Ein Auswärtsspiel als Unmutspause

Wahrscheinlich werden die Spieler des MSV Duisburg angesichts der vorherrschenden Stimmung in der MSV-Arena über das Auswärtsspiel am Wochenende erleichtert sein. Ich stelle mir das so vor, weil ich selbst beim öffentlichen Auftreten vor größeren Gruppen immer sehr viel angespannter bin, wenn ich davon ausgehe, im Raum ist man mir nicht unbedingt wohlgesonnen.  Ich bin dann erst einmal kontrollierter, greife auf Routinen zurück und muss für die Leichtigkeit des Auftritts arbeiten. Wir Menschen haben sehr unterschiedliche Persönlichkeiten, deshalb wird es nicht jedem Spieler des MSV Duisburg so gehen. Es reicht aber schon, wenn es bei einigen so ist, um die Leistung der Mannschaft zu gefährden. Ein Heimspiel ist momentan nicht mehr unbedingt ein Vorteil für den MSV.

Der MSV hat zum Ende der Saison hin ein Problem, das wir alle, auch die wütendsten Baumann-raus-Rufer, vor dem ersten Spieltag uns gewünscht hätten. Eine wunderbare Paradoxie. Die Mannschaft hat weiterhin Chancen, den vierten Tabellenplatz zu erreichen. Das ist schön. Dennoch spielt die Mannschaft nicht kontinuierlich gut. Das ist schlecht. Sollen wir nun mehr den Blick auf das eine oder andere werfen? Wer mehr auf die Spielweise schaut, steht dann immer noch vor der Frage, warum diese Mannschaft nicht kontinuierlich gut spielt. Darauf gibt es eine vielfältige Antwort, die schon zweimal im Stadion auf die Kurzformel „Baumann raus“ gebracht wurde.

Deutlich gesagt, ich teile den Ärger, schimpfe über Fehler der Mannschaft und denke doch, „Baumann raus“ zu rufen bei jeder schlechten Mannschaftsleistung hilft dem Verein nicht weiter.  Die Botschaft ist mit Sicherheit angekommen. Ivo Grlic wird die Stimmung rund um den MSV bei seiner Entscheidung sicher mitbedenken. Nun reicht es auch mit der schlechten Stimmung bis zum Ende der Saison.  Fußball ist eine emotionale Angelegenheit und rationale Entscheidungen können nicht immer getroffen werden. Dennoch möchte ich anregen, die schlechten Spiele der Mannschaft und damit zugleich die Trainerfrage auch aus einer anderen Perspektive zu sehen.

Einerseits stimmt es ja, es gibt kaum kontinuierliche Entwicklung der Spielkultur. Dennoch steht die Mannschaft auf dem sechsten Tabellenplatz. Irgendeinen Anteil wird Karsten Bauman daran haben. Wer ihn stark kritisiert, hält diesen Anteil für gering und die Spieler eigentlich zu noch besserer Leistung fähig. Mich wiederum erinnert dieses Sprechen über die grundsätzlichen Möglichkeiten der Spieler immer an die Schule, wo es inzwischen Legionen von Eltern gibt, die den Lehrern erzählen, eigentlich seien ihre Kinder besser als es die Lehrer sehen. Sie hätten es nur gerade beim letzten Mal nicht richtig zeigen können, und zwar weil der Lehrer so unverständliche Fragen gestellt hätte. Wenn ich sehe, welch individuelle Fehler die Spieler des MSV Duisburg immer wieder machen, dann steht Karsten Baumann vielleicht vor der Frage, wie kriege ich Stabiliät in dieser Mannschaft hin? Und dann heißt es als erstes, sich um die Defensive kümmern.

Nun zu der Vermutung, es gibt bessere Trainer als Karsten Baumann. Das mag ja stimmen, doch unter welchen Voraussetzungen müsste dieser Trainer beim MSV Duisburg arbeiten. Er müsste in der nächsten Saison sofort funktionieren. Er muss mit der Mannschaft aufsteigen. Stellen wir uns diesen Idealtyp vor. Er muss Spieler, die er nicht unbedingt kennt, zu einer Mannschaft formen. Er sollte bewiesen haben, dass er das irgendwo schon einmal gemacht hat. Am besten sollte er schon einmal einer Mannschaft zu einem Aufstieg verholfen haben. Er sollte in professionellen Zusammenhängen schon gearbeitet haben. Er muss bezahlbar sein. All das ist nötig, um das Risiko kalkulierbar zu machen. Ich kenne den Markt nicht gut. Wo ist dieser Trainer?

Ein Trainer, den wir jetzt noch nicht kennen, wird das Risiko erhöhen. Ein Kosta Runjaic käme heute wahrscheinlich nicht mehr zum MSV Duisburg. Wenn wir das Runjaic-Modell noch einmal umsetzen wollten, suchten wir in Liga 4 nach einem ambitionierten Trainer. Ich möchte keinen Trainer hier sehen, der gerade entlassen wurde, also gescheitert ist.  Der Trainerwechsel bleibt also ebenso mit einem Risiko verbunden wie der Verbleib von Karsten Baumann, letzteres ist aber kalkulierbar, wenn die Mannschaft verstärkt wird. Was unbedingt notwendig ist, auch wenn ein anderer Trainer käme. Ohnehin setze ich auf das Urteil von Ivo Grlic. Er ist nah an der Mannschaft. Er sieht, was geschieht, setzt die Spiele dazu in ein Verhältnis. Ein Nebensatz von Tanju Öztürk im Interview nach dem Spiel sollte ebenfalls zu Denken geben. Sinngemäß sagte er, die erste Halbzeit sei es in der Defensive schlecht gelaufen, doch in der Pause hätte es taktische Hinweise gegeben und danach hätte es besser geklappt. So viel zum Thema, Karsten Baumann nimmt keinen Einfluss auf das laufende Spiel.

Noch einmal, es kann sicher besser gehen, bei der realistischen Suche nach Alternativen sehe ich momentan aber keine. Sollte Ivo Grlic aber Karsten Baumanns Vertrag tatsächlich verlängern wollen, ist eines klar. Diese Vertragsverlängerung braucht sehr viele erklärende Worte. Es war absehbar, dass die Hochstimmung und der Zusammenhalt vom Sommer letzten Jahres nicht dauerhaft anhalten wird. Sportlicher Erfolg ist im Fußball letztlich das, worum es geht. Damals hatte ich die Hoffnung, der Verein könne mit offensiver Kommunikation in schwierigen sportlichen Phasen den Zusammenhalt weitestgehend erhalten. Diese offensive Kommunikation wäre spätestens beim Vertragsabschluss mit Baumann gefordert. Besser wäre es, jetzt schon zu beginnen. Es sind ja immer wieder dieselben Fragen, die Fans bewegen. Die Frage, warum Wegkamp und nicht Onuegbu ausgewechselt wurde, wäre so eine zu beantwortende Frage zum Beispiel.

Ich hoffe sehr, dass Karsten Baumann, andere Verantwortliche und auch die Spieler nicht den Konflikt mit dem Publikum suchen. Ansätze dazu muss es beim Spiel gegen SV Elversberg gegeben haben. Gerade wenn sie ihre Leistung nicht in dem Maße gewürdigt sehen, wie sie es sich wünschen, sollten sie sehr konkret auf Vorwürfe reagieren. Suchen sie den Konflikt, werden sie gegenüber den lauten Rängen verlieren. Sportlicher Erfolg ist natürlich eine andere Möglichkeit, sich aus der Affäre zu ziehen. Denken wir also an das Spiel in Saarbrücken, das nicht einfach wird, weil die Veränderungen in der Mannschaft dort nun zu Siegen führen. Die Saarbrücker haben ihr Selbstbewusstsein zurückgewonnen.    Im FCSBlog 2.0 findet sich vor jedem Spieltag die unterhaltsame Rubrik „Die fünf wichtigsten Duelle“, mit der auch vor dem Spiel des 1. FC Saarbrücken gegen den MSV Duisburg beide Vereine mit besagten fünf wichtigen Themen miteinander verglichen werden. Ich hoffe jedenfalls auf weitere Beruhigung der Stimmung, auf dass der Vorteil eines Heimspiels bis zum Ende der Saison dauerhaft gewahrt bleibt.

 

Noch die Pressekonferenz vor dem Spiel gegen den 1. FC Saarbrücken. Patrick Zoundi begleitete Karsten Baumann.

Und damit in frischer Erinnerung bleibt, wie Tore erzielt werden, noch einmal die drei Tore gegen SV Elversberg.

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1 Response to “Ein Auswärtsspiel als Unmutspause”


  1. 1 Christian Moosbrugger 29. März 2014 um 16:26

    Ein Problem von Seiten Grlics und Baumanns ist sicherlich, dass es mit offensiver Kommunikation nur klappen kann, wenn die Voraussetzung besteht, dass entsprechende Argumente von der anderen Seite überhaupt als solche wahrgenommen werden. Das scheint derzeit nicht der Fall zu sein. Egal, was Baumann in den sehr sachlichen PK’s geltend macht, um die starken Schwankungen der Mannschaftsleistung zu erläutern, es kommt immer so an, als suche ein gänzlich unfähiger Trainer nach billigen Ausflüchten. Deshalb ist die Politik Grlics, eher reizreduzierend da ran zu gehen, momentan womöglich nicht das Verkehrteste.

    Ein Rätsel bleibt mir, wann und wieso diese blande Ablehnung für den Trainer entstand, die für mich ohne jedes Verhältnis zu dem ist, was während der Saison bisher sportlich auf die Beine gestellt wurde. Viele sehen in Baumann in der Tat einen unterklassigem Bittsteller, der sich für nächstes Jahr wieder verzweifelt um eine Festanstellung bemüht. Und es geht mittlerweile ja soweit, dass Teile der organisierten Anhängerschaft fordern, gefälligst bei taktischen Entscheidungen während des Spieles einbezogen zu werden (siehe das in jeder Hinsicht total verunglückte Pfeifkonzert beim Abgang von Gerrit Wegkamp im letzten Heimspiel).

    Klar, sowas gibt es bei Dresden, Saarbrücken und dem KFC Uerdingen auch, aber da resultiert es aus verständlicher Verzweiflung, und nicht nur daraus, dass man ein drei-zu-null Zuhause gesehen hat, was leider nicht zu den allerschönsten Matches des Jahrhunderts gehörte. Ich frage mich schon, was die wohl von uns denken, die Fans der genannten Vereine, respektive wie gern sie wohl unsere Sorgen hätten. Als Nebeneffekt fühle ich mich, in Zebrastreifen zum Spiel gehend, immer etwas aufgebläht und übersättigt. Wie ich mir vorstelle, dass sich vielleicht ein Bayern-Fan fühlen muss. Passt schlecht zu dem ‚hungrigen‘ Gefühl, das ich eigentlich immer mit unseren Trikots assoziiert habe.

    Habe mir daraus so ein Erklärungsmodell gebastelt, was aus der Medizin stammt: wenn ein Mensch ein hartnäckiges und bedrohliches Leiden noch nicht überwunden hat, aber nach einem ziemlichen Tunnel erstmals wieder eine Ahnung davon kriegt, dass Morgenluft wittern könnte, kann das sehr viel paradoxe Angst auslösen, und die lange ersehnte Beruhigung der Nerven, die beglückende Hoffnung, all das stellt sich erst verzögert ein. Zunächst ist da Leere, Frustration, vielleicht sogar Trauer.

    Hoffe, es handelt sich um sowas, was vorüber geht. Ich finde, man kann die Causa Baumann nicht so sehen, dass es hierbei nur drauf ankommt, was irgendwann Grlic entscheidet. Denn ausserhalb die Fussballwelt wird bereits zum jetzigen Zeitpunkt an Karsten Baumann interessiert sein, und auch an ein paar unserer Spieler. Ich teile nicht die Auffassung, dass die Mannschaft sowieso froh ist, wenn Baumann wegkommt. Im Gegenteil, gerade unsere Leistungträger, die auch durch seine Mithilfe in den Fokus einer breiten Öffentlichkeit geraten sind, und daher einen Anschub ihrer Karriere dem Trainer verdanken, werden sich überlegen, was sie ohne Baumann hier noch tun oder doch lieber lassen wollen, wie das Perspektiven verändert, wird nach einem Jahr wieder der Trainer gewechselt.


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