Jetzt ist auch Zeit für billige Worte

Bis zur endgültigen Entscheidung über die Zukunft vergeht noch viel Zeit. In dieser Zeit versuche ich mich von sämtlichen Spekulationen fern zu halten. Das ist mein Naturell. Mir geht es wie einem Schwerkranken, der versucht möglichst gelassen zu bleiben. Dennoch werden Menschen zu ihm kommen, die versuchen ihn aufzumuntern mit Geschichten von anderen Patienten, die es geschafft haben. Diese Geschichten haben aber oft Aspekte, die zu der eigenen Geschichte nicht passen und die bei genauerem Hinsehen manchmal sogar die eigenen Aussichten in schlechterem Licht erscheinen lassen. Deshalb bevorzuge ich Fakten. Mit nichts anderem möchte ich mich beschäftigten. Ich bin sehr dünnhäutig geworden in Sachen MSV Duisburg.

Heute morgen habe ich das wieder gemerkt, als ich dann doch wieder einen Kommentar  in der WAZ überflogen habe. So sind sie, diese Kommentare, habe ich gedacht. Billige Worte. Es war nicht der erste Kommentar dieser Art. Jeder kann ihnen zustimmen, doch konkret werden sie nicht. So viele Journalisten drücken nun ihr Mitgefühl für die Fans des MSV Duisburg aus. Denn seit der Verkündung der DFL, der MSV Duisburg erhalte keine Lizenz für die zweite Liga, gelingt es diesen Fans, in immer wieder neuen, zum Teil aufwendigen Aktionen ihre Verbundenheit mit dem Verein zu zeigen. Leicht fällt da das Mitgefühl. Doch genauso leicht fällt jedes Wort in Richtung eines namenlosen Vorstands. Als ob die Aussage irgendetwas bedeutet, die Fans hätten eine kompetente Vereinsführung verdient gehabt. Artur vom Stein schreibt über die Fan-Aktion: „Ob der Protest allerdings in die richtige Richtung geht, ist eine völlig andere Geschichte.“ Ersetzte Artur vom Stein  „Protest“ durch „Kommentar“ würde er seine eigene Haltung beschreiben.

Ich merke meine Dünnhäutigkeit daran, dass ich unwillig bin, in solchen Kommentaren irgendetwas anderes als Populismus zu sehen. Man könnte  mit gutem Willen die Worte auch so verstehen, dass tatsächlich irgendwer mitgemeint ist bei diesem Pauschalurteil über Verantwortliche beim MSV Duisburg. Vielleicht Walter Hellmich? Vielleicht Andreas Rüttgers? Vielleicht Dieter Steffen? Vielleicht Roland Kentsch? Ich weiß es nicht, ich kann mich aber gut fühlen, wenn ich wütend über alle bin. Gerechte Urteile sind Feines.

Man kann diesen guten Willen aber auch lassen. Ich möchte solche Worte eigentlich nicht lesen, weil sie auch Unmut gegenüber dem derzeitigen Vorstand rechtfertigen. Solche pauschalierenden Worte bedienen jene Stimmung unter Fans, die souveränes Handeln von einem Vorstand erwarteten, der von den Ereignissen überrollt wurde. Denn dieser so ungerechtfertigte Unmut gegenüber Udo Kirmse und seinen Vorstandskollegen blitzte einen Tag nach dem Verkünden der Nachricht über die Lizenzverweigerung vor dem Stadion auch einmal auf. Schon damals habe ich das nicht verstanden. Schon damals habe ich gedacht, was für ein Unsinn!

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10 Responses to “Jetzt ist auch Zeit für billige Worte”


  1. 1 Uwe Fischer 10. Juni 2013 um 11:41

    Hallo Kees!

    Populismus ist bein schönes Stichwort, waren doch über sehr lange Zeit fast nur Kommentare zu lesen, die den Geschmack einer Hofberichterstattung hatten. Dass der Hof in diesem Fall in Dinslaken zu finden ist versteht sich von selbst. Damit haben die Fans nicht einen anderen Vorstand verdient sondern vor allem eine andere Berichterstattung. Eben keine populistische.

    Schönen Gruß in die alte Heimat

    Uwe

  2. 2 Sokrates 10. Juni 2013 um 14:14

    Ich erwarte jetzt vom amtierenden Vorstand, dass er tätig wird im Sinne von
    aufräumen mit den Fehlern der Vergangenheit und dem Verein eine neue Perspektive für die Gegenwart und Zukunft gibt!

  3. 3 Kees Jaratz 10. Juni 2013 um 14:32

    @ Uwe Bei WAZ/NRZ war es meiner Meinung nach nicht ganz so schlimm. Da hielt man sich einfach viel zu lange viel zu sehr zurück. Mit ein paar Ausreißern der Parteinahme in Richtung Hellmich. Für die Reviersport gibt´s wahrscheinlich kein anderes Woert 😉

    @ Sokrates Je nachdem, wo es weitergeht, sehe ich beim Aufräumen tatsächlich das Problem, wie Umgehen mit Hellmich in der Stadionprojekt-Gesellschaft. Der Vorstand alleine kann da nichts machen. Dazu muss es Druck von allen Seiten auf Hellmich geben. Die städtische Elite muss ihn vor die Wahl stellen, entweder bist du kooperativ oder du bist hier raus so weit unsere Macht reicht. In Wirtschaft und Gesellschaft. Das natürlich durch die Blume 😉 Vielleicht ist es nun von Nutzen, dass Sören Links Draht zur NRW-Regierung über Ralf Jäger ein sehr direkter ist. Über Kentsch braucht man kein Wort zu verlieren. Wenn er weitermacht, müsste das sehr, sehr gut und lange erklärt werden. Vielleicht mit der von seiner Hand geplanten Aktion durch den Lizenzverweigerung Hellmich zur einsicht zu zwingen 😉

  4. 4 Stephan 11. Juni 2013 um 10:54

    Wie Du völlig richtig schreibst,besteht dieser Kommentar zu großen Teilen aus leerem Geschwätz. Ich kann wirklich beim besten Willen nicht erkennen, an welcher Stelle Männer wie Udo Kirmse, Ingo Wald, Sebastian Runde, die wie Blauhelmsoldaten der Uno versucht haben, zwischen den verschiedenen Lagern beim MSV Duisburg zu vermitteln, Verantwortung für die augenblickliche Situation tragen.

    Das Problem ist, dass die Medien lange nicht realisiert haben, wie groß der Graben im Verein wirklich ist. Dieser Kommentar bringt die jahrelange Rechercheverweigerung nochmal auf den Punkt.

    Übrigens: Erst durch den Schock des Lizenzentzugs scheint sich auf oberster Ebene eine Annäherung anzubahnen. An der Basis nicht: Da sind Hellmich und Kentsch erstmal die Sündenböcke.

    • 5 Kees Jaratz 11. Juni 2013 um 15:26

      Annäherung ist ja nur, so weit das zu erkennen ist, ein notwendiges Thema für Liga 2 und 3. Andererseits glaube ich nicht, dass es irgendwie mit Kentsch und Hellmich im Verein weiter gehen kann. Ich habe die ganze Zeit die Suhrkamp-Geschichte im Kopf, ähnliche sehr konträre Vorstellungen über die Ausrichtung des Unternehmens. Das scheitert. Das ist völlig personenunabhängig. Da braucht man zu Hellmich und Kentsch überhaupt keine einzelne Meinung haben.

  5. 6 ChristianMoosbrugger 11. Juni 2013 um 21:33

    Der Vergleich mit den Blauhelmsoldaten trifft es ganz gut. Und die Sache mit der Hofberichterstattung hat für mein Empfinden eine bestimmte Eigen-dynamik, die es mit sich bringt, dass sich die dementsprechende Gross-wetterlage vollständig ändert. Die Lokalpresse berichtet ja meist nicht über reale Menschen, sondern über Popanze. Deren Hellmich ist ja mehr oder weniger ein Teileträger und Prototyp, genau wie deren Kentsch. Es gibt eine ziemliche Gefahr, die damit verbunden ist, wenn es wirklich an das Einge-machte geht: sobald das Bild der agilen Macher durch deren reales Tun oder Unterlassen so verzerrt wird, wie derzeit der Fall, fällt es halt aus dem Rahmen heraus, und die entsprechenden Zeitungen müssen, wollen sie nicht als so vernachlässigbar, wie sie eigentlich sind, erkannt werden, eine komplette Umbewertung vornehmen. Auf der überregionalen Ebene sind die Fälle, wo solches geschah und geschieht, nur allzu geläufig, von Guttenberg über Wullf bis zu Steinbrück und de Maiziere. Regelhaft ist die Abkehr von den einstigen strahlenden Helden seitens der Presse vollständig und un-widerruflich, da das Gesamtwirken der Person, wie bei Orwell, sich nach der Neuinterpretation in einem völlig anderen geschichtlichen Kontext wieder-findet.
    Obwohl ich leider derzeit durch ein akutes Problem mit dem Bewegungs-apparat weitab von der „Location“ verbleiben muss, kriege ich natürlich von überall her mit, was abgeht, und das ist allerhand. Wenn die Presse sich da nicht reinhängt, betreffend Fankultur, Solidarisierung und „Rückeinvernah- me“ des Vereines durch seine Anhänger, dann wird sie selbst ganz fix mal abgehängt sein. Die Geschichte vom reichen kleinen Bauunternehmer, der auch heute noch in einem maroden Umfeld Wirtschaftswunder spielt, ist schlicht und einfach damit tot. Kaum zu ermessen, wie wichtig es von daher war, dass die Menschen aufgestanden sind und das Heft in die eigene Hand genommen haben.
    Für mich gilt das voll umfänglich auch für den Fall, dass wir die Lizenz jetzt noch kriegen. Die kritischen Fragen, das Ausleuchten der Hintergünde, der Umschwung werden, so sehe ich das, nicht mehr aufzuhalten sein. Das ist (eigentlich zynisch, das Beispiel, aber es passt halt so gut) wie bei der Flut, wenn der Deich erst einen Riss hat, kommt auch mit nachhaltiger Macht das Wasser, selbst wenn es nur langsam zu steigen scheint.
    Ob jetzt alle Details so stimmen, ob Kentsch eher Täter oder eher Opfer ist, ob und bis wann ein Hellmich es mal ehrlich gemeint hat mit seinen Bewirt-schaftungsplänen für grosse und einfache, aber dafür wahre Gefühle, das sind für mich alles sekundäre Tatbestände. Wichtig ist, dass man mal gese-hen hat, was das eigentlich ist, der MSV Duisburg, und was das auslöst, so eine Wortschöpfung wie „Meidericher Zebras“. Das ist viel, viel mehr als ein „Tag“ oder „Brand“. Eine solche Menschenkette für den Erhalt von Coca Cola, Red Bull oder Pizza Hut ist schlicht und einfach nicht vorstellbar. Ob alt oder jung, den Menschen sind offenbar die Instinkte keineswegs abge-storben, sie haben ein Gefühl für Priorität und die richtige logische Geltung.

  6. 7 Kees Jaratz 13. Juni 2013 um 10:52

    Schöne Anregugen, weiterzudenken, Prototypen im Lokalen! Und was die Wirkung dieser Fanbewegung angeht, gebe ich dir völlig recht, irgendwann ist es für Details zu spät. Ich selbst kann das nur schlecht aushalten, das liegt tief in mir. Selbst wenn ich zum gleichen Ergebnis komme, habe ich manchmal das Gefühl ich brauche den Weg dahin. Ist schon etwas zwanghaft! Zumal es eine Illusion bleibt, diesen Weg bis in seine feinsten Verästelungen kennenlernen zu können. Wie du sagst, ab wann stimmte die Mischung bei Hellmichs Engagement nicht mehr. Er weiß es ja selbst nicht. Da muss man einfach entscheiden.

  7. 8 sl007 17. Juni 2013 um 09:32

    Hofberichterstattung oder Propaganda ?
    Dem ersten Kommentar von Uwe möchte ich in vollem Umfang zustimmen. Als kritischer Journalist beobachte ich die Hofberichterstattung in Dinslaken seit längerem mit steigendem Unbehagen. Während andere Sportredaktionen mühsam Testate von Wirtschaftsprüfern wälzen (deren Inhalt mir teils bekannt ist), glänzen die Dinslakener Kollegen durch Abwesenheit.
    Nun ist die Frage, ob die NRZ einfach „zu faul“ ist zur harten Rechereche oder ob es vielleicht daran liegen könnte, das die Kollegen ein liebgewonnenes Bild nicht zerstören möchten. Das Bild des „Retters, der Dinslaken mit seinem Einkaufszentrum zukunftsfähig machen wird“.
    Ein Zitat für die „very proper ganders“ in Dinslaken:
    „Einen guten Journalisten erkennt man daran, dass er sich nicht gemein macht mit einer Sache, auch nicht mit einer guten Sache; dass er überall dabei ist, aber nirgendwo dazugehört.“ (HaJo Friedrichs) …


  1. 1 Die Fanaktionen nützen! Anders als zunächst gedacht | Fakten und Gerüchte aus dem Stadionbus Trackback zu 11. Juni 2013 um 08:59

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