damit sich dann aber das Vertrauen in der Gegenwart der Begegnung einstellt, muss das Gespräch zwischen Arzt und Patient gelingen. Der Kranke braucht das Gefühl, mein Arzt hört, was ich sage. Er fällt sein Urteil erst, wenn ich mein Problem vollständig beschrieben habe, in Worten, die meinem Empfinden am nächsten kommen. Selbst wenn er nach meinen ersten Sätzen bereits sein Urteil sicher weiß, so muss er sich am Anfang der Beziehung meine Eindrücke insgesamt anhören. Woher soll ich als Patient wissen, dass ich ihm genügend Informationen für sein Urteil gegeben habe? Als Patient muss ich erst lernen, wieviel Informationen mein Arzt braucht, um ein treffendes Urteil zu fällen. Dieses Wissen um eine vertrauensvolle Beziehung lindert Leid. Es ist nicht abhängig von den Heilungschancen des Patienten. Es ist abhängig von der Fähigkeit des Arztes zum Gespräch und von seiner Bereitschaft seinen Patienten in dessen Weg durch oder mit der Krankheit zu respektieren. Dann wächst eine vertrauensvolle Beziehung, die auch Kollegengespräche über das Leben ermöglicht, während sich der Patient mit seinem nahenden Tod auseinandersetzt.

Selbstverständlich ist der Patient nicht ohne Verantwortung für das Gelingen der Beziehung. Quasi-religiöse Heilserwartungen kann ein Arzt letztlich nur enttäuschen. Dennoch bestimmt der Arzt die Grundlagen der Beziehung und trägt somit den größeren Teil der Verantwortung für deren Gelingen. Wenn ich als Patient mein Vertrauen gegen Verhaltensweisen entwickeln muss, die selbst in normalen Beziehungen zu Schwierigkeiten führen würden, brauche ich besondere soziale Fertigkeiten. Ständig suche ich dann die Balance zwischen der notwendigen Distanz, die meine Seele vor dem Handeln des Arztes schützt und der Nähe, die für das Vertrauen notwendig ist. Vertrauen, das vielleicht für den Heilungsverlauf und sicher für die Lebensqualität bedeutsam ist.

Einem mich behandelnden Arzt etwa begegnete ich in den ersten Wochen nach der Diagnose mehrmals auf den Klinikfluren. Er sah jedes Mal durch mich hindurch und grüßte mich nicht. Das machte mir unnötige Sorgen. Für einen winzigen Moment verknüpfte ich sogar sein Nichtgrüßen mit möglichen verminderten Heilungschancen. Erst allmählich stellte ich fest, er grüßte nie jemanden. Gleichzeitig war es gerade dieser Arzt, der im Verlauf der Therapie jedes Zeichen meines Körpers ernst nahm und sie für mich einordnete. Die vertrauensvolle Beziehung gelang deshalb, weil ich meinen emotionalen Einsatz für die Beziehung intensivierte. Ich zeigte mehr Verständnis für sein Verhalten, als ich es im Alltag normalerweise gemacht hätte.

Die Zeit nach der Therapie

Nach Beendigung der Therapie wurde die psychische Belastung für mich zunächst größer, gleichzeitig nahm das Verständnis für meine Situation ab. Solange mit mir etwas gegen die Krankheit getan wurde, fühlte ich mich sicher. Nun wurde nichts mehr getan. Nun ging es um die Dauerhaftigkeit des Ergebnisses. Ich musste ein anderes Verhältnis zu meiner Gesundheit gewinnen. Ich musste lernen, dass es mir nach dem Ende der Therapie auch nicht wieder so ging wie vor meiner Erkrankung. Das Ende der Therapie war vorerst nur das Ende von Übelkeit und Erbrechen. Ich war weiterhin von der kleinsten Anstrengung erschöpft. Ich wagte das Wort “gesund” nicht in den Mund zu nehmen. Ich wollte nicht zu voreilig sein. Ich wollte nicht den tiefen Fall der Enttäuschung. Ich sollte aber auch nicht mehr krank sein, sagten die Ärzte.

Für die Menschen um mich herum, näherte sich mein Alltag wieder der Normalität. Es gab keine Aktivitä­ten mehr, die jedem verdeutlichten, dass mein Leben durch die Erkrankung an Krebs beeinflußt war. Nur noch mein Erzählen holte die Erkran­kung in die Gegenwart meines Gegenübers. Ich drängte mich niemanden auf. Aber man fragte mich nach meinem Befinden. Und ich antwortete. Diese Antworten ertrugen nur noch wenige.

Etwa ein Jahr nach Ende meiner Therapie begegnete ich einem Bekannten. Er hatte von gemeinsamen Freunden von mir gehört. Und nun freute er sich für mich, dass alles vorbei war. In gewisser Weise stimmte ich ihm zu, ich deutete allerdings auch an, dass es mir noch nicht vollends wirklich gut ging. Ich litt  weiterhin unter Nachwirkungen der The­rapie. Manchmal hatte ich auch Angst. Körperliche Zeichen, die auch einmal Symptome der Krebserkrankung gewesen sind, stellten sich immer wieder ein. Und ich musste lernen, dass diese Zeichen meines Körpers auch wieder etwas anderes bedeuten konnten. Auch ein normaler Infekt war mit diesen Zeichen verbunden. Das auszuhalten war schwer.

Doch bei meinem Bekannten spürte ich den Wunsch nach einer anderen Auskunft. Immer drängender sprach er auf mich ein. Mein Erleben interessierte ihn nicht mehr wirklich. Er wollte hören, dass die Zeit, die ich durchlebt hatte, mich doch auch weitergebracht hätte. Ich sei doch wieder gesund. Er sprach von tie­ferer Erkenntnis über das Leben. Ich müsste doch jetzt alles mit anderen Augen sehen. Und man dürfe sich doch nicht nur auf die negativen Mo­mente des Lebens versteifen. So kam ich einmal mehr in die Lage, gleichsam mein Recht auf Leid zu verteidigen. Eine groteske Situation. Ich sollte mich dafür rechtfertigen, dass es mir schlecht ge­gangen war und dass daran erst mal nichts Gutes ist. Erst im nächsten Schritt beginnt Deu­tung und Verarbeitung. Heute denke ich, das Gespräch war von Anfang an ein Missver­ständnis. Wir redeten aneinander vorbei. Mit seiner ersten Frage bereits begann er von seiner Angst zu sprechen. Er war die ganze Zeit dazu bereit, durch seinen fantasierten Umgang mit Leid sich selbst zu retten. Wenn man sich wie er verhielte, so hoffte er, werde alles nicht so schlimm. Und ich erzählte ihm nun, es war trotz allem tatsächlich schlimm gewesen. Und manchmal war es das noch immer. Er brauchte den Trost in dem Moment. Er wollte sich entlasten.

Das war nicht das einzige Erlebnis dieser Art. Denn anstatt nur vom Glück der Heilung zu reden, redete ich auch davon, wie sich das Vertrauen in meine Ge­sundheit erst wieder entwickeln musste. Mehr als während der Therapie entfernte ich mich innerlich von manchen Menschen. Doch immer wieder ging es mir um das Aufgehobensein mit allen meinen Erfah­rungen in der Welt. Ich wollte mich verstanden wissen. Stattdessen erlebte ich, wie man mein Leid auf eigene Weise zu deuten begann. Ich erlebte, wie mein beeinträchtigtes Da-Sein vielen zu viel wurde. Doch jede vorschnelle Zuschreibung und jede Deutung des Leids durch das Gegenüber zerstört die Fäden, die den Leiden­den mit den Nicht-Leidenden verbindet.

Um keinen falschen Eindruck entstehen zu lassen. Neben meinem Leid gab es immer auch Freude. Ich war eingebunden in ein Netz von Liebe und Zuneigung. Das waren Men­schen, die sich mir zuwendeten, ohne zu wer­ten. Zudem half es mir vor allem nach Ende der Therapie anderen Kranken und Genesenden zu begegnen. Ich hörte von ähnlichen Erfahrungen. Man mußte sich nicht immer erklären. Die Begegnungen waren nicht so anstrengend.

Gerade weil in unserer Gesellschaft die Menschen mit aller Energie daran arbeiten, Leiden zu verhindern, gibt es große Widerstände gegen die Einsicht, leidvolle Erfahrungen sind im Kern erst einmal nichts anderes als leidvoll. Um diesen Kern legt sich alles Bearbeiten des Leids. Aber seinen Charakter verändert dieser Kern dadurch nicht. Und es gibt immer wieder Momente, in denen dieser Kern spürbar wird. Diese Momente werden weniger mit der Zeit, aber es gibt sie.

Symptomatisch für das Verdrängen ist auch das Reden von der “Krankheit als Chance”. Das ist das Rezept des positiven Denkens in zugespitzter Form. Das führt zu eklatanten Missverständnissen. Selbstverständlich kann jemand durch die Konfron­tation mit dem möglichen Tod zu Ein­sichten kommen, die ihn sein Le­ben le­benswerter machen lassen. In einer ausführlichen Lebensgeschichte hat solch eine Deutung der Erkrankung dann ihre Berechtigung. Es macht einen Unterschied, ob man im Nachhinein die Erkrankung als Chance bewertet und in dieser Deutung die Momente des Leids mitschwingen. Oder ob “Krankheit als Chance” das Deutungsmuster vorab ist, das das Leid auf magische Weise in Gewinn verwandeln soll. Im öffentlichen Raum wirkt nur das Schlagwort. Und wieder werden dadurch Gewichte ver­schoben. Zunächst wird das Leid der Erkrankung vielleicht noch mitgedacht. Dann rückt es allmählich aus dem Blick. Chance, das ist die Zukunft. Da denkt man nicht mehr an das, was der Chance vorausgeht. Und das ist eine ganz andere Erzählung von der Krankheit. In dieser Erzählung muss man Abschied nehmen von Fähigkeiten, Träumen und Zielen. In solcher Erzählung geht es zunächst um Trauer. Das hört man weniger gern, als wenn jemand einen tieferen Sinn in seiner Erkrankung gefunden hat.

Obwohl in den Krankheitsgeschichten immer viel psychologisiert wird und von der Gesellschaft wenig die Rede ist, scheint es mir so zu sein, dass die Popularität dieser Deutung auf kritikwürdige Seiten unserer Lebensform weist. Da erzählen Kranke etwa davon, wie sie gelernt haben, sich an den kleinen Dingen zu freuen. Das ist zunächst einmal eine wunderbare menschliche Fähigkeit mit veränderten Lebenssituationen zurecht zu kommen. Man passt die eigenen Ansprüche an das Leben den Umständen an. In den Erfahrungsberichten erhält diese Tatsache aber eine Bedeutungsschicht, die über das Mut machen hinaus geht. Da werden dann in Fernsehportraits die O-Töne des Interviews ganz häufig mit Bildern unterlegt, die den Kranken oder Genesenden in der Natur zeigen. Blumen blühen auf und die Sonne scheint. Auf der Bildebene wird die Möglichkeit von Glück ohne Konsum gezeigt. Sollen die Kranken stellvertretend für den Rest der Gesellschaft etwa die Chance haben, das eigentliche und wahre Leben leben zu können? Aus einer von vielen Möglichkeiten mit einer Krankheit umzugehen wird unter der Hand fast ein Glücksversprechen für Gesunde.

Sinn macht das Leid erträglich, doch un­geschehen wird es dadurch nicht. Kör­perliche Schmerzen sind nichts als Schmerzen. Und der Tod beendet tat­sächlich ein Leben. Deshalb bleibt Leid im Jetzt, auf das reagiert werden muss. Je weniger leidvoll das gesellschaftliche Bild des Leides aber ist, desto größer wird die Kluft, die den Leidenden von den Menschen um ihn herum trennt. Sicher wird der Leidende zunächst immer zum Fremden. Er erlebt etwas, was ihn aus dem Fluss des Lebens herausholt. Er erlebt Nähe zum Tod. Diese Fremdheit ist nicht einfach aufhebbar. Da es zudem kaum mehr lebendige kulturelle Formen gibt, die in der Begegnung von Leidenden und Nicht-Leidenden Halt bieten, muss jeder auf sich selbst zurückgeworfen für das Gelingen einer solchen Begegnung einstehen.

Noch einmal: Das ist schwer. Und es ist schwierig, weil diese Begegnungen zweier Wirklichkeiten so empfindlich gegenüber Störungen und Missverständnissen sind. Darum ist das geduldige Bemühen um Verstehen so wichtig. Wenn dieses Bemühen spürbar wird, geschieht etwas Paradoxes. Das Verstehen muss nicht unbedingt gelingen. Schon das vorwurfsfreie Eingeständnis des Nicht-Verstehens bringt Leidende und Nicht-Leidende einander näher. Mir half es auch, wenn mein Rhythmus und mein Tempo ge­achtet wurden. Es half, wenn jemand  in der Orientierungslosig­keit zwar die kleinen Auswege wahr­nahm, sie aber nicht erzwingen wollte. Es half, wenn jemand seine eigene Angst erkannte und zu ihr stand. Je weniger sichtbar mein Leid wurde, desto wichtiger war es für mich, dass in Gesprächen mein gesamtes Erleben von Bedeutung blieb. So formte sich meine Erzählung vom Umgang mit einer lebensbedrohlichen Erkrankung aus. Auch sie ist nur eine von vielen Erzählungen.

Halbzeitpausengespräch: Gummitwist in Schalke-Nord von Elke Schleich

Die Spekulationen um die Verpflichtung von Rasmus Jönsson haben uns also nur die Gelegenheit gegeben, uns ein schön geschossenes Tor anzusehen. Beim FSV Frankfurt wird nun versucht, dieses Können im Spieler wieder hervorzulocken. Ich hatte aber auch gar nicht erst viel Zeit in Herrn Jönsson investiert.  So Namen kommen eben und gehen. Ernsthaft beschäftige ich mich mit den Spielern erst, wenn Ivo Grlic und Kosta Runjaic zusammen mit dem neu verpflichteten Spieler für die Seite des MSV Duisburg in die Kamera lächeln.

Bleibt um so mehr Zeit für die Halbzeitpausenthemen. Heute geht es einmal um so etwas wie Ruhrgebietsliteratur. Die 1953 geborene Gelsenkirchenerin Elke Schleich erzählt in „Gummitwist in Schalke-Nord“ von der Welt eines Mädchens, das im Schalke der 1950er und anfänglichen 1960er Jahre aufwächst. Es sind episodenhafte Geschichten, in denen exemplarische Erfahrungen des Mädchens und der späteren jungen Frau geschildert werden. Freundschaft, unschuldige Lieben, erfüllt und unerfüllt, Alltag mit den Eltern, eine Fahrt zu den Verwandten in den Osten, das Herantasten an Sexualität. Als verbindendes Leitmotiv dient in dem „Roman in 18 Geschichten“ der Wunsch des Mädchens, ein Pferd zu besitzen.

Diese Geschichten so alltäglichen Lebens ähneln jener Erinnerungsliteratur, wie sie etwa Frank Goosen für die 1970er und 1980er Jahre geschrieben hat. Wo er aber mit Ironie und Komik Distanz zur Vergangenheit herstellt, bleibt Elke Schleichs Erzählen dem ernsthaften Erleben ihrer Hauptfigur verbunden. Deren Perspektive bestimmen die Möglichkeiten der Wahrnehmung und der Erkenntnis. So bleibt der Blick auf die Welt der Vergangenheit beschränkt.

Elke Schleich lotet weder die dargestellten Beziehungen tief aus, noch nimmt sie die Vergangenheit im Detail in den Blick, um die damalige Welt in romanhafter Breite lebendig zu machen. Wenn, dann leben ihre Geschichten vom naiven Blick des Mädchens und der unmittelbaren Sicht der späteren jungen Frau.

Elke Schleich zeigt aber eine Welt,  in der sich die meisten in dieser Zeit und sozialen Lage aufgewachsenen Bewohner des Ruhrgebiets werden erkennen können, egal ob sie in Duisburg, Gelsenkirchen oder Dortmund wohnten. Was bei all jenen, die solche Erfahrungen teilten, nostalgisches Erinnern anstoßen kann. Für mich, ein paar Jahre später Geborenen, fehlt den „18 Geschichten“ eine dramaturgische Bearbeitung, um tatsächlich zum „Roman“ zu werden. Was als Kurzgeschichte funktionieren kann, lässt in der Reihung die Oral History mit all ihren Längen des normalen Lebens immer wieder hervorschauen.

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Elke Schleich: Gummitwist in Schalke-Nord. Ein Roman in 18 Geschichten. Stories & Friends Verlag, Lehrensteinsfeld bei Heilbronn 2012, 214 Seiten, € 18,90.

Auch als E-Book erhältlich für € 8,99.

Mit einem Klick weiter gibt es einen 12-Seiten-Blick ins Buch auf der Verlagsseite.

Ein Wolfsburger Schwede und der Ruhrorter Hafen in den 1920er Jahren

Bei der Verpflichtung von Fußballern ist es nicht viel anders als beim Brötchenkauf. Es gibt schließlich noch für viele Menschen Lieblingsbäckereien neben all den Backwerk-Discountern. Eine Lieblingsbäckerei des MSV Duisburg ist der VfL Wolfsburg geworden, und daran ändert anscheinend auch der Wechsel in der Geschäftsführung nichts.  Felix Magath hat den Fußballerhandel  als ein Kerngeschäft der Marke VfL Wolfsburg wohl nicht dauerhaft beschädigt.

Deshalb können wir uns während der Vorbereitung auf das erste Spiel nach der Winterpause am Freitag auch noch  ein paar Gedanken zur möglichen Verpflichtung des jungen Wolfsburger Stürmers Rasmus Jönsson machen. Ein Spieler der bei youtube mit einem „Dreamgoal“ gelistet ist, freut mich schon mal, ungeachtet aller Fragen zur gegenwärtigen Klasse. Das Tor zeigt jedenfalls, er besitzt eine feine Schusstechnik.

Verabschieden wir also den Gedanken Stoßstürmer mit Brecherqualitäten. Hegen wir andere Hoffnungen und warten mal ab, was daraus wird. Sind ja noch ein paar Tage bis zum Spiel in Dresden. Bis dahin lässt sich auch noch das ein oder andere aus den Halbzeitpausengesprächen veröffentlichen. Schon einmal konnte ich dank Wilfried Krüssmanns VideoDu  einen kurzen Clip über den Ruhrorter Hafen hier einbinden. Damals ging es vornehmlich um die 1950er und 1960er Jahre.  

Dieses Mal geht es um die Zeit zwischen 1920 und 1930. Die Qualität der Bilder hat seit ihrer Entstehung etwas gelitten. Auf die unterlegte Musik könnte man nach meinem Geschmack auch verzichten. Es sind fast ausschließlich Aufnahmen aus einer geschäftigen Arbeitswelt, die bei rund 15 Minuten ohne erklärende Worte manchem vielleicht etwas lang erscheinen.

Nur am Anfang, ab Minute 1.30 etwa, wird auch kurz das städtische Ruhrort jener Zeit erkennbar. An Bilder von der alten Schifferbörse fügen sich Aufnahmen vom Ufer des Hafenmundes, aufgenommen von einem vorbeifahrenden Schiff. Auffallend ist einmal mehr, wie voll damals die Hafenbecken jeweils waren und wie leer sie heute dagegen wirken, wenn die Liegezeit der Schiffe so kurz wie möglich gehalten wird.

Halbzeitpausengespräch: Solidaritätslied – Dortmunder Fassung, Mai 2012

Kein neuer Stürmer verpflichtet. Eine Woche noch bis zum Ende der Winterpause. Ruhe in Sache Finanzen und Macht im Verein. Gelegenheit, sich um ein paar Dinge zu kümmern, über die sonst auch bei uns auf dem Stehplatz in der Halbzeitpause geredet werden könnte. Jürgen Klopp etwa und sein Sinn für Gemeinschaft.

Im letzten Jahr  habe ich zwei, drei Interviews mit ihm gelesen. Als Grundmotiv seiner Arbeit wurde in jedem Interview deutlich, wie wichtig ihm der innere Zusammenhalt seiner Mannschaften ist. Damit eng verknüpft ist nämlich, wie sehr sich die Spieler während des Spiels in ihrer taktischen Ordnung aufeinander verlassen können, besonders wenn Fehler passieren. Und Fehler passieren. All das klang in meinen Ohren sehr nach alter Bergmannskultur, die sich ja weltanschaulich gar nicht so eindeutig zuordnen ließ. Die katholische Kirche und linke Parteien konnten da gleichermaßen Erfolg verbuchen. Ebenso wurde deutlich, dass Jürgen Klopp sich um den Pott und den Ort seiner Arbeit und den Menschen dort schon ein paar Gedanken gemacht hatte.

Ich konnte mir deshalb gut vorstellen, dass der Christ Jürgen Klopp in seiner täglichen Arbeit mit den Fußballern auch mal ein Stück Arbeiterkultur aufgreift und es in gewandelter Form als Mittel zum Teambuildung benutzt. Stärke durch Gemeinschaft ist schließlich im Solidaritätslied das zentrale Thema.

Solidarititätslied
Dortmunder Fassung, Mai 2012

   Chor: Die Spieler vom BVB
Vorwärts und nicht vergessen,
worin unsere Stärke besteht.
Beim Stürmen und beim Pressen
vorwärts und nicht vergessen:
die Solidarität!

         Solo: Jürgen Klopp
Auf, ihr Spieler dieser Mannschaft,
einigt euch in diesem Sinn,
dass die Schale eure werde
neben dem Pokalgewinn.

   Chor: Die Spieler vom BVB
Vorwärts und nicht vergessen,
worin unsere Stärke besteht.
Beim Stürmen und beim Pressen
vorwärts und nicht vergessen:
die Solidarität!

      Solo: Jürgen Klopp
Schwarzer, Weißer, Brauner, Gelber,
endet eure Neiderei’n.
Hört ihr alle auf den Trainer,
werden wir schnell einig sein.

  Chor: Die Spieler vom BVB
Vorwärts und nicht vergessen,
worin unsere Stärke besteht.
Beim Stürmen und beim Pressen
vorwärts und nicht vergessen:
die Solidarität!

     Solo: Jürgen Klopp
Um die Ziele zu erreichen,
zähle ich auf jeden Mann.
Wer im Stich lässt seinesgleichen,
zeigt, dass er zu wenig kann.

                    Alle
Vorwärts und nicht vergessen,
und die Frage an jeden gestellt
beim Stürmen und beim Pressen:
Wessen Jubel ist der Jubel?
Wessen Sieg ist der Sieg?
                   
BE-VAU-BE, BE-VAU-BE, BE-VAU-BE

Das Solidaritätslied hat schon zu Lebzeiten seines Dichters Bertolt Brecht immer wieder neue Strophen erhalten. Eine Fassung aber wurde über die Jahre als Textgrundlage der Vertonung von Hanns Eisler immer wieder gewählt. Mit neuer eingängiger Melodie versehen und so in Popsong-Manier sind diese Worte mit einem Klick weiter von Misuk zu hören. Die Traditionalisten halten sich an Ernst Busch.

Winterpausenende mit Stefan Maierhofer und einem Lobgedicht

In jungen Jahren habe ich mal neben dem Studium ein Geschäftsmodell verfolgt, bei dessen Erfolg die Lohnschreiberei auch zur pussierlichen kleinen Hinterhoftextmanufaktur mit Butzenscheiben hätte werden können. „Gedichte und Reden für alles und jeden“, bot ich an. Ich war einerseits mit der Hinwendung zum individuell gestalteten Produkt heimischen Handwerks meiner Zeit  voraus, andererseits hatte ich mir zu wenig Gedanken darüber gemacht, wo die damals vielleicht schon vorhandenen Menschen mit entsprechender Kaufkraft zu Hause waren. In den Mietswohnungen von uni-nahen Straßen Kölns war die Streubreite meiner Werbeoffensive jedenfalls so groß, dass sämtliche Dienstleistungskunden mühelos zwischen den Werbebotschaften hindurchschlüpfen konnten.

Flugblatt hieß damals übrigens noch der Flyer, den ich in die Briefkästen schmiss. Ich habe dann das Ganze nur noch zum privaten Amüsement weiter verfolgt. Deshalb kam die Google-Anfrage neulich ein paar Jahre zu spät. Sonst hätte ich sofort laut hier geschrien, mach ich. Preis, reden wir drüber. Folgendes wurde gesucht: „ein vierzeiler zu einem hausmeister der herr günter heist“. Manchmal sind Suchfragen doch sehr speziell, und die Google-Software  ist optimierbar. Denn so einen Vierzeiler hatte ich hier im Haus als zufriedene stellende Antwort nicht parat.

Ich komm auch drauf, weil diese Google-Unschärfen sich im Moment häufen, landen  nach der Verpflichtung von Stefan Maierhofer durch den 1. FC Köln bei mir nun wieder viele Suchende, die sich für dessen sexuelle Orientierung interessieren. Auch in dem Fall tappt Google im Halbdunkeln und schmeißt einfach mal ein paar Begriffe aus meinen Texten zusammen, irgendein schwuler Fußballer wird schon dabei rumkommen. Dabei habe ich mich hier nur für Maierhofer-Tore interessiert, kann deshalb auch nicht allzu viel bieten für Fußballfans auf der Suche nach ihrem Traummann. Auch mal ein Projekt: anhand der Google-Suchanfragen bestimmen, welche Eigenschaften muss ein Fußballspieler haben, damit Fußballzuschauer glauben, er könne schwul sein.

Ich finde es übrigens nicht bedauerlich, dass Stefan Maierhofer die Rückrunde nicht beim MSV Duisburg spielt. Seine Verpflichtung wäre verbunden gewesen mit der Hoffnung auf die Stimmung aus der vorletzten Saison. Auf seine Ausstrahlung und auf seinen Kampfeswillen. Aber das ist nicht mehr als eine Hoffnung. So eine beflügelnde Stimmung bahnte sich ohnehin auch ohne ihn schon an. Spielerisch hätte er die Mannschaft nicht weiter gebracht.  Da hätte die Verpflichtung von Dorge Kouemaha eine andere Klasse. Mal abwarten, ob das klappt.

Zurück zum Hausmeister Günter. Damit demnächst niemand ganz enttäuscht von dannen ziehen muss, wenn er einen Vierzeiler zu besagtem Facility Manager sucht, biete ich ihm und euch stattdessen nun ein neunzeiliges Lobgedicht auf das wunderbare Belek, das in naher Zukunft den Fußballer-Wallfahrtsbetrieb auf das ganze Jahr ausweiten möchte. Neben den Trainingsplätzen sind in diesem Jahr schon erste fliegende Händler aufgetaucht, die das heilige Belekgras, in Dosen abgepackt, den Fußballgläubigen verkaufen. Lourdes brauchte auch ein paar Jahre, bis es das wurde, was wir heute kennen.

Winterpausenlob

O Belek, in deutschkalten Wintern, du heilender Ort.
Wer deine so heiligen Rasen voll Glauben betritt,
dem fegst du die Hinrundenschuld und -fehler hinfort.

So viele gewannen durch dich ihren Glauben zurück.
Die Blinden erzielten die Tore  aus weiter Entfernung,
Die Lahmen erliefen sich Bälle und weinten vor Glück.

O Belek, wir werden dich immerzu  loben und preisen.
Du hilfst bei der Angst vor dem Abstieg und Meisterschaftssorgen.
O Belek, den Zweifelnden werden Siege im Spiel es beweisen.

Vom Wirtschaftsjournalismus und dem Sportinformationsdienst

Letzten Montag, in der Süddeutschen Zeitung: Jürgen Richter, einer der bedeutenden Verlagsmanager der  letzten Jahre, kommentiert in einem Interview ein Problem des Wirtschaftsjournalismus so, als ob er sich gerade sehr in die „Retter-Hellmich“-Geschichte des Reviersport beim Frühstück vertieft hatte. Im Fall der verhinderten Insolvenz des MSV Duisburg hat die Berichterstattung ja tatsächlich mehr mit dem Wirtschafts- als mit dem Sportjournalismus zu tun. Die Grundqualifikation scheint gegenwärtig jedenfalls an manchen Orten dieselbe zu sein:

2012 hat es gleich drei Vorstandwechsel gegeben [bei der Bertelsmann AG, K.J.] Vor Buch ging Bernd Buchholz, der Chef des Verlags Gruner + Jahr. Er war durch missliebige Indiskretionen provoziert worden.

Ja, Herr Buchholz ist auf wenig elegante Weise zur Kündigung gezwungen worden. Bei seim Vorgänger Bernd Kundrun war es genauso abgelaufen. Das alles schadet dem Image nachhaltig. Anders als früher ist Bertelsmann bei Hochschulabsolventen nicht mehr sonderlich beliebt.

Wegen unsauberer Methoden?

Es ist ein Trend, Netzwerke einzusetzen, um Themen zu spielen. Über Medien wird sehr stark Führungs- und Personalpolitik betrieben. Selbst die Spitze in Gütersloh nutzt dazu Publikationen aus dem eigenen Haus – ein merkwürdiger Stil für verantwortungsvolle Medienmanager. So entsteht die Tendenz zum „Verlautbarungsjournalismus“. Überdies setzen sich Journalisten als PR-Berater für gute Freunde ein. Heute sind die Hemmschwellen, niedriger geworden, Geschichten zu publizieren. Oft werden nur Statements der Firmen abgedruckt. Es wird kaum nachgefragt und recherchiert. Der souveräne Journalist scheint auszusterben.

So viel noch zu Jürgen Richter: Er war 1994 bis 1997 Vorstandschef der Axel Springer AG,  danach Chef von der Fachinformation Bertelsmann Springer und von 2002 bis 2009 Aufsichtsrat von Lycos Europe, der Online-Firma auf die der Bertelsmann-Konzern seine Hoffnungen stützte. Heute berät er Unternehmen, äußert sich gerne in Interviews zu den Entwicklungen in der Verlags- und Medienbranche.

Ich greife diesen Interviewausschnitt noch einmal auf, obwohl die „Retter-Hellmich“-Geschichte ja Schnee von vorgestern ist. Aber ich wollte mir partout keine Dosis Kulturpessimismus nehmen, als ich das Interview las. Stattdessen liebäugelte ich mit der Dosis Kulturoptimismus und öffne nun die Schublade Gegenöffentlichkeit, um ein kleines Mosaiksteinchen konkreter Medienkritik heraus zu nehmen – weil ich das das Gefühl habe, die Kritik am Sportinformationsdienst ist in der breiten Zurückweisung  über die damalige, einseitige Berichterstattung im Reviersport ein wenig zu kurz gekommen.

Deshalb hier noch einmal an prominenter Stelle für alle zukünftigen Google-Nutzer auf der Suche nach Informationen über die Sportpresseagentur und deren journalistischer Sorgfaltspflicht die Warnung: Achte auf das Kürzel (sid) bei einem Artikel und glaube nicht alles, was der Sportinformationsdienst verbreitet. Manchmal übernimmt er für seine Meldungen nur die Aussage eines einzigen lokalen Mediums, dessen Journalist sehr voreingenommen dem Gegenstand seiner Berichterstattung gegenübersteht.


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