Das Doppeltor als Foulbestrafung

Torjubel in einem Fußballstadion kann sehr unterschiedlich sein. Je nachdem wann und wie ein Tor fällt, explodiert ein Publikum förmlich, weil sich zuvor unfassbare Spannung aufgebaut hat. Andere Tore werden zwar auch laut, doch sehr viel sachlicher bejubelt, weil sie eine überlegene Spielweise nur bestätigen. Oder das Jubeln wirkt überrascht und leiser, weil Tore zufällig zustande kommen. An solcher Art Jubeln während eines Spiels des MSV Duisburg kann ich mich gut erinnern. Dagegen weiß ich nicht mehr, wann ich das letzte Mal auf eine Weise gejubelt, in der so viel gedankenlose Freude mitschwang wie nach dem zweiten Tor von Dennis Grote am Samstag im Spiel gegen den Chemnitzer FC. Diese Begeisterung fühlte sich so leicht an wie schon Jahre nicht mehr. In diesem Torjubel hatte sich plötzlich für einen Moment aller Erwartungsdruck an die Mannschaft vollkommen aufgelöst – eben weil dieses zweite Tor von Dennis Grote für einen Moment die vollkommene Erfüllung aller unserer Erwartung für die ganze Saison war.

Zwei Minuten zuvor erst hatte Dennis Grote den Führungstreffer erzielt nach einem Spielzug, den die Mannschaft davor schon drei-, viermal versuchte. Der Ball wurde per mittellangem hohen Pass oder scharfem Pass in die Schnittstelle der Verteidigung in den freien Raum auf dem rechten Flügel gespielt. Die sprintenden Spieler auf diesem Flügel wechselten sich dabei variabel ab. Das sah bereits gut aus. Doch entweder waren die Verteidiger zunächst noch präsenter oder der Linienrichter meinte, ein Abseits zu erkennen. Doch in der 30. Minute passte alles perfekt, sogar so sehr, dass Dennis Grote mit seinem schwächeren rechten Fuß dieses schön herausgespielte Führungstor erzielen konnte.

Dann folgte zwei Minuten später schon eine wunderbare Kombination über drei Stationen. Der Ball war erobert, schnell wurde umgeschaltet, Kingsley Onuegbu behauptete sich souverän gegen zwei Chemnitzer. Eigentlich schien er für jede schnelle weitere Spielaktion zugestellt. Doch mit einem festem Hackenpass leitete er den Ball artistisch weiter zum links heranstürmenden Zlatko Janjic. Mit diesem Pass war die rechte Chemnitzer Abwehrseite von jetzt auf gleich vollkommen entblößt. Dennis Grote stürmte in diesen freien Raum. Der Pass von Janjic kam hinüber, und Dennis Grote schoss sicher ein. Mit diesem schnellen zweiten Tor, in dieser so überraschenden und klug herausgespielten Weise zeigte sich der MSV Duisburg zum ersten Mal in der Saison so zweifellos als Aufstiegsaspirant, wie wir es uns wünschen. Deshalb war der Jubel über dieses Tor von der reinen Freude derart mitbestimmt.

Dabei war Dennis Grote erst in der 19. Minute für den verletzten Enis Hajri eingewechselt worden. Ein Chemnitzer sprang mit Anlauf in Hajri und  – war es Thomas Meißner – hinein ?  Wer so anläuft, will den Gegenspielern weh tun. Vielleicht hat Enis Hajri Nachsicht mit dem Chemnitzer, weil er selbst oft ähnlich spielt? Für mich jedenfalls gehören Fouls mit Ansage nicht zum Fußball. Weil der Schiedsrichter es beim Freistoß beließ, dachten wir bei uns in der Kurve kurz über Eingaben zur Strafverschärfung bei der FIFA nach und machten Anleihen beim Basketball. Der zweifache Freiwurf nach Foul bei Schussversuch im Basketball machte sich im Fußball gut als doppelt zählendes Tor, nachdem ein Spieler durch Foulspiel bedingt verletzt ausgewechselt werden muss. Wie diese erst nur geplante FIFA-Eingabe Dennis Grote und den Rest der Mannschaft erreicht hat, ist mir noch nicht ganz klar. Aber anscheinend waren alle beim MSV derselben Ansicht. Die Botschaft ist deutlich geworden, und so lange die Regeländerung nicht durch die FIFA-Gremien bestätigt ist, müssen die Mannschaftskameraden des Gefoulten die Strafe eben selbst in die Hand nehmen.

Wenn ich Dennis Grotes scharfe Hereingabe von der linken Strafraumhälfte aus in der 36. Minute richtig interpretiere, ist er sogar für weitere Strafverschärfung. Wahrscheinlich sollte auch diese Hereingabe ein Torschuss sein, nachdem ein Chemnitzer Verteidiger die von Zlatko Janjic getretene Ecke unglücklich zu Grote verlängert hatte. Kingsley Onuegbu hielt den Fuß in diesen Schuss hinein, und schon stand es 3:0. Die Hoffnungen auf einen wieder erstarkten Kingsley Onuegbu haben sich erfüllt. Er spielt so stark wie in den ersten Spielen beim MSV Duisburg. Der Ball ist wieder sein Freund. Gegenspieler prallen an ihm ab. Er ist wieder ungeheuer beweglich.

Die Positionswechsel von Zlatko Janjic machen das Spiel variabel. Auch weil Pierre De Wit ihm die Bälle auflegen kann. Janjics Blick für den freien Raum begegnet nun zudem dem Wissen seiner Mitspieler, wo sich der freie Raum befindet. Sein Laufpensum ist immens. Selten nur merkt man auch, dass Martin Dausch nicht schon die ganze Saison bei der Mannschaft ist. Was für ein Energiebündel. In der 85. Minute sprintet er einem Ball in die gegnerische Hälfte hinterher. Schnelle Doppelpässe funktionieren schon zwischen ihm und seinen Mitspielern. Am Offensivspiel dieses MSV war nichts auszusetzen, auch wenn ich nicht jeden einzelnen der beteiligten Spieler besonders erwähne.

Ich bin so gar nicht der Meinung, die ich vom Trainer des Chemnitzer FC auf der Pressekonferenz nach dem Spiel gehört habe. Auf Augenhöhe seien sich beide Mannschaften bis zum ersten Tor begegnet. Schon in dieser Spielphase habe ich den MSV als bestimmende Mannschaft erlebt. Ich habe schnelle Kombinationen gesehen, bei denen nur der letzte Pass im Strafraum noch etwas unpräzise war. Hätte nicht Rolf Feltscher seinen lässigen Rückpass zu Michael Ratajczak zum perfekten steilen Pass auf den Chemnitzer Anton Fink gemacht, niemand hätte vom Hauch einer Chance für den Chemnitzer FC in dieser Anfangsphase sprechen können. Michael Ratajczak behielt die Nerven gegen den frei auf ihn zulaufenden Fink. Seine Parade war ein Grundstein für den Sieg.

Souverän spielte der MSV Duisburg die zweite Halbzeit herunter. Nur kurz flackerte die Ahnung auf, die Chemnitzer könnten vielleicht, wenn alles gut geht und noch ein wenig Glück hinzukommt, ein Tor erzielen. Wenig nur kitztelte die Erinnerung an sicher gewonnen geglaubte Spiele, in denen doch noch eine Menge schief lief. Dieser Sieg schafft weiteres Selbstbewusstsein.

Weil Ivo Grlic die gute Leistung der Zebras sich zum Vorbild für ein Interview mit den eigenen Presseleuten machte, halten nun Worte in einem perfekt passenden Ton die Stimmung in Verein und Umfeld in Bodennähe bei gleichzeitigem Nutzen des Aufwinds. Eine bessere Vorbereitung auf das Spiel gegen den ersten Aufstiegsfavoriten Arminia Bielefeld kann ich mir nicht vorstellen.

Die Pressekonferenz nach dem Spiel:

Der Spielbericht vom MDR ist nicht nur sehr viel länger als der vom WDR. Über den Kommentar des Reporters kann ich zudem immer wieder schmunzeln. Besonders erheiternd wird es zu Beginn, als er über Michael Ratajczak ins Erzählen kommt und wir erfahren: „23 Jahre war er… 32 Jahre! Und er hat immer gespielt!“ So also lernen wir endlich die ganze Wahrheit über Michael Ratajczak kennen: Er will nur spielen.

Und abschließend noch ein Clip von der Choreo vor dem Spiel:

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