Was treibt der Mann mit Mikro am Spielfeldrand?

Meine Sympathie für Per Mertesackers Reaktion im Interview nach dem Länderspiel sollte heute morgen wohl deutlich geworden sein. Eigentlich habe ich gedacht, damit sei der Fall erledigt. Für mich ging es nicht um journalistische Prinzipien, sondern um misslingende Kommunikation. Der Zeitpunkt von Boris Büchlers Frage, ob man sich das Spiel anders vorgestellt hätte,  passte nicht. Mir fehlte vor der Frage nach den Fehlern der Blick auf das Erreichte. Gerade Menschen mit Mikros müssen sich der Kommunikationssituation sehr bewusst sein, wenn sie Antworten erhalten wollen. Jeder von uns kennt das: Man strengt sich für was an, kriegt es irgendwie noch geschafft und dann kommt jemand um die Ecke und bemängelt hier was und dort was. Was glaubst du eigentlich, was ich gerade gemacht habe, denkt man sich. Manchmal sagt man’s laut.

Erledigt ist nun nichts, weil mancheiner glaubt, Boris Büchlers Frage zur falschen Zeit sei ein eindrucksvoller Beweis für seine journalistische Kompetenz. Natürlich habe ich damit gerechnet, dass manchem diese „kritische“ Frage gefallen könnte. Journalistische Kompetenz erweist sich durch sie aber gerade nicht, auch dann nicht wenn Franz Lübberding ihn in der Frankurter Allgemeinen Zeitung für seine Frage sogar beglückwünscht.

Ich hoffe für beide, sie haben einfach nur nicht lange genug überlegt, was am Spielfeldrand nach einem Spiel überhaupt möglich ist. Wäre es anders, es wäre einmal mehr ein Ausdruck des Zynismus, der in dieser Branche manchmal vorhanden ist. Andererseits erinnere ich mich an ein Zeitungsinterview mit dem ZDF-Mann Büchler, bei dem ihm die Grenzen seiner Tätigkeit sehr klar waren. Emotionen einfangen, darum könne es nur gehen, sagte er sinngemäß.

Was hier also abgefeiert wird, ist einfach ein Herauskitzeln von Emotionen. Das ist Boulevardjournalismus, und bei Taff, Brisant und Bunte wird doch niemand als politischer Journalist angesehen, nur weil er beim Bundespresseball tanzende Polit-Paare betextet.  Wer diese Frage von Boris Büchler für vorbildhaften Sportjournalismus hält, kann jeden Fan-Reporter ins öffentlich-rechtliche Programm hieven.  Was Boris Büchler macht, machen hunderttausende Stadionbesucher nach jedem Spiel. Meist geschieht das stellvertretend in der Runde, mit der man das Spiel besucht. Je tiefer die Liga, desto öfter können Fans sogar den Spielern  selbst die Frage stellen. Meist erhalten sie Antworten, auch wenn sie fragen, wieso es schlecht gelaufen ist. Das hat einen einzigen Grund.  So ein Fan wird dem Spieler nicht das Gefühl geben, er komme mit seiner Frage in einem höheren Auftrag, der Journalismus heißt. Den Fan-Sonderfall, dauerhafte Unzufriedenheit nach Nichterreichen des sportlichen Ziels, lasse ich mal außen vor.

Noch einmal: Boris Büchler mag irgendwo seriöser Sportjournalist sein, am Spielfeldrand ist er ein Boulevardjournalist, und der Nachweis von journalistischer Distanz zur deutschen Nationalmannschaft ist nur eine von vielen journalistischen Tugenden. Eine andere ist die zu wissen, mit welchen Grenzen ich umgehe, wenn ich arbeite. Diese Tugend hat gestern eindeutig gefehlt.  Eines wird beim Abfeiern von Boris Büchler doch vollkommen übersehen. Per Mertesacker hat sich  nicht gegen Kritik gewehrt. Er hat nur den Zeitpunkt unpassend gefunden. Es kann am Spielfeldrand nach einem Spiel nur um emotionale Eindrücke gehen, und dabei gilt, die Situation gibt vor, was möglich ist. Ich frage keine Trauernden als erstes nach dem lustigsten Missgeschick des Verstorbenen. Ich frage keine Hochzeitsfeiernden als erstes, wieso sie sich vor einer Woche noch so heftig gestritten haben. Wenn jemand ernsthaft an solchen Antworten interessiert ist, muss er Umwege gehen.

Und nicht vergessen, wir reden nur vom gestern schlechten Boulevardjournalisten Boris Büchler. Fundierte Kritik zur Spielweise gelingt nur mit Abstand. Und selbst die müsste mir mehr erzählen als das, was ich selbst sehe. Sie könnte mich zum Beispiel noch einmal an das grundlegende Spannungsverhältnis dieses Fußballsports erinnern: Ein schönes Spiel führt nicht automatisch zum Sieg. Davon lebt dieser Sport. Dieses Interview von Boris Büchler mit Per Mertesacker war für mich kein guter Journalismus, egal welcher Form. Dieses Interview von Boris Büchler war die Simulation von kritischer Haltung. Mehr nicht. Reicht manchmal für Beifall. Nicht bei mir.

 

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4 Responses to “Was treibt der Mann mit Mikro am Spielfeldrand?”


  1. 1 Christian Moosbrugger 2. Juli 2014 um 11:07

    Ich finde, man kann Boris Büchler zwar vorhalten, dass ängstlicher Tonfall und kritischer Frageinhalt nicht zusammenpassen. Dass sein Timing problematisch ist, aber nicht. Schliesslich wird hier nicht, wie es mal war, dem vom Feld kommenden Spieler ein Mikro unters Kinn geschoben, sondern derjenige, welcher sich einem solchen Interview stellt, hat sich dies explizit so ausgesucht. Mertesacker könnte wie andere durch Schweigen glänzen, und alle Fragen auf dem Platz beantworten.

    Deshalb macht mir dieses devot-mutige Heranpirschen eines öffentlich-rechtlichen Journalisten an einen, der offenbar eine gewisse Macht repräsentiert, nämlich Mertesacker, eigentlich Sorgen. Jedenfalls aus Gebührenzahlersicht. Ich habe mich gefragt, wieso Büchler nach dem „was wollen sie denn von mir?“ überhaupt in der Journalistenrolle verbleibt, und nicht einfach sagt: „Danke, gar nichts mehr, Kollege!“

    Wenn Mertesacker zudem den Automatismus thematisiert „sollen wir denn wieder schön spielen und dafür früh rausfliegen?“ offenbart er, bei einer WM, welche wie noch wenige durch eine berauschend hohe Spielkultur glänzt, eine typische Schizophrenie, welche offenbar die ganze Truppe in der Abschottung übern Fluss hin ereilt hat: ausgerechnet bei diesem Fest des Fussballs, welches alle Bedenken weggespült hat wie eine Springflut, sind die hässlich fussballspielenden Deutschen zurück.

    Man stellt sich Holländer vor, die hellhäutig auf der Copacabana joggen, oder abends noch ein Bier am Strand zischen, immer wieder fasziniert von der strahlenden Schönheit des Aufenthaltsortes, und kontrastiert solche Bilder mit den verhuscht hinter Jeepscheiben klebenden Deutschen, die anscheinend so isoliert leben, wie in Apocalypse Now die verirrte Truppe des General Kurtz. Und leider auch den Fussball interpretieren wie welche, die keine Verbindung zu den Realitäten ausserhalb der Enge ihres Lagers mehr halten konnten.

    Diese aufgesetzte Patzigkeit anlässslich von eigentlich standardisierten Frage-Antwort-Spielchen zeigten auch schon Klose und Hummels. Mich erinnert es an die Zeiten von Berti Vogts. Das alles wäre allerdings nur halb so wild, wäre die Art ihres Spieles erträglicher. Sie muss nicht offensiver sein, sollte aber irgendeiner Strukurvorgabe erkennbar folgen, und sich nicht zum Beispiel von Algerien den Takt und die Spielweise aufzwingen lassen. Und die „Abwehr“ dürfte sich halt nicht drauf beschränken, einen Neuer ein halbes Dutzend mal hintereinander Leib und Leben riskieren zu lassen.

    Ich habe Boris Büchler, obwohl ich wahrhaftig kein Freund dieser ganzen Interview-Kisten dort bin, die Sorge nach diesem erschreckenden Spiel tatsächlich abgenommen. Ich finde, hier hat auch, wenigstens zum Teil, ein Fan ins Mikro gesprochen, dem der kalte Angstschweiss noch auf der Stirne stand. Mertesacker, das sah man seinem Gesicht schon an, war aber gekommen, um abzukanzeln. Ein schwerreicher Junge, der sich die Empathie eines Ahnungslosen, auch wenn sie schlecht formuliert sein mag, verbittet. Und der das mal klargestellt wissen will.

    Kann er haben, aus meiner Sicht: die Franzosen spielen besseren Fussball als wir, die Belgier sind taktisch in einer anderen Dimension unterwegs. Die spektakulären Brasilianer muss man einfach lieben. Die Holländer geben, trotz ersichtlicher Probleme, ihr ganzes Herz hinein. Und erst Kolumbien und Costa Rica. Die scheinen es deshalb einfacher zu haben, weil sie es sich einfacher machen, und wenn man Spieler von denen sieht, die Fragen beantworten, sieht man einfach Sportler, die über ihren Sport etwas zu sagen sich bemühen. Und zwar aus allgemeinem Respekt dafür, dass sich jemand für das, was sie da treiben, freundlicher Weise interessiert. Die nicht den Eindruck erwecken, Öffentlichkeit gehörte mangels Kompetenz, daher Ineffizienz, an sich eher abgeschafft.

    Ehrlich gesagt, ich brauch weder Merte noch den Löw mit seinen chronisch zusitzenden Nebenhöhlen, um ne gute Zeit zu haben. In mir löst diese WM ganz was anderes aus: wieder einmal das Gefühl, dass die Welt doch gross und wundervoll ist. Und dass wir in einem Winkel davon leben, der zwar ziemlich gut sortiert aussieht, aber leider auch im Allgemeinen nicht wenig langweilt. Und selbst wenn wir diesen Titel holen, werde ich kein ungebrochen gutes Gefühl mehr damit haben, fürchte ich. Denn er wird triumphal der aus Journalisten bestehenden Welt untergerieben werden, ohne dass sich echte Empathie dran knüpfen könnte. Gehören würde er, so fürchte ich, nur den Spielern, nicht uns. Und wäre damit ein weiterer Nachweis für das, was die gefühllose neue deutsche Leistungsgesellschaft auszeichnet wie sonst nichts: Abgrenzung, Abschottung. Für sich behalten, was man erringen konnte. Bloss nichts preisgeben.

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  2. 2 Kees Jaratz 3. Juli 2014 um 10:32

    Schön – wie stets – von dir eine andere, so ausführlich argumentierte Perspektive zu lesen. Du gehst aber wie selbstverständlich davon aus, Büchler als Journalist unterwegs ist. Was du als seine journalstische Haltung beschreibst, ist aber die von uns allen, von Fans. Du bemerkst es selbst. Er ist am Spielfeldrand kein Journalst. Es gibt tatsächlich eine schleichende Rollenkonfusion, die gewollt ist und die ich zynisch finde.

    Einerseits ist das Bejubeln der deutschen Leistungen nicht opportun, andererseits soll in derselben Haltung etwas, was an Kritik erinnert, richtig sein? Das passt nicht zusammen. Zumal ich diese Frage nicht für Kritik halte. Auf diesem Büchler-Niveau gehe ich und mit mir du oder irgendwer, mit dem ich sonst den MSV sehe, überall auf der Welt zu Fußballern und halte ihnen ein Mikro unter die Nase. Im Erfolgsfall freuen wir uns gemeinsam, im Misserfolg brauchste ne dicke Haut, um den Groll, der manchmal zurückkommt, zu ertragen. DAfür kriegt Büchler sein Geld. Keine Ahnung, ob das TV-Fußballzuschauer in der Mehrheit so wollen.

    Weil Büchler nicht als Journalist fragt sondern als Fan, kann es zu dieser Art Streit kommen. Mertesacker antwortet eben auf derselben Ebene. Mit gutem Recht. Ich habe auch keine Lust mich von einem Fan ohne Argumente irgendwas zu lassen, wenn er nicht mal erwähnt, dass ein Ziel erreicht ist.

    Deine Kritik am Spiel der deutschen Mannschaft steht für mich auf einem anderen Blatt.

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  3. 3 Christian Moosbrugger 7. Juli 2014 um 13:11

    Kurze Replik, da sich das Rad schon weitergedreht hat: Büchler agiert zweifelsfrei an der Grenze zu dem, was man noch Journalismus nennen kann. Aber er spiegelt hiermit eine Zwickmühle wieder, in der er nunmal steckt, und in der auch Mertesacker steckt. Dieser muss daher eigentlich, wenn er professionell genannt werden will, das Spielchen halt mitspielen.

    Sei Ausscheren wäre nur dann revolutionär, finde ich, wenn er parallel dazu gesagt haben würde: auf die Prämie, welche das Erreichen des Viertelfinals begleitete, und welche massgeblich aufgrund des allgemeinen medialen Interesses so hoch ausfallen kann, wie sie ausfällt, muss ich angesichts solcher Fragestellungen leider verzichten. Das wäre im Stil eines Marlon Brando gewesen, der eine Indianerin zur Oscar-Verleihung schickte.

    Büchler vergleiche ich mal mit etwa dem unsäglichen Kai Ebel,der bei den Autorennfahrern auch als Mikrophonmann rumläuft. Ich denke, Büchler quält das auch, die Nähe zu sowas, und seine Frage ist einfach geprägt von dem Willen, es nicht ganz glatt durchlaufen zu lassen. Für mich ein ungeschicktes, aber ehrlich gemeintes Aufbäumen in fast aussichtsloser Lage.

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