Spieldeutung aus niederländischer Ferne

Wie mir, gestern, wird es Historikern gehen, die versuchen sich von einem Ereignis der Vergangenheit anhand von Dokumenten und Augenzeugenberichten ein Bild zu machen. Ich erfuhr vom Spiel des MSV Duisburg gegen den Chemnitzer FC in Amsterdam nur das Ergebnis. Ob es sich nun um dieses Unentschieden handelt oder etwa um Willy Brandts „blauen Himmel“ über dem Ruhrgebiet, die Methode sich das Geschehen zu erschließen ist dieselbe. Zunächst beschäftigt man sich mit den Beteiligten der Situation, die nicht immer so offen von den eigenen Unzulänglichkeiten sprechen wie nach dem Fußballspiel Karsten Baumann in der Pressekonferenz oder Michael Gardawski, Phil Ofosu-Ayeh und Pierre De Wit in Kurzinterviews nach dem Spiel.

Zu wenig Einsatz gegen den guten Gegner, fehlende Frische, individueller Fehler beim Ausgleich, das sind selbstkritische Worte und so  empfanden die Beteiligten das Unentschieden also als gerechtes Ergebnis. Dementsprechend haben beide Seiten aber auch Chancen auf einen Sieg gesehen. Höre ich Gerd Schädlich, klingt bei ihm sogar so etwas wie das bessere Spiel der Chemnitzer in der ersten halben Stunde an.

Ob bewegte Bilder vom Geschehen diese Selbsteinschätzung unterstreichen ist nicht sicher, wenn diese Bilder nur Ausschnitte zeigen und dadurch schon eine Wertung vorgenommen wird. Im Spielbericht vom WDR  kommt der MSV ganz gut weg. Bestätigt wird aber auch die Selbsteinschätzung eines kaum vorhandenen Spielflusses auf Zebra-Seite in der ersten Halbzeit. Einen ersten Hinweis auf die gute Leistung von Kingsley Onuegbu ist ebenfalls zu erkennen. Ich meine weniger das Tor als die beeindruckende Ballverarbeitung bei der gezeigten großen Torchance von ihm. Mehrmals haben ich seine Ballannahme schon bewundernd angemerkt. Man braucht kein großer Experte zu sein, um dieser Fähigkeit erneut zu applaudieren. Sieht man die Situation vor dem Pass, versteht man nicht, wieso es ihm gelingen konnte, frei zum Schuß zu kommen. Lasse ich den Spielbericht auf mich als Ganzes wirken, entsteht trotz der Chemnitzer Chancen ein leichtes Bedauern über verpasste drei Punkte. Diese leise Enttäuschung wird vom Gewicht der Bilder angelegt. Es ist dasselbe Spiel, bei dem ich gerade zuvor im Einklang mit den Spielern erst einmal zufrieden war.

Zwischendurch verschaffe ich mir Dank Stephan Jäger einen Eindruck von der Atmosphäre im Stadion. Schließlich geht es mir Forscher auch um das ganze Ereignis. Ich erzähle schließlich nicht reine Faktengeschichte sondern verfolge einen kulurhistorischen Ansatz. Dazu gehört die Stimmung in der Öffentlichkeit auf jeden Fall.

Auch aus dem Spielbericht im Kicker ließe sich schließen, dem Chemnitzer FC gelang das Zusammenspiel besser. Nur auf Chemnitzer Seite wird gefälliges Kombinationsspiel erwähnt. Das gilt für die erste Halbzeit, zudem wird das Spiel in der zweiten Halbzeit als ausgeglichen und abwechslunsreich gewertet. So eine Entwicklung kann die Begegnung ohne spielerische Elemente auf Seiten des MSV Duisburg nicht nehmen. So erfahre ich auch etwas über die Stärken des MSV Duisburg, wo in der Selbstwahrnehmung der Blick auf die Schwächen überwiegt.

Der Spielbericht in der WAZ hingegen wirkt wie eine forcierte Deutung der Baumann-Worte. In ihm stellt sich nicht nur das Bild eines etwas überlegeneren Gegners ein, sondern auch die Leistung der Mannschaft des MSV Duisburg erscheint in einem schlechteren Licht. So eine Wertung stellt die von Karsten Baumann angemerkte fehlende mentale und körperliche Frische ins grelle Licht. Der umfangreiche Spielbericht der Rheinischen Post zeigt mir, meine schwankende Meinung begründet sich tatsächlich durch das Spiel selbst. Es lässt sich nicht auf einen Nenner bringen und Enttäuschung ist ebenso möglich wie Zufriedenheit.

Für die Bewertugen einzelner Spieler ist ein Blick ins MSVPortal interessant. Auch hier herrscht überwiegend Zufriedenheit über das Unentschieden. Allerdings löst die Leistung des Innenverteidigerpaares Branimir Bajic und Makus Bollmann dort Diskussionen aus. Auch wenn Bajic-Kritiker zunächst öfter das Wort führen, sagt das noch nichts über dessen wirkliche Leistung aus. Gerade weil es Gegenstimmen gibt, wird deutlich, die Bewertung seiner Leistung ist nicht einfach. Vieles, was die Qualität von Branimr Bajic ausmacht, ist nicht als aktuelles Ereignis auf dem Spielfeld zu sehen, sondern ist ein Nicht-Ereignis, was dann entsprechend nicht auffällt. Seine Fehler hingegen sind auffällig. Auf seiner Position spielt er in größerer Abhängigkeit vom Gesamtspielverlauf. Deshalb ist die Bewertung seiner Leistung umstritten. Vertrauen wir dem Trainer.

Kevin Wolze scheint zu Beginn des Spiels etwas übermotiviert gewesen zu sein. Das erinnert ans Heidenheim-Spiel. Der erste Auftritt nach der Rot-Sperre vor eigenem Publikum war wohl also wieder eine Herausforderung psychischer Art für ihn. Sein Wille sich dem Publikum zu zeigen und den Applaus zu genießen, sollte sich doch einpendeln, wenn er mehrere Heimspiele mal ohne Platzverweis hinter sich gebracht hat.Mein Eindruck durch den WDR-Spielbericht über Kingsley Onouegbu wird bestätigt, dazu großes Lob für Sascha Dum und Michael Ratajczak.

So habe ich mir also ein Bild vom Spiel gemacht, ohne dass ich dort gewesen bin. Die Leistung bestätigt die vorsichtigen Ambitionen nach oben bei aller gleichzeitig vorhandenen Unsicherheit, ob das nicht zu dem Zeitpunkt der Saison ein vermessenes Schielen nach dem Unaussprechlichen ist.

Wenn sich die Zufriedenheit über das Unentschieden einstellt, machen die Vorfälle nach dem Spiel fassungslos. Es kommen Anhänger des Chemnitzer FC ins Stadion, drücken ihr Mitgefühl über die im letzten Heimspiel verstorbenen MSV-Fans aus, haben sogar Geld gesammelt für die Hinterbebliebenen der verstorbenen MSV-Fans und sollen Ziel eines gewaltttätigen Angriffs von einer Gruppe Duisburger zu werden.  Diese Leute wollen MSV-Fans sein und hauen innerhalb von vielleicht zwanzig Minuten das in Teilen kaputt, was über Wochen andere MSV-Fans aufgebaut haben. Gewalt um die Stadien herum bleibt ein Thema im Fußball. Natürlich interessiert das eine Minderheit. Diese Minderheit erhält große Aufmerksamkeit, und als Realist weiß ich, sowohl an Gewaltbereitschaft als auch an dem medialen Interesse daran, ist nichts zu ändern.

Natürlich kann ich mich davon distanzieren. Andere machen das ebenfalls, und das ist richtig und gut. Andererseits empfinde ich das gleichzeitig als einen hilflosen Versuch, mit der bei den meisten Vereinen vorhandenen Zuschauergruppe mit Hang zur Gewalt umzugehen. Als einen hilflosen Versuch empfinde ich das, weil in dieser Distanzierung Selbstverständlichkeiten stehen und sie dennoch niemanden erreicht, der es nötig hätte. So eine Distanzierung ist also ein symbolischer Akt, der das öffentliche Bild von MSV-Fans nur wenig beeinflusst. Wirksamer ist das Handeln auf Vereinsseite. Dort muss so ein Vorgang im Rahmen der Fan-Arbeit eingebunden werden. In öffentliche Stellungnahmen zu solchen Vorfällen muss die eigene Fan-Arbeit Thema sein. Die Verbindung in die Szene muss stark und in alle Gruppen sein. Dass es dennoch Anhänger gibt, die nicht errreicht werden, steht für mich außer Frage. Ohne Sanktionen wird es also nicht gehen. Notwendig ist also ein Agieren auf Fan- und Vereinsseite, damit solche Vorfälle selten bleiben.

Advertisements

0 Responses to “Spieldeutung aus niederländischer Ferne”



  1. Schreibe einen Kommentar

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s





%d Bloggern gefällt das: