Glücklich ist, wer vergisst

So wie die Mannschaft des MSV Duisburg das Tore schießen in Heimspielen vor allem dem Gegner überlässt, wollte ich nach der  1:3-Niederlage des MSV gegen den Halleschen FC eigentlich andere das  Spiel auf ihre Weise kommentieren lassen. Peter Alexander und Margot Eskens etwa hatten es vor langer Zeit auch schon schwer mit dem MSV Duisburg und sangen sich den Frust von der Seele, indem sie eine Weisheit aus der Strauss-Operette Die Fledermaus in einem Film  gleichen Titels zum Besten gaben. Bis gestern hatte ich es ganz vergessen, wie oft auch der große MSV-Fan Johann Strauss zusammen mit seinen Librettisten-Kumpeln Karl Haffner und Richard Genée nach einem Spiel ihre „Zebrawalzer“-Zaunfahne eingepackt hatten und auf dem Weg zurück nach Wien beim Komponieren und Texten Ablenkung von Niederlagen suchten.

Dann aber bohrten doch noch Karsten Baumanns deutende Worte zum Spiel, die ich immer nervöser werdend in der Rheinischen Post gelesen hatte und die mich zu sehr an gängige fussballesoterische Erklärungsversuche in Krisenzeiten erinnerten. „Killerinstinkt“ soll  im Spiel gegen Halle ebenso gefehlt haben wie ein „Quäntchen Geilheit“.  Karsten Baumann hörte sich genauso ratlos an, wie wir es bei uns auf dem Stehplatz  nach dem Spiel waren. Wir gingen zum Stadionbus und fragten uns, was genau denn nun zu dieser Niederlage geführt hatte? Halle schoss in der ersten Halbzeit viermal aufs Tor und traf dreimal hinein und einmal knapp daneben. Dreimal gingen den Torschüssen Freistöße voran, einmal ein Einwurf. Uns genügte die Erklärung „individueller Fehler“ nicht, weil wir diese Art Tore aus anderen Spielen kannten. Ich hoffe nun sehr, meine Nervosität erweist sich als Überreaktion, weil die Analyse der Fehler doch noch etwas genauer geschieht.

Denn eins scheint mir im Spiel des MSV Duisburg so offensichtlich, wie kaum etwas anderes zu sein. Die Offensive der Mannschaft ist vielleicht so gut ein Tor mehr als der Gegner zu erzielen, aber niemals dann, wenn der Gegner bereits drei Tore erzielt hat. Vier Tore werden dieser Offensive im Moment in der 3. Liga nicht gelingen. Da kann noch so viel Geilheit im Spiel sein. Die habe ich nämlich in der zweiten Halbzeit keineswegs vermisst. Die Spieler wollten jeder für sich und manchmal auch miteinander, den Ball ins Tor von Halle bringen. Sie strengten sich an. Doch es fehlen der Mannschaften die Möglichkeiten aus dem Spiel heraus kontinuierlich torgefährlich zu sein. Vor diesem Problem steht der MSV Duisburg übrigens nicht als einzige Mannschaft. Längerer Ballbesitz ist inzwischen nur allzu oft ein Problem geworden. Je länger der dauert, desto mehr Spieler müssen aus der Defensive aufrücken und desto kürzer kann der Ballbesitz des Gegners beim Konter zu sein, um selbst ein Tor zu erzielen.

Mir gibt es zudem zu denken, dass der Heimspielstätte als Ort eine derartige Bedeutung für die Niederlagen beigemessen wird. Natürlich war die Mannschaft in Auswärtsspielen erfolgreicher, die Spielanlage allerdings war in fremden Stadien in den letzten Wochen nicht besser. Im Grunde arbeitete sich die Mannschaft auch in Osnabrück an denselben Schwierigkeiten ab wie im Spiel gegen Halle, nur mit mehr Erfolg. Unfreundlich formuliert ließe sich sagen, dort wurde die Defensive nur nicht in die Verlegenheit gebracht, gravierende Fehler zu machen. Ich erinnere mich jedenfalls nicht an Freistöße, die hart und mit viel Schnitt in den Strafraum geschlagen wurden. Die Anfälligkeit der Defensive bei scharf herein geschnittenen Standards nun gibt es eben seit Anbeginn der Saison.

Für mich ist zudem noch etwas anderes offensichtlich. Das Selbstbild  von einzelnen Spielern steht mit der Wirklichkeit beim Mannschaftsspiel im großen Widerspruch. Wer von höheren Ligen träumt, den werden solche Spiele wie gegen Halle sehr frustrieren. So ein selbstbewusster Spieler mit höheren Zielen läuft Gefahr, sich als spielerische Ausnahme der abgelieferten mannschaftlichen Leistungsregel wahrzunehmen. Ich hoffe sehr, die sportlich Verantwortlichen haben diesen Sprengstoff für die Stimmung innerhalb der Mannschaft im Blick.

Dieser andauernde Blick zur zweiten Liga wirkt inzwischen kontraproduktiv. Auch die Enttäuschung auf den Rängen ist ja deshalb so groß, weil immer wieder vom möglichen Aufstieg die Rede war. In einer Mannschaft mit wenig stabiler Leitung hängt aber viel von der Stimmung ab. Ich kenne Mannschaftssport nämlich folgendermaßen, jenes angesprochene „Quäntchen Geilheit“ ensteht einerseits aus der Einstellung einzelner heraus, die eine Mannschaft dann mitreißen. Die Stimmung auf den Rängen kann dabei helfen. Andererseits braucht es zur Konstanz der Anstrengung aber auch eine Sicherheit aus dem Spiel heraus, ein Wissen über Laufwege, Varianten und Organisiertheit zur gemeinsamen Aktion.

Diese Sicherheit ist in der Mannschaft des MSV Duisburg nicht grundsätzlich vorhanden. Sie muss sich in jedem Spiel neu entwickeln, von der ersten Minute an. Jeder einzelne Spieler für sich, mag vielleicht an eigene Qualitäten glauben. Doch am Vertrauen des einzelnen in die Mannschaft mangelt es.  Dort fehlt Entwicklung. An der Stelle braucht es Folgen für Grundaufstellungen im Spiel. Ich hoffe deshalb sehr, dass intern mehr bei der Analyse der Niederlage herauskommt als die Fußballesoterik der Krise. Trainingseinheiten, die helfen, gemeinschaftlich begangene Fehler zu verhindern, wären schon mal nicht schlecht.

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