Ein Punktespiel verwandelt sich

Am Samstag spielte der MSV Duisburg gegen den SSV Jahn Regensburg. Es war das dritte Punktespiel dieser Saison. Doch irgendwann ging es in diesem Fußballspiel um sehr viel mehr als um drei Punkte. Irgendwann, spätestens Mitte der zweiten Halbzeit, wurde aus diesem Spiel etwas Größeres, etwas Bedeutsameres. Es nahm den Charakter eines Pokalspiels an. Vielleicht war es auch das entscheidende Spiel um die Meisterschaft? Auf jeden Fall ging es für die Spieler und für uns auf den Rängen um alles in diesem einen Spiel. Es schien, als böte ein Sieg gegen den SSV Jahn Regensburg eine Chance auf umfassendes Lebensglück. Die Welt außerhalb des Stadions hatte aufgehört zu existieren. Jede Erfüllung hing alleine davon ab, ob der unermüdliche Sturmlauf des MSV Duisburg auf das Tor des SSV Jahn Regensburg den Ball über die Torlinie bringen würde.

In den Zeitungen ist von der emotionalen Wucht dieses Spiels nicht  viel zu lesen. Der TV-Bericht konzentriert sich auf den Spielverlauf. Es war aber ein Spiel, in dem der 2:1-Sieg-Treffer durch Athanasios Tsourakis in der 86. Minute mir und vielen Menschen um mich herum Freudentränen in die Augen trieb. Es war ein Punktespiel, das dritte der Saison, mehr nicht. Es war das Spiel, während dessen Verlauf zwei Zuschauer einen Herzinfarkt erlitten und verstarben. Für Angehörige und Freunde verwandelte sich die Freude über das Siegtor in Trauer und Fassungslosigkeit. Es fällt schwer,  angemessene Worte für dieses Spiel zu finden. Solch ein Punktespiel zu Beginn einer Saison habe ich in meinen langen Jahren mit dem MSV Duisburg noch nie erlebt.

Natürlich lässt sich so ein Spiel auch über die sportlichen Ereignisse erzählen, und gäbe es die Fernsehbilder nicht, ich wüsste immer noch nicht, wieso der MSV Duisburg so schnell in Rückstand geriet. Auch damit war ich nicht allein. Niemand um mich herum hatte den Fehler von Markus Bollmann gesehen. Wir alle wähnten den MSV Duisburg in sicherem Ballbesitz und begannen uns im Spiel zu orientieren. Unsere Blicke gingen über das Spielfeld, um zu sehen, wer sich wohin bewegt und plötzlich stürmte ein Regensburger Spieler alleine auf das Tor des MSV Duisburg zu. Er schoss sicher zur Führung ein. Diese Szene hatte es so schon im Spiel gegen den SC Paderborn gegeben. Dieses Mal war der Passgeber, Markus Bollmann, weitaus mehr verantwortlich für diesen Gegentreffer als im Spiel gegen Paderborn Branimir Bajic. Dennoch zeigt auch dieser Fehler erneut, das Spiel des MSV Duisburg ist im Moment immer mal wieder von Anspielfehlern durchsetzt. Geschieht das in der eigenen Hälfte, werden die Gegner gefährlich

Was dann aber geschah, entschärfte das Problem der Anspielfehler auf eine begeisternde Weise. Wenn es Anspielfehler gab, geschahen sie in der Hälfte des Gegners. Gleichzeitig wurden sie durch sofortiges Pressing sofort wieder bereinigt. Um die 23. Minute herum war der SSV Jahn Regensburg zum ersten Mal überhaupt etwas länger  in Ballbesitz. Diese Mannschaft des MSV Duisburg drängte mit einer Entschlossenheit auf den Ausgleich, die Staunen machte. Wieder wurde variabel kombiniert. Das schnelle Spiel über den Flügel wurde ebenso gesucht wie der halblange Ball in die Sturmmitte auf Kingsley Onuegbu. Manche Pässe kamen dann nicht an. Doch zum Spielaufbau wurde den Regensburgern kein Raum gelassen. Damit das gelingt, braucht es mannschaftliche Geschlossenheit, und man muss sich noch einmal in Erinnerung rufen, in welch kurzer Zeit es Karsten Baumann gelungen ist, die Bewegungen dieser Spieler aufeinander abzustimmen.

Die Defensive wirkt weiterhin nicht ganz sicher. Schafft es der Gegner schnell in die Hälfte der Zebras, wirkt die Ballorientierung zwischen Spielern der Abwehrreihe und des defensiven Mittelfelds manchmal noch sehr improvisiert. So erhalten Gegenspieler zu viel Raum in Tornähe. Die wenigen Momente im gesamten Spiel haben die Regensburger nicht nutzen können. Nach dem kurzen Nachlassen des Drucks nahm das Spiel der Zebras wieder Fahrt auf. Klare Chancen gab es trotz der großen Überlegenheit zunächst nur wenige. Michael Gardawski beeindruckte mit einem Schuss im Strafraum, nachdem er drei Regensburger auf engstem Raum ausgespielt hatte. Und der erneut sehr stark spielende Pierre De Wit versuchte die Raum öffnenden Pässe in den Strafraum, von denen kurz vor der Pause Kingsley Onuegbu einen aufnehmen konnte. Aus spitzem Winkel erzielte er den so verdienten Ausgleich.

Kurz nur wurde es nach Anpfiff der zweiten Halbzeit für den MSV bei einem Angriff der Regensburger gefährlich. Dann stellte sich dasselbe Spiel wie zuvor wieder ein. Immer entschlossener kämpften die Zebras für den Sieg. Sascha Dum grätschte im gegnerischen Strafraum dreimal hintereinander am Boden liegend nach dem Ball. Die Regensburger erhielten kaum eine Gelegenheit,  Pässe ruhig zu verarbeiten. Diesem immensen Einsatz folgten nun auch große Torchancen. Beim Doppelpassspiel zwischen Tobias Feisthammel und Kingsley Onuegbu im Strafraum waren wir zum Jubeln bereit. Dennoch war immer wieder das Bein eines Regensburger Defensivspielers dazwischen oder der Torwart, Patrick Wiegers, hechtete in die Ecken, um die Schüsse aus unterschiedlichen Entfernungen abzuwehren.

Je länger das Spiel dauerte, desto unerbittlicher schob sich für mich der Gedanke in den Kopf, all dieser Einsatz bliebe vergeblich. Die Sehnsucht über das Siegtor zu jubeln machte sich als bohrender Schmerz bemerkbar. Die Hoffnung auf ein Happy End blieb immer noch, doch die schwindenden Kräfte der Zebras waren zu offensichtlich, als dass diese Hoffnung ungetrübt blieb. Mit dem Blick auf die Spielzeituhr begann das Abgleichen, wie oft noch der Ball vor das Regensburger Tor getrieben werden könnte. Und dann fand Tanju Öztürk noch einmal Kraft für einen Antritt. Er lief durch in der Mitte auf den Strafraum zu, wurde nicht angegriffen und nutzte die Gelegenheit zum Schuss. Das sah nicht sehr gefährlich aus, zu wenig Kraft schien er für diesen Schuss noch zu haben. Doch er zielte knapp neben den Pfosten, so dass Patrick Wiegers wie schon zuvor nur abklatschen konnte. In dem Moment war Athanasios Tsourakis zur Stelle. Wieder war der Winkel spitz. Doch sicher schoss Tsourakis ein. Was für ein Jubel über dieses so gerechte Tor. In diesem Jubel steckte der Glaube an alles Gute auf dieser Welt. Auf dem Spielfeld aber wurde die Angst greifbar, dass Regensburg in den wenigen verbleibenden Minuten noch ein Tor gelingen könnte. Jede Balleroberung wurde zum weiten Schlag nach vorne, zweimaliges Abseits wurde dankend angenommen bis endlich der ersehnte Schlusspfiff kam.

Es war nur das dritte Spiel der Saison, doch es fühlte sich an, als sei ein großer Traum in Erfüllung gegangen. Da wussten wir noch nicht, dass für Angehörige und Freunde von zwei Anhängern des MSV Duisburg mit einem Mal die Zeit still zu stehen scheint. Für den MSV Duisburg und für uns andere Zuschauer geht die Saison nächste Woche weiter. Ich bin sicher, mit dem MSV Duisburg wünschen auch alle auf den Rängen den jetzt Trauernden Kraft und Beistand, damit sie irgendwann wieder allmählich das Leben zu spüren beginnen.

Bleibt noch die Pressekonferenz nach dem Spiel sowie die O-Töne von Markus Bollmann, Michael Ratajczak, Sascha Dum und Pierre De Wit.

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