Mit Ärger im Bauch und Zufriedenheit im Kopf

So fühlt sich richtige Enttäuschung also an. Das hatte ich ganz vergessen. In der letzten Saison konnte es für mich so eine Art Enttäuschung nicht geben, weil ich keine Erwartungen hatte. Erst in dieser Saison wieder gibt es für mich eine Hoffnung, die bedroht werden kann. In dem Spiel gegen Dynamo Dresden war diese Hoffnung auf das Unaussprechliche zum ersten Mal in dieser Saison so bedroht, dass sich Enttäuschung in Ärger verwandelte und ich schimpfend das Stadion verließ. Ich schimpfte nicht auf den Schiedsrichter. Ich schimpfte auf Spieler, die bei eigenem Misserfolg als erstes zum Schiedsrichter sahen und dann erst mit der entsprechenden Verspätung bei ausbleibenden Pfiff dem Gegenspieler und dem verloren gegangen Ball hinterliefen. Der Ärger verklang, doch ich muss aufpassen, nicht erneut griesgrämig zu werden angesichts der Stellungnahmen nach dem Spiel. Mir geht der Blick bei der Bewertung dieses Spiels viel zu sehr weg von der eigenen Leistung. Viel zu sehr rückt die gelb-rote Karte gegen Kevin Scheidhauer als spielbstimmendes Element ins Zentrum der Nachbetrachtung. Viel zu sehr wird auch über den Schiedsrichter geredet.

Natürlich bin ich froh über das torlose Unentschieden, nachdem der MSV fast eine Halbzeit lang mit zehn Mann hat spielen müssen. Überspitzt lässt sich aber auch sagen, die gelb-rote Karte hat dem MSV das Unentschieden gerettet. Denn diese gelb-rote Karte führte dazu, dass sich die Mannschaft defensiver orientierte und Dynamo Dresden sehr viel weniger Raum zum Kontern ließ als in der ersten Halbzeit. Den Dresdener gelang der langsame Spielaufbau nämlich ebenso wenig wie dem MSV. Die Kontermannschaft Dynamo Dresden in der ersten Halbzeit war aber bis auf den Torabschluss sehr gefährlich. Zwar war es nicht so wie es der Kommentar im Spielbericht vom WDR suggeriert, Dynamo Dresden sei die haushoch überlegene Mannschaft gewesen, die Dresdner Spielanlage schien nur erfolgsversprechender. Denn dem MSV Duisburg gelang es nicht, die starke Defensive der Dresdener zu überspielen. Die Dresdener waren gedankenschneller und wirkten sicherer am Ball. Während die Zebras selbst unbedrängte Pässe regelmäßig halbhoch spielten und der annehmende Spieler Zeit brauchte, den Ball unter Kontrolle zu bringen, kamen die Pässe der Dresdner flach und genau, so dass die Spieler sie jeweils schnell verarbeiten konnten.

Nachdem dann zu Beginn der zweiten Halbzeit der Schiedsrichter offensichtlich vergessen hatte, dass er Kevin Scheidhauer bereits einmal verwarnt hatte, kam es bei seiner so entschieden gezogenen gelben Karte notgedrungen zum gelb-rot. Der Stürmer hatte sich den gegnerischen Abwehrspieler mit ausgestrecktem Arm vom Leib gehalten. Wer in Gesichtshöhe mit seinem Arm herumstochert, riskiert Strafen. Das muss Kevin Scheidhauer einmal gesagt werden. Er kann gerne einmal bei mir oder anderen Basketballspielern in die Lehre gehen, wie man sich Freiraum mit dem Arm auf Bauchhöhe verschafft. Das scheint doch dringend notwendig zu sein und erinnert noch einmal an die Aufbruchzeiten des Fußballs in der jüngsten Vergangenheit, als sich die deutschen Nationalspieler per Hockey oder eben Basketball weiterbildeten. Oder hat er doch alles richtig gemacht und selbstlos seine Mannschaft vor der drohenden Niederlage gerettet?

Auch Enis Hajri kann glücklich sein, dass heute noch nicht Der Stig den Spielbericht schreibt. Der hätte mit Sicherheit deutliche Worte gefunden für dessen ständiges Fallen und Liegenbleiben, sobald er den Ball verlor. Während Hajri dann den Rasen wärmte, konnten seine Mitspieler sehen, wie sie den deshalb viel zu lang unbedrängt ablaufenden Angriff der Dresdner irgendwie gestoppt bekamen. Vielleicht bin ich ungerecht und hatte für meinen Ärger nur ein Ventil gefunden, aber wenn „ich will euch kämpfen sehen“ irgendeine Berechtigung hat, dann genau in solchen Momenten. Der Ball wird in der Angriffshälfte verloren, eigentlich hat der Gegner wenig Raum, um seinen Gegenangriff zu starten, doch Hajri zieht es vor, zu Boden zu sinken, anstatt dem verloren gegangen Ball hinterher zu gehen. Natürlich wird er ihn nicht erobern. Er soll nur stören, genaue Pässe erschweren, schnelle Bewegungen des Gegners unmöglich machen.

Ich verliere mich in der Detailkritik, auch weil das große Ganze letztlich nicht gestimmt hat. Sprich: man muss genau hinsehen, an welchen Schaltstellen, dieses große Ganze sich nicht entfalten konnte. Schwierigkeiten, dichte Defensivreihen zu überspielen, sind normal in der 3. Liga. Auch der MSV setzt ja auf dieselbe Spielweise wie Dynamo Dresden: Schnelles Umschalten nach der Balleroberung. Das gilt als Erfolgsrezept, weil die Ballkontrolle im langsamen Spielaufbau so schwierig ist und dazu viele Spieler mit guten technischen Fähigkeiten notwendig sind. Mit Dynamo Dresden sahen wir nur die erste Mannschaft, deren Konterspiel von Anfang an reibungslos ablief – zunächst mit Ausnahme des am Ende zum Erfolg notwendigen Torschusses. Als dieser Torschuss dann gelang, trat noch einmal das Schiedsrichtergespann in Aktion. Endgültig retteten sie das Unentschieden, als sie bei der schwer zu erkennenden Spielsituation auf Abseits entschieden. Statt mit dem 1:0-Sieg für den Gast konnten wir mit einem torlosen Unentschieden das Stadion verlassen.

Wir müssen mit dem Spieltag also zufrieden sein. Einmal mehr tragen die anderen Ergebnisse der Liga dazu bei. Es gibt keine Mannschaft im Moment, die stabil gut spielt. Zu den neun Aufstiegsanwärtern hat sich sogar an diesem Spieltag mit dem VfL Osnabrück ein zehnter Aspirant dazugesellt. Der MSV und wir brauchen einen langen Atem, aber allmählich wieder auch mal eine überzeugende Leistung mit Erfolg am Spielende. Mehr in Münster als am Dienstag gegen Köln.

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2 Responses to “Mit Ärger im Bauch und Zufriedenheit im Kopf”


  1. 1 Michael Krämer 27. Oktober 2014 um 11:53

    Hallo Keesjaratz,

    ich finde das sehr treffend.
    Was ich gesehen habe ist eine hochtalentierte, junge Dresdner Mannschaft, die auch schon eine Abgeklärtheit an den Tag legt, die einer solch jungen Truppe normalerweise nicht zuzutrauen ist. Wir haben gegen eine bessere Mannschaft mit 10 Mann ein 0:0 erarbeitet (wenn auch mit Glück), mehr nicht, aber auch nicht weniger.
    Und ganz recht, danach sollte man sich immer erst an die eigene Nase fassen.

    Bitte weiter so……

    Beste Grüße

    Michael Krämer

    • 2 Kees Jaratz 28. Oktober 2014 um 14:35

      Jetzt komme ich endlich dazu, dein „aber auch nicht weniger“ nochmals herauszustellen. Schön, dass du darauf hingewiesen hast.

      Habe ich in der Enttäuschung zu wenig gewürdigt, und weiter geht´s auf jeden Fall. Am besten morgen mit euphorischen Worten. Hoffen wir´s!


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