Gino Lettieri kennenlernen

Nun ist er also doch der neue Trainer des MSV Duisburg geworden: Gino Lettieri. Nur wenige Fußballinteressierte in Duisburg interessierten sich für ihn vor der ersten Meldung zu seiner Verpflichtung, Anfang Mai. Ivo Grlic gehörte zwangsläufig dazu. Doch wer auch immer sonst noch zu ihm eine begründete Meinung hat, ich habe sie noch nicht gehört oder gelesen. Für die meisten Anhänger des MSV, wie auch für mich, ist er ein unbeschriebenes Blatt. Eckdaten zu seiner Person lese ich zwar bei Wikipedia, doch eigentlich müssen wir uns erst richtig kennenlernen, Gino Lettieri und ich.

In den ersten Artikeln zu seiner Verpflichtung, wie etwa bei WAZ/NRZ, lese ich die Erzählungen, wie es zur Verpflichtung kam, begleitet von Worten Gino Lettieris, die eine Art kurze Regierungserklärung sind. „Intensive Maloche“ möchte er mit „taktischer Disziplin“  und „Spaß am Beruf“ verbinden. Geschickt richtet er sich also an Spieler und Zuschauer gleichermaßen, wenn auch mit gängigen Absichten. Der Vorsatz hart zu arbeiten und das auch während des Spiels sichtbar werden lassen, das gefällt nicht nur auf den Rängen in Duisburg. Wahrscheinlich ist ihm aber nicht bewusst, dass die „taktische Disziplin“  auf den Rängen in Duisburg nur geschätzt wird, wenn Erwartungen erfüllt werden. Hoffen wir das Beste. Alles andere ist beim Kennenlernen nicht gefragt.

Interessant ist in so einem Moment ja der Blick auf eine der längeren Beziehungen desjenigen, der uns neu begegnet. In dem Fall müsssen wir uns den SV Wehen-Wiesbaden ansehen und die Höhen und Tiefen, durch die Gino Lettieri mit dem Verein gegangen ist. Dort wurde er im Laufe der Saison 2009/2010 verpflichtet, um den drohenden Abstieg zu verhindern. In der folgenden Saison führte er die Mannschaft in die obere Tabellenregion. Letztlich erreichte der SV Wehen-Wiesbaden den 4. Tabellenplatz, was zum Signal für die dritte Saison wurde. Das Ziel hieß Aufstieg, was Gino Lettieri nun ja auch in Duisburg als Vorgabe erhält.

Viele O-Töne von Gino Lettieri habe ich im Netz bislang nicht gefunden. Was zu sehen ist, wirkt dennoch aufschlussreich. In einer Pressekonferenz aus der zweiten Saison von Gino Lettieri beim SV Wehen-Wiesbaden wird mit der Standardkommentierung des Fußballspiels weniger das Fußballwissen von Gino Lettieri erkennbar. Dafür erhalten wir einen sehr klaren Blick auf einen Teil seiner Persönlichkeit. Ab Minute 9.44 wird sichtbar, Gino Lettieri nimmt die Dinge in die Hand, wenn ihm etwas auf der Seele brennt. Eigentlich hatte er alle Fragen beantwortet, das Mikro war schon fast wieder in der Hand des PK-Moderators, als Gino Lettieri noch etwas einfällt. Ihm geht es dann um die Situation der Fußballvereine in dieser Region Bayerns, die seiner Meinung nach zu wenig Unterstützung vor Ort erhalten. Zu erleben ist ein Mann direkter Worte, klar in der Meinung und kantig in der Argumentation. Das Klima wurde etwas rauer.

Dieser Eindruck verstärkt sich mit der Pressekonferenz nach dem Spiel vom SV Wehen-Wiesbaden beim SV Babelsberg 03 am 3. Dezember 2011, das 3:2 verloren ging. Wiederum erweist er sich als Mann direkter Worte, die hart wirken und mit denen er Fehler seiner Spieler klar benennt.

Die Pressekonferenz gehört in jene Saison, in der für den SV Wehen-Wiesbaden das Ziel der Aufstieg war. Schon nach wenigen Spieltagen wurde dieses Ziel im Blog, das vornehmlich dem SV Wehen-Wiesbaden gilt, dem überaus lesenwerten  Stehblog, als fraglich angesehen. Im weiteren Verlauf ging es dann eher darum, den Abstand zu den Abstiegsrängen groß genug zu halten. Wenn Vorgaben nicht eingehalten werden, folgt erst die Krise und schließlich die Entlassung. Wie das durchlebt und durchlitten wurde, lässt sich wiederum im Stehblog mit jedem Beitrag zurück ins Archiv nachlesen. Zufrieden klingt anders, und manche dieser urteilenden Worte über Gino Lettieris Kommentare zur Spielweise des SV Wehen-Wiesbaden erinnern mich sehr an ähnliche Kommentare, die ich die letzte Saison über Karsten Baumann lesen konnte. Deutlich wird in diesen zuletzt sehr kritischen Texten Gino Letterie gegenüber aber noch einmal, dieser Trainer gehört zu den kantigen Typen, die polarisieren.

Hoffen wir darauf, dass der SV Wehen-Wiesbaden nur die Generalprobe einer Aufstiegsmission für Gino Lettieri gewesen ist. Und wenn die so richtig schief geht, so wissen wir, wird die Premiere auf besonders begeisternde Weise gelingen. Auf geht´s zur Premierensaison 2014/2015! Über das Geld als Voraussetzung von allem Gelingen will ich heute hier nicht sprechen.

 

 

 

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6 Responses to “Gino Lettieri kennenlernen”


  1. 1 Gunnar 6. Juni 2014 um 14:57

    Urlaubsbedingt mit etwas Verspätung, aber ich möchte dann doch noch ein, zwei Sachen zu Gino Lettieri beim SVWW ergänzen.

    Wie schon richtig geschrieben, kam er zunächst mit dem Auftrag, den Abstieg zu verhindern, was ihm ja auch gelang. Bei den Transfers vor seiner ersten vollständigen Saison waren einige Treffer dabei (wobei ich nicht weiß, wieviel davon ihm und wieviel dem damaligen Manager zuzuschreiben ist) und es gelang ein fast perfekte Saison, als man nur haarscharf am Relegationsplatz vorbeischrammte und außerdem den Hessenpokal gewann – besser hat der SVWW in der 3. Liga vorher und nachher nie abgeschnitten.
    Danach wollte man im Verein aber wohl unbedingt den Aufstieg schaffen und tauschte erneut große Teile des Kaders aus, allerdings mit deutlich weniger Treffern als im Jahr zuvor. Zu den spielerischen Problemen kamen auch einige atmosphärische Störungen dazu, es gab wohl Konflikte in der Mannschaft, die Lettieri nicht vernünftig moderieren konnte. Stattdessen wurde es über Autorität versucht, diverse Sanktionen gegen einzelne Spieler verhängt usw.
    Gino, der ohnehin einen gewissen Hang zur Cholerik und rauerem Umgangston hat (Spitznamen in Fankreisen: „Rumpelstielzchen“ und „Napoleon“ – letzteres wohl auch seiner Körpergröße geschuldet), wurde zunehmend dünnhäutiger und war letztlich nicht mehr tragbar.

    Er hat als Trainer sicher eine Menge Ideen, verzettelte sich meiner Ansicht nach aber gelegentlich, wenn er die Mannschaft von einem Spiel zum nächsten völlig umstellte. Das hat eventuell auch die entscheidenden Punkte zum Aufstieg gekostet.

    Ich drücke aber ihm und dem MSV die Daumen für eine gute Saison. Das Reglement sieht ja zwei direkte Aufstiegsplätze vor, d. h. neben dem SVWW wäre noch was frei. 😉

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  2. 2 Kees Jaratz 6. Juni 2014 um 15:14

    Bedankt für deine Einordnung. Erinnert mich etwas an den Ruf, der Milan Sasic vorauseilte und lässt mich hoffen, dass er entweder mit Ivo Grlic den für Sasic seinerzeit so wichtigen Bruno Hübner an der Seite hat oder/und besser noch zudem Weiterbildung in Konfliktmoderation zum letzten Fortbildungsprogramm gehörten. Denn wie man heute allseits kundtut, das Lernen hört nimmermehr auf.

    Mit deiner Aufstiegsvision für die kommende Saison kann ich mich außerdem gut anfreunden. 🙂

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    • 3 Gunnar 6. Juni 2014 um 15:18

      Hübner ist ja auch so eine Personalie, die unsere beiden Clubs verbindet, wobei ich es bei ihm sogar noch mehr bedaure, dass er (quasi als Wehener Urgestein) nicht mehr für den SVWW tätig ist.

      Ich hoffe, man trifft sich mal bei Hin- oder Rückspiel. Habe auch noch ein gewisses 111-Fußballorte-Buch im Regal stehen, das bisher erst von einem der beiden Autoren signiert wurde… 😉

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  3. 4 Kees Jaratz 6. Juni 2014 um 15:25

    Ich schätze gut ausgestattete Privatbibliotheken sehr! Wiesbaden steht beide Male auf dem Programm, gute Voraussetzungen also für Hoffnungen, die auch ganz auf meiner Seite sind.

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  4. 6 Martin B. 15. Dezember 2015 um 18:47

    In der Retrospektive lässt sich festhalten, dass Lettieri – auch nach seiner Demission – immer noch in Fankreisen des MSV Duisburg ein sehr gutes Standing genießt. Der als „Napoleon“ gescholtene Lettieri hat sich in Duisburg ob seiner freundlichen Art sehr viele Freunde gemacht. Das es sportlich (nach dem Aufstieg in die 2. Bundesliga) nicht mehr so recht funktioniert hat, lasse ich mal außen vor. Menschlich (glaube ich) war er hier sicherlich eine Bereicherung.

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