Der Saisonweg ist das Saisonziel

So lange auf Live-Tickern nur von torlosen Unentschieden  zu lesen ist, lässt meine Aufmerksamkeit für Spiele vom MSV Duisburg schnell nach, wenn ich bei Freunden sitze und das Leben dort gerade mit vielen seiner bestimmenden Momente den Raum erfüllt. Der Geburtstag der Freundin als Anlass, die Beerdigung ihrer Mutter drei Tage zuvor, ein fast erwachsener Sohn in Shanghai, all das stößt ein Erinnern an, für das Smartphone-Sätze zu Spielen mit nur von irrationaler Hoffnung befeuerter Bedeutung keine ablenkende Konkurrenz sind.

Von der 1:0-Niederlage des MSV Duisburg gegen den SV Darmstadt 98 habe ich also lange nach dem Schlusspfiff recht teilnahmslos gelesen. Die Eindrücke derjenigen, die vor Ort gewesen sind, verraten mir zudem, die Zebras zeigten kein schlechtes Spiel, trotz mangelnder Offensivkraft. Natürlich ist die rote Karte gegen Michael Ratajczak bedauerlich. Natürlich kann man sich über einen Elfmeterpfiff kurz nach dem Platzverweis ärgern. Selbstverständlich kann die Spielweise der Mannschaft Hinweise auf Erfolgsaussichten in der kommenden Saison geben, aber im Moment betrachte ich das Ergebnis nur mit entspannter Gelassenheit. Ich mache mir keine Gedanken, ich nehme die Dinge, wie sie kommen. Der Weg des MSV Duisburg wurde mir zum Ziel.

Um nichts anderes geht es nun noch als um den Moment. Ich werde im Heimspiel gegen Holstein Kiel auf meinem Platz stehen und weder an Aufstieg noch an Abstieg denken. Ich werde die Gegenwart des Spiels in jeder Minute in mich aufnehmen, mich mit den Freunden zu Hause fühlen, Spaß haben und dabei den geschrumpften Punkteabstand zum Tabellenende wie den unvermeidlichen Regen nehmen, der nun mal zum Wetter gehört und irgendwann auch wieder vorbeigeht.

Glaubt nun bloß nicht, dass ich den Zebrastreifenblog allmählich am Esoterik-Markt positionieren möchte. Wer es handfester haben möchte: Es geht um den Unterhaltungswert eines Stadionbesuchs bei einem Verein ohne konkrete Nahziele. Es geht um Einnahmen durch Eintrittskarten. Es geht darum, wie attraktiv der MSV Duisburg unabhängig von sportlichen Zielen als Kulturangebot Duisburgs wirkt. Und schon schwindet die entspannte Gelassenheit.  Großes Thema für ein anderes Mal.

Auf die Spannungsdramaturgie der Geschichte vom Aufstieg werde ich übrigens in dieser Saison nicht verzichten. Es gibt genügend  Vereine, bei denen noch alles möglich ist, und es trifft sich gut, dass mir bei dem Riesenangebot im deutschen Sport die Auswahl leicht fällt. Zumal mir der Blick darauf wiederum Hinweise auf den MSV Duisburg gibt. Beim anderen Verein des anderen Sports meiner Zuneigung, dem Deutzer TV und dem Basketball dort, kann ich sogar das Wort Aufstieg einfach aussprechen, ohne damit die bösen Geister einer sofortigen Niederlage zu beschwören. Eine Mannschaft, die einen 7-Punkte-Vorsprung 55 Sekunden vor dem Schlusspfiff auf einen Punkt Vorsprung zehn Sekunden vor Schluss runterspielt, dann zudem zwei Freiwürfe verwirft, nur um den Sieg mit einer Defense-Aktion retten zu können, bei so einer Mannschaft sehe ich gute Chancen das selbstgesteckte Ziel Aufstieg in die 2. Regionalliga zu erreichen. Vom Ergebnis schweige ich mit gutem Grund. Wir Zuschauer konnten von Glück sagen, nach desaströser Wurfquote auf beiden Seiten ein zweistelliges (!) Ergebnis am Ende zu sehen. Doch Siege helfen, schlechte Spiel zu ertragen.

Beim MSV Duisburg war es in dieser Saison genau umgekehrt. Zunächst halfen gute Spiele Niederlagen zu ertragen, und nun bringen die durchwachsenen bis schlechten Spiele gemischte Ergebnisse. Beim Deutzer TV gibt es eben zu jedem Zeitpunkt des Spiels mindestens drei Spieler auf dem Spielfeld, die in Drucksituationen dem Spiel Impulse geben. Mehr als die Hälfte der Mannschaft auf dem Spielfeld ist jederzeit bereit, trotz eigener Fehler die Verantwortung für eine risikoreiche Spielaktion zu übernehmen. Meist machen das alle Deutzer Spieler auf dem Spielfeld. Bei allen Unterschieden zwischen den Sportarten. Für dauerhaften Erfolg gibt es beim MSV Duisburg eben genau dieses Verhältnis nicht unter den Spielern auf dem Platz. Zu viele Spieler der Mannschaft sind abhängig vom Verlauf des Spiels, um sich ihrer eigenen Qualität und ihres Selbstbewusstseins sicher zu werden.

Deshalb ist nun der Weg bis zum Saisonende unser Ziel beim MSV. Zweitvereine in anderen Sportarten helfen dann, die wettstreitenden Lebensphilosophien der östlichen und westlichen Welt in mir gleichermaßen lebendig zu halten. Ein Zwischenziel auf dem Weg, der das Ziel ist, macht die ganze Angelegenheit Leben doch immer wieder auch aufregender.

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