Unerwartete Wirkungen von Erwartungen

Gestern Morgen begann ich ein paar Sätze über das glückliche 1:1-Unentschieden des MSV Duisburg gegen die Stuttgarter Kickers zu schreiben, als es mir wie den Zebras am Samstag ging. Der Anfang eines Textes war entstanden, und in ihm war das Versprechen auf den Spielbericht erkennbar. Einige Worte schienen mir sogar gut gelungen zu sein, doch nach einer halben Stunde Schreiben etwa verlor ich auf mir unerklärliche Weise den Bezug zum Spiel. Einzelne Wörter hatte ich noch im Kopf, Satzfetzen, mehr nicht. Ich wollte mich  in den Text hineinkämpfen, doch das mündete nicht einen Moment lang in den Fluss des Schreibens. Allenfalls bildeten drei, vier Wörter den Teil einer Satzgruppe, vollendet wurde nichts mehr. Ich schrieb sogar immer wieder für einen Spielbericht unpassende Worte aus Reiseführern, Gedichten und Kinderbüchern in den Text hinein. Sicher, kein Gegenspieler stand im Raum, der mit viel Laufarbeit mir den Zugang zur Tastatur erschwert hätte. Und eine gut gestaffelte Defensive, die mit ihrem lauten Gequatsche meinen Wortfluss behinderte, gab es ebenfalls nicht. Doch von der Stimmung her fühlte ich mich ins Stadion zurück versetzt.

Denn so muss es der Mannschaft des MSV Duisburg gegangen sein. Etwa eine halbe Stunde ließen die Zebras auf ein erfolgreiches Spiel hoffen. Dann folgten vergebliches Mühen und unentwegtes Scheitern. Wenig machte noch den Eindruck, als wüssten die Spieler, wie sie aus Ballhin- und hergeschiebe ein Fußballspiel machen sollten. Durchsetzt wurde das Ganze von Momenten der Unachtsamkeit beim langsamen Spiel nach vorne und von unzähligen Pässen, die auf eine schwere Beeinträchtigung der Auge-Fuß-Koordination bei mehreren Spielern der Zebras hinwiesen. Es gab das hilflose und vergebliche Hoffen auf die magnetische Kraft von Kingsley Onuegbu. Da war die erkennbare Sorge mit einer Spielaktion etwas eklatant falsch zu machen und für das Kontertor verantwortlich zu sein. Kontrolle schien das Gebot der Stunde. Doch was als Spielkontrolle gedacht war, verwandelte sich angesichts der Laufbereitschaft und des Einsatzwillens der Stuttgarter zur Lähmung des Spielflusses auf Seiten der Zebras. Während die Stuttgarter als Mannschaft durchweg schnell agierten, zeigte sich Schnelligkeit auf Seiten der  Zebras allenfalls in Einzelaktionen. Zumal dem Versuch eines Zusammenspiels fast immer sofortiger Ballverlust folgte. Schnell nach Wiederanpfiff der zweiten Halbzeit war klar, ein Tor für den MSV Duisburg würde allenfalls durch glückliche Fügung fallen, ein Tor für die Stuttgarter nach einem Konter, wenn auch die nicht so häufig waren, wie es durch die miserable Leistung der Zebras hätte sein können.

Im Nachhinein fühlt es sich gut an, wenn im Leben das passiert, was man schon früh vermutet. Im Stadion selbst erreichte meine Stimmung nach dem späten Kontertor der Stuttgarter den Tiefpunkt. Der war so tief, dass ich mich über den Ausgleich durch das glückliche Tor von Phil Ofosu-Ayeh nicht mehr groß freuen konnte. Ich nahm das Tor als erfolgreiche Durchführung einer Notfallmaßnahme zur Kenntnis. Mit dem zeitlichen Abstand zum Samstag interessieren die Details des Spiels nicht mehr sehr. Vielmehr frage ich mich, wie der so deutliche Bruch im Spiel zustande kam? Wieder einmal wirkt es auf mich so, als erwartete die Mannschaft von sich mehr eigene Dominanz im Spiel und wenn diese Dominanz entgegen der Erwartung nicht dauerhaft eintritt, wird es ihr unmöglich, sich mehr einzusetzen. Ging es in taktischen Belangen in dieser Saison häufig um die Balance zwischen Defensive und Offensive, so wirkt es auf mich, als mangele es der Mannschaft auf der psychischen Ebene an der Balance zwischen Kontrolle und Aggressivität. Vielleicht ist das die Folge jener Spiele wie dem gegen Wiesbaden, in denen das gesamte Spiel über alle Spieler mit großer Laufbereitschaft und großem Einsatz das Spiel bestimmten und die Mannschaft dennoch das Spiel verlor. Nun wird stattdessen versucht, das Spiel kontrolliert und ruhig anzugehen. Was nur dann gelingen kann, wenn auch die spielerischen Mittel dazu vorhanden sind. Wenn eine Mannschaft mehr Einsatz und Laufbereitschaft als der MSV zeigt, werden diese spielerischen Mittel aber sofort beschränkt. Dann wird aus dem Versuch der Kontrolle  passives Spielverhalten.

Natürlich beeinträchtigt so eine Spielweise wie die des MSV gegen die Stuttgarter Kickers die Laune für den Tag. Hinzu kommt nun aber die Frage, was wir noch von dieser Saison zu erwarten haben. Diese Erwartung bestimmt maßgeblich die Stimmung im Stadion. Die Mannschaft brachte vor dem Spiel den Aufstieg zur Sprache. Deshalb wirkt dieses Unentschieden über den Spieltag hinaus. Die Leistung der Mannschaft in dem Spiel macht ratlos, weil jeder Spieltag nun an ihrem Wollen gemessen wird. Nach dem Samstag sieht es so aus, als läge die Latte im Moment etwas zu hoch.

Wer noch immer Interesse hat und eine Zusammenfassung noch nicht gesehen hat, für den geht es mit einem Klick weiter zum Spielbericht beim SWR.

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2 Responses to “Unerwartete Wirkungen von Erwartungen”


  1. 1 jovan hamborn 6. November 2013 um 01:07

    chapeau mal wieder! ja, so ähnlich ging es mir auch beim nachdenken über das spiel und die mannschaftliche ankündigung vor diesem. ich saß im zug nach hamburg und musste mich immer wieder konzentrieren, resp. zurückzwingen, um überhaupt beim gedanken an das gesehene bleiben zu können. alles erschien mir zunehmend noch surrealer, als sich das spiel bereits im stadion darstellte. so oft ich bei der spiel-, wie taktik-, wie spieler-bewertung mit meinen mitleidensgenossen uneins bin, so war es diesmal eher ein moment der großen ratlosigkeit ob des gesehenen. ich konnte keinen gemeinsamen mannschaftlichen wunsch, geschweige denn willen erkennen das spiel zu gestalten, zu ergreifen.
    und gleichwohl mir trainerschelte fern liegt und ich kein fass aufmachen will, nie habe ich gleich drei auswechsungen so wenig verstanden wie samstag.
    alles verbunden mit der vorankündigung, um den aufstieg spielen zu wollen, bleibe ich zunächst mal hilf- und ratlos. ich weiß (tatsächlich: weiß!!), dass wir nicht absteigen werden, sowenig wie auf-. aber was machen wir daraus, dass wir solcherart noch 23 spiele vor uns haben und ebenso das schrecklich unduldsame duisburger publikum?
    sicher neige ich derzeit nicht grad zum optimismus, aber doch ersehne ich mir eine idee, was noch zu erhoffen, ja bloß zu wünschen ist von dieser aus dem leben gefallenen saison.
    und dabei berücksichtige ich den geplatzten schuldenschnitt noch sowenig, wie die nazi-scheiße, die mich quälen.
    ratlos verbleibend und bis sonntag in osnabrück,
    alles für den Spielverein!!

    • 2 Kees Jaratz 7. November 2013 um 09:03

      Jetzt nutze ich die Gelegenheit hier, endlich mal eben zu sagen, hoffentlich nur kurz den Kopp gemacht für die „Vehemenz“. Die mündete ja in keine unziemlichen Worte. 😉
      Der noch fehlende Text steht zur Hälfte, ob ichs heute zum Ende schaffe, weiß ich noch nicht Spätestens morgen.
      Und was den Sonntag angeht, ich bin sehr gespannt, war uns da erwartet!


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