Von Zahlenmystik, Zeitreise und Sounddesign

Das als mein Zeichen der Gastfreundschaft vorab: Ich gönne dem SV Sandhausen den Derbysieg gegen die TSG 1899 Hofffenheim in der nächsten Saison. Ich weiß, bis es dazu käme, muss noch viel zusammenkommen. Ein Abstieg hier, kein Abstieg dort und wahrscheinlich viel Sandhausener Glück im besagten Spiel. Hingegen ist sicher, dass jeder Anbieter des Unterhaltungsprodukts Fußball sich die Gelegenheit nicht entgehen ließe, aus dieser Begegnung zweier nachbarschaftlicher Vereine mit so unterschiedlicher Wirtschaftsstruktur eine große Geschichte zu machen. Wer also auf Verschwörungstheorien steht, hat hier ein gutes Argument, um sich seine eigene Welt zurecht zu erklären, wenn am Ende dieser Saison die Voraussetzungen für das zukünftige Derby geschaffen sein sollten.

Der MSV Duisburg möchte am Sonntag seinen Teil nicht dazu beitragen. So weit geht weder unsere Gastfreundschaft noch unsere Mitverantwortung für die Attraktivität des Gesamtprodukts Zweite Liga der kommenden Saison. Da ist uns – ich denke, ich spreche in dem Fall tatsächlich für die Mehrheit der MSV-Anhänger – der Verbleib des VfL Bochum in der Liga sehr viel wichtiger. Was machen die da für einen Unsinn in Bochum? Das Entsetzen dort nach der gestrigen desaströsen 0:3-Niederlage gegen den FC Erzgebirge Aue weckt in mir so etwas wie Demut. Beide Vereine sind sich doch sehr ähnlich in ihrem Ringen um den Erfolg und die gefestigte Position in diesem Fußball der Gegenwart. Und es ist eben noch gar nicht so lange her, dass wir in Duisburg genauso  fassungslos uns die Spiele des MSV angesehen haben.

Inzwischen ist alles anders geworden, und gerade im Vergleich mit dem östlicheren Pott-Pendant erweist sich die Arbeit von Kosta Runjaic als so grundlegend für die andere Perspektive in Duisburg. Jetzt kann der Verein in Pressekonferenzen vor Spielen sogar das allgemeine Bedürfnis nach den bunteren Geschichten bedienen. Wer in möglichen Siegen zahlenmystische Folgen erkennt, der hat den Kopf freier als die Konkurrenz. Das Spiel mit den Dreier-Reihen wird von den RP und WAZ/NRZ natürlich gerne aufgenommen. An der Konzentration der Mannschaft ändert das nichts. Es ist eben ein Unterschied, ob solche Geschichten permanent in Neururer-Manier in den Vordergrund gerückt werden oder ob sie neben der alltäglichen Arbeit als zusätzliche Möglichkeit zur Unterhaltung präsentiert werden. Den Auftritt von Ranisav Jovanović glaube ich übrigens erst, wenn er bei Anpfiff auf dem Platz steht.

Vom MSV Duisburg gibt es vor dem Sandhausen-Spiel keine multimediale Begleitung. Der SV Sandhausen dagegen schickt uns auf eine Zeitreise. Statt eines Video-Clips ist bei youtube ein Audio-Mitschnitt der Pressekonferenz online gestellt. Nicht nur das Rauschen versetzt uns in eine andere Zeit. Auch Sprachrhythmen und Stimmfarben werden von Zeitgeist getragen. In Sandhausen klingt es in dieser Pressekonferenz mit Hans-Jürgen Boysen auf eine sympathische Weise nach gestern. Die Informationen sind nicht wichtig. Hier geht es nur um Sound.

Dieser Sound ist ja übrigens bei den Produkten unserer Konsumgüterwelt oft kein Geräusch, das sich von selbst ergibt. Die Unternehmen versuchen den Wünschen ihrer Kunden entgegen zu kommen. Ihr kennt ja vielleicht die Geschichten von Autos, die sich nicht so anhören, wie es die Käufer wünschten. Nicht nur Motoren auch Gebläse können leistungsstark klingen. Oder da sind die Rasierer, die zu leise knistern und deshalb den Eindruck mangelnder Rasurkraft erwecken. Sounddesigner arbeiten deshalb allerorts am richtigen Geräusch. Vor kurzem wurde auch in Old Trafford, dem Stadion von Manchester United, das Sound-Problem grundsätzlich angegangen. Noch müssen die Zuschauer bei keinem Sound-Designer in Schulung gehen, doch, wie der Guardian berichtet, wurden Akustik-Ingenieure beauftragt nach dem Rechten zu sehen. In dem Stadion ist es einfach zu leise, selbst wenn die Zuschauer laut werden. Das Stadion hat nicht den Sound, den wir von einem richtigen Fußball-Hexenkessel erwarten dürfen. Mal abwarten, welche Feinjustierung nun vorgenommen wird. Fußball als Ware muss eben rundum so sein, wie es die Kunden erwarten.

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