Archiv für Januar 2014

Von den Finanzen hin zum ablenkenden Sport

Nach dem gestrigen Pressemitteilungs-hin-und-her zwischen dem für den Sport zuständigen Duisburger SPD-Landtagsabgeordneten Rainer Bischoff und dem MSV Duisburg fällt es mir schwer, mich den sportlichen Notwendigkeiten des anstehenden Spieltags zu widmen. Was den MSV angeht, neige ich eigentlich zu jedem unbegründeten Optimismus. Ich glaube an den guten Ausgang eines Spiels meist bis kurz vor Abpfiff. Nach dieser Stellungnahme gestern aber fällt es mir schwer, mir einen erfolgreichen Schuldenschnitt vorzustellen. Im Grunde hat Rainer Bischoff stellvertretend für die entscheidenden NRW- und Stadtpolitiker den Gläubigern den Rücken gestärkt. Die entscheidenden Gläubiger sind, nach allem, was zu lesen ist, Walter Hellmich und das IBB, das Internationale Bankhaus Bodensee.

Für Bischoffs Stellungnahme sehe ich nur zwei Gründe, zum einen weist er mit ihr gegenüber der Öffentlichkeit darauf hin, die Politik trage für alles, was kommt, keine Verantwortung; mehr noch, sie habe sich sehr angestrengt zur Lösung des Problems beizutragen. Zum anderen wirkt diese Stellungnahme auf mich als Aufforderung an den MSV endlich die Bedingungen der Gläubiger zu akzeptieren. Schließlich wird auch Rainer Bischoff wissen, dass die Verantwortlichen beim MSV Duisburg nicht aus spielerischer Spekulationsgier Abschlüsse verhindern, die dem MSV Duisburg eigentlich zu Gute kommen.

Es gibt also Forderungen auf Gläubigerseite, die vom MSV Duisburg bislang als unannehmbar angesehen werden. Was annehmbar wäre wissen wir, Schuldenschnitt und Anpassung der Stadionmiete an die Einnahmesituation des MSV in den jeweiligen Ligen. Nehme ich nun im besten Fall an, Walter Hellmich und die Bank denken mit ihren Forderungen zugleich an ein Konzept für die Zukunft des MSV Duisburg, heißt das sofort auch, bei den Verhandlungen geht es um den zukünftigen Einfluss von Walter Hellmich und der IBB auf Entscheidungen beim MSV Duisburg. Indirekt scheint Rainer Bischoff die Verantwortlichen beim MSV Duisburg aufgefordert haben, in diesen sauren Apfel zukünftiger Einflussnahme zu beißen. Sollte es auf diese Weise tatsächlich noch zu einem Schuldenschnitt kommen, liegen natürlich sofort sehr viele andere Fragen auf dem Tisch. An der Stelle will ich heute erst mal nicht weiter denken. Zu viel Spekulation über zu viele Probleme, die ich augenblicklich erkenne!

Ablenkung durch den Sport ist nicht das Schlechteste. Viel muss ich zum Spiel des MSV Duisburg gegen RB Leipzig aber nicht mehr schreiben. Alles Wichtige hat der Rotebrauseblogger schon zusammengefasst. Er begleitet RB Leipzig mit seinem informativem und anspruchsvollem Ein-Mann-Online-Journalismus. Über das am Samstag anstehende Spiel vom MSV Duisburg gegen den Verein seines Interesses hat er einen informativen, sachlichen Vorbericht geschrieben, dem ich nichts hinzuzufügen weiß. Abgesehen von meiner Hoffnung auf den Ausgang des Spiels, die sich von seiner wenn auch nur zart angedeuteten Hoffnung klar unterscheidet.

Und noch einen Klickhinweis habe ich. Der Kolumnist vom Tagesspiegel Frank Willmann war am letzten Samstag beim Heimspiel von RB Leipzig gegen Wacker Burghausen dabei. Mit launigen, oft ironischen Worten greift er die Wirklichkeit in Stadion und Umfeld des Vereins auf. Ein Text zum Schmunzeln über Fußball als familienfreundliches Unterhaltungsangebot.

Als Ablenkung von den Finanzproblemen langte mir das Lesen fremder Texte nicht. Erst ein paar Bewegtbilder aus der Vergangenheit haben mir endgültig aus der bedrückten Stimmung geholfen, obgleich ich zunächst die Gefahr zu großer Melancholie scheute. Der bin ich dann entgangen, als ich mir den alten RTL  Sportschau-Bericht über das Bundesligaspiel vom MSV Duisburg beim VfB Leipzig aus der Saison 1993/94 ansah.  Beide Mannschaften standen sich damals als Aufsteiger gegenüber. In dem Spiel ist exemplarisch zu sehen, mit welch schnellem Umschaltspiel Ewald Lienen damals den Zebras zu einer überraschend erfolgreichen Saison verhalf. Am Ende der Saison stand der 9. Tabellenplatz zu Buche.

Wer sich Aufstellung und Spieldaten ansehen möchte, klickt weiter zum Kicker.

Für morgen gilt Zuversicht trotz der weiter fehlenden Stammspieler. Schließlich sind wenigstens Kevin Wolze und Deniz Aycicek wieder einsatzbereit. Humba nach dem Abpfiff wie beim Hinspiel ließe ich mir gefallen.

Werbeanzeigen

Die Finanzen – Verdrängen und hoffen

Der Januar ist fast vorbei. Ein Monat bleibt nun noch den Verantwortlichen des MSV Duisburg Zeit, die Finanzen grundlegend neu zu regeln. Am 1. März müssen die Lizenzunterlagen beim DFB eingereicht werden. Was vorher notwendig ist, sollte allgemein bekannt sein. Der Schuldenschnitt ist das eine, die dauerhafte Senkung der Stadionmiete das andere. Sinnvoller Weise gibt es von Vereinsseite ohne wirklich neue Fakten keine offiziellen Stellungnahmen mehr. Hin und wieder sprechen Verantwortliche – sei es Udo Kirmse, Jürgen Marbach oder Bernd Maas – beruhigende Worte über die Kontinuität der schweren Arbeit.

Nun muss ich seit eben ein paar Sorgen mehr verdrängen. Bei xtranews wird nämlich Duisburgs SPD-Landtagsabgeordneter Rainer Bischoff zitiert, die Ungeduld wachse. Stadt und Land hätten sich als kooperative Gesprächspartner bewiesen. Der Ball liege nun im Feld des MSV und große Eile sei dringend geboten. Meine Sorge wurde deshalb größer, weil die Verantwortlichen beim MSV Duisburg natürlich auch ohne die Hinweise von Rainer Bischoff wissen, wie wenig Zeit sie für die Lösung der Probleme haben. Rainer Bischoff wollte keine Ratschläge geben, er wollte vorsorgen, falls alles schief gehen sollte. Rainer Bischoff weiß, dass die am MSV interessierte Öffentlichkeit in größter Not versuchen wird, auch wieder die Politik in die Pflicht zu nehmen. Dem will er vorbeugen, und schon jetzt Verantwortung eindeutig bestimmen.

Das ist der zweite Teil, der mir die größte Sorge bereitet. Die wenigen Informationen über die Lage  legen nahe, dass die Verantwortlichen beim MSV Duisburg nicht allzu viel Spielraum in den Verhandlungen mit den Gläubigern haben. Ob das nun Walter Hellmich ist oder die Bodenseebank IBB, beide zentralen Verhandlungspartner für die grundlegende Lösung gehen meinem Eindruck gemäß entspannter in die Verhandlungen als der MSV. Vielleicht tatsächlich, weil auf der einen Seite nur Geld verloren wird, die andere Seite aber, der MSV, alles zu verlieren hat, seine Existenz. Und nun kommt Rainer Bischoff und erhöht den Druck alleine auf Seiten des MSV. Dieser MSV hat nun den schwarzen Peter, obwohl Rainer Bischoff eigentlich wissen müsste, wenn etwa Walter Hellmich und die Bodenseebank nicht wollen, geschieht gar nichts. Im Sommer hatte ich gehofft, die Politik werde Einfluss bei der Lösung des Finanzproblems nehmen. So hatte ich mir das nicht vorgestellt. Ich dachte eher an Hintergrundgespräche mit den Gläubigern. Nun also wieder, verdrängen und weiter hoffen.

Update:

Und schon flattert eine Pressemitteilung vom MSV ins Haus. Rainer Bischoffs Botschaft ist angekommen. Meine gerade erfolgreich verdrängten Sorgen machen sich sofort wieder bemerkbar.

Stellungnahme MSV Duisburg

Der MSV Duisburg hat in den vergangenen sieben Monaten mehrfach und offen verdeutlicht, dass die Verantwortung für einen erfolgreichen Schuldenschnitt und damit einer Zukunft für den Verein allein beim MSV und seinem Verhandlungsgeschick liegt. „Wir wissen, dass alle Partner und Fans, Mitglieder und Freunde des MSV in dieser schwierigen und komplexen Situation viel Geduld zeigen müssen“, erklärte Jürgen Marbach, Aufsichtsratsvorsitzender des MSV.

Der MSV betont, dass er auf dem Weg zur Lösung der Situation weitestgehend positive Ergebnisse erzielt hat. „Es gibt für eine solche Situation kein Patentrezept. Und so haben eben noch nicht alle Verhandlungspartner zugestimmt. Wir werden allerdings auch wie bislang weiterhin keine Zwischenstände kommentieren, sondern am Ende ein Gesamtergebnis präsentieren“, betont MSV-Präsident Udo Kirmse.

Seit Ende Juni 2013, nach der Lizenzverweigerung für die 2. Bundesliga durch die Deutsche Fußball Liga, arbeiten die „neuen“ Verantwortlichen des Traditionsvereins aus Meiderich intensiv daran, die enormen, aus der Vergangenheit stammenden finanziellen Probleme im Konsens mit allen unmittelbar Beteiligten zu berichtigen.

„Für die Umsetzung des von uns erarbeiteten zukunftsfähigen Konzeptes benötigen wir unbedingt den Kapitalschnitt“, macht Marbach noch einmal deutlich. Ein im November durch den MSV vorgelegter Kompromiss mit einer niedrigeren als zunächst im Sommer 2013 veranschlagten Quote für den Schuldenschnitt fand leider nicht die Zustimmung aller Gläubiger.

„Die konstruktiven Gespräche mit Politik und Wirtschaft in Duisburg und der Region waren und sind Triebfeder für uns, all‘ unsere Kraft weiterhin in das Bemühen um den Fortbestand des MSV zu stecken“, bekräftigt Kirmse. „Dass der 1. März 2014 dabei als Stichtag für die einzureichenden Lizenzierungsunterlagen steht, ist uns bewusst.“

Lesen, lesen, lesen! – Zechenkinder von David Schraven

Mit das Schwerste beim Schreiben sind erklärende Worte für die eigene Begeisterung. Am liebsten wäre es mir, für „Zechenkinder“ von David Schraven glaubt ihr einfach ohne weitere Gründe so eine Art Klappentext-Megaloblyrik á la „Die vielen Stimmen der Bergmänner finden zu einem beeindruckenden Gesang auf die Revier-Vergangenheit zusammen“ oder prosaischer „Wunderbarer Lesegenuss für Menschen- und Revierfreunde“.  Vielleicht auch: „Großartige Worte über eine fast vergangene Zeit, ohne die Gegenwart aus dem Blick zu verlieren!“

Wenn ihr mir das einfach mal glaubt, könnte ich mich wieder meiner Begeisterung hingeben, mich vom Klang der Sprache der von David Schraven interviewten Bergmänner in die Wirklichkeit hinein ziehen lassen, in der ich aufgewachsen bin – eine Wirklichkeit, die im Ruhrgebiet der Gegenwart beim Umgang der Menschen miteinander so oft weiterhin lebendig ist. Aber das nutzt ja alles nichts, hier kommen schließlich auch immer wieder mal  Leute vorbei, denen meine Begeisterung als Argument für die Lektüre von „Zechenkinder“ nicht genügen wird.  Dabei verdient das Buch von David Schraven jede Unterstützung.

In „Zechenkinder“ lässt David Schraven 25 Bergleute selbst zu Wort kommen. Was sie über ihr Berufsleben im Besonderen und ihre Haltung zum Leben, zur Welt im Allgemeinen erzählen, hat er aufgezeichnet und zu einem O-ton-nahen Fließtext verdichtet. Drei bis sieben Seiten sind diese Erzählungen lang. Der älteste Bergmann ist Jahrgang 1932, der jüngste Jahrgang 1971. Sie haben in unterschiedlichen Funktionen auf Zechen gearbeitet. Die verschiedenen Bereiche ihres Berufslebens sind der Grund für ihr Erzählen über die Welt. Beeindruckende Portraitfotos von Uwe Weber sind den Texten vorangestellt, eine kurze Fotoreportage von ihm über den Bergbau leitet das Buch ein. Diese Fotos verweisen auch auf die liebevolle Ausstattung des Buches. „Zechenkinder“ ist ein Fest für bibliophile Leser.

David Schraven wollte ein „Bild von den Zechenkindern zeichnen: offen, ehrlich und ungeschönt“. Dieses Vorhaben ist ihm in jeder Hinsicht großartig gelungen. „Zechenkinder“ ist aber noch sehr viel mehr geworden. Ein einzige Stimme nur erzählt in diesem Buch in ausschließlich biografischer Perspektive. Alle anderen Erzählungen verweisen über das eigene Leben hinaus. In allen anderen Erzählungen ist das eigene Erleben nur Anlass, um Einblicke in andere Welten zu geben. Natürlich wird über das Leben unter Tage berichtet. Wehmut klingt manchmal an, wenn an den Zusammenhalt in den 1950ern und 1960ern erinnert wird und an die harte Arbeit damals, die die „einzige Währung“ war, die zählte. Deshalb wurden Ex-Nazis unter Tage in Ruhe gelassen.

Die 1970er Jahre werden lebendig. Konkurrenzdruck wird zum Thema, und heil ist die Welt des Bergbaus nicht mehr für alle. Über Zechenschließungen können die Gewerkschafter unter den Bergleuten viel erzählen. Bis in die Gegenwart hinein führen die Erinnerungen, die Einblicke in die Wirklichkeit von Politik und Gewerkschaftsarbeit geben. Da mangelt es ebenso wenig am harschen Urteil über EU-Kommissar Günter Oettinger wie am lebendigen Erzählen über die explosive Stimmungen unter den Kumpels Mitte der 1980er bis Anfang der 1990er.

Ein Kapitel versammelt zudem all die „Zechenkinder“, die in die Welt hinaus gekommen sind. Sie arbeiteten in Russland oder nahmen in China an der Weltmeisterschaft der Bergleute teil. Manche Bergleute verließen aber auch schon früh die Zechen und kamen in anderen Berufen und Milieus der deutschen Gesellschaft unter. Dennoch blieb die Arbeit auf Zeche für sie eine prägende Erfahrung.  David Schraven gelang mit „Zechenkinder“  mehr als er zunächst vorhatte. Im Buch findet sich  die Auslandsreportage ebenso wie die Milieustudie. „Zechenkinder“ wurde zum Geschichtsbuch. Es ist Heimatbuch, und natürlich ist es auch ein wunderbares Buch über die Menschen des Ruhrgebiets.

Zechenkinder

David Schraven
Zechenkinder
25 Geschichten über das schwarze Herz des Ruhrgebiets.
Mit Fotografien von Uwe Weber
Ankerherz, Hamburg 2013
ca. 230 Seiten
Hardcover mit Schutzumschlag
Leineneinband mit Prägung
inkl. E-Book
ISBN-13: 978-3-940138-54-5
24,99 EUR

Ein offener Brief an den DFB samt Anmerkungen zum Auswärtsspiel gegen SSV Jahn Regensburg

Sehr geehrte Mitglieder des DFB-Spielausschusses,

um mein Anliegen vorzutragen muss ich ein wenig ausholen, damit Sie sich nicht vorschnell ein Urteil bilden und meinen berechtigten Wunsch als kuriose Anfrage eines Exzentrikers abtun. Sie werden sicher mit mir der Meinung sein, in unserer Gesellschaft hat der Fußball in den letzten Jahren eine große Bedeutung erhalten. Begrüßenswerten gesellschaftlichen Entwicklungen sollte er sich deshalb keineswegs verschließen. Auch darin sind wir uns wahrscheinlich einig. Jeder in Ihrem Kreis wird zudem  hoffentlich in einer Gesellschaft leben wollen, in der Anforderung und Unterstützung den Möglichkeiten eines jeden gemäß angepasst sind. In den Schulen etwa wird dieses so grundlegende soziale Anliegen gerade umgesetzt. Schüler besitzen unterschiedliche Fähigkeiten, und  Lehrer haben die Aufgabe, Lehrpläne auf diese Fähigkeiten hin individuell auszurichten. Auf diese Weise können Schüler sich am besten entwickeln und bleiben nicht unter ihren Möglichkeiten. Nur auf diese Weise kann die allseits geforderte Inklusion gelingen.

Sollte sich der Fußball diese Entwicklung nicht zum Vorbild nehmen? Wäre es nicht eine großartige Sache, wenn Sie sich auf diesem Gebiet sozialen Fortschritts neben die Schulen stellten? Nun wissen Sie vielleicht nicht, wie das im Fußball als traditioneller Form eines Wettbewerbs geschehen kann. Einem Wettbewerb ist ja das Aufteilen der Teilnehmer in Sieger und Verlierer wesenseigen. Am Wettbewerbscharakter des Fußball soll auch keinesfalls gerüttelt werden.

Aber nehmen Sie einen Fußballverein wie den MSV Duisburg. Gestern war im Auswärtsspiel gegen den SSV Jahn Regensburg zu erkennen, selbst wenn vier bis fünf Stammspieler ausfallen, spielt die Mannschaft des Vereins eine Halbzeit lang ganz gut. In der zweiten Halbzeit aber gelang das nicht mehr. Zunächst nur  waren die Zebras lange Zeit spielbestimmend. Sie störten früh in der gegnerischen Hälfte den Spielaufbau von Jahn Regensburg. Die Mannschaft kombinierte sich regelmäßig sicher in Richtung Strafraum, auch wenn die Passgenauigkeit in Tornähe ebenso noch verbessert werden kann wie die Treffsicherheit beim Abschluss. Einen Vorgeschmack auf die zweite Halbzeit gab es kurz vor dem Pausenpfiff. Mit einem Mal wirkte die Defensive unkonzentriert, schien die innere Anspannung abzufallen, wurde den Gegenspielern mehr Raum gegeben. Der gerade eroberte Ball wurde ohne Not dem Gegner zurück gespielt.

Nutzen konnten die Regensburger diese zwei, drei Minuten andauernde Schwäche noch nicht. Im Gegenteil, der MSV Duisburg kam sogar noch zu einem Angriff kurz vor der Halbzeitpause, bei dem Matthias Kühne mit starkem Einsatz einem zweiten Ball im Strafraum hinterherging und  ihn fast schon fallend raus auf den Flügel spielen konnte. Die Flanke kam sofort auf den frei stehenden Patrick Zoundi, der im zweiten Versuch den Ball über die Torlinie zur 1:0-Führung brachte. Branimir Bajic hatte kurz zuvor wegen einer Verletzung ausgewechselt werden müssen. Insgesamt fehlten in der zweiten Halbzeit schon sechs Spieler aus der Anfangsformation.

Eine schwache zweite Halbzeit der Mannschaft hatte ich befürchtet. Im Verlauf der Saison kam es schon oft zu einem Bruch im Spiel der Zebras, wenn die Spieler nach der Pause wieder auf dem Platz standen. Zwar hatte Pierre De Wit noch eine große Chance, die Führung auszubauen. Doch das blieb nur ein Aufflackern. Fortan griff der SSV Jahn Regensburg an und der MSV Duisburg wirkte zu überfordert, um konsequent und sicher die Angriffe zu verteidigen. Der Ausgleich war nur eine Frage der Zeit. Es schien lange so, als ob die Führung folgen könnte. Ihr Ausbleiben war mehr der Abschlussschwäche der Regensburger geschuldet als der Stärke des MSV. Dennoch wurden die Zebras zum Ende des Spiels hin auch selbst noch ein-, zweimal gefährlich. Das half die Regensburger zumindest so sehr zu verunsichern, dass sie nicht mehr mit aller Macht auf die Führung drangen. Das Unentschieden war gerecht. Beide Mannschaften hätten allerdings ebenfalls gewinnen könnnen. Niemand hätte sich darüber beschweren dürfen.

Ahnen Sie vielleicht, worauf ich mit diesem kurzen Rückblick auf das gestrige Spiel hinaus will? Über die gesamte Saison hinweg spielt der MSV Duisburg immer wieder in der zweiten Halbzeit schlechter als in der ersten. Ich gebe zu, der Gedanke ist ungewöhnlich, möglicherweise sogar irritierend. Aber ich bin der Meinung, wenn die Leistung einer Mannschaft so offensichtlich wie  beim MSV Duisburg an die Spieldauer gebunden ist, sollte ihr diese zweite Halbzeit von der Gesamtspieldauer erlassen werden. Der DFB würde damit nur dem sozialen Bildungsideal folgen. Wer nämlich die Spieldauer an die Möglichkeiten der Mannschaft anpasst, ermöglicht den Spielern des MSV Duisburg Erfolgserlebnisse und trägt zu zukünftig besseren Leistungen wesentlich bei. Ich bin nicht allein mit meiner Meinung. Vielen anderen MSV-Beobachtern ist es schon aufgefallen, wie schwer es die Zebras mit jenen Anforderungen durch die so starr festgelegte Spieldauer haben, die einfach nicht zu den momentanen Möglichkeiten der Mannschaft passen. So führt im MSVPortal der User Red Bull sechs Spiele auf, in denen der MSV Duisburg führte und die die Mannschaft letztlich nicht gewann. Mehr als diese aussagekräftige Statistik braucht man eigentlich nicht, um folgerichtige Regeländerungen vorzunehmen.

Ich weiß selbst, letztlich müssen die Verantwortlichen des MSV Duisburg aktiv werden und Anträge stellen. Aber Sie wissen auch, ehe irgendwo auf dieser Welt konkrete Maßnahmen gegen Missstände ergriffen werden, braucht es viele Anstöße von außen. Wir brauchen eine breite Diskussion, in der alle Betroffenen beteiligt werden. Gerade wir Zuschauer sind ja Leidtragende, wenn wir den Verein unserer Zuneingung in den zweiten Halbzeiten jeweils so gebeutelt sehen. Ich hoffe, nach meinen Ausführungen sind auch Sie nun der Ansicht, die Anpassung der Spielzeit an die Spielstärke des MSV Duisburg gehört auf die Agenda des DFB. Ich weiß aber auch, mit Radikalforderungen kommen wir nicht weiter. So kann ich mir als erste Akutmaßnahme auch vorstellen, dass der Verzicht auf die zweite Halbzeit nur beim Ausfall von vier Stammspielern zum Tragen kommt. Das wäre schon mal ein Anfang, der aber deutlich machen würde, einmal mehr trägt der Fußball entscheidend zum gesellschaftlichen Fortschritt bei.

In Erwartung Ihrer hoffentlich wohl gesonnenen Antwort grüßt Sie freundlich

Ihr Kees Jaratz

Ohne vier – und zusätzlich gespielt drei

Im ersten Spiel des MSV Duisburg nach der Winterpause, auswärts beim SSV Jahn Regensburg, fehlen vier Stammspieler. Michael Gardawski und Phil Ofosu-Ayeh fallen wegen Muskelfaserrisse aus, Sascha Dum plagt sein Rücken und Kevin Wolze kuriert eine Grippe aus. Wirft man einen Blick auf die Sportberichterstattung scheint es gar nicht selten vorzukommen, dass Mannschaften jeglichen Sports ohne vier Stammspieler beim Gegner antreten. 28.000 Fundstellen zeigt Google für „ohne vier“ an. Wie populär ist eigentlich das Skat-Spiel noch? Ich habe es schon lange nicht mehr gespielt. Im Journalismus aber gehört es offensichtlich zum  Schlagzeilen-Standardregister, selbst wenn es nicht jeder mehr in dieser Redewendung erkennen sollte.

Wie risikoreich das Spiel ohne vier letztlich wird, hängt beim Skat vom Beiblatt ab. Stellt sich also die Frage, in welcher Form befinden sich die übrigen Stammspieler des MSV Duisburg? Die Nachrichten über die Mannschaft klingen verhalten zuversichtlich. Kingsley Onuegbu und Patrick Zoundi sollen ihr Zusammenspiel verbessert haben. Bleibt die Frage, wer ihnen aus dem Mittelfeld heraus die Bälle auflegt, wenn beide Spieler nicht gerade jene Konter laufen, die ein Tor nach dem anderen fallen lassen. Deniz Aycicek muss im Trainingslager ja gar nicht schlecht gewesen sein, Pierre De Wit hat sich laut WAZ/NRZ ebenfalls einiges vorgenommen und dazu vielleicht Erdogan Yesilyurt? Zudem sollte nicht vergessen werden, der Vergleich mit dem Skat hinkt natürlich. Schließlich können sich beim Fußball alle vier Spieler, die die Stammspieler ersetzen doch noch als Trümpfe erweisen. Wollen wir das Beste hoffen.

Wollen wir hoffen, dass sich das Spiel des MSV Duisburg so harmonisch entwickelt, wie sich das Stück des Jazztrios Ohne 4 gespielt drei im Folgenden anhört.  „Der Ruhrgebietsler an sich“ ist eines von mehreren Stücken, mit denen das Trio seine Bindung an die Region zum Ausdruck bringt. Wer wissen möchte, aus welchen disharmonischen Klängen das Jazztrio diese Melodie entwickelt, klickt  weiter zu einer anderen Fassung. Für das Spiel des MSV Duisburg gilt also, harmonisches Zusammenspiel kann sich auch ohne vier entwickeln, ich hätte auch nichts dagegen, wenn das ohne disharmonische Anfangsminuten geschieht.

Der Live-Stream zum Spiel mit einem Klick weiter.

Zum Ende der Winterpause: Auch wenn Humor hilft, Leid lässt sich nicht immer weglachen

Jahrestag! Vor einem Jahre hatte ich es angekündigt. So lange ich diesen Blog schreibe, werde ich zum Ende der Winterpause einen alten Text von mir online stellen. Er ist zeitlos. In ihm geht es nicht um Fußball. Er ist so viel länger als Texte in diesem Medium Blog normalerweise sind. Dieser Text hat schon vielen Menschen geholfen, und er soll weiter helfen. In dem Text habe ich mir über den Umgang dieser Gesellschaft mit dem Leid von Menschen Gedanken gemacht. Anlass waren eigene Erfahrungen in jener Zeit, in der ich an Krebs erkrankt war. Es gibt mehrere Fassungen dieses Textes, die in unterschiedlichen Zeitungen erschienen sind. Ein Vortrag für die Medizinische Fakultät der Kölner Universität entstand aus den Zeitungstexten. In diesem Jahr stelle ich jene Fassung online, die als erste im August 2000 in der Süddeutschen Zeitung erschienen ist.

Leid lässt sich nicht weglachen
Die Zumutung Krebs oder das Missverständnis vom positiven Denken

Dieses Mal geschah es wieder einmal überraschend. Obwohl ich seit drei Jahren wieder gesund bin, spülte die kurze Glosse im Feuilleton der Tageszeitung alles für einen Moment hoch; das Leid der Krankheit – meiner Krankheit, Krebs. Der Journalist hatte bemerkt, Elend und Leid zeigten sich in der Öffentlichkeit immer häufiger nur noch als Parodie des Erfolgs. Bettler würden zu Kleinunternehmern; selbst die Erkrankung an Krebs, die Bedrohung durch den Tod würden in der heutigen Zeit zur „Chance“. Der Journalist war über das Motto eines Medizinerkongresses gestolpert. Ich konnte ihn verstehen. Auch mir hat man erklärt, dass ich meiner Erkrankung Gutes abgewinnen müsste. Ich spürte den alten Ärger wieder und die zwiespältigen Gefühle, wenn auf Buchumschlägen der Ratgeberliteratur zum Krebs fröhlich lachende Menschen mit Glatze pure Lebensfreude signalisierten.

Während immer neue Bilder der Vergangenheit aufblitzten, suchte ich nach ersten Sätzen meiner Geschichte. Doch stets stellte sich das Gefühl ein, dieser erste Satz brauche zuvor noch eine Erläuterung. Denn wenn ich von meinen Erfahrungen erzähle, stehe ich wieder auf der Seite der Kranken. Als Kranker aber bin ich vorsichtig geworden. Zu oft wurde ich in Gesprächen enttäuscht und begegnete nur vermeintlicher Offenheit. Mehr und mehr Ungeduld spürte ich mit der Zeit. Der Grund für die Ungeduld mit mir war mein andauerndes Leid. Dieses Leid wurde zur Zumutung.

Da gab es diese Begegnung mit einem Bekannten etwa ein Jahr nach Ende der Therapie. Er freute sich für mich, dass alles vorbei sei. Es war nicht vorbei. Ich litt weiterhin unter Nebenwirkungen der Behandlung, und manchmal gab es auch Momente der Angst. Doch bei ihm spürte ich den Wunsch nach einer anderen Auskunft. Immer drängender sprach er auf mich ein. Er redete und wollte überzeugen. Nicht mein Erleben interessierte ihn, obwohl er gefragt hatte. Er wollte nur davon hören, dass die Zeit, die ich durchlebt hatte, mich weitergebracht hätte. Ich sei gesund. Er sprach von tieferer Erkenntnis. Und man dürfe sich doch nicht nur auf die negativen Momente des Lebens versteifen. So kam ich – nicht zum ersten Mal – in die Lage, gleichsam mein Recht auf Leid zu verteidigen.

Eine groteske Situation. Ich sollte mich dafür rechtfertigen, dass es mir schlecht gegangen war und dass daran erst mal nichts Gutes ist. Wahrscheinlich war das Gespräch von Anfang an ein Missverständnis. Wir redeten aneinander vorbei. Bereits mit seiner ersten Frage hatte er begonnen, von seiner Angst zu sprechen; als könne er durch einen fanatisierten Umgang mit Leid sich selbst retten. Wenn man sich wie er verhielte, so hoffte er, werde alles nicht so schlimm. Und ich erzählte ihm nun, es war trotz allem tatsächlich schlimm gewesen. Und manchmal war es das noch immer. Den Trost brauchte er in dem Moment.

Die Krankheit Krebs steht nicht mehr im Zentrum meines Lebens. Seit drei Jahren bin ich geheilt. Mein Arzt meinte bei der letzten Nachsorgeuntersuchung, die Wahrscheinlichkeit eines Rückfalls sei nunmehr nur noch sehr gering. Ich war an Morbus Hodgkin erkrankt, ein Lymphdrüsenkrebs mit sehr hoher Heilungsrate. In den Zeitungsberichten lese ich, inzwischen liege sie bei 90 Prozent. Damals sprach man von 70 bis 80. Die aufnehmende Ärztin der Uniklinik gab sich optimistisch: es gäbe Mediziner, die zögen die Erkrankung an Morbus Hodgkin einem Herzinfarkt vor. Ich hatte dennoch Angst, sterben zu müssen. Zehn Monate insgesamt dauerten erst Chemo-, dann Strahlentherapie. Alles geschah ambulant. Als ich die Krebsdiagnose erhielt, war ich 34 Jahre. Ich war verheiratet, arbeitete mit Erfolg, und unser Sohn war gerade sechs Monate auf der Welt.

Aus meiner Geschichte lassen sich keine allgemeinen Schlüsse ziehen. Zu verschieden sind die Krebsarten, zu verschieden die Perspektiven der Kranken. Alle aber teilen das Bedürfnis, das durch die Erkrankung hervorgerufene Leid zu bewältigen. Es auszuhalten. Es zu lindern. Ihm etwas entgegenzusetzen. Es zu überwinden. Hier geht es um mehr, als um sprachliche Nuancen ein und desselben Vorgangs. Was sich in diesen unterschiedlichen Begriffen andeutet, sind verschiedene Zustände eines komplexen Prozesses. Die Aufmerksamkeit der Öffentlichkeit aber richtet sich auf das Überwinden. Dabei wirken Kulturmuster mit, die dem Leid kaum eine Daseinsberechtigung lassen.

„Positives Denken“ heißt das Schlagwort, das die vorherrschende Haltung gegenüber dem Leid charakterisiert. Es ist der weltliche Trost einer Gegenwart ohne Hoffnung auf das Paradies im Jenseits. Der Mensch muss nun auf Erden von seinem Leid erlöst werden, und erleichtert sehen die Gesunden, wie es funktioniert. Kranke finden ihr Heil. Man muss nur „positiv denken“, dann bekommt alles wieder seinen Sinn und Leid wird zum Motiv einer Erfolgsgeschichte. Sicher wird mit diesem Schlagwort auch etwas Wahres beschrieben. Zuversicht und Freude sind Lebensqualität im Jetzt; und die hat positive Wirkung auf das Immunsystem; was wiederum die Bemühung der Ärzte unterstützt.

Doch im verkürzten Gebrauch wird die Wahrheit des positiven Denkens zur Lüge; und kehrt so auch im Reden der Kranken wieder – eine magische Beschwörungsformel, um sich selbst und der Welt zu beweisen, man lasse sich nicht unterkriegen. Als Ausdruck der Hoffnung auf Heilung hat das seine Berechtigung. Doch liegt ein Missverständnis nahe. Denn leicht reduziert sich „positives Denken“ auf ein Sein, in dem Angst, Unsicherheit und Trauer zu etwas werden, was die Heilung verhindert. Der vom Leid des Kranken beunruhigte Gesunde nennt solche Gefühle schnell fehlerhafte, falsche Einstellungen, die der Kranke selbst zu verantworten habe. Dieser könnte anders, wenn er nur wollte. Und dann wäre alles besser.

Druck entsteht, und unversehens verschieben sich die Gewichte. Leid ist nur noch auf abstrakte Weise ein Teil des menschlichen Lebens. Jedes konkrete Erleben von Leid aber erinnert an ein Scheitern. Der noch immer tief in uns wurzelnde Glaube an das Heil durch ständigen Fortschritt wird im Alltag wieder einmal enttäuscht. Nebenbei gesagt, das öffentliche Interesse verlagert sich in solchen Fällen immer wieder aufs Neue in die Zukunft. Und siehe da, heute kündigt die Gentechnik bessere Zeiten an. Für einzelne Menschen mag das stimmen; für die Menschheit nicht. Das Leid wird an anderer Stelle auftauchen.

Ohne Anerkennung des Leids in der Gegenwart bleibt keine Möglichkeit zu wirklichem Trost. Diese Anerkennung geschieht aber nicht, indem man auf abstrakte Weise bejaht, die Erkrankung an Krebs sei ein schreckliches Schicksal, um sich dann ausschließlich den Techniken zur Überwindung dieses Schicksals zuzuwenden. Diese Anerkennung des Leids geschieht nur in der direkten Begegnung mit dem Kranken.

Zu solch einer Begegnung bedarf es Kraft. Man muss Verzweiflung, Ungerechtigkeit, Angst und Trauer aushalten. Man muss es aushalten, dass einem für eine Zeit vielleicht der Sinn des Lebens verloren geht. Man muss es aushalten, nichts machen zu können, außer da zu sein. Ohne Worte, die vorschnell etwas zudecken. Und genau das reicht. Und genau das ist überaus schwer. Wenn meine Frau mit mir zusammen Angst und Trauer ertrug und nicht wegredete, verschwand Verzweiflung in einer grenzenlosen Leere. Sie verwandelte sich nicht in ein glückliches Gefühl, aber ich fand meine Ruhe wieder. So eine Begegnung erfordert gegenseitigen Respekt vor den jeweiligen Grenzen der Kraft. Ihre Voraussetzung ist nicht die vorher schon vorhandene Nähe, sondern innere Haltung der Akzeptanz vom Gegenüber.

Dieses Sein ist etwas ganz anderes als das „positive Denken“, dem ich in seiner trivialisierten Form immer mehr begegnete. Je länger die Krankheit andauerte, desto häufiger. Ganz zu schweigen von der Zeit, nachdem die Therapie abgeschlossen war. Von da an gab es in meinem Alltag keine Aktivitäten mehr, die jedem verdeutlichten, dass mein Leben durch die Krankheit Krebs beeinflusst war. Die Therapieroutinen lagen hinter mir, was noch an die Erkrankung erinnerte, war ich selbst. Mein Erzählen holte sie in die Gegenwart. Ich drängte mich niemanden auf, aber da man mich nach meinem Befinden fragte, antwortete ich. Und diese Antworten ertrugen nur noch wenige. Denn anstatt nur vom Glück der Heilung zu reden, redete ich auch davon, wie sich das Vertrauen in meine Gesundheit erst wieder entwickeln musste.

Ich fühlte mich über Monate weiterhin sehr schnell erschöpft. Es gab Krisen, von Angst begleitet, in denen sich Krankheitssymptome einstellten. Mehr als während der Therapie entfernte ich mich innerlich von manchen Menschen. Doch immer wieder ging es mir um das Aufgehobensein mit allen meinen Erfahrungen in der Welt. Es ging um Verstehen. Jede vorschnelle Zuschreibung und Deutung des Leids durch das Gegenüber zerstörte dann die Fäden, die den Leidenden mit dem Nicht-Leidenden verbinden.

Um keinen falschen Eindruck entsehen zu lassen; es gab immer auch Freunde. Ich war eingebunden in ein Netz von Liebe und Zuneigung. Das waren Menschen, die sich mir zuwendeten, ohne zu werten. Zudem half es gerade in dieser Zeit anderen Kranken und Genesenen zu begegnen, von ähnlichen Erfahrungen zu hören und sich nicht ständig erklären zu müssen. Erklärungen, die oft nicht wirklich gehört wurden.

Gerade weil in unserer Gesellschaft die Menschen mit aller Energie daran arbeiten, Leiden zu verhindern, gerät der Leidende oft selbst oft in die Defensive. Deshalb halte ich auch fröhlich lachende Krebskranke auf einem Buchumschlag der Ratgeberliteratur für einen Missgriff des Verlags. Nicht weil Krebskranke zu sehr leiden, um zu lachen, sondern weil diese lachenden Gesichter mit ihrer Präsenz im öffentlichen Raum helfen, das vorhandene Leid zu verdecken. In diesem Lachen steckt weniger ein Mut machender Appell an die Kranken, als ein beruhigender Trost für die Gesunden. Doch sobald ein Gesunder sich vom Leid des Kranken zu sehr bedrängt fühlt, kann sich ein solcher Trost in einen Vorwurf verwandeln. Dann fragt der Gesunde, warum geht es dir nicht so wie denen?

Symptomatisch für das Verdrängen ist auch das Gerede von der „Chance“. Selbstverständlich kann jemand durch die Konfrontation mit dem möglichen Tod zu Einsichten kommen, die ihn sein Leben lebenswerter machen. In einer ausführlichen Lebensgeschichte hat solch eine Deutung der Erkrankung dann ihre Berechtigung. Die Verkürzung zum Motto aber trägt dazu bei, die Gewichte zu verschieben. Zunächst wird das Leid der Erkrankung vielleicht noch mitgedacht. Dann rückt es allmählich aus dem Blick. Chance, das ist Zukunft. Da denkt man nicht mehr an das, was der Chance vorausgeht. Und das ist eine ganz andere Erzählung von der Krankheit. In dieser Erzählung muss man Abschied nehmen von Fähigkeiten, von Träumen und von Zielen. In solcher Erzählung geht es zunächst um Trauer. Das hört man weniger gern, als wenn jemand einen tieferen Sinn in seiner Erkrankung gefunden hat.

Sinn macht Leid erträglich, doch ungeschehen wird es dadurch nicht. Körperliche Schmerzen sind nichts als Schmerzen. Und der Tod beendet tatsächlich ein Leben. Deshalb bleibt Leid im Jetzt, auf das reagiert werden muss. Je weniger leidvoll das gesellschaftliche Bild des Leids aber ist, desto größer wird die Kluft, die den Leidenden von den Menschen um ihn herum trennt. Angehörige, Freunde, Bekannte werden zu Fremden. Der Leidende bleibt unter seinesgleichen oder allein. Da es kaum mehr lebendige kulturelle Formen gibt, die bei der Begegnung von Leidenden und Nicht-Leidenden Halt bieten, muss jeder, auf sich selbst zurückgeworfen, für das Gelingen einer solchen Begegnung einstehen.

Noch einmal: Das ist schwer. Und es ist schwierig, weil diese Begegnungen zweier Wirklichkeiten so empfindlich gegenüber Störungen und Missverständnissen sind. Darum ist das geduldige Bemühen um Verstehen so wichtig. Mir half es auch, wenn mein Rhythmus und mein Tempo geachtet wurden. Es half, wenn jemand in der Orientierungslosigkeit zwar die kleinen Auswege wahrnahm, sie aber nicht erzwingen wollte. Es half, wenn jemand seine eigene Angst erkannte und zu ihr stand. Ich merke, ich beginne, den glücklichen Teil meiner Geschichte zu erzählen. Es gibt ihn – und die Erfahrungen des Leids.

Der vergessene Torjäger Heinz Bohnes – Teil 2

Wenn es gestern um die Eckdaten der Fußballerkarriere von Heinz Bohnes ging samt dem fotografischen Blick auf typische Spielsituationen für ihn, stehen heute zunächst Fotos im Mittelpunkt, die ihn beim Auswahltraining der Nationalmannschaft zeigen. Im Oktober 1956 erhielt Heinz Bohnes die Einladung zu einem  einwöchigen Lehrgang mit der Nationalmannschaft. Sepp Herberger leitete den Lehrgang. Unterstützt wurde er durch Helmut Schön, der seit Mai Herbergers Assistenztrainer war sowie Georg „Schorsch“ Gawliczek, der gerade erst in ähnlicher Assistentenfunktion vom DFB unter Vertrag genommen worden war.

bohnes_9_lehrgang

Außerdem gibt es weitere Fotos aus Heinz Bohnes Zeit beim MSV Duisburg. Meinem Eindruck nach war er bei diesen Spielen noch sehr jung. Vermutlich sind das also Spiele aus seiner ersten und zweiten Spielzeit beim Meidericher SV – die Jahre 1955 bis 1957.

Abschließend bleibt noch das jüngste Dokument der Sammlung zu zeigen. Es ist der Trainerschein von Heinz Bohnes, der ihn auf einem Passfoto als Mann mittleren Alters zeigt.

bohnes_trainerschein


JETZT BESTELLEN
Das Buch über den Sommer 2013 in Duisburg rund um den MSV bis zum Wiederaufstieg zwei Jahre später

Kees Jaratz im Buchhandel

Die Seite zum Buch

Statt 14,95 € nur noch 8,90 €
Hier bestellen

Hier geht es zum Fangedächtnis

Kees Jaratz bei Twitter

Bloglisten

Werbeanzeigen

%d Bloggern gefällt das: