Hochgefühle halten lang und länger

Statt fehlender Worte war es fehlende Zeit, die mich heute erst in Erinnerungen an den Samstag schwelgen lassen. Aber so ein Hochgefühl wie nach dem 2:1-Sieg des MSV Duisburg über RB Leipzig lässt sich auch noch einen Tag länger auskosten. Allzu oft war in den letzten Jahren in unserem Stadion so ein ekstatischer Jubel wie nach dem Tor von Kingsley Onuegbu kurz vor Abpfiff nicht zu hören. Was für eine Explosion der Begeisterung! Welch ein Torjubel! Manchmal möchten wir gerne daran glauben, dass irgendjemand die Fäden für so ein Ereignis in der Hand hat. Respekt, würde ich dann sagen, derjenige hat ein hervorragendes Gespür für Dramaturgie und Spannung gewürzt mit einer Prise Moral. An diesem Samstag hatte sich das Geld nicht durchsetzen können.

So ein Jubel entsteht nur, wenn wir alle um unsere Helden bangen; wenn wir lange spüren, wie gefährdet sie sind, wie sehr sie sich mit allem, was sie können und haben für das einsetzen, was sie erstreben. Unsere Helden wollten den Sieg, keine Frage. Aber die Leipziger Mannschaft spielte sehr gut. Wider Erwarten wurde die Hoffnung auf den Sieg früh schon lebendig. Etwas überraschend erzielte Deniz Aycicek nämlich in der 29. Minute die Führung für den MSV. Das Tor verhalf dem Spiel zudem zu einem Moment der Komik. Während in der Mitte vor dem Leipziger Tor Kingsley Onuegbu und Patrick Zoundi nach vergeblichen Schussversuchen sich als Klageduo versuchten, spielte Aycicek einfach weiter und nahm dem Leipziger Abwehrspieler den eigentlich schon geklärten Ball wieder ab.

Nach vorne ging von beiden Mannschaften danach nicht mehr viel Gefahr aus. Schließlich kam die Halbzeitpause, um Atem zu holen. Nach Wiederanpfiff meinten wir uns für kurze Zeit noch mehr beruhigen zu können, weil sich in das Spiel der Leipziger Mannschaft Fehler einschlichen. Die Zebras schienen nicht mehr nur zu reagieren, sie begannen aktiver zu werden. Und wie es sich für eine perfekte Dramaturgie gehört, kommt in genau diesem Moment der Rückschlag. Der Ausgleich fällt und fortan dreht sich alles in die andere Richtung. Nun erarbeiten sich die Leipziger klarere Chancen, die mit ihrer Torgefahr erst jetzt zu der schon in der ersten Halbzeit gezeigten Spielanlage passten. Vor diesen Chancen hatten wir uns schon in den ersten 45 Minuten gefürchtet. Bei uns herrschte nämlich schnell die Meinung, eine bessere Mannschaft hatten wir in dieser Saison in Duisburg noch nicht gesehen.

Das Pressing der Leipziger beindruckte. Die gesamte Mannschaft bewegte sich gemeinsam so, als ob die Spieler weiterhin durch die Hilfsbänder des Defensivtrainings miteinander verbunden waren. Ein ballführender Duisburger stand sofort drei Gegenspielern gegenüber. Das wiederum verweist aber auch auf die Qualität des Duisburger Spiels. Trotz dieses so gut funktionierenden Pressings wurde kontinuierlich versucht, den Ball im kontrollierten Passspiel aus der eigenen Hälfte in den Angriff zu tragen. Nur selten erfolgte als letztes Rettungsmittel aus der Bedrängnis der Befreiungsschlag als Passversuch in die Weite. Dennoch wirkte im Vergleich die Leipziger Spielanlage überlegen. Die Leipziger Stürmer waren beeindruckend schnell, und es war klar, ein kleinster Fehler auf Zebraseite könnte zu einem Tor führen.

Für Zuschauer ohne spirituelle Neigungen sind es ja die Spieler selbst, die auf dem Feld an der perfekten Dramaturgie arbeiten. Dazu passte die erste Ballberührung von Gerrit Wegkamp nach seiner Einwechslung, die sogleich zu einer Torchance führte. Sein Schussversuch wurde erst im allerletzten Moment geblockt. Der Neuzugang war sofort präsent, wirkte selbstbewusst und zwang die Leipziger Defensive sich mit ihm zu beschäftigen. Freiräume entstanden so für seine Mitspieler, und allmählich geriet das Spiel wieder ins Gleichgewicht. Der MSV reagierte nicht mehr nur und musste aufs Glück setzen. Die Spieler gewannen die Kontrolle über das eigene Schicksal zurück.

Und wer sich als Dramaturgie-Perfektionist so gelungen um den großen Bogen kümmert, lässt sich den kleinen Bogen eines sich steigernden spannenden Finales nicht entgehen. In diesen letzten Minuten des Spiels war das Spiel völlig offen. Es wogte hin und her. Beide Mannschaften wollten den Sieg. Die Zebras aber wirkten mit einem Mal entschlossener. Sie waren zu noch mehr Einsatz bereit. Ganz vorsichtig begann ich meinem Eindruck zu trauen, die Zebras glaubten mehr an den Sieg als die Leipziger. Die endgültige Krönung dieser Dramaturgie wurde dann ein sich steigernder Chancen-Dreischritt.

Das Finale begann mit der Ahnung von Torgefahr durch einen Wegkamp-Kopfball nach weiter Flanke. Im Ansatz war zu sehen, die Defensive hatte viel Zeit sich vorzubereiten. In so einem Fall gelingt ein Tor nur mit viel Glück. Die nächste Chance machte schon mehr Hoffnung. Kingsley Onuegbu wurde im Strafraum angespielt, und er, der das Spiel über immer wieder Schwierigkeiten hatte sich durchzusetzen, tanzte mehrere Leipziger Spieler aus, ohne zum Torschuss zu kommen. Der Übermacht musste er sich schließlich beugen. Dann aber kam die dritte Chance, die Vollendung, der Anfang des allgemeinen Durchdrehens, der so lange vermissten Ekstase. Ein Freistoß fliegt in den Strafraum. Ordnung ist dort nur in Ansätzen noch vorhanden. In dem Strafraum konnte alles möglich werden, wenn nur ein Spieler des MSV Duisburg an dem Ball käme.

Der Abwehrversuch landete in der Nähe des Elfmeterpunktes beim MSV, es folgte ein überlegter Kopfball auf den rechts neben dem Tor frei stehenden Tobias Feisthammel, der zurück passte in die Mitte auf den ebenso frei stehenden Kingsley Onuegbu. Jede Richtungsänderung des Balles begleitet ein immer lauter werdendes bangendes Rufen der Erwartung, das schließlich im besagten Jubel explodiert. Natürlich weiß der perfekte Dramaturg, dass so ein Jubel Ausklang braucht, Raum, um sich zu beruhigen. So ein Dramaturg weiß, ein erneutes Kitzeln des Schicksals ist dafür das beste Mittel. Und so blieb noch ein Torschuss der Leipziger abzuwehren. Tanju Öztürk erledigte das kurz vor der Linie. Erst dann kam der Abpfiff. Erst so blieb Hochgefühl und nicht Erschöpfung durch den Jubel.

Und noch das: Es ist immer wieder schön, wenn während Heimspiel-Pressekonferenzen der gegnerische Trainer  spricht an Karsten Baumanns Gesicht abzulesen, wie es in ihm arbeitet. Dabei stehen die beiden Trainer-Meinungen für mich in keinem Widerspruch.

Beim Rotebrauseblogger das Spiel aus Leipziger Sicht, mit ähnlicher Spielbeobachtung aber natürlich anderer emotionaler Wertung.

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6 Responses to “Hochgefühle halten lang und länger”


  1. 1 sp470 4. Februar 2014 um 11:55

    …es war wirklich zu hinknien. und wenn ich mich an den ebenso späten Ausgleich gegen den FC im letzten Jahr erinnere, so sind 3 Punkte in letzter Minute doch nochmal eine ganz andere Klamotte. Gänsehaut!
    Nur der MSV! lg sp
    ps.Gerrit Wegkamp hat mich stark an Marius Ebbers erinnert. Irre ich mich da?


  1. 1 Presse 04.02.2014 | RB Leipzig News - rotebrauseblogger Trackback zu 4. Februar 2014 um 12:40
  2. 2 #Link11: Handkäs mit Musik | Fokus Fussball Trackback zu 4. Februar 2014 um 12:58
  3. 3 Fußballblogbeitrag des Monats: Februar 2014 | Fokus Fussball Trackback zu 20. März 2014 um 18:35
  4. 4 Teilen MSV und Hansa ihr Leid? | Fakten und Gerüchte aus dem Stadionbus Trackback zu 21. März 2014 um 08:52
  5. 5 Saisonabschluss Teil 3 – Die 10 Momente der Drittligazeit, an die mich sofort erinnere | Fakten und Gerüchte aus dem Stadionbus Trackback zu 29. Mai 2015 um 09:07

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