Abschied

Er kannte den Spielplan vom MSV Duisburg und wusste, wann ich ins Stadion ging. Viel sprachen wir aber nicht über die jeweiligen Spiele. Das war schon so, als er noch besser hörte.

„Und warst du in Duisburg? Im Stadion auch?“, fragte er dann wie immer viel zu laut.

Ich nickte, war manchmal zufrieden, beklagte schon mal ein schlechtes Spiel und gelegentlich endeten mitreißende 90 Minuten in drei, vier Worten.

„War klasse,“ sagte ich dann etwa, „tolles Spiel.“

„Ich hab zu spät dran gedacht. Da war schon zweite Halbzeit. 1:0. Habe ich dann gesehen, im Teletext, weißt du? Da habe ich noch gedacht, ob das mal gut geht?“

Dann reichte er mir immer eine Zeitungsseite der WAZ mit den Berichten, die ich ohnehin schon gelesen hatte.

„Hier, habe ich mal rausgerissen. Vielleicht interessiert dich das ja noch? Kannst du mitnehmen.“

Ich nahm die Seite, eine weniger, die er nicht mehr abheften musste. Eine Seite Leben, das er an der richtigen Stelle wusste. Überall in den Räumen lagen die Zeitungsseiten gestapelt, lagen Ordner, befanden sich Kisten zum Vorordnen. Es gab große Kisten, in denen die Dinge endgültig verschwanden. Es gab kleine Kisten, die versetzt übereinander gestapelt waren.

Lange hatte ich nicht gewusst, dass ihn mehr als mein Interesse mit dem MSV Duisburg verband. Doch einmal hatte er irgendwann erzählt, wie sie mit Fahrrädern zu den Auswärtsspielen gefahren sind, in den 1950er Jahren, sogar einmal nach Münster. Ich war jung, als er mir das erzählte und ich verstand damals nicht, wo diese Begeisterung geblieben war. Vielleicht waren die sezierten Zeitungen aller Arten eine Antwort.

Gestern hätte er bestimmt gefragt, ob wir denn heute auch das Spiel uns ansehen würden. Wir hätten erzählt, wie immer kämen die Freunde zu uns und wir hofften, dass wir doch weiterkämen. Dann hätte er seinen Enkel angesehen.

„Und du, Tom, guckst du auch mit Freunden?“

Tom hätte genickt und wahrscheinlich hinzugefügt, wo genau wisse er aber noch nicht.

Er hätte seinen Enkel lächelnd angesehen und sich daran gefreut, zu hören, wie er seinen Tag verbringt.

„Und fahrt ihr auch in Urlaub? Wisst ihr schon wann?“

Sein Kalender hätte bereit gelegen, in dem er all die Termine eintrug, die ihn an unserem Leben teilnehmen ließen. Als letztes Datum steht in diesem Kalender „Abi-Ball Tom“. Er hat den Urlaub nicht mehr eintragen können. Er hat die Fragen nach dem Spiel heute Abend nicht mehr stellen können. Er hat den Abi-Ball nicht mehr erlebt.

Die Ordnung der ganzen Welt hat er doch nicht mehr hinbekommen. Warum soll es dann an einem Tag wie heute nicht auch noch regnen?

 

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