Der Wahrnehmungspuffer als Gesundheitskonzept für meine MSV-Zukunft

Dieses Spiel des MSV Duisburg gegen den SV Wehen Wiesbaden war kein Spiel für schwache Nerven. Zweimal ging die Mannschaft des MSV Duisburg in Führung, und wir mussten zusehen, wie wenig später sich der Ausgleich jeweils durch Fehler ankündigte. Das 2:2 fiel zudem in der 80. Minute – zu einem Zeitpunkt des Spiels, bei dem angesichts der instabilen Leistungen egal welcher Zebra-Mannschaft der letzten Jahre die Hoffnung auf ein Siegtor eigentlich zugleich auch als irrwitzige Selbstqual wirkte. Dabei wusste jeder, das Unentschieden hätte nicht Stagnation sondern Rückschritt bedeutet auf dem Weg zum erhofften Aufstieg.

Dieses Spiel war also eigentlich kein Spiel für mich an diesem Tag. Gerettet hat mich eine Art Selbstschutzmodus, in dem ich die Folgen von Spielaktionen in entscheidenden Momenten erst mit Verzögerung erkannt habe. Drei Tore, den Schlusspfiff, manche Torgefahr, alles kam ein wenig verspätet an wie beim DVB-T-Empfang gegenüber dem vom Kabelfernsehen. Um mich herum war alles schon in Aufregung, während ich auf Linienrichter achtete, mir Spielerreaktionen ansah und die Freunde nach der endgültigen Wirklichkeit befragte.

Genau weiß ich nicht, ob diese Wahrnehmungsverzögerung nur als Misstrauen in das Bestehen von Spielentscheidungen eine Folge des frühen Abseitstores von Rolf Feltscher war, oder ob ich gleichsam in meine persönliche Zukunft gesehen habe. Letzteres würde mir gefallen, sorgte ich mich in den letzten zwei, drei Jahren doch immer wieder mal vor den  aufregenden Spielen des MSV der nächsten Jahre. Ich erinnerte mich an das Schicksal von Achim Stocker, dem langjährigen Präsidenten des SC Freiburg, der die Spiele seines Vereins nicht mehr live erleben konnte. Nun befand ich mich Samstag wegen meines zwar abklingenden, gleichwohl noch folgenreichen Infekts in recht schlechter körperlicher Verfassung. Vielleicht kann ich dieses Spiel also als eine Art Probelauf für das noch höhere Alter ansehen?

Der Beweis wäre dann angetreten, mit einem Wahrnehmungspuffer kann ich mir ein Spiel des MSV ansehen, das angefüllt ist mit hoffnungsfroher Freude, tiefer Enttäuschung, drohender Resignation und spätem Siegesjubel. Die Mannschaft hat den Sieg sehr gewollt. Das war in der zweiten Halbzeit zu sehen, als sie beim Stand von 1:1 immer mächtiger den erneuten Führungstreffer erzielen wollte. Sie erarbeitete sich klarere Chancen als die Wiesbadener, die ebenfalls noch einmal ins Tor treffen wollten. Michael Gardawski kam zu einem Kopfball, den der Wiesbadener Torhüter mit einer kuriosen Fußbabwehr im Stehen gerade eben noch kurz vor der Linie abwehren konnte. Zlatko Janjics präzisen, ansatzlosen Distanzschuss lenkte er um den Pfosten. Danach folgte das zweimalige Anlaufen zur Flanke von Nico Klotz mit abschließendem Kopfballtor durch Kingsley Onuegbu. Seit der Hinrunde der letzten Saison haben wir kein so starkes Spiel von Onuegbu mehr gesehen. Endlich versprangen ihm die Bälle nicht mehr, behauptete er Pässe, stand er im Strafraum dort, wo es für die gegnerische Defensive gefährlich war. Es war ein großartiges Comeback.

Natürlich gab es mehr Raum in der Offensive für den MSV, weil der SV Wehen Wiesbaden risikoreicher spielte, um ebenfalls ein Tor zu erzielen. Dennoch bleibt festzuhalten, zum ersten Mal harmonisierten Kevin Scheidhauer und Kingsley Onuegbu wirklich, sie besetzten die unterschiedlichen Räume, ergänzten ihre jeweiligen Stärken. Auch wenn das 1:0 durch Kevin Scheidhauer nach einem Eckstoß fiel, wirkt dieses Tor wie ein Mosaikstein im Beleg für die wieder erstarkte Offensivkraft der Mannschaft. Fehlendes Verständnis beim Zusammenspiel gab es in der ersten Halbzeit an anderen Stellen des Mannschaftsgefüges. Das sollte nicht vergessen werden. Anfänglich schien die Spielanlanges des SV Wehen Wiesbaden in der Offensive reifer zu sein. Das Zusammenspiel klappte beim Gegner besser, der Abseitspfiff rettete vor weiterer Gefahr, doch die Entscheidungen wurden immer knapper. Beim MSV gab es beim schnellen Vorwärtsgang oft Missverständnisse. Der Passgeber erwartete andere Laufwege, der Passempfänger den Pass an anderer Stelle. Erst in der zweiten Halbzeit funktionierte auch ein schnelles Passspiel über mehrere Stationen.

Als Zlatko Janjic in der 89. Minute per Kopf das 3:2 erzielte, gab es im Strafraum der Wiesbadener einen großen Zebra-Auflauf. Um jeglichen Folgen zu großer Enttäuschung zuvor zu kommen, rief ich vorsichtshalber kurz „Abseits“ und hatte Glück, dass mich weder Linien- noch der Schiedsrichter hörten sondern nur die Freunde, deren Jubeln ich allerdings kurz irritierte. Dann seufzte ich erleichtert auf und freute mich nervenschonend mit. Zu dieser kam nach dem Schlusspfiff mein Staunen hinzu, in welcher Weise ich mir so ein aufregendes Fußballspiel auch ansehen kann. Der MSV und ich gehen gemeinsam in eine gute Zukunft.

Einen längeren Spielbericht gibt es beim Hessischen Rundfunk mit einem Klick weiter. Er ist auf jeden Fall sehr viel informativer und vor allem argumentativer als der vom WDR, in dem die Kommentatorenmeinung substanzlos in die Welt geredet wird.

Zudem die Pressekonferenz und Stimmen nach dem Spiel von Kingley Onuegbu und Zlatko Janjic.

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