Anhaltende Bedrückung während der zweiten Hängepartie

Gut, dass wir Menschen so verschiedene Persönlichkeiten haben. Gut, dass schon jetzt viele MSV-Fans wieder voller Tatendrang nach vorne sehen. Sie helfen mit, die Stimmung der letzten drei Wochen als anhaltendes MSV-Gefühl zu stabilisieren. Sie helfen mir mit ihren Worten. Mir gelingt es im Moment nämlich nur beim Lesen von Fan-Kommentaren im Netz, den Blick nach vorne zu werfen. Ich halte mich an die Tatkraft der Menschen, die schon jetzt nach hoffnungsvollen Zeichen für das Morgen Ausschau halten oder bereits wieder Fan-Aktionen planen. Ich staune über die eigene Niedergeschlagenheit. Das hatte ich so nicht erwartet.

Drei Wochen hatte ich mit euch allen Zeit, mir das sehr wahrscheinliche Ergebnis des Schiedsgerichtsverfahrens vorzustellen. Die dritte Liga tauchte als annehmbare Vorstellung in Gesprächen immer wieder auf. Dennoch bringt die Wirklichkeit dann natürlich Trauer und Niedergeschlagenheit mit sich. Das ging allen so, mit denen ich sprach. Wir hatten eben diese winzige Hoffnung nie aufgegeben, die Lizenz wider aller Erwartung doch noch zu erhalten. So eine Hoffnung ist in uns Menschen das Leben an sich, das nie etwas anderes kennt als das Weiterleben. Es ist das geistige Abbild des Grundprinzips der Natur. Als diese winzige Hoffnung enttäuscht wurde, fühlten wir den Tod. Für diesen einen Tag der Urteilsverkündung rätselte ich nicht über diese Gefühle. Dass diese Niedergeschlagenheit aber anhielt, überraschte mich gestern.

Mit einem Mal begriff ich dann, was sich als Wehmut und Traurigkeit bemerkbar machte. Verursacht wurden die Gefühle nicht durch die bestätigte Lizenzverweigerung. Das war ein Abschiedsschmerz, weil die Mannschaft des MSV Duisburg auseinander fällt. In diesen drei ereignisreichen letzten Wochen war mir aus dem Blick geraten, wie sehr ich mich auf die Spiele dieser Mannschaft in der kommenden Saison gefreut hatte. Diese Mannschaft hatte unter Kosta Runjaic in der letzten Saison eine solch eindrucksvolle Entwicklung genommen, dass ihre letzten Spiele ein Versprechen für die Zukunft waren. Kosta Runjaic war etwas gelungen, was lange Zeit kein Trainer beim MSV Duisburg für sich in Anspruch hatte nehmen können. Er verhalf den Spielern zur Möglichkeit, als Teil der Mannschaft besser zu werden, als es von ihrer spielerischen Veranlagung her zu erwarten war. Dieser Mannschaft war anzumerken, sie besaß eine von einzelnen Spielern unabhängig funktionierende Grundstruktur. Sie wirkte gefestigt. Die Stimmung in der Mannschaft und auf den Rängen verstärkte sich immer wieder gegenseitig. Innerhalb von Monaten war etwas gewachsen, dem nun die Grundlage entzogen war.

Ich hatte eine Saison lang den Spielern dieser Mannschaft dabei zugesehen, wie sie zusammenfanden. Ich mag die Spieler dieser Mannschaft. Und ich werde  ganz in alter Trainertradition keinen Namen nennen, weil mir jeder Spieler auf seine eigene Weise wichtig war. Von einem großen Teil dieser Spieler müssen wir Abschied nehmen. Daran hatte ich in den letzten drei Wochen nie gedacht. Meine gedankliche Beschäftigung vor dem Schiedsgerichtsverfahren galt dem Verein MSV Duisburg. Die Fan-Aktionen waren ein Zeichen für das große Ganze und nicht für Personen. Außerdem ergriff mich immer wieder der Ärger über das Versagen von Roland Kentsch als Nebenwirkung des weiterhin bestehenden Einflusses von Walter Hellmich. Gott sei Dank  wurde ich abgelenkt durch Ärger über manchen Artikel aus lokaler Journalistentastatur. Zwischen Ärger und eindrucksvollem Bekenntnis zum MSV blieb wenig Platz für konkrete sportliche Belange.

Nun ist wirklich geworden, was zu erwarten war und Spieler verlassen den Verein.  Was für unfassbar unnötiger Abschied. Was für ein unfassbar unnötiger Abschiedsschmerz. Was für ein Versagen von Roland Kentsch! Dieses Versagen war eine Nebenwirkung des weiter vorhandenen Einflusses von Walter Hellmich! Ich hoffe, diese Worte waren ein letzter Blick zurück. Ich hoffe, von nun an werde auch ich während dieser nächsten Hängepartie nach vorne blicken können.

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4 Responses to “Anhaltende Bedrückung während der zweiten Hängepartie”


  1. 1 Trainer Baade 21. Juni 2013 um 16:23

    Und da die Abstimmung des dreiköpfigen Schiedsgerichts auch nur 2:1 endete, war unsere Hoffnung zwar winzig, aber nicht gänzlich unberechtigt …

    Den Umstand, dass all dies so schrecklich unnötig ist, kann man nur dick unterstreichen und weiterhin einfach nicht fassen.

    Dass danach aber das Bangen noch mal drei Wochen weitergehen würde, war mir vorher auch nicht so ganz klar. Ein endgültiger Stand der Dinge wäre wenigstens etwas, woran man einen Haken machen, sich einrichten und weitergehen könnte. Jetzt schon wieder diese Ungewissheit, ob der totale Absturz droht oder nicht, ist unschön.

    Andererseits war mir auch nicht klar, dass die 3. Liga überhaupt eine so realistische Möglichkeit war, weshalb bei mir beinahe in allem Unglück noch die Erleichterung überwiegt. Das aber natürlich nur für den Fall, dass der MSV dann auch tatsächlich in der 3. Liga wird starten dürfen.

    Für alles andere romantische Gequatsche vom Neuanfang, der dem Verein in welcher abstrusen Amateurliga auch immer gut tun könnte, bin ich zu alt. Nicht, um daran zu glauben, sondern um dann noch zu erleben, dass der MSV irgendwann mal wieder in der 1. Liga spielen würde. Oder auch nur in der 2. Der Flaschenhals von der Regionalliga aufwärts ist heute, wem erzähl ich das, etwas ganz Anderes als früher ein „Absturz“ in die Oberliga, welche schließlich auch drittklassig war.

    Aber mit einer Teilnahme an der 3. Liga wäre die Beerdigung dann zumindest doch verschoben und es wäre nur ein längerer Krankenhausaufenthalt zu erwarten. Das wäre doch wesentlich mehr als ein toter Patient.

    Wäre! Verdammtes weiteres Warten!

  2. 2 SaBine Ka 21. Juni 2013 um 16:32

    Unfassbar unnötiger Abschied. Unfassbar unnötiger Abschiedsschmerz. Ja… Genau. UNfassbar!

    Ich kann nicht in Worte packen, wie ich fühle, wenn ich den Zerfall dieser Mannschaft gerade sehe. Bomheuer nach Dingesdorf, Wiedwald nach Frankfurt: „Ich freue mich auf den Traditionsverein Eintracht Frankfurt, auf seine Fans und auf die tolle Stimmung im Stadion.“ Ein Stich mitten ins Herz.

    Das alles ist von grotesker Absurdität! Es ist so absurd, dass ich in meinen vom unfassbar unnötigen Abschiedsschmerz getriebenen hilflosen Zornattacken eine Willkür für dieses Szenario zu sehen glaube. Irgendwer hat das genau so gewollt! Solch groteske Absurdität kann doch nicht die Folge von simpler kentschlicher Dummheit sein! Mir ist das alles zu viel gerade. Ich will das alles nicht wahrhaben ….
    Und meine hilflose Wut über diesen unfassbar unnötigen Abschied habe ich sicherlich auch in den kommenden Tagen nicht im Griff. Zwischendurch trifft mich zur Abwechslung fassungslose und noch immer ungläubige Starre.

    So radikal kann Trauer sein.

    • 3 Christian Moosbrugger 21. Juni 2013 um 17:07

      Wenn ich mal ganz ehrlich bin, habe ich, als es feststand, erst gemerkt, dass ich im Grunde die ganze Zeit über sicher gewesen war, dass es doch nicht passiert. Und die Option Liga drei, die sich ja laut Kentsch gar nicht hätte ergeben dürfen, wäre sicher viel mehr als ein Gnadenakt, wenn damit endlich die tatsächliche Konsolidierung einhergeht.

      Trotzdem, sehr viel Text, den man braucht, um sich selbst zu suggerieren, dass es irgendwie weitergeht. Meine Gefühlslage unter all dem ist wirklich eine Katastrophe, ich finde die Metaphern, die Kees und Sabine hier benutzen, sind nicht zu stark gewählt. Diese dumpfe Leere, die alles begleitet, das ist richtig schlimm. Aber, ob ich wirklich die Entscheidung herbeisehne? Ich weiss nicht! Ob ich Liga fünf wirklich verkraften kann? Keine Ahnung, wie das sein wird, wenn dann wirklich der erste Spieltag ansteht. Wird es diese Vorfreude geben können, dieses Fieber vor dem Anpfiff, diese Wochenenden, bei denen alles um den Fussball kreist? Im Moment habe ich nicht mal mehr Lust, irgendein Fussballspiel zu gucken.

      Wenn es die fünfte Liga ist, dann darf es nicht so sein, als gehe man als gebrochener Angehöriger seinen Pflichtgang auf den Friedhof. Deshalb ist es auch wichtig, die Trauerarbeit wirklich zu leisten, und irgendwann damit abgeschlossen zu haben, welche Möglichkeiten es gegeben hätte, und wie leichtfertig und dämlich diese versiebt wurden. Und dafür ist, finde ich, auch wichtig, dass man einerseits Schuld festmachen kann, und es andererseits Gewährsleute gibt, welche die richtigen Worte wählen. Tröstlich jetzt, dass es Grlic gibt, Kirmse, und auch Marbach.

  3. 4 Kees Jaratz 21. Juni 2013 um 20:53

    Trainer, Sabine, Christian, am liebsten möchte ich mir noch mehr vom Wohlgefühl der Überraschung des Trainers was mitnehmen, damit der immer wieder nun auch aufwallende Zorn dauerhaft vergeht. Gerade führten aber auch alle eure Worte zum Teilen des Leids. Je mehr Zeit vergeht, desto ungeheuerlicher kommt mir vor, was geschehen ist.

    Meine Hoffnung hat getrogen, nach dem Text bin ich noch nicht durch mit allem. Es bleibt das Gefühl, es immer und immer wieder genau benennen zu müssen, wer die fehlerhafte Finanzplanung verantwortete. Ich blicke immer noch zurück. Auch wenn ich Christian ganz folgen kann in seiner Hoffnung auf Trost durch die Verantwortlichen im Verein. Vielleicht kommt es ja noch besser und diese misslungene Lizenzierung drängt Hellmich in eine Verhandlungsecke, die er sich nie hat vorstellen können.


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