Archiv für Juni 2014

Halbzeitpausengespräch: Vom Waschen schmutziger Kinderhälse

Manchmal muss jemand verdammt alt werden, um in einer seiner Grundansichten über das Leben erschüttert zu werden. Dieser Jemand bin ich, nachdem ich mir neulich eine Dokumentation über die frühere Umweltverschmutzung im Ruhrgebiet angesehen habe. In diesem Ruhrgebiet habe ich während der 1960er Jahre  im Freien gespielt, im Hof des Ruhrorter Kindergartens neben der Carpschule, später rund um das Gelände „Am Eisenbahnbassin“, wo meine Mutter arbeitete und ich bis halb fünf auf sie wartete. In dieser Zeit war an solchen Tagen nach dem Spielen im Freien das abendliche Waschen Pflicht. Wegen der Beine und Arme war das vor allem im Sommer sofort einsehbar. Meist war die Haut gräulich nachgedunkelt. Weniger einsehbar war für mich der Hals. Wie konnte dieser Hals schmutzig werden, wo ich ihn doch meines Wissens nach kaum in den Sand des Sandkastens legte. Mit den Händen grub ich herum. Die Beine wurden schmutzig, wenn ich kniete oder mich hinlegte. Aber der Hals?

„Vergiss den Hals nicht!“, rief meine Mutter irgendwoher, wenn ich im Badezimmer war, oder: „Wasch dir bloß auch den Hals!“ Vielleicht hat sie es gar nicht immer gerufen. Vielleicht war das nur anfänglich so. Mir kommt es heute aber so vor, als habe ich mich nie ohne diese Stimme aus dem Hintergrund gewaschen. „Und denk an den Hals!“

Ich seifte mir den Hals ein und nahm dann extra einen helleren Waschlappen, um die Seife wieder abzubekommen. Mir gefiel es nämlich, wenn ich sah, wie grau diese Waschlappen wurden. Es hatte seinen Sinn, sich den Hals zu waschen. Ich bewirkte ein Ergebnis, und gleichzeitig besaß dieses Ergebnis immer den Zauber eines Geheimnisses für mich.

Irgendwann spielte ich nicht mehr draußen. Irgendwann war ich erwachsen. Irgendwann lebte ich in Köln und hatte selbst einen Sohn, der vom Spielen im Kindergarten nach Hause kam. Seine Arme und Beine waren aber nie so schmutzig wie ich es von mir als Kind kannte. Ganz zu schweigen vom Hals. „Wasch dir auch den Hals“, sagte ich ihm dennoch. Nicht ein einziges Mal war dieser Hals in seiner Kindheit so schmutzig wie meiner einst gewesen ist. Ich maß dem wenig Wichtigkeit zu, suchte keine Gründe, warum mir Selbstverständliches bei ihm so anders war.

Menschen sind anders, so dachte ich, auch wenn dieser Mensch dein Sohn ist. Vielleicht habe ich bei seinen Freunden irgendwann mal auf den Hals geschielt, um zu sehen, wie andere kleine Menschen seiner Generation durch die Welt gehen. Orientierung in Sachen Normalität braucht auch der moderne Vater. Schmutzige Hälse habe ich nicht gesehen.

Mein Sohn ist inzwischen erwachsen, und viele Gedanken habe ich mir über schmutzige Hälse nicht weiter gemacht. Gerade deshalb hatte sich ein Bild verfestigt. Diese Generation spielt anders als wir damals. Was sicherlich stimmt, aber keineswegs der Grund ist für weniger schmutzige Hälse. Das aber wurde mir erst neulich klar, als ich diese Frau meines Alters in die Kamera haben sprechen hören, dass bei ihr damals das Halswaschen immer ein Thema gewesen ist. Und überall draußen hätte schließlich der Ruß sich auf dem Boden verteilt. Es gab diesen einen Grund. Wer in den 1960er Jahren viel draußen war, dessen Haut wurde einfach schmutzig, selbst wenn sie nicht mit dem Sand im Sandkasten in Berührung kam.

Diese Einsicht fühlt sich komisch an. Ein wenig kitzelt Scham, den so offensichtlichen Grund für den schmutzigen Hals nicht bedacht zu haben. Andererseits so lange es nur um so ein harmloses Vorurteil geht. Welterklärung, immer mit Vorsicht zu genießen.

 

 

 

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Deutschlands innovativer Bewegtbildmarkt – best practice in spe

Nicht vorhandene TV-Rechte an Fußballspielen haben noch kein zu allem entschlossenes Medium dieser Welt davon abhalten können „innovative“ und „spektaktuläre“ Bewegtbildformate zu entwickeln, die den Zuschauern den „ganzen Fußballgenuss“ auf „ihnen zuvor noch nie dargebotene Weise“ ermöglichen. Ich kannte bislang zum Beispiel, die von Thomas Helmer geleitete  Dingenskirchens-Fantalk-Runde zu Champions-League-Spielen mit deutscher Beteiligung bei Sport1 vom Hörensagen und einem youtube-Clip, der nach dem Spiel des BVB gegen Malaga im April 2013 ins Netz gestellt worden ist.

Unbekannt war mir bis heute aber das „innovative“ Bewegtbildformat, das in Zusammenarbeit von Spiegel TV und kicker.tv entstanden ist. Die beiden führenden deutschen Medien ihrer Art entwickeln die  Fußballberichterstattung vor allem dadurch weiter, dass sie das Wort „Analyse“ entgrenzen. Durch diesen mutig gewonnenen Bedeutungsreichtum der „Analyse“ lassen sich nun nicht nur Leser mittels Bewegtbild weitaus umfassender über das Sportgeschehen informieren. Darüber hinaus erhält die deutsche IT-Branche einen Wachstumsschub, wenn die Wirklichkeit etwa des WM-Spiels Deutschland gegen Ghana mit computeranimierten Spielszenen  im Bewegtbild-Nachrichtenclip  „3-D-Analyse: Klose rettet Deutschland“ verdoppelt wird.

 

 

Übers Leben nachdenken mit dem MSV Duisburg

Das Leben als Anhänger des MSV Duisburg ist auch deshalb so schön, weil wir mit dem Verein unserer Zuneigung seit etwas mehr als einem Jahr immer wieder tiefere Einsichten über diese Welt im Allgemeinen gewinnen können. Seit gestern lässt sich mit dem anstehenden Streit vor Gericht zwischen dem SV Darmstadt 98 und dem MSV Duisburg trefflich über Gerechtigkeit nachdenken.

Kosta Runjaic konnte nur deshalb im Verlauf der Saison 2013/2014 Trainer beim MSV Duisburg werden, weil der Verein seinem damaligen Arbeitgeber SV Darmstadt 98 eine Ablösesumme zahlte. Sie war mit einer Erfolgsprämie gekoppelt. Nun verklagt der SV Darmstadt 98  den MSV Duisburg wegen der ausgebliebenen Zahlung dieser Erfolgsprämie.  Die Tatsache als solche ist ungangenehmer Alltagskram. So oder so kostet diese Klage Geld. Höhere Kosten entstehen, wenn die  35.000 Euro tatsächlich gezahlt werden müssen; wenn nicht, bleiben doch Anwaltskosten. Hinzu kommt dieser Beiklang, den der Vorgang mit sich bringt, wenn es heißt, der MSV werde verklagt. Im ersten Moment schwingt nicht selten bei der sachlichen Information vom Verklagen das fehlerhafte Verhalten des Beklagten mit – selbst wenn man schon mal gehört hat, dass Gerichte auch dazu da sind, einfache Meinungsverschiedenheiten zu klären. Denn eigentlich geht es um Streit.

Es gibt eine Meinungsverschiedenheit zwischen zwei Vertragspartnern, was das Wort „Nichtabstieg“ im konkreten Fall bedeutet. Ist damit alleine die Leistung von Kosta Runjaic bei seiner Arbeit mit der Fußballmanschaft des MSV Duisburg in der Saison 2013/2014 gemeint? Mit ihm erreichte der MSV Duisburg den 11. Platz. Kosta Runjaic stieg mit der Mannschaft des Vereins nicht ab. Bonuszahlung also für den ehemaligen Arbeitgeber. Oder bezieht sich das Wort „Nichtabstieg“ auf das Wirtschaftsunternehmen MSV Duisburg, das bekanntermaßen keine Lizenz für Liga 2 erhielt und daraufhin in Liga 3 abstieg? Ebenso klarer Fall, keine Bonuszahlung.

Ich denke, mit neutralem Blick auf die Ausgangslage wird man beide Seiten verstehen. Beide Seiten haben  je nach Perspektive recht, und wahrscheinlich ist dieser konkrete Fall eines Abstiegs im Vertrag nicht ausdrücklich benannt. Das Gericht wird sich also in das Vertragswerk vertiefen und etwas entscheiden, was niemals in vollständiger Zufriedenheit aller Beteiligten enden kann. Eine Partei wird Abstriche machen müssen, weil etwas geschehen ist, was von den Vertragsparteien nicht bedacht war.

Egal, wie das Urteil also ausfällt, mich kitzelt das Gefühl von Ungerechtigkeit, weil beide Vertragspartner auf gewisse Weise „recht haben“. Denke ich weiter nach, komme ich zu dem Schluss, eigentlich müsste sich der SV Darmstadt 98 einer Klage des MSV Duisburg gegenüber Roland Kentsch anschließen. Bislang deuten die veröffentlichten Informationen darauf hin, dass er der Hauptverantwortliche für die fehlerhaft eingereichten Lizenzunterlagen ist, die zum Zwangsabstieg führten. Ich denke, fragten wir Roland Kentsch, würde er weiter ausholen und auf die Vorgeschichte für den Zeitdruck beim Erstellen der Lizenzunterlagen verweisen und auf die heikle Finanzlage, die er schon bei seinem Arbeitsbeginn als Geschäftsführer vorfand. Die Zeit vor ihm weist Walter Hellmich als Hauptakteur auf. Der wiederum könnte auf das drohende Aus des Vereins verweisen, mit dem er zu tun hatte. Alles hat also eine Vorgeschichte, und schon sind wir beim Nachdenken über Wertungen der Geschichtsschreibung und der Einsicht, dass sich das Gericht im anfänglichen Streitfall aus gutem Grund nur um ein konkretes Vertragswerk kümmern wird.

Im Vorbeigehen werden wir mit dem Streitfall Darmstadt 98 gegen MSV Duisburg aber auch noch auf etwas gestoßen, was zwischenmenschliche Beziehungen verstehen hilft. Denn mit diesem Streitfall lässt sich leicht  erkennen, dass beide Parteien wenig Verantwortung für die mit dem Streit verbundene Unzufriedenheit tragen. Im konkreten Handeln vertreten aber konkrete Menschen die jeweiligen Positionen. Unzufriedenheit, durch Vorwurf und Ablehnung ausgedrückt, gelten diesen Menschen. Unzufriedenheit, die entstanden ist, weil etwas geschah, was niemand der jetzt Beteiligten selbst zu verantworten hat. Schwierig, so ein menschliches Miteinander.

Vorrat für die spielfreien WM-Tage der Finalrunden

Normalerweise ist meine hier nur selten anwesende Frau des Hauses dafür zuständig, frühzeitig alles „parat“ zu haben. Da ich mehr zur „just-in-time“-Fraktion dieser Gesellschaft gehöre, ergänzen wir uns bei der Bewältigung des schnöden Alltags deshalb aufs Vortreffllichste. Was sich nach idealpartnerschaflicher Idylle anhört, kann natürlich genauso zu unschönen Verstimmungen führen. Alles ist richtig, auch das Gegenteil, sagt Kurt Tucholsky ungefähr.

Heute allerdings reiche auch ich euch etwas frühzeitig, damit es in der demnächst hereinbrechenden spielfreien Zeit der Finalrunden „parat“ ist und ihr genügend Fußball auf Vorrat habt. Entzug muss sorgsam eingeleitet werden. Das lässt sich dank der  Bundeszentrale für politische Bildung erledigen, die sich des vorrangigen  Themas dieser Tage gerade nicht entzogen hat. Immer um gesellschaftliche Aufklärung bemüht, stellt sie ein ganzes Dossier von Texten, Dokumenten und Bildern online, mit dem der gegenwärtige Fußball und dessen jüngste Geschichte – Schwerpunkt Bundesliga – aufbereitet ist.

Viel Stoff zum Lesen über Entwicklungen unter den Fans, wirtschaftliche Rahmenbedinungen im Fußball und das Verhätnis des Fußballs zur Gesellschaft überhaupt. Dietrich Schulze-Marmeling etwa schreibt über den „langen Weg“ vom Amateur- zum Profifußball. Christof Wieschemann schreibt über Lizensierungsfragen, wobei ich bin gespannt, ob er uns in Duisburg überhaupt was Neues erzählen kann. Oder Thomas Kistner schreibt über „Trickser und Täuscher“, gemeint ist FIFA und Wettbetrug.  Diese Namen seien nur stelllvertretend für die interessanten Autoren genannt, die für die einzelnen Themen gewonnen wurden. Mehr kann ich noch nicht sagen, zum Lesen komme auch ich noch nicht. Das Ganze richtet sich natürlich an ein breites Publikum

Für alle, die sich nach Dauer-TV in diesen Tagen erst ans Lesen längerer Texte wieder gewöhnen müssen, stellt die Bundeszentrale für politische Bildung auch Bewegtbilder ins Netz. Darunter sind neben ZDF-Dokus aus der neo-Ecke  kleine Schätze wie eine Doku aus der DDR kurz vor der Wende über die Fans von Union Berlin. Mal sehen, ob und wie im Staatsfernsehen der oft erzählte Abstand von Union-Fans zum sozialistischen Ideal deutlich wird.

 

Die schönsten Fußballtorten der Welt – Folge XXI – Niederländische Nationalmannschaft

Mit freundlicher Unterstützung von „111 Fußballorte im Ruhrgebiet, die man gesehen haben musspräsentiert der Zebrastreifenblog  in loser Reihe die schönsten Fußballtorten der Welt.

Ich hatte gehofft, die niederländische Kuchenbäckerin Bianca de Jong wäre auch die Weltmeisterschaftsteilnahme der Nationalmannschaft ihres Landes im Jahr 2014 ein Kuchen wert gewesen. Vielleicht wartet sie bis zur erhofften Finalteilnahme. Ich kann in dem Fall keine Rücksicht nehmen und greife vor dem Spiel der Niederlande gegen Australien auf ihren Kuchen der letzten WM in Südafrika zurück. In den Finalrunden wollen wir schließlich unsere eigenen Kuchen zur Feier der deutschen Nationalmannschaft essen.

Zeitdurcheinander klärt sich durch animierte schöne WM-Tore

Mir ging es gestern so, als wachte ich an einem Morgen Ende September auf, schaute aus dem Fenster und starrte auf eine Welt, die unter einer geschlossenen Schneedecke liegt. Trainingsauftakt des MSV Duisburg. Jetzt? Vor dem ersten Spiel der deutschen Mannschaft bei einer Fußballweltmeisterschaft? Ich wusste natürlich von dem Datum, aber die Wirklichkeit fühlt sich dann immer noch einmal anders an. Die Saisonabläufe in der Dritten Liga bringen mich durcheinander. Es wird Zeit für den Aufstieg. Fortuna Düsseldorf etwa beginnt heute erst mit dem Training.
Während ich also versuchte, mich über den Schnee vor meinem Fenster zu freuen, erinnerte mich Fritten, Fußball und Bier mit einem Hinweis auf die Animationen des Engländers Richard Swarbrick an die gerade sonst üblichen Spätsommeraktivitäten. Durch seine Bearbeitung der TV-Ausschnittvorlage von acht der schönsten Tore bei Fußballweltmeisterschaften entsteht eine Art Tanztheater. Die Bewegung der Spieler tritt in den Vordergrund und rückt den Blick auf die vollendete Harmonie bei diesen Toren.
Wenn ihr nicht selbst drauf kommt, um welche Tore es sich handelt, findet ihr die Auflösung in den Kommentaren bei Youtube.
Ihr könnt natürlich gerne auch hier in den Räumen schon die Lösung verraten, wenn ihr sie wisst.
Richard Swarbrick stellt auf seiner Seite im Netz weitere Animationen online, mit denen er sich auch anderen Sujets der Bewegung gewidmet hat: www.richardswarbrick.com. NBA-Finals des Basketball sind darunter. Nach meinem Geschmack eignet sich der Basketball aber weniger als der Fußball für diese Art künstlerischer Umsetzung.
Und zu guter Letzt: Das Tor von Arjen Robben hat Richard Swarbrick ebenfalls sehr beeindruckt.

 

Fundstück: Christof Kneer über Arne Friedrich in der Süddeutschen Zeitung

Gerade lese ich im Sportteil der Süddeutschen Zeitung und stoße auf  einen schönen Absatz, den Christof Kneer über Arne Friedrich schreibt.

„So haben die Leute das jedenfalls wahrgenommen: 2006 war Arne Friedrich der Spielverderber. 2010 hat er dem Gegner den Spaß verdorben. Fußball ist ab einem gewissen Niveau immer auch Geschmackssache, und es kommt auch immer darauf an, in welche Zeit ein Spieler gerade gerät. 2006 war nicht die Zeit für Arne Friedrich, 2010 dagegen sehr.“

Christof Kneer nimmt die unterschiedliche Bewertung von Arne Friedrichs Leistung während der beiden Weltmeisterschaften 2006 und 2010 als Beispiel, um die spielerischen Möglichkeiten der deutschen Defensive während dieser WM zu umreißen. Zum gesamten Artikel geht es mit einem Klick weiter.

Sehr schön ist dabei übrigens auch festzustellen, wie selbstverständlich die avancierte Fußballberichterstattung und der Kulturjournalismus sich inzwischen derselben Deutungsmuster bedienen. Die unzeitgemäße Begegnung von Kunstwerk und Öffentlichkeit ist ja als Topos der Kultubetrachtung nicht unbekannt.


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