Sören Link, der Pott und Liebeskummer

Spieltag ist heute für den MSV Duisburg, und ich hoffe mit Gino Lettieris Worten bei WAZ/NRZ , der „gute Weg“ wird sich für die Mannschaft beim Spiel in Mainz fortsetzen. Nehmen wir weiter den SC Paderborn zum Maßstab unserer Saison, dürfen wir mit einem Unentschieden zufrieden sein. Selbstverständlich wäre ein Sieg deutlich entspannender. Wenn ich recht überlege, täte mir der Sieg sogar mehr als sonst gut, plagt mich doch nun schon seit ein paar Wochen immer wieder so was wie Liebeskummer.

Das liegt an meinem innigen Verhältnis zu Duisburg und dem Ruhrgebiet sowie dem steten Wechsel zwischen Distanz und Nähe, in dem ich dieses innige Verhältnis lebe. Ich gebe zu, diese Lebensweise erleichtert es, Schwächen zu übersehen. Nun aber klappte das nicht mehr, die Wirklichkeit ist dem naiven Romantiker in mir auf brachiale Weise in die Quere gekommen. Wie das eben so ist, wenn Menschen die unangenehmen Seiten der ihnen Liebsten zuvor einfach nicht wahrnehmen wollen. Natürlich muss nach Sören Links Absage des Kunstwerks von Gregor Schneider politisch gedacht und gehandelt werden. Doch gibt mir meine tiefe Enttäuschung über den weiteren Umgang mit dieser Absage einen Hinweis, dass es um mehr als einen Konflikt in der Kunstszene geht. Deshalb scheint mir das Wort Zensur auch unpassend für Sören Links Handeln. Etwas anderes steht für mich im Vordergrund. Für mich zeigt sich in den letzten Wochen Duisburg von einer Seite, die mehr über die Möglichkeiten der Stadt im Besonderen und des Ruhrgebiets im Allgemeinen enthüllt, als Sören Link lieb sein kann.

Schon die Entscheidung selbst schien mir eine aus Mangel an Selbstbewusstsein und Mut. Alles was danach kam, bestätigte mein Bild und lässt mich befürchten, der Oberbürgermeister wird nicht aus Fehlern lernen. Denn einig sind sich die meisten Duisburger doch darin, es war zumindest falsch, wie Sören Link die Entscheidung durchgesetzt hat. Selbst wenn seine Meinung geteilt wird, das Kunstwerk wäre nichts für die Stadt gewesen. Eine Diskussion findet weder über das fragwürdige Verfahren statt, noch dass wenigstens nach der Absage über die Möglichkeiten von Kunst miteinander (!) geredet wird.  Schließlich kann man darüber sprechen, ob ein Kunstwerk in seiner Wirkung für Menschen  zu verstörend ist. Auch wenn genau solche Verstörung mit ein Sinn von Kunst in unserer Gesellschaft ist. Dann könnten Duisburger für sich sprechen und nicht Sören Link für sie. Solch grundsätzliche Debatten gibt es immer wieder. Wenn man wie Sören Link das Verstörende nur für eine besondere Gruppe einer Gesellschaft annimmt, müsste er eben besonders gut argumentieren, warum nur diese besonderen Menschen Schwierigkeiten mit der Kunst haben sollten. All das gibt es seit Jahren immer mal wieder. Um ein drastisches Beispiel zu geben. Adolf Hitler als Witzfigur in Deutschland war in den 1970er Jahren nicht nur eine Zumutung für noch viele lebende Opfer des Nationalsozialismus, er war auch der Dämon, über den nicht gelacht wurde. Erst mit dem zeitlichen Abstand ist etwa Walter Moers „Bonker“ mit breiter Wirkung möglich.

Sören Link  nimmt die Bürger der Stadt in seiner Übervater-Fürsorge gerade nicht ernst. Sollte er mal Vater sein, gerät er in Gefahr zu jenen Helikopter-Eltern zu gehören, die mir ihren erwachsenen Kindern an der Hand auf Universitäten und in Discotheken erscheinen, die für ihre Kinder Heiratsanzeigen aufsetzen und ihnen am liebsten auf dem Bettrand sitzen würden, damit auch ja bei der Nachwuchsplanung fürs Enkelchen nichts schief geht. Zensur nenne ich Sören Links Entscheidung aber nicht. Zensur merkte ich erst, als die vier SPD-Mitglieder ihrem Parteigenossen zur Seite sprangen und ankündigten in den Landtags-Ausschüssen etwas bereden zu müsssen. Ja, bitte schön, was soll denn da beredet werden? Dass sich ein Oberbürgermeister spät entscheidet und die Kunstschaffenden, die von der Entscheidung betroffen sind, das bemängeln?

Aber auch davon war ja schnell nichts mehr zu hören. Es wirkt so ungeheuer schwach, wie die SPD-Politiker der Stadt diese Krise für sie bewältigen wollen. Deshalb bin ich auch so enttäuscht, weil ich seit Jahren im Kleinen Menschen davon überzeugen möchte, wieviel Energie Duisburg im Besonderen und das Ruhrgebiet im Allgemeinen besitzt. Und nun diese Schwäche von offiziellen Repräsentanten der Stadt. Den an Kunst interessierten Duisburgern ist diese Tatkraft anzumerken. Es gab die Protestaktion im Rathaus. Frank Albrecht, ehemaliger Vorsitzender des Kulturausschusses und FDP-Politiker, machte konstruktive Anmerkungen in einem Interview. Versöhnend wirken sie bei aller Kritik. Aber noch einmal: Für mich geht es um mehr als nur die Kunst. Für mich offenbart sich eine Mentalität, die für die Entwicklung Duisburgs und des Ruhrgebiets zurück gelassen werden muss.

Wenn Sören Link nicht aus seinem Fehler lernt, und danach sieht es momentan sehr aus, berührt das mehr als nur sein Verhältnis zur Kultur. Ich befürchte, wer sich selbst derart patriarchalisch versteht und gleichzeitig ungewöhnliche Wege mit der Wirklichkeit umzugehen als bedrohlich empfindet, traut Duisburg nichts zu. So ein Duisburg soll mit wirtschaftlichen Schwierigkeiten fertig werden, die mindestens genauso viel Kraft brauchen wie die Bewältigung der Loveparade-Katastrophe? Ein Duisburg mit einem derart geringen Selbstbewusstsein? Vertrau doch  der Energie, die immer wieder an allen Ecken und Enden dieser Stadt sichtbar wird. So etwas möchte ich ihm zurufen.

Und noch etwas macht meinen Liebeskummer aus. Niemand verschwendet einen Gedanken daran, dass die Ruhrtriennale nicht begründet wurde, um einzelne Städte der Region zu Spielstätten von besonderer Kultur zu machen. Die Ruhrtriennale sollte die Region als Ganzes stärken. Nicht Duisburg allein hätte dieses Kunstwerk Gregor Schneiders verantwortet, sondern das Ruhrgebiet, das sich Duisburg als Spielort ausgesucht hat. Sören Link sieht überhaupt nicht, dass gerade die Kraft des Ruhrgebiets dieser gebeutelten Stadt bei der Überwindung solch eines Traumas helfen könnte. Da gibt es keinerlei Vision. Sören Link sieht Duisburg nicht als Teil der Region, umgekehrt nimmt aber auch niemand der Verantwortlichen auf Ruhrgebiets-Ebene Sören Link und Duisburg in die Pflicht. Auch die Ruhrtriennale-Verantwortlichen kochen nur im eigenen Kunstsaft und haben die Bedeutung des Festivals für die Region aus dem Blick verloren. Und schon wirkt die eine Ruhrtriennale-Veranstaltung  als beliebiges Kulturereignis. Pott-Zusammenhalt ade.

Nur gut, dass ich ein unverbesslicher Romantiker bin. Der Liebeskummer wird vergehen. Vielleicht gewinnt sogar der MSV, und die Hoffnung auf das Lernen aus Fehlern gebe ich nicht auf.

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