Archiv für März 2014

Von Anfang bis Westende – Ein wunderbarer Dokumentarfilm über die „Meidericher Vizemeister“

2014-03-30_Prem_Meid_viz_filmemacher_web

Michael Wildberg, Matthias „Matze“ Knorr, Kristian „Luette“ Lütjens (v. l.)

Schon mit einer Begrüßung lässt sich, wenn auch unbeabsichtigt, eine Zeit lebendig machen, die weit zurückliegt und die für den MSV Duisburg überaus erfolgreich war. „Liebe Damen und liebe Fußballfreunde“, so begann der 87jährige Rudi Gutendorf im Duisburger filmforum seinen Gruß ans Publikum, das auf die Premiere des Dokumentarfilms Von Anfang bis WestendeMeiderich Vizemeister wartete. Mit diesen Worten stellten sich die Bilder einer Zeit ein, in der Fußball vornehmlich Männersache war, in der Frauen ihr Haar hochtoupiert trugen und  in der der deutsche Fußballmeister zum ersten Mal in der Bundesliga ausgespielt wurde. Den Jüngeren muss man es wahrscheinlich erzählen. Rudi Gutendorf war Trainer dieser Vizemeister der ersten Bundesligasaison 1963/64, denen Kristian Lütjens, Matthias Knorr und Michael Wildberg ein filmisches Denkmal gesetzt haben.

Das filmforum war ein würdiger Ort, um diesen wunderbaren Film zum ersten Mal zu zeigen. Und es ist zu hoffen, dass die drei Filmemacher Kristian Lütjens, Matthias Knorr und Michael Wildberg zusammen mit Kai Gottlob vom filmforum die Lizenzprobleme um die alten TV-Fußballberichte des Films so lösen können, dass zum demnächst anstehenden DVD-Verkauf zusätzlich öffentliche Vorstellungen dieses Dokumentarfilms möglich werden. Das Kino schafft immer noch eine so besondere Atmosphäre, die nicht vergleichbar ist mit dem heimischen Wohnzimmer, so groß die TV-Bildschirme inzwischen auch sind, so machtvoll die Soundsystem den Ton heute auch transportieren. Zweifellos würde solch ein Kinobesuch für jeden Zuschauer mit  Interesse am MSV Duisburg im Besonderen oder am Fußball sowie der Geschichte des Ruhrgebiets im Allgemeinen zu einem unvergesslichen Erlebnis.

Mit der Chronik der ersten Bundesligasaison sowie deren Vorgeschichte in den letzten Wochen der Qualifikation für die Bundesliga ist der erzählerische Rahmen vorgegeben. Doch wäre dieser Film nicht so berührend geworden, wenn mit ihm nur an den sportlichen Erfolg hätte erinnert werden sollen. Der Weg zum sportliche Erfolg ist die Zeitmaschine, die uns den Anfang der 1960er Jahre und die Lebenswirklichkeit der damaligen Spieler lebendig macht. Diese Fußballdokumentation erzählt zugleich Stadt- und Ruhrgebietsgeschichte. Sie offenbart Mentalität der Vergangenheit. Sie liefert unzählige Facetten, mit denen wir einen Begriff davon bekommen, was das Leben damals ausgemacht  hat. Das sind die Arbeitsverhältnisse der Fußballer damals, die Vorteile, die sie selbstverständlich auch hatten, die gemeinsame Meidericher Herkunft oder die etwas andere Perspektive auf den Fußball, die sich im Erzählen ihrer Frauen ergibt.

Günter Preuß, Horst Gecks und Michael Bella seien beispielhaft für diese Farbe des Films erwähnt. Allesamt erzählen lebendig und detailliert, geben Einblick in Gefühle und lassen so ahnen, welch Vertrauen sie zu den Filmemachern besessen haben. Dieser Blick auf die Vergangenheit bietet schon viel, doch wird er angereichert mit Erinnerungen voller Komik, an denen vor allem „Hennes“ Sabath und Werner „Lölle“ Lotz ihren Spaß haben. Beide sind pointensichere Erzähler, in deren Sprechen das bodenständige Ruhrgebiet ein großes Schaulaufen feiert. Der eine, Lotz, lauert mit dem Schalk in den Augen auf die nächst mögliche Pointe, der andere, mehr der Vertreter des lakonischen Humors, hat immer noch als Held von damals das Geschehen fest im Griff.

Sucht man nach der filmischen Qualität, zeigt sie sich zunächst in Kristian Lütjens Gespür für den Rhythmus beim Schnitt. Die Abfolge von komischen Momenten, von notwendiger sachlicher Information durch eingeblendete Spielberichte, TV-Ausschnitte alter Spiele und der sachlichen, nicht minder lebendig erzählten Vergangenheit lässt niemals Langeweile aufkommen. Außerdem weiß er um die Bedeutung stimmungsvoller Bilder vom Duisburg der Gegenwart, die er zusammen mit Matthias Knorr eingefangen hat. Michael Wildberg verantwortete Interviews und Redaktion. Nicht zu vergessen sind noch Los Placebos, die mit ihren musikalischen Wurzeln im Ska einen schmissigen Soundtrack geschaffen haben.

Von Anfang bis Westende – Meidericher Vizemeister steckt voller Gefühl, ohne sentimental zu sein. Der trockene Humor, die bodenständige Lakonie des  Ruhrpotts steht der vollkommenen Verklärung der Vergangenheit entgegen. Und bei allen schönem Erinnern gibt es dennoch die Hinweise auf mögliche Konflikte, auf widerstreitende Interessen, auf Unmut, den es auch damals schon gegeben hat. Liebe Damen und liebe Fußballfreunde, eins aber muss ich euch leider zum Ende hin auch noch sagen. So sehr ihr nun diesen Film sofort sehen wollt, jetzt heißt es warten. Erst Ende April wird die DVD im Fanshop erhältlich sein. Bis dahin freut euch schon mal vor!

 

 

 

 

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MSV-Sieg auch ohne Glück möglich

Chronistenpflicht. So lautet heute das Motto, wenn ich mich noch einmal dem Auswärtsspiel des MSV Duisburg beim 1. FC Saarbrücken zuwende. So viel gibt es nämlich über den MSV Duisburg nach diesem Wochenende zu schreiben. Der Schuldenschnitt ist zu feiern, die Premiere des wunderbaren Dokumentarfilms über die „Meidericher Vizemeister“ stand an und dennoch darf das Spiel in diesen Räumen hier nicht fehlen, sonst zieht schon in ein paar Jahren jemand den Zebrastreifenblog als Beleg dafür heran, dieses Spiel habe nicht stattgefunden. Sonst gäbe es über jedes Spiel wenigstens ein paar Worte, nur über dieses nicht. Alle Spielberichte in anderen Medien müssten demzufolge erfunden sein. So macht sich mancher mit Hilfe vom Netz die Wirklichkeit, und schon klebt am DFB der Zukunft jene Verschwörungstheorie, in der der 1. FC Saarbrücken in der Saison 2013/14 im Kampf gegen den Abstieg maßgeblich benachteiligt wurde.

Beim FCSBlog 2.0 sieht Carsten Pilger hingegen momentan noch den 1. FC Saarbrücken selbst in der Verantwortung. Er zeigt sich enttäuscht vom „Angsthasenfuatsball“ der Mannschaft. Eine harmlose Duisburger Mannschaft hatte er gesehen, und nicht ganz klar wird, ob er damit nur das Spiel in der zweiten Halbzeit meint. Schließlich vermerkt auch er die Chancen der Zebras in der ersten Hälfte, die der 1:0-Führung durch das Tor von Michael Gardawski vorangingen. Den freien Weg aufs Tor hatte ihm Pierre De Wit mit einem steilen feinen Pass in den Lauf eröffnet. Harmlos konnte Carsten Pilger den MSV Duisburg nur deshalb nennen, weil er nicht die Spiele vom MSV gegen Holstein Kiel und die Durststrecke gegen den SV Elversberg gesehen hat. Wir kennen uns besser aus, und ich denke, die meisten von uns waren grundsätzlich zufrieden mit der Spielweise des Vereins unserer Zuneigung.

Zumindest war ich das ab der zehnten Minute ungefähr, als mein Bildschirm nicht mehr nur schwarz war und der Stream endlich ins Laufen kam. Ich habe also die zwei großen Chancen der Saarbrücker in den Anfangsminuten verpasst, von denen der Kommentator des Streams noch bedauernd schwärmte.  Von meinem Anfang an sah ich eine Duisburger Mannschaft, der die Saarbrücker das Spiel überließ und die dieses Mal die Verantwortung für die Spielgestaltung in solider Weise übernahm. Die Mannschaft kombinierte auf engem Raum, um die Chance auf den öffnenden Pass zu suchen. Die Spieler bewegten sich viel, waren präsent und wollten jederzeit ein weiteres Tor. Sicherheit konnten die Zebras auch entwickeln, weil den Saarbrückern selbst nach Balleroberung in für den MSV gefährlichen Zonen des Spielfelds offensiv kaum etwas gelang. Auf die fehlerhafte Ballverarbeitung der Saarbrücker durfte die Mannschaft des MSV Duisburg zählen. Zwei, drei Abspielfehler in der Defensive hätten wirklich gefährlich werden können, doch den Saarbrücker Spielern versprang der Ball oder sie legten ihn sich zu weit vor.

In der zweiten Halbzeit hielten sowohl MSV als auch der 1. FC Saarbrücken ihr jeweiliges spielerische Niveau, und Sorgen machte ich mir nur vor einem immer möglichen glücklichen Tor des Gegners. Dem MSV half dagegen ein  Schiedsrichterpfiff. So ein Handspiel im Strafraum wie das des Saarbrückers Taku Ishihara wird zuweilen gepfiffen und dann wieder auch nicht. Branimir Bajic verwandelte den Elfmeter sicher. Das Spiel war entschieden. Der Sieg fügte der Nachricht vom erfolgreichen Schuldenschnitt  das entsprechende sportliche Resultat zur weiteren Stimmungsaufhellung bei. Allerdings wird auch der dritte Erfolg in dieser Woche keinen Baumann-Kritiker grundsätzlich in seiner Meinung beirren. Dazu müsste die Mannschaft im nächsten Heimspiel nachlegen – mit einer Spielweise, die Anhänger des Gegners harmlos nennen und die wir im Wissen über den Saisonverlauf überaus wertschätzen können.

 

 

 

Die Pressekonferenz nach dem Spiel sowie die O-Töne von Pierre De Wit und Michael Ratajczak.

 

Ein Auswärtsspiel als Unmutspause

Wahrscheinlich werden die Spieler des MSV Duisburg angesichts der vorherrschenden Stimmung in der MSV-Arena über das Auswärtsspiel am Wochenende erleichtert sein. Ich stelle mir das so vor, weil ich selbst beim öffentlichen Auftreten vor größeren Gruppen immer sehr viel angespannter bin, wenn ich davon ausgehe, im Raum ist man mir nicht unbedingt wohlgesonnen.  Ich bin dann erst einmal kontrollierter, greife auf Routinen zurück und muss für die Leichtigkeit des Auftritts arbeiten. Wir Menschen haben sehr unterschiedliche Persönlichkeiten, deshalb wird es nicht jedem Spieler des MSV Duisburg so gehen. Es reicht aber schon, wenn es bei einigen so ist, um die Leistung der Mannschaft zu gefährden. Ein Heimspiel ist momentan nicht mehr unbedingt ein Vorteil für den MSV.

Der MSV hat zum Ende der Saison hin ein Problem, das wir alle, auch die wütendsten Baumann-raus-Rufer, vor dem ersten Spieltag uns gewünscht hätten. Eine wunderbare Paradoxie. Die Mannschaft hat weiterhin Chancen, den vierten Tabellenplatz zu erreichen. Das ist schön. Dennoch spielt die Mannschaft nicht kontinuierlich gut. Das ist schlecht. Sollen wir nun mehr den Blick auf das eine oder andere werfen? Wer mehr auf die Spielweise schaut, steht dann immer noch vor der Frage, warum diese Mannschaft nicht kontinuierlich gut spielt. Darauf gibt es eine vielfältige Antwort, die schon zweimal im Stadion auf die Kurzformel „Baumann raus“ gebracht wurde.

Deutlich gesagt, ich teile den Ärger, schimpfe über Fehler der Mannschaft und denke doch, „Baumann raus“ zu rufen bei jeder schlechten Mannschaftsleistung hilft dem Verein nicht weiter.  Die Botschaft ist mit Sicherheit angekommen. Ivo Grlic wird die Stimmung rund um den MSV bei seiner Entscheidung sicher mitbedenken. Nun reicht es auch mit der schlechten Stimmung bis zum Ende der Saison.  Fußball ist eine emotionale Angelegenheit und rationale Entscheidungen können nicht immer getroffen werden. Dennoch möchte ich anregen, die schlechten Spiele der Mannschaft und damit zugleich die Trainerfrage auch aus einer anderen Perspektive zu sehen.

Einerseits stimmt es ja, es gibt kaum kontinuierliche Entwicklung der Spielkultur. Dennoch steht die Mannschaft auf dem sechsten Tabellenplatz. Irgendeinen Anteil wird Karsten Bauman daran haben. Wer ihn stark kritisiert, hält diesen Anteil für gering und die Spieler eigentlich zu noch besserer Leistung fähig. Mich wiederum erinnert dieses Sprechen über die grundsätzlichen Möglichkeiten der Spieler immer an die Schule, wo es inzwischen Legionen von Eltern gibt, die den Lehrern erzählen, eigentlich seien ihre Kinder besser als es die Lehrer sehen. Sie hätten es nur gerade beim letzten Mal nicht richtig zeigen können, und zwar weil der Lehrer so unverständliche Fragen gestellt hätte. Wenn ich sehe, welch individuelle Fehler die Spieler des MSV Duisburg immer wieder machen, dann steht Karsten Baumann vielleicht vor der Frage, wie kriege ich Stabiliät in dieser Mannschaft hin? Und dann heißt es als erstes, sich um die Defensive kümmern.

Nun zu der Vermutung, es gibt bessere Trainer als Karsten Baumann. Das mag ja stimmen, doch unter welchen Voraussetzungen müsste dieser Trainer beim MSV Duisburg arbeiten. Er müsste in der nächsten Saison sofort funktionieren. Er muss mit der Mannschaft aufsteigen. Stellen wir uns diesen Idealtyp vor. Er muss Spieler, die er nicht unbedingt kennt, zu einer Mannschaft formen. Er sollte bewiesen haben, dass er das irgendwo schon einmal gemacht hat. Am besten sollte er schon einmal einer Mannschaft zu einem Aufstieg verholfen haben. Er sollte in professionellen Zusammenhängen schon gearbeitet haben. Er muss bezahlbar sein. All das ist nötig, um das Risiko kalkulierbar zu machen. Ich kenne den Markt nicht gut. Wo ist dieser Trainer?

Ein Trainer, den wir jetzt noch nicht kennen, wird das Risiko erhöhen. Ein Kosta Runjaic käme heute wahrscheinlich nicht mehr zum MSV Duisburg. Wenn wir das Runjaic-Modell noch einmal umsetzen wollten, suchten wir in Liga 4 nach einem ambitionierten Trainer. Ich möchte keinen Trainer hier sehen, der gerade entlassen wurde, also gescheitert ist.  Der Trainerwechsel bleibt also ebenso mit einem Risiko verbunden wie der Verbleib von Karsten Baumann, letzteres ist aber kalkulierbar, wenn die Mannschaft verstärkt wird. Was unbedingt notwendig ist, auch wenn ein anderer Trainer käme. Ohnehin setze ich auf das Urteil von Ivo Grlic. Er ist nah an der Mannschaft. Er sieht, was geschieht, setzt die Spiele dazu in ein Verhältnis. Ein Nebensatz von Tanju Öztürk im Interview nach dem Spiel sollte ebenfalls zu Denken geben. Sinngemäß sagte er, die erste Halbzeit sei es in der Defensive schlecht gelaufen, doch in der Pause hätte es taktische Hinweise gegeben und danach hätte es besser geklappt. So viel zum Thema, Karsten Baumann nimmt keinen Einfluss auf das laufende Spiel.

Noch einmal, es kann sicher besser gehen, bei der realistischen Suche nach Alternativen sehe ich momentan aber keine. Sollte Ivo Grlic aber Karsten Baumanns Vertrag tatsächlich verlängern wollen, ist eines klar. Diese Vertragsverlängerung braucht sehr viele erklärende Worte. Es war absehbar, dass die Hochstimmung und der Zusammenhalt vom Sommer letzten Jahres nicht dauerhaft anhalten wird. Sportlicher Erfolg ist im Fußball letztlich das, worum es geht. Damals hatte ich die Hoffnung, der Verein könne mit offensiver Kommunikation in schwierigen sportlichen Phasen den Zusammenhalt weitestgehend erhalten. Diese offensive Kommunikation wäre spätestens beim Vertragsabschluss mit Baumann gefordert. Besser wäre es, jetzt schon zu beginnen. Es sind ja immer wieder dieselben Fragen, die Fans bewegen. Die Frage, warum Wegkamp und nicht Onuegbu ausgewechselt wurde, wäre so eine zu beantwortende Frage zum Beispiel.

Ich hoffe sehr, dass Karsten Baumann, andere Verantwortliche und auch die Spieler nicht den Konflikt mit dem Publikum suchen. Ansätze dazu muss es beim Spiel gegen SV Elversberg gegeben haben. Gerade wenn sie ihre Leistung nicht in dem Maße gewürdigt sehen, wie sie es sich wünschen, sollten sie sehr konkret auf Vorwürfe reagieren. Suchen sie den Konflikt, werden sie gegenüber den lauten Rängen verlieren. Sportlicher Erfolg ist natürlich eine andere Möglichkeit, sich aus der Affäre zu ziehen. Denken wir also an das Spiel in Saarbrücken, das nicht einfach wird, weil die Veränderungen in der Mannschaft dort nun zu Siegen führen. Die Saarbrücker haben ihr Selbstbewusstsein zurückgewonnen.    Im FCSBlog 2.0 findet sich vor jedem Spieltag die unterhaltsame Rubrik „Die fünf wichtigsten Duelle“, mit der auch vor dem Spiel des 1. FC Saarbrücken gegen den MSV Duisburg beide Vereine mit besagten fünf wichtigen Themen miteinander verglichen werden. Ich hoffe jedenfalls auf weitere Beruhigung der Stimmung, auf dass der Vorteil eines Heimspiels bis zum Ende der Saison dauerhaft gewahrt bleibt.

 

Noch die Pressekonferenz vor dem Spiel gegen den 1. FC Saarbrücken. Patrick Zoundi begleitete Karsten Baumann.

Und damit in frischer Erinnerung bleibt, wie Tore erzielt werden, noch einmal die drei Tore gegen SV Elversberg.

Ein 3:0 nach dem Zwiebelprinzip: Unter der Souveränität die Lage Glück

Englische Wochen haben es in sich. Große Lust verspüre ich nicht an diesem Donnerstagmorgen, über das gestrige Spiel des MSV Duisburg gegen SV Elversberg zu schreiben, besonders weil der Sieg souverän und gleichzeitig auch glücklich war. Wenn beides zutrifft, muss einiges erklärt werden. Aber wie gesagt, eigentlich ist mein Kopf nicht frei für einen gründlich erklärenden Spielbericht. Eigentlich steht heute Aufbauschreiben für die Wochenendbegegnung an, vielleicht noch ein paar Lockerungsübungen in Sachen Heimatlied – Sektion Duisburg, aber doch nicht Gedanken zu einem Spiel, das mit einem sehr frühen Kopfballtor durch Tanju Öztürk in der 2. Minute begann und dann für ungefähr weitere 55 Minuten  sich so anfühlte, als sei es den Spielern des MSV Duisburg gestern genauso gegangen wie mir heute.

Nach diesem frühen Führungstor wollten die Zebras nicht viel riskieren, sie wollten den Einsatz in Grenzen halten und das Spiel dennoch kontrollieren. Was wirklich nicht schön anzusehen war, weil zu so einer Spielkontrolle die nötige Ballsicherheit beim Spiel nach vorne vollends fehlte. Das führte in der Offensive zu großem Gewurschtel, unpräzisen Pässen, ergebnislosen Einzelaktionen und dem Ball abgeben an den Gegner. Der Elversberger Spielaufbau wurde dann in deren Hälfte halbherzig angelaufen. Mir fehlt gerade das passende Wort. Stören möchte ich das nicht nennen, Pressing darf jeder völlig vergessen. Wie gesagt, das wäre nicht weiter schlimm gewesen, wenn die Defensive in der eigenen Hälfte souverän gestanden hätte. Da aber die Sicherheit der Defensive bei solch einer Spielweise  besonders mit der Qualität der Offensive zusammenhängt, war absehbar, dass die Elversberger zu ihren Chancen kommen würden. Die Mannschaft erwies sich als abschlussschwach, zudem kam bei einem Pfostentreffer in der zweiten Halbzeit Pech dazu. Oder war es die Latte?

Ihr seht, ich knüpfe an die Mannschaftsleistung an, Unsicherheiten und Fehler durchzogen das Spiel. Die Konsequenz war großer Unmut auf den Rängen. Das Pfeifkonzert zur Halbzeitpause trotz Führung machte deutlich, das Duisburger Publikum ist mit Ergebnisfußball momentan nicht zufrieden. Ich machte keine Ausnahme, obgleich ich Pfiffe zu diesem Zeitpunkt für verfehlt hielt. Aber auch Fans sind manchmal hilflos wie die Spieler und greifen auf unpassende alte Schlager des Unmuts zurück wie „Wir woll’n euch kämpfen sehen“. Wenn eines sicher ist, die Spieler kämpfen. Die Schwierigkeiten dieses Mal lagen in dem notwendigen Aufbauspiel bei einer solchen Spielanlage in der Defensive.

Als Karsten Baumann dann in der 60. Minute etwa Patrick Zoundi für Gerrit Wegkamp einwechselte, gab es endlich das Ventil für allen Unmut. Pfiffe, „Baumann raus“ und Sprechchöre für Gerrit Wegkamp. Ein großer Teil des Duisburger Publikums hält Karsten Baumann für den Schuldigen an der Spielweise. Ihr merkt, ich gehöre nicht dazu. Natürlich ist er verantwortlich mit seinen Vorgaben für die Spielweise. Ich ärger mich auch und wenn ich mich beruhigt habe, überlege ich, welche Alternative es gibt. Ich sehe keine. Ich glaube nicht, dass ein anderer Trainer erfolgreicher mit der Mannschaft gewesen wäre. Ich sehe aber auch, solche Überlegungen spielen keine Rolle mehr. Es geht nicht mehr alleine um den Erfolg. Es geht um Spielkultur. Es geht um die Entwicklung der Mannschaft. Wahrscheinlich fehlen  zwei, drei Spieler für diese Entwicklung.

Natürlich hat sich Karsten Baumann bestätigt gefühlt, als Patrick Zoundi nicht nur die Angriffe des MSV Duisburg sofort gefährlicher machte, sondern bald auch durch sein konsequentes Nachgehen das 2:0 erzielte. Andererseits beweist diese Einwechslung gleichzeitig auch nicht viel. Patrick Zoundi kommt meist in dieser Spielphase und nicht immer ist er so erfolgreich. Nicht alles ist eben so eindeutig, wie es auf den ersten Blick scheint, ob nun positiv oder negativ über Karsten Baumann geurteilt wird. Ich vertraue auf Ivo Grlics Urteil über die grundsätzliche Qualität von Karsten Baumanns Arbeit. Es ist aber auch klar, die Mannschaft und damit Karsten Baumanns Arbeit wird von vielen MSV-Zuschauern in den nächsten Spielen nicht nur an den Ergebnissen gemessen.

Das dritte Tor wurde zwar ebenfalls durch Patrick Zoundi erzielt, der Beifall muss aber vor allem Phil Ofosu-Ayeh gelten, der in der 79. Minute bei einem Konter noch einen Sprint samt Ball über das ganze Spielfeld hinlegen konnte, ohne dass ihn ein Gegenspieler einholte. Zudem behielt er an der Strafraumgrenze den Überblick,  um quer auf Zoundi abzulegen. So wirkt der Sieg souveräner, als er war. Glück gehörte besonders zu Beginn der zweiten Halbzeit hinzu, als die Elversberger ihre Abschlussschwäche zu überwinden begannen.

Tanju Öztürk und Phil Ofosu-Ayeh mit Kommentaren nach dem Spiel

 

Erfahren Namibianer oder Namibier vom MSV-Sieg gegen Rostock?

Heutzutage erhalte ich im Netz den Hinweis auf einen Spielbericht zum 1:0-Sieg des MSV Duisburg beim FC Hansa Rostock und schon beschäftige ich mich mit „Wortbildungslehre der deutschen Sprache“. Wie nennt man die Staatsangehörigen von Namibia? Na? Seid ihr mehr der intuitive Typ oder der Duden-Nutzer? Wenn ihr den deutschsprachigen Staatsangehörigen Namibias eine Freude machen wollt, setzt auf eure Intuition. Ihr unterstützt einen afrikanischen David im Einsatz für selbstbestimmte Wortentwicklung im Kampf gegen die zentralistische Allmacht des Goliaths Duden-Redaktion.

Von der deutschen Öffentlichkeit weitgehend unbeachtetet versuchen deutschsprachige Staatsangehörige Namibias nämlich, sich gegen den Vorschlag der Duden-Redaktion zur Bezeichnung ihrer Staatsangehörigkeit zu wehren. Zumindest die Netz-Aktivisten der deutschsprachigen – Achtung! – Namibianer fühlen sich mit dem allgemein gebräuchlichen „Namibier“ nicht gemeint. Mit einem Klick weiter findet ihr die Begründung, deren sprachwissenschaftliche Gültigkeit ich hiermit zur Diskussion stelle.  So tief bin ich nicht mehr im Thema „Wortbildungslehre“ und fürs Nachschlagen fehlt die Zeit.

Wir könnten zudem den Spieler des FC Hansa Rostock Manfred Starke fragen, wie er sich nennt. Seine Einwechslung in der 84. Minute im Spiel gegen den MSV Duisburg machte mich überhaupt mit diesem linguistischen Streit bekannt. Er ist Deutschnamibianer, und sobald er spielt, ist das anscheinend der namibianischen Allgemeinen Zeitung einen ganzen Spielbericht wert. Dann wird auch eine Niederlage von Hansa Rostock mit Fassung aufgenommen, und Namibia erfährt vom MSV Duisburg als Nebeneffekt. Man braucht ja nicht unbedingt zu erwähren, dass Manfred Starke nur 6 Minuten gespielt hat.

Ein Sieg zeigt Gründe für den Tabellenplatz

Fußballspiele des MSV Duisburg wie das beim FC Hansa Rostock kann ich mir eigentlich nicht an heimischen Bildschirmen ansehen, ohne den Familienfrieden zu gefährden. Zwangsläufig schreie ich schließlich immer wieder einmal so bedrohlich bangend auf, dass meine Frau regelmäßig besorgt ins Zimmer eilt. Diese Mischung aus Aufschrei und Stöhnen muss sich nach schwerem körperlichen Unwohlsein anhören. Sollte ich einmal tatsächlich etwa nachts gesundheitliche Probleme haben, wird sich meine Frau nur noch über die ungewöhnlichen Anstoßzeiten beim MSV wundern.

Ich bangte so sehr um den 1:0-Sieg, weil die Fallhöhe in diesem Spiel so hoch war. Der MSV Duisburg gestaltete in der ersten Halbzeit und zu Beginn der zweiten Hälfte das Spiel so überlegen, dass  die Hoffnung auf einen sicheren Sieg übermächtig war. Gleichzeitig war aber auch eins klar, diese Überlegenheit verdankte sich großer Laufbereitschaft und sehr viel Einsatz. Bis zum Ende des Spiels war diese Intensität nicht beizubehalten. Zum Ende des Spiels würde der FC Hansa Rostock zu Chancen kommen. Der MSV Duisburg brauchte ein zweites Tor, und dieses Tor fiel nicht.

Meine Sorge speiste sich aus einem vorweggenommenen Mitleiden. Denn die Mannschaft vom MSV Duisburg ist sich ihrer selbst nicht sicher genung, um einfach wegzustecken, dass sie nicht belohnt wird, obwohl sie so viel in ein Spiel investiert.  Die Enttäuschung der Mannschaft fürchtete ich genauso wie die Enttäuschung vieler Anhänger, die die Stimmung rund um den MSV noch ungemütlicher gemacht hätte. Das zweite Tor, das nicht fallen wollte, gibt aber auch die Antwort auf die Frage, warum die Mannschaft nicht immer so spielt. Die eine schnelle Antwort ist banal. Die Spieler können es nicht.

Die andere etwas ausführlichere Antwort habe ich in den letzten Wochen schon öfter geschrieben. Die Entwicklung des Spiels bestimmt mit, zu welchen Leistungen die einzelnen Spieler fähig sind und wie groß ihr Einsatz werden kann. Marcel Lenz und Matthias Kühne betonten beide nach dem Spiel, wie sehr jeder alles für die Mannschaft gegeben habe. Man könnte nun vermuten, das habe mit Karsten Baumanns wechselnden Motavitationkünsten zu tun. Sehr viel wahrscheinlicher ist etwas anderes. Dieser Einsatz wurde möglich, weil Michael Gardawski schon früh, in der 11. Minute, ein Tor erzielte, das im Übrigen durch ganz feine  Schusstechnik möglich wurde. Diese frühe Führung gab nicht nur der eigenen Mannschaft Sicherheit, gleichzeitig reduzierte dieses Tor die Risikobereitschaft der Rostocker. So konnte das frühe Pressing so erfolgreich werden.

Das zweite Tor fiel nun deshalb nicht nur, weil klare Chancen vergeben wurden. Hinzu kam, viele Spielaktionen nach dem jeweiligen Ballerobern waren nicht präzise genug oder es fehlte dem Ballführenden der Blick für die Mitspieler. Auch in dem Fall kann Michael Gardawski genannt werden, beispielhaft für die gesamte Mannschaft. Um die 30. Minute herum spielte er den nötigen Steilpass eben nicht, der Kingsley Onuegbu im Strafraum alleine vor dem Torwart hätte auftauchen lassen. Oder in einer anderen Spielsituation dribbelte er im eins gegen eins den Ball zwar am Gegner vorbei, aber dafür auch knapp ins Aus. Auf demselben Niveau bewegten sich seine Mitspieler. Die Mannschaft brauchte stets mehrere Anläufe, um den Ball einmal gefährlich vor das Rostocker Tor zu bringen. Aus der Feldüberlegenheit ergaben sich deshalb zwar weitere Chancen, doch entfaltete sich durch sie kein zwingender Druck aufs gegnerische Tor. Die Chancen ragten aus dem Spielfluss heraus. Dass sie nicht genutzt wurden, verweist ebenfalls auf die Antwort zur oben gestellte Frage.

Wenn eine Mannschaft diese Überlegenheit in keine deutliche Führung verwandelt, braucht sie zum Spielende hin neben dem aufopfernden Kampf in der Defensive einen starken Torwart. Musste Marcel Lenz im Heimspiel gegen Holstein Kiel noch seine Stabilität finden, so war er dieses Mal von Anfang an präsent. Erste Fernschüsse der Rostocker nahm er gelassen auf, und als es ab der 70. Miute herum ein paar Mal wirklich heikel wurde, zeigte er sowohl beeindruckende Reflexe auf der Linie als auch ein starkes Stellungsspiel, das die gegnerischen Stürmer zu Schüssen aus ungünstigen Positionen zwang. Wahrscheinlich langt der Auswärtssieg noch nicht, um die Stimmung rund um den MSV Duisburg zu stabilisieren. Erst nach einem weiteren Erfolg im Heimspiel gegen Elversberg wird die Saison ruhig zu Ende gespielt werden können. Hoffen wir darauf.

Die Pressekonferenz nach dem Spiel sowie die Stimmen von Marcel Kühne und Marcel Lenz.

Der MDR-Spielbericht:

Teilen MSV und Hansa ihr Leid?

Angesichts der momentan durchwachsenen Stimmung rund um den MSV Duisburg, möchte ich vor dem Auswärtsspiel gegen Hansa Rostock zunächst mit einer guten Nachricht aus dem Umfeld des Vereins aufwarten. Das Umfeld bin in dem Fall ich. Fokus Fußball, die Blog- und Presseschau zum Sport unseres Interesses, hat meinen Spielbericht zum 2:1-Sieg gegen RB Leipzig als einen von fünf Texten für die Wahl zum Fußballblogbeitrag des Monats Februar nominiert. Dafür gedankt, und das natürlich als Ansporn begriffen. Dieser einen guten Nachricht folgt sofort eine weitere. Denn mit dem ebenfalls nominierten Text von Trainer Baade „Ein echter Schalker“ kommt ein weiterer potentieller Fußballblogbeitrag des Monats Februar von einem Duisburger Autoren. Und wenn es einen Verein für Trainer Baade gibt, bei dem er mitfiebert, so ist es der MSV Duisburg.

Ob solche guten Nachrichten auch als Ansporn bei den sportlichen Aktivitäten des MSV Duisburg wirken, bleibt abzuwarten. Direkte Einflüsse dürfen wir wahrscheinlich nicht vermuten, aber schmetterlingsflügelschlaggleiche Energiezuflüsse über esoterisch anmutende Kanäle können bei einer Liga mit etwa 15 nahezu gleich starken Mannschaften schon mal den Ausschlag geben. Karsten Baumann hat in der Pressekonferenz noch einmal darauf hingewiesen, dass in allen Spielen mit Ausnahme des Heimspiels gegen Darmstadt jeder Spielausgang möglich gewesen wäre.  Christian Eichner berichtet zudem in der Pressekonferenz von der weiterhin guten  Stimmung in der Mannschaft. Auf bleibenden Siegeswillen und die dazu nötige Einstellung sollten wir also hoffen dürfen.

Zu Beginn der Pressekonferenz vom FC Hansa Rostock wähnt man sich in der Morgenkonferenz auf Station 2a des Klinikums Südstadt. Eine Neuaufnahme noch ohne klaren Befund, die länger liegenden Patienten mit gutem Verlauf, demnächst eine Entlassung. Ab Minute 3.50 stellen wir dann fest, was wir beim MSV erlebten, kennen Hansa-Anhänger und -Spieler nicht weniger. Demnächst sollen Hansa- und MSV-Spieler sogar die erlittenen Enttäuschungen dieser Saison in einer Online-Selbsthilfegruppe gemeinsam bearbeiten. Geteiltes Leid ist halbes Leid, und Sprechen oder Schreiben im geschützten Raum führt zu gereiften Mannschaften. Mannschaften, die in der nächsten Saison erreichen werden, was sie aufgrund der ähnlichen finanziellen Situation ihrer Vereine erreichen müssen: den Aufstieg in Liga 2. Neben den allgemeinen Befindlichkeiten gibt es noch ab Minute 13.18 Hansa-Spieler Julian Jakoks, der über seine persönliche Situation spricht.

Alles in allem, zwei Mannschaften mit demselben Vorhaben und ähnlichen Bedingungen, mal sehen, welche Kleinigkeit dieses Mal wieder den Ausschlag gibt.


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