Der Duisburger Gerd Hennig – Vom Straßenfußballer zum FIFA-Schiedsrichter – Folge 7

Vor einiger Zeit habe ich begonnen, die Erinnerungen von FIFA-Schiedsrichter Gerd Hennig zu sichten. “Vom Straßenfußballer zum FIFA-Schiedsrichter” hat Gerd Hennig diese Erinnerungen genannt, die ich nach und nach bearbeite und hier in loser Folge veröffentliche.

Heute geht es um das Ende des Zweiten Weltkriegs und wie der mit seiner Mutter nach Süddeutschland evakuierte Gerd Hennig zurück nach Duisburg gelangte.


Vom Straßenfußballer zum FIFA-Schiedsrichter – Folge 7
Von Gerd Hennig
Herausgegeben und bearbeitet von Kees Jaratz

Gailingen liegt am  am wunderschönen Hochrhein zwischen Bodensee und dem Rheinfall bei Schaffhausen. In diesem Ort hatten  meine Mutter und ich zum Ende des Krieges dank der Hilfe meiner schon dort lebenden Schwester gewohnt, nachdem wir in Meiderich ausgebombt worden waren. Die Rückkehr nach Meiderich aus der von uns gewählten Selbstevakuierung nach Gailingen wurde zu einem strapaziösen Abenteuer und vollzog sich in zwei Etappen.

Von Gailingen aus war es nach dem Kriegsende zunächst zu meiner Schwester nach Singen am Hohentwiel gegangen. Sie  bewohnte dort mit ihrem aus Siebenbürgen gebürtigen Ehemann Wilhelm und zwei zwischenzeitlich zur Welt gekommenen Töchtern Hilde und Brigitte eine bescheidene 3-Zimmer-Wohnung. Von dort aus wollten wir die Reise antreiten. In jener Zeit ohne Auto und geregelten Zugverkehr benötigte man gute Beziehungen, um zumindest auf Güterzügen mitgenoemmen zu werden. Mein Schwager konnte so einen Kontakt herstellen und brachte uns in einer Nacht- und Nebelaktion auf den Güterbahnhof Singen. Dort bestiegen wir einen geschlossenen Waggon, um nach Stuttgart-Kornwestheim aufzubrechen. Zwei Tage und Nächte dauerte die Fahrt zu dem zentralen Güterbahnhof für den süddeutschen Raum. Dort wurden die Züge für andere Regionen zusammengestellt.

Als wir in Kornwestheim ankamen, wurden wir von einer Familie Spielvogel mit Leiterwagen abgeholt. Wir waren dank nachbarschaftlicher Freundschaft an sie weitergeleitet worden. Unser verbliebenes Habe an Leib- und Körperwäsche passte in zwei große Koffer. Für drei Nächte blieben wir bei der Familie in ihrem geretteten Einfamilienhaus. In dieser kurzen Zeit hatte meine Mutter eine Putzstelle angenommen. Währenddessen schlenderte ich tagsüber durch die Innenstadt Stuttgarts und sammelte weggeworfene Zigarettenkippen auf. Am Abend pulten wir sie gemeinsam auseinander. Den dadurch gewonnenen Tabak tauschten wir am nächsten Tag auf dem heftig blühenden Schwarzmarkt gegen lebenswichtige Produkte und Erzeugnisse ein.

Die nächste Etappe unserer „Odyssee“ begann, als unser Gastgeber und Hausherr durch seine beruflichen Verbindungen herausbekam, dass am nächsten Sonnabend ein Güterzug in den damaligen „Goldenen Westen“ zusammengestellt wurde. Zur Weiterfahrt war der für uns ideal, obgleich dieses Mal nur offenene Wagen zur Verfügung standen. Letztendlich war uns das egal. Wir bestiegen einen Waggon, die Fahrt begann. Unzählige Male wurde auf der Fahrt umrangiert, ehe der Zug im Westen ankam.

Nachdem wir an einem Güterbahnhof ausgestiegen waren, ging es zu Fuß weiter. Am Montagfrüh erreichten wir die Kanalbrücke in Duisburg-Meiderich an der Koopmannstraße.  Sie war allerdings gesprengt worden, weshalb wir den Rhein-Herne-Kanal mit unseren zwei Koffern auf einem schwankenden, schmalen Holzsteg überqueren mussten. Auf der Bügelstraße nahm uns mein Onkel Fritz in Empfang. Er hatte einen grünen Holzkarren dabei, auf den wir unsere zwei Koffer stellten. Durch die menschenleeren Straßen geleitete er uns zur Hausnummer 62, wo er die eine Hälfte eines alten, ehemaligen Bergmanns-Häuschens alleine bewohnte. Dort konnten wir erst einmal bleiben, weil er sich auf einen Bauernhof nach Hünxe zurück gezogen hatte und nur am Monatsende zum Abholen seiner Bahnrente in Ruhrort zu einem Kurzbesuchen kommen wollte. Das störte uns nicht weiter, denn jetzt hatten wir wieder ein Dach über dem Kopf in der Heimat.

Ich musste dann zwar mein eigenes Zimmer gegen das Sofa im Wohnzimmer eintauschen, doch das war gegenüber fünf Nächten auf Güterwaggons der reine Luxus. Auch spielte es keine Rolle, dass die Fensterscheiben durch die Gläser alter Bilderrahmen zusammengestückelt werden mussten und durch genagelte schmale Holzleisten zu befestigen waren. Fensterkitt war nicht aufzutreiben. Alle Fenster wurden mit jeweils zwei grünen Holzblenden gesichert, denn die heute üblichen Rolläden gab es noch nicht oder waren nicht erschwinglich. Um Lebensmittel zu erhalten, wurden farblich unterschiedliche Karten vom Einwohnermeldeamt ausgegeben. Die Anzahl der zum betreffenden Haushalt gehörenden Personen bestimmte die Menge. Lebensmittel waren streng rationiert.

Gekauft wurde bei Caspers Trina auf der Talbahnstraße, die mit ihrer sehr korrekten Verkäuferin Mathilde einen alteingesessenen „Tante-Emma-Laden“ betrieb. Supermärkte oder Einkaufszentren gab es nicht. Zum Monatsende konnte man bei ihr noch „anschreiben“ lassen und die offen stehende Summe Geld erst nach der Lohn- oder Gehaltszahlung begleichen. So hatte diese Zeit auch gewisse Vorteile!

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