Preview – Ronald Reng: Spieltage – Ein erster Blick ins Buch mit Zebra-Brille

Heinz Höher beim MSV Duisburg, das war für mich vor allem der wenig erfolgreiche Trainer der Saison 1979/80. Als Spieler des Vereins in den ersten beiden Bundesligajahren habe ich ihn noch nicht erlebt. Ich wartete damals noch auf meinen ersten Stadionbesuch. So überdeckte der Heinz Höher beim VfL Bochum jegliches Halbwissen von mir  zu seiner frühen Duisburger Vergangenheit als Spieler, versteckte sich sein Teil der Heldengeschichte über den Vizemeister meist doch hinter dem von Eia Krämer, Helmut Rahn oder Günter Preuß.

Wer aber wie Ronald Reng ein Buch über Heinz Höher schreibt, erzählt auch seine Duisburger Zeit als Spieler aus dessen Blickwinkel. Und zu erzählen findet sich genug. Heinz Höher war zusammen mit Manfred Manglitz unter Vertrag genommen worden. Beide kamen von Bayer 04 Leverkusen, und die gemeinsame Verpflichtung war ein früher Trick die finanziellen Forderungen von Bayer zu bedienen, ohne die Statuten des DFB zu verletzen. Denn die Einführung der Bundesliga war nur einem Kompromiss zu verdanken zwischen Streben nach Professionalität und Bewahren des Amateurwesens. Um diese allgemeine Historie geht es Ronald Reng neben Heinz Höhers Geschichte ebenfalls. Er erzählt die Biografie von Heinz Höher und stattet sie – wie der Untertitel des Buches verrät – als „Die andere Geschichte der Bundesliga“ aus.  Wannimmer etwas erzählt wird, entfaltet es seinen Sinn als Teil einer übergeordneten Historie des deutschen Fußballs. So zeigt er etwa Rudi Gutendorf als eine Art visionären Marketingmann des Meidericher SV, der Helmut Rahn vor allem wegen dessen Ruhm verpflichtet haben wollte. Damit der unbekannte Meiderichericher SV mehr Strahlkraft gewinnt. Das war die gelungene Variante dessen, woran Walter Hellmich mit Ailtons Verpflichtung Jahre später aus mangelndem Fußballverstand scheiterte.

Ronald Reng erzählt aber auch die Geschichte abseits des Fußballplatzes, die von Meidericher Fußballern in Duisburger Bars. Pils und Schnaps gehörten zum damaligen Fußballer-Alltag wie die Arbeit im Stahlwerk oder auf der Zeche. Er erweckt die Atmosphäre in Stadien und auf dem Trainingsplatz zum Leben. Als souveräner Stilist macht er den Alltag der 1960er Jahre mit vielen Details erfahrbar und behält die unterschiedlichen Ebenen seines Buches gekonnt im Blick. Muss ich betonen, dass ich „Spieltage“ von Ronald Reng kaum aus der Hand legen konnte? Noch freue ich mich auf gut ein Drittel Buch, auf den Trainer Heinz Höher in Nürnberg, auf all seine Macken und Fehler, die das Arbeiten mit ihm ebenso schwierig gemacht haben wie das gemeinsame Leben mit ihm in einer Ehe. Wie man Ronald Reng für dieses Buch nur applaudieren kann, so muss man Heinz Höher bewundern für seine Offenheit und für seinen Mut, sich seiner Lebensgeschichte auch in den unangenehmen Momenten zu stellen.

Ich schreibe euch auch noch eine Besprechung in klassischer Manier, vielleicht schreibe ich sie aber auch vor allem für Ronald Reng, weil in dieser Buchbranche der klassische Stil einer Besprechung auch über die Wahrnehmung von deren Seriösität bestimmt. Und Ronald Reng gebührt der Beifall auf allen Ebenen des Betriebs. Lest Spieltage! In diesem Buch verweist jede Anekdote über sich hinaus und erzählt euch entweder Historie des Bundesligafußballs oder etwas über die Persönlichkeit eines sehr eigenen Menschen.

Und noch eins: An einer Stelle des Buches musste ich sofort an den nächsten Samstag denken. Der Auslöser war eigentlich nur ein Satz zum ersten Spiel des Meidericher SV in der Bundesliga, das legendäre Auswärtsspiel beim Karlsruher SC. Ich will euch diesen Satz und ein paar folgende nicht vorenthalten.

Niemand konnte die Stärke von Karlsruhe und Meiderich realistisch einschätzen, die, getrennt in Süd und West, sich nie begegnet waren. Der Ahnungsloseste konnte schon nach wenigen Minuten erkennen, dass der vorgebliche Abstiegskandidat Nummer eins eine Nummer zu groß für den KSC war. Meiderich stürmte. Die Halbstürmer, Werner Krämer rechts und Heinz Höher links, schlugen Haken, passten auf die Flügel, boten sich postwendend für den Flachpass in den freien Raum an, nahmen den Ball auf und dribbelten dem Tor entgegen. Ließen sich Krämer und Höher einmal zurückfallen, glaubte das Publikum, nun ruhten sie sich einmal aus. Da spielten sie plötzlich einen Steilpass aus der Tiefe, der Karlsruhes Abwehr zerschnitt. Nach 37 Minuten stand es 0:3.

4:1 gewannen die Zebras, und vielleicht geht es euch auch so, dass trotz aller Unterschiede zur Gegenwart, dieser erste Satz euch bis zum Samstag begleiten wird. Niemand kann die Stärke des MSV Duisburg im Moment realistisch einschätzen. Und gerade in einem Auftaktspiel der Saison trifft diese Prognoseungewissheit vielleicht sogar auf einen Aufstiegsaspiranten wie den 1. FC Heidenheim zu. Mit der Wiederholung eines überraschendenden Leistungsunterschiedes samt entsprechenden Endergebnisses könnte ich gut leben. Ein Unentschieden machte mich aber auch schon mehr als zufrieden.

Spieltage

Ronald Reng: Spieltage. Die andere Geschichte der Bundesliga. Piper Verlag, München 2013. 480 Seiten. € 15,99. ISBN: 978-3-492-96426-5

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1 Response to “Preview – Ronald Reng: Spieltage – Ein erster Blick ins Buch mit Zebra-Brille”



  1. 1 Spielte Dirk Bremser weiter Klavier? | Fakten und Gerüchte aus dem Stadionbus Trackback zu 3. August 2013 um 11:37

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