Archiv für November 2013

Zweikampf-Expertenrat soll Heimspiel-Komplex beseitigen

Beim MSV Duisburg herrscht unter Fans und sportlich Verantwortlichen vor dem heutigen Heimspiel gegen die SSpVgg Unterhaching angespannte Stimmung. Werden die Zebras ihre in dieser Saison so ausgeprägte Heimspielschwäche überwinden? Erst zwei Siege stehen zu Buche, und auf der Pressekonferenz vor dem Spiel kam Karsten Baumann zum Ende hin indirekt auch auf eine der dafür verantwortlichen Schwierigkeiten seiner Mannschaft zu sprechen. Wenn die andere Mannschaft den Ball gut laufen lässt, wird es für seine Spieler schwierig aus ihrer raumorientierten taktischen Grundordnung schnell genug in die Nähe des Ball führenden Gegners zu gelangen.  Kurz und mit einem Standard der Spielbeschreibung gesagt, die Spieler kommen nicht in die Zweikämpfe. Das sieht  blöd aus und bereitet sowohl auf dem Platz als auch auf den Rängen großen Unmut.

Auf der Pressekonferenz wollte Karsten Baumann die nun vorgenommenen kreativen Gegenmaßnahmen beim Training nicht besonders erwähnen. Dabei muss sich der MSV Duisburg dafür gar nicht schämen. Die meisten erfolgreichen Fußballvereine Europas machen es vor und suchen Rat bei Trainern anderer Sportarten und fachfremden Experten. So war Ivica Grlic der Call-of-Duty-Experte KaNaKaN bei spieletipps.de aufgefallen, weil er ratsuchenden Spielern häufig konstruktive Kommentare gab. Schon Donnerstag sah man KaNaKaN auf dem Trainingsgelände an der Westender Straße, wie er mit Markus Bollmann zusammen stand.   Trainings-Kiebietze erzählen, dass folgender Rat von ihm zu hören war:

…mach taktik-steuerung und leg dich hin,wenn du in einen zweikampf kommst.so gewinnst du mindestens 60% deiner zweikämpfe

Markus Bollmann blieb zunächst skeptisch. 60 Prozent, das sei zu wenig, meinte er. KaNaKaN ließ sich davon nicht beirren und erwiderte, er wisse, normalerweise bräuchten Fußballer bessere Zweikampfwerte, aber wenn sie die entscheidenden Zweikämpfe gewönnen, sei das auch egal.

Ein weiteres fremdes Gesicht war nur kurz zu sehen. Zum großen Ärger der sportlich Verantwortlichen erwies sich der  Call of Duty-Experte Koesti nämlich  als unbedingter Verfechter  eines schmutzige Spiels:

Einfach mal defensiv spielen nicht immer den Zweikampf, das Waffenduell suchen. Und wenn du einen Zweikampf willst, dann mach ihn so unfair wie es geht: Jump/Dropshot, Headglitch, Prefire wenn du ihn schon um die Ecke hörst, OP-Waffen benutzen. Das hört sich zwar noobig an aber das machen die meisten Gegner.

Karsten Baumann war entsetzt, als er diese Worte hörte. „Derartige Äußerungen, die dem Geist des Fairplay widersprechen, habe ich nicht von einem solch renommierten Experten erwartet“, sagte er und verwies Koesti augenblicklich vom Trainingsgelände, während Tanju Öztürk und Pierre De Wit noch sichtlich geschockt flüsternd beieinander standen. So wollen die Zebras keinesfalls Fußball spielen. Alle Spieler waren sich einig, gegen Unterhaching werde der Heimsieg mit fairen Mitteln errungen.

Dass nicht jeder fachfremde Experte dem MSV Duisburg weiterhelfen kann, zeigte sich schließlich beim World-of-Warcraft-Fachmann, der sich auf die besonderen Anfordernisse des Fußballs als Mannschaftssport nicht einlassen konnte. „Es gilt als äußerst unehrenhaft, sich während eines Duells von seinen Freunden heilen zu lassen“. Viel mehr ließ ihn das Trainer-Team dann nicht mehr sagen, ehe er freundlich verabschiedet wurde. Nach einem Sieg gegen Unterhaching werden Ivica Grlic und Karsten Baumann analysieren, ob der Expertenrat hilfreich war und  auch in Zukunft genutzt werden kann.

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Die schönsten Fußballtorten der Welt – Folge XVII – Eintracht Frankfurt

Mit freundlicher Unterstützung von „111 Fußballorte im Ruhrgebiet, die man gesehen haben musspräsentiert der Zebrastreifenblog  in loser Reihe die schönsten Fußballtorten der Welt.

Gestern wurde das Viertel in Bordeaux rund um das Stadion Chaban-Delmas zu einer Frankfurter Exklave. In dem mit der Heimatstadt durch den Fußball eng verbundenen Viertel lebten für kurze Zeit 12.000 Frankfurter.  Sie sahen im Stadion den 1:0-Sieg von Eintracht Frankfurt bei Girodons Bordeaux. Damit erreichte die Mannschaft die Zwischenrunde, und man kann sich vorstellen, dass die mitgereisten Fans ihre neue Heimat gar nicht mehr verlassen wollten, um den Moment des Glücks festzuhalten. So ein Sieg verdient am Tag danach eine besondere Würdigung, nicht zuletzt weil die alte Fanfreundschaft zwischen dem MSV Duisburg und der Eintracht seit dem Sommer dieses Jahres wieder frisch aufgeblüht ist. Diese Würdigung gelingt mit drei Backkunstwerken, die eben jenem Verein gewidmet sind, der gestern so eindrucksvoll die Gruppenphase der Europa League hinter sich gelassen hat.

Den Wimpel schuf „Tante Kaethe“. Das Foto stammt von der Kuchenbäckerin, und es ist bei TolleTorten.com zu finden. Ob die Kuchenbäckerin zudem in einer Friedensmission unterwegs ist, war heute Morgen noch nicht zu erfahren. Zumindest deutet der Nick darauf hin. Wenn im Spitznamen Rudi Völlers, der bei Kickers Offenbach seine Laufbahn begann, ein Kuchen für einen Fan Eintracht Frankfurts entsteht, werden die Glocken rund um den Bieberer Berg wohl feierlich geläutet haben und weiße Tauben flogen am Himmel über dem Commerzbank-Arena genannten Stadion in der Nachbarstadt.

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Folgende klassischen Fußballkuchen in Trikotform hat Sandra für einen Geburtstag geschaffen. Es ist ihr Foto und sie hat es bei  Torten-Talk.de online gestellt.

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Auch die hier schon öfter vertretene Mia von Mias Tortenwelt war für den Geburtstag eines jungen Fan Eintracht Frankfurts aktiv. Sie variierte eines ihrer Fußballtorten-Grundmotive, das wir auch schon für den VfB Stuttgart bewundern konnten. Ein größeres Foto ihres Konditorenwerks findet ihr auf ihrer Seite.

Applaus für die Konditorinnen und Dank für die Bilder, die ihre Werke so gut zum Ruhm und zur Ehre der in Bordeaux siegreichen Mannschaft Eintracht Frankfurts zur Geltung bringen.

Sandmännchen-Kultur Fußball

Am Montag habe ich ein Interview mit Gerard Mortier gelesen. Reinhard Brembeck hatte mit ihm für die Süddeutsche Zeitung anlässlich seines 70. Geburtstags gesprochen. Mortier ist Theater- und Opernintendant. Er machte die Ruhrtriennale als Gründungsintendant von 2002 bis 2004 zum Kulturfestival von überregionaler Bedeutung und war bis vor kurzem Opernintendant in Madrid. Diese letzte Station seiner beruflichen Laufbahn regte ihn beim Kommentar zum gegenwärtigen Zustand an den europäischen Opernhäusern zu einem Vergleich an, über den wir nachdenken können –  Gerard Mortier:

Wir befinden uns in einer unglaublichen Wertekrise. Es wird erst dann wieder revolutionär zugehen, wenn die Politiker einsehen, dass das Theater eine unglaubliche gesellschaftliche Rolle spielen kann, um diese Kriese, die keine Finanzkrise ist, zu bewältigen. Bis jetzt hat man das in Spanien nicht gesehen, Spanien ist ein typisches Beispiel: Die Spanier benutzen Kultur zum Einschläfern. Das ist Sandmännchen-Kultur wie im Fußball, denn dann gucken die Leute nicht auf ihre Probleme.

Mal davon abgesehen, dass er begrifflich beim Ort für seine Kritik etwas diffus bleibt, geht es uns hier um den alten Vorwurf, Fußball sei das zeitgenössische Narkotikum für die Gesellschaft. Aus Mortier spricht dagegen das Selbstbewusstsein der klassischen Kultur, das schon immer davon abgesehen hat, ob das kritische Potential von Kulturangeboten durch das Publikum überhaupt angenommen wurde. Dass gerade die meisten Besucher von Oper und klassischem Konzert sich beim Suchen nach Unterhaltung vom Fußballzuschauer Mortierscher Prägung nicht sonderlich unterscheiden, lässt sich als Ergebnis von Zuschauerbefragungen über die Jahre hinweg wiederfinden.

Deshalb geht mir nochmals die auch hier geführte Diskussion über die Politik in der Kurve durch den Kopf. Es ist für mich eine offene Frage, ob nicht inzwischen auch rund um den Fußball so etwas wie gesellschaftskritische Gedanken des Hochkulturbetriebs einen Ort gefunden hat. Natürlich ist der Fußball selbst ohne Aussage, interesselose Kunst, um mal in den Kulturbegriffen zu bleiben. Aber drumherum gibt es seit einiger Zeit etwas mehr als Sandmännchen-Kultur.  Oder liege ich falsch? Es ist an euch.

Glücklich ist, wer vergisst

So wie die Mannschaft des MSV Duisburg das Tore schießen in Heimspielen vor allem dem Gegner überlässt, wollte ich nach der  1:3-Niederlage des MSV gegen den Halleschen FC eigentlich andere das  Spiel auf ihre Weise kommentieren lassen. Peter Alexander und Margot Eskens etwa hatten es vor langer Zeit auch schon schwer mit dem MSV Duisburg und sangen sich den Frust von der Seele, indem sie eine Weisheit aus der Strauss-Operette Die Fledermaus in einem Film  gleichen Titels zum Besten gaben. Bis gestern hatte ich es ganz vergessen, wie oft auch der große MSV-Fan Johann Strauss zusammen mit seinen Librettisten-Kumpeln Karl Haffner und Richard Genée nach einem Spiel ihre „Zebrawalzer“-Zaunfahne eingepackt hatten und auf dem Weg zurück nach Wien beim Komponieren und Texten Ablenkung von Niederlagen suchten.

Dann aber bohrten doch noch Karsten Baumanns deutende Worte zum Spiel, die ich immer nervöser werdend in der Rheinischen Post gelesen hatte und die mich zu sehr an gängige fussballesoterische Erklärungsversuche in Krisenzeiten erinnerten. „Killerinstinkt“ soll  im Spiel gegen Halle ebenso gefehlt haben wie ein „Quäntchen Geilheit“.  Karsten Baumann hörte sich genauso ratlos an, wie wir es bei uns auf dem Stehplatz  nach dem Spiel waren. Wir gingen zum Stadionbus und fragten uns, was genau denn nun zu dieser Niederlage geführt hatte? Halle schoss in der ersten Halbzeit viermal aufs Tor und traf dreimal hinein und einmal knapp daneben. Dreimal gingen den Torschüssen Freistöße voran, einmal ein Einwurf. Uns genügte die Erklärung „individueller Fehler“ nicht, weil wir diese Art Tore aus anderen Spielen kannten. Ich hoffe nun sehr, meine Nervosität erweist sich als Überreaktion, weil die Analyse der Fehler doch noch etwas genauer geschieht.

Denn eins scheint mir im Spiel des MSV Duisburg so offensichtlich, wie kaum etwas anderes zu sein. Die Offensive der Mannschaft ist vielleicht so gut ein Tor mehr als der Gegner zu erzielen, aber niemals dann, wenn der Gegner bereits drei Tore erzielt hat. Vier Tore werden dieser Offensive im Moment in der 3. Liga nicht gelingen. Da kann noch so viel Geilheit im Spiel sein. Die habe ich nämlich in der zweiten Halbzeit keineswegs vermisst. Die Spieler wollten jeder für sich und manchmal auch miteinander, den Ball ins Tor von Halle bringen. Sie strengten sich an. Doch es fehlen der Mannschaften die Möglichkeiten aus dem Spiel heraus kontinuierlich torgefährlich zu sein. Vor diesem Problem steht der MSV Duisburg übrigens nicht als einzige Mannschaft. Längerer Ballbesitz ist inzwischen nur allzu oft ein Problem geworden. Je länger der dauert, desto mehr Spieler müssen aus der Defensive aufrücken und desto kürzer kann der Ballbesitz des Gegners beim Konter zu sein, um selbst ein Tor zu erzielen.

Mir gibt es zudem zu denken, dass der Heimspielstätte als Ort eine derartige Bedeutung für die Niederlagen beigemessen wird. Natürlich war die Mannschaft in Auswärtsspielen erfolgreicher, die Spielanlage allerdings war in fremden Stadien in den letzten Wochen nicht besser. Im Grunde arbeitete sich die Mannschaft auch in Osnabrück an denselben Schwierigkeiten ab wie im Spiel gegen Halle, nur mit mehr Erfolg. Unfreundlich formuliert ließe sich sagen, dort wurde die Defensive nur nicht in die Verlegenheit gebracht, gravierende Fehler zu machen. Ich erinnere mich jedenfalls nicht an Freistöße, die hart und mit viel Schnitt in den Strafraum geschlagen wurden. Die Anfälligkeit der Defensive bei scharf herein geschnittenen Standards nun gibt es eben seit Anbeginn der Saison.

Für mich ist zudem noch etwas anderes offensichtlich. Das Selbstbild  von einzelnen Spielern steht mit der Wirklichkeit beim Mannschaftsspiel im großen Widerspruch. Wer von höheren Ligen träumt, den werden solche Spiele wie gegen Halle sehr frustrieren. So ein selbstbewusster Spieler mit höheren Zielen läuft Gefahr, sich als spielerische Ausnahme der abgelieferten mannschaftlichen Leistungsregel wahrzunehmen. Ich hoffe sehr, die sportlich Verantwortlichen haben diesen Sprengstoff für die Stimmung innerhalb der Mannschaft im Blick.

Dieser andauernde Blick zur zweiten Liga wirkt inzwischen kontraproduktiv. Auch die Enttäuschung auf den Rängen ist ja deshalb so groß, weil immer wieder vom möglichen Aufstieg die Rede war. In einer Mannschaft mit wenig stabiler Leitung hängt aber viel von der Stimmung ab. Ich kenne Mannschaftssport nämlich folgendermaßen, jenes angesprochene „Quäntchen Geilheit“ ensteht einerseits aus der Einstellung einzelner heraus, die eine Mannschaft dann mitreißen. Die Stimmung auf den Rängen kann dabei helfen. Andererseits braucht es zur Konstanz der Anstrengung aber auch eine Sicherheit aus dem Spiel heraus, ein Wissen über Laufwege, Varianten und Organisiertheit zur gemeinsamen Aktion.

Diese Sicherheit ist in der Mannschaft des MSV Duisburg nicht grundsätzlich vorhanden. Sie muss sich in jedem Spiel neu entwickeln, von der ersten Minute an. Jeder einzelne Spieler für sich, mag vielleicht an eigene Qualitäten glauben. Doch am Vertrauen des einzelnen in die Mannschaft mangelt es.  Dort fehlt Entwicklung. An der Stelle braucht es Folgen für Grundaufstellungen im Spiel. Ich hoffe deshalb sehr, dass intern mehr bei der Analyse der Niederlage herauskommt als die Fußballesoterik der Krise. Trainingseinheiten, die helfen, gemeinschaftlich begangene Fehler zu verhindern, wären schon mal nicht schlecht.

Halbzeitpausengespräch: An der Lieblingsstelle vom Tellerrand rübergeguckt – Jingle Hoops

Als Vorprogramm des Spieltags und passend zur gerade begonnenen Vor-Vorweihnachtszeit der kurze Eindruck, wie traditionelle Musik in experimenteller zeitgenössischer Form zur Aufführung gelangen kann. Die virtuosen Musiker mit dem Ball als Schlagwerk sind LeBron James von den Miami Heat, Steve Nash von den Los Angeles Lakers, Kevin Durant von den Oklahoma City Thunder , Derrick Rose von den Chicago Bulls, Stephen Curry von den Golden State Warriors und James Harden von den Houston Rockets.

Das Ganze sieht beeindruckend aus, und wer sich den Zauber nur bewahren kann, wenn er die Wirklichkeit nicht kennt, sieht hier besser nicht weiter. Spoiler-Alarm!

Ein Fußballerleben ohne Erwähnung nach dem Tod – „Burger“ Hetzel

Gibt es in der Genforschung eigentlich kein besonderes Interesse an einem Sammler-Gen? Ich erinnere mich an kein einziges öffentliches „Ich-habs-Gejubel“.  Sollte da noch Forschungsbedarf sein, die männliche Linie meiner Familie zeigt über Generationen phänotypisch einen ausgeprägten Sammeltrieb. Was das Ausräumen von Wohnungen zu einer aufwendigen aber immer interessanten und oft überraschenden Angelegenheit macht. Neulich konnte ich ja schon ein Fundstück aus dem – soll ich sagen? – Archiv meines Vaters präsentieren. Er hatte MSV-Deko-Kissen aus meiner Jugend aufbewahrt.

Gestern habe ich mir zwei Kisten Papiere vorgenommen, unzählige Zeitungsseiten und Illustrierten katapultierten mich in die 1960er und 1970er Jahre mit dem Ergebnis, das ich auf der Seite mit den Todesanzeigen der Westdeutschen Allgemeinen Zeitung vom 22. April 1972 hängen blieb. Ob mein Großvater oder mein Vater diese Seite herausgerissen haben, weiß ich nicht. Mir bekannte Familiennamen gab es nicht auf der Seite außer einem, dem von Karl „Burger“ Hetzel. Nun frage ich mich, ob diese Todesanzeige der Grund dafür war, dass die Zeitungsseite aufbewahrt wurde.

Todesanzeige Karl "Burger" Hetzel

Die Anzeige der Familie verrät nichts von der großen Bedeutung, die der Fußball im Leben von Karl-Bubi Hetzel hatte, der Stürmer, der später „Burger“ gerufen wurde und Anfang der 1950er Jahre für die Zuschauer beim Meidericher SV einer der bedeutendsten Spieler war. Wer damals ins Stadion an der Westender Straße ging und sich heute an die Zebras dieser Generation erinnert, dem fällt der Name „Burger“ Hetzel als erstes ein. 

Die Anzeige verrät uns deshalb auch etwas über den Stellenwert von Fußball in der Generation von „Burger“ Hetzel. Dieser Fußball war keine Rede wert, weil er Teil des Alltags vor Ort war. Wenn davon zu sprechen gewesen ist, war das die Aufgabe des Vereins. Es kann sehr wohl sein, dass auch der MSV Duisburg eine Todesanzeige aufgegeben hatte, schließlich war „Burger“ Hetzel Wirt des Vereinslokals gewesen. Vielleicht weiß jemand, der mitliest, mehr.

Es ist ein merkwürdiger Zufall, dass auf der Rückseite der Todesanzeigen sich ein Bericht findet, in dem über Veränderungen an der Westender Straße die Rede ist. Der MSV Duisburg kaufte damals das Clubhaus des Meidericher TTC 47, um seine Geschäftsstelle dort einzurichten. Der Tischtennisclub, damals in der Tischtennisbundesliga spielend, zog um in Räume des Max-Planck-Gymnasiums. Es hieß, das Geld könne der Tischtennisverein angesichts der hohen Reisekosten gut gebrauchen. Der MSV Duisburg konnte den Kauf nur dank öffentlicher Mittel und Zuschüsse ermöglichen. Die Stadt war bei der Abwicklung des Geschäfts mit im Boot. Der eine Werbeträger der Stadt musste am Leben erhalten werden, der andere hatte bessere Möglichkeiten für die organisatorische Arbeit in der Fußball-Bundesliga gebraucht.

Keine Politik wird manchmal doch zur Politik

Wir wünschen uns das Leben so einfach wie möglich, und stets kommt uns dieses Leben schon kurz nach dem Wünschen dazwischen. Ich zum Beispiel will seit Jahren beim MSV Duisburg im Stadion eigentlich nur über Fußball reden. Aber was ist? Ständig beschäftigen mich so sportferne Dinge wie ein Schuldenschnitt und seit kurzer Zeit auch noch  die gewaltvoll gewordene Auseinandersetzung in der eigenen Kurve, um deren Deutung in der Duisburger Fanszene verständlicher Weise mehr gerungen wurde als in der Öffentlichkeit. Für Fußballdeutschland steht der Überfall der „Division Duisburg“ auf die „Kohorte“ in einer Reihe mit einigen Versuchen der rechten Szene, in den Fankurven Einfluss zu gewinnen.

Im Stadion nervt dieses Fußballferne. So verstehe ich die vielen Anhänger des MSV Duisburg, die sich etwa ein besseres, politikfreies Leben im Stadion erhoffen. Aber mit diesen Politik genannten Themen  ist es wie mit dem Aufräumen und Putzen. Man kann es sich einige Zeit sparen, aber irgendwann kommt der Zeitpunkt, da musst du dich drum kümmern. Sonst hast du bald ein Zuhause, in dem sich nicht mehr jeder wohl fühlen kann.

„Keine Politik in der Kurve“  ist deshalb allenfalls ein hoffnungsvolles Ziel, das nur erreicht werden kann über eine Haltung, bei der viele schnell die Augen verdrehen und sie politisch nennen. Das ist paradox, aber unvermeidlich. Denn was heißt Politik im Stadion überhaupt? Wird etwa der vom DFB unterstützte Anti-Rassismus in seiner unverbindlichen Spruchband-Botschaft genau dann zur nervigen Politik, wenn konkret rassistische Gruppen Rassisten genannt werden? Oder ist es nicht gerade Politik, wenn eine einzelne Fangruppe bestimmen will, welches Spruchband im Stadion eine politische Botschaft darstellt. Es ist ganz schön kompliziert mit der Losung „Keine Politik in der Kurve“.

Rechtextremistische Gruppen – und davon rede ich heute nur, weil dieses „die anderen haben aber auch“ mich zu sehr an Kindergarten und Schule erinnert, rechtsextremistische Gruppen, also, haben ein großes Interesse an einer vermeintlich politikfreien Zone, dem Stadion. Wo sonst können Mitglieder extremistischer Zusammenschlüsse in breiter Öffentlichkeit sich wirksam fühlen? Bei der Frage, was in der Kurve geschieht, geht es schließlich um Macht. So können extremistische Gruppen ausprobieren, wieviel Durchsetzungskraft sie besitzen, wie weit sie beim Einsatz für die eigene Meinung gehen können. Und das muss sogar nicht unbedingt mit politischen Inhalten verbunden sein. In dem Fall verschwimmen also die vermeintlich so klar getrennten Sphären von Stadionwelt und restlichem Leben. Dann muss man letztlich fragen, welches Interesse sich hinter der Losung „Keine Politik in der Kurve“ verbirgt? Was in Duisburg anscheinend bei einer Art rundem Tisch der Fangruppen geschah, sind zumindest vorpolitische Prozesse, und dementsprechend können die Aktivitäten einer dieser Gruppen von jetzt auf gleich in Politik umschlagen. Nur deshalb  kann die Fanszene Duisburgs auch darüber streiten, was dieser Vorfall nach dem Spiel gegen Saarbrücken überhaupt gewesen ist.

Der Fußball ist in dem Fall Zauberstab. Weil die Mitglieder der „Division Duisburg“natürlich auch als Fußballfans im Stadion sind und sie sich auf dem Terrain des Fußballs über Regeln streiten, lässt sich trefflich jeglicher politischer Hintergrund zum Verschwinden bringen. Unschuldig wird von normalen Zuständen im Stadion gesprochen, wo immer mal wieder Konflikte mit harter Hand gelöst werden. Stimmt, ja. Es stimmt aber nur AUCH! Politik ist in dem Moment untrennbar mit dem Fußball verknüpft. Schließlich geht es um die Deutungshoheit über diesen Begriff. Eine Gruppe möchte bestimmen, was Politik im Stadion bedeutet.

Wem es nach ein wenig argumentativer Unterfütterung durch die Theorie verlangt, dem sei Paul Watzlawicks kommunikationstheoretisches Diktum noch ans Herz gelegt, man könne niemals nicht kommunizieren. Sobald jemand einem anderen gegenüber steht, beginnt Kommunikation, selbst wenn der eine schweigt. Daraus lässt sich eine Einsicht zur Forderung „Keine Politik in der Kurve“ ableiten. Sobald diese Forderung als Teil einer Diskussion zwischen Gruppen erhoben wird, die sich in Teilen auch politisch definieren, ist diese Forderung selbst ein politisches Statement und das Aushandeln, wie dem Rechnung getragen wird, ist auch eine politische Diskussion. Man entkommt der politischen Stellungnahme in dem Fall nicht.

Vor ein paar Wochen schon fand Michael Welling, der Präsident von Rot-Weiss Essen, in einem Interview im Reviersport zu solch einer Entwicklung in der Kurve die passenden Worte:

Kommen wir mal zum Nicht-Sportlichen. Für die Allermeisten kam der Vorfall beim Fanprojekt am Mittwoch doch ziemlich überraschend, da sich in der Kurve bislang niemand abgezeichnet hat, dass Rot-Weiss Essen ein Problem mit rechten Fans hat. Zumindest dem Fanprojekt waren die Leute aber bekannt, oder?
Wenn das Fanprojekt die nicht kennen würde, würde es seine Arbeit nicht machen. Es ist tatsächlich so, dass die sich durch pure körperliche Präsenz als Chef der Kurve positionieren. Das ist ja auch im Grunde das, was am Mittwoch passiert ist. Das ist nicht akzeptabel, das ist doch völlig klar. Da geht es im ersten Schritt tatsächlich gar nicht darum, was da für ein Film gezeigt wird, was der Rahmen ist, wer Veranstalter ist, wer nicht Veranstalter ist. Es ist einfach nicht zu respektieren, dass irgendwelche selbsternannten Leute definieren, was hier passiert und mit körperlicher Präsenz ihre Auffassung durchdrücken wollen. Das ist nicht akzeptabel.

Und etwas später noch einmal Michael Welling:

Was hier die neue Dimension ist: Dass sich einzelne Leute positionieren, um sich so massiv durch Präsenz zu positionieren, das ist nicht zu akzeptieren. Dabei ist es dann ehrlicherweise auch egal, ob diese Leute aus einem linken oder einem rechten extremen Spektrum kommen. Es geht nicht, dass sich Leute als Sheriffs der Kurve positionieren und glauben, weil sie größere Arme haben, andere einzuschüchtern.

Letztlich braucht jedes Engagement gegen Rassismus, Intoleranz und Gewalt die Unterstützung des Vereins MSV Duisburg. Deshalb war das erste Interview nach dem Überfall mit Sicherheits-Manager Michael Meier und Fanbeauftragtem Christian Ellmann nicht mehr als ein hilfloser Versuch mit dem Lippenbekenntnis, der MSV sei „keine Kuschelecke für Neonazis“, der Geschichte Herr zu werden. Die Losung „Keine Politik“ wurde als Fallstrick überhaupt nicht wahrgenommen. Einmal mehr ist es erst Jürgen Marbach gewesen, der das Problem in seinem Ausmaß erkannte. Nicht nur dass er den Verein mit deutlichen Worten gegen Rechtsextremismus positionierte, er erkannte zudem, dass Michael Meier und Christian Ellmann, die Deutungshoheit für das Geschehen den Gewalttätern in Teilen überlassen hatten. Bei Spiegel online korrigierte er die naiven Aussagen der Mitarbeiter des MSV Duisburg. Wichtiger aber noch ist die dort in Aussicht gestellte Absicht, Hilfe durch Wissenschaft in Anspruch nehmen zu wollen.

Denn wie im Alltag der Saison mit dem Konflikt in der Kurve weiter umgegangen werden soll, bleibt eine offene Frage. Absichtserklärungen geben dabei nur die Richtschnur für das Handeln. Im Grunde geht es um die Haltung der schweigenden Mehrheit im Stadion. Es geht um alle, die immer wieder genervt sind von Auseinandersetzungen, die zunächst nichts mit eigentlichem Support und Fußball zu tun haben. Es geht um die paradoxe Einsicht, um die Politik aus der Kurve zu halten, ist die Losung „Keine Politik in der Kurve“ in ihrem politischen Kern zu benennen. Es geht um die öffentliche Meinung, in der der Einsatz gegen Rassismus, Gewalt und Intoleranz ihren selbstverständlichen Platz finden können muss.


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